Wer bin ich?

Je mehr ich Dietrich Bonhoeffer lese, desto mehr bin ich von beeindruckt von diesem Mann, von seiner Theologie, von seinen Schriften, von der Tiefe seiner Gedanken. Schon länger fasziniert mich das neben „Von guten Mächten“ wohl bekannteste Gedicht von ihm: „Wer bin ich?“. Es lässt einen nicht kalt – und irgendwie findet man sich auch wieder. Niemand versteht es so gut wie Bonhoeffer, die Spannung (Spannungsfeld!) des christlichen Lebens in Worte zu kleiden. Dieses Gedicht schrieb Dietrich Bonhoeffer im Militärgefängnis Berlin-Tegel und legte es einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge am 8. Juli 1944 bei. Ein knappes Jahr später wurde er hingerichtet.

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich trete aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich,
was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das,
was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank,
wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem,
als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

5 Gedanken zu „Wer bin ich?“

  1. Beim nochmaligen Lesen ist mir der vorletzte Absatz ins Auge gefallen. Ich finde ihn wirklich sehr tiefgreifend:

    „Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
    das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?“

    Darf ich euch prüfen? Was meint Bonhoeffer, wenn er das schreibt? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

  2. ganz spontan: Der alte Mensch, der durch das Evangelium vertrieben wird, aber immer noch irgendwie da ist? Sozusagen der Überrest der Sünde, der mich immer noch quält, aber eigentlich schon im Weichen ist!
    Gruß,
    Helmut

  3. Ja, genau das denke ich auch. Ich finde das Bild so treffend und schön: Ein Land wurde eingenommen und komplett besiegt, der neue Herrscher marschiert ein. Die besiegte Armee weicht in kompletter Unordnung und einem unbeschreiblichen Durcheinander. Aber das Bild hat etwas ganz Hoffnungsvolles: Nur noch eine kurze Zeit, und der neue Herrscher wird sein Recht vollständig ausbreiten und Ordnung schaffen.

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