Der wahre Eifer

Dr. Tom Barnardo ist bekannt als „Mann mit der Laterne“, der im 19. Jahrhundert Kinder aus den Elendsvierteln des Eastends in London rettete und sie in seinen eigenen Waisenhäusern unterbrachte. Insgesamt wohnten bei seinem Tod im Jahr 1905 etwa 7.000 Mädchen und Jungen in den Heimen, 150.000 Kinder waren durch ihn aus ihrem Elend entrissen und in bessere Verhältnisse gebracht worden.

In den Anfangsjahren seines Dienstes erhält er einen Brief von seiner Mutter, der mich sehr beeindruckt und zum Nachdenken gebracht hat:

Seit es dem Herrn gefallen hat, unser Haus in seinen besonderen Dienst zu rufen, habe ich es für meine heiligste Aufgabe betrachtet, fürbittend für meine Söhne einzustehen. Lieber Tom, du hast wohl den Brief nicht vergessen, den ich dir im Frühjahr nach Paris geschrieben habe, voller Sorge im Hinblick auf die Gefahren, denen ich dich dort ausgesetzt wusste. Du hast mich damals zu beruhigen und meine Ängste zu zerstreuen versucht mit der Versicherung, dass du nie vorher innerlich glücklicher gewesen seiest. Deine Antwort hat jedoch meinen Kummer nicht zu verscheuchen vermocht, sie hat im Gegenteil meine Sorge um dich vermehrt. Und seither ist sie immer noch größer und quälender geworden, so dass ich dir heute einfach schreiben und dich wissen lassen muss, was mich so sehr bedrückt. Ich lese und höre von allem, was du tust, und doch vermag ich über deinen Eifer nicht so recht froh zu werden, weil ich mich dabei immer wieder fragen muss, ob es auch wirklich der Herr durch dich tue. Ehe du nach Paris fuhrest, tatest du viel für ihn, ich freute mich herzlich darüber und dachte mit keinem Gedanken an die Möglichkeit, dass etwas Ungutes dabei sein könnte. Doch seither werde ich die Zweifel nicht mehr los, ob nicht am Ende doch weltliche Gelüste dein Tun beeinflussen könnten. […] Und so flehe ich dich denn im Namen Jesu an, demütig und in allem Ernste Gott zu bitten, dass er dir dein Herz vor dir aufdecke. Suchst du Ehre vor den Menschen? Verlangt dich nach ihrem Beifall, ihrer Anerkennung, ihrer Bewunderung? Bist du hoffärtig geworden, oder leichtsinnig, gibst du dem Fleisch nach im Essen, Trinken und üblen Leidenschaften? Stehst du jeden Tag früh genug auf, damit dir Zeit bleibt, eine oder zwei Stunden der ernsten, heiligen Gemeinschaft mit Gott zu widmen, ehe du mit der Welt in Berührung kommst? Ohne diese täglichen Sammlungen müsste deine Seele verdorren, und wirklich glücklich sind wir immer nur dann, wenn wir völlig allein sind mit Gott, wenn nichts zwischen ihm und uns steht. Studierst du eifrig genug die Heilige Schrift, nicht, um anderen zu predigen, sondern um selbst der Stimme Gottes zu gehorchen? Das Werk, das du unter deinen geringsten Brüdern angefangen hast, macht dich zu einer Stadt auf dem Berge. O mein Sohn, sieh zu, dass das Licht, das von dieser Stadt ausgeht, kein falsches Licht sei! Gott hat dich in seinen Dienst berufen, damit du für Jesus wirkest, tue es aufrichtig um seinetwillen, um all der Seelen willen, die sich jeden Sonntag um dich versammeln.
Tom, wenn du dein Gewissen auf solche Weise erforscht hast und dein Herz dir sagt, dass meine Befürchtungen grundlos seien, dass wirklich nichts anderes dich erfülle als das brennende Verlangen, in Demut ein brauchbares Werkzeug Gottes zu sein, dann danke deinem Herrn für diese erwiesene Gnade! Wenn dir dein Herz aber sagen sollte, dass meine Sorgen begründet sind, dann vertraue dich reuevoll deinem Herrn an und verschweige nichts, so schwer dir das Bekenntnis auch werden sollte. […]

2 Gedanken zu „Der wahre Eifer“

  1. […] Stehst du jeden Tag früh genug auf, damit dir Zeit bleibt, eine oder zwei Stunden der ernsten, heiligen Gemeinschaft mit Gott zu widmen, ehe du mit der Welt in Berührung kommst? Ohne diese täglichen Sammlungen müsste deine Seele verdorren, und wirklich glücklich sind wir immer nur dann, wenn wir völlig allein sind mit Gott, wenn nichts zwischen ihm und uns steht.[…]

    Und ich? begnüge mich so oft mit zehn minuten und beruhige mich damit, dass das doch reichen müsse…

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