Franz Knies – Vom Opernsänger zum Evangeliumssänger

Das Zeugnis von Franz Knies hat mich schon immer sehr bewegt. Er erzählt selber, wie Gott sein Leben veränderte:

Ich war noch ein kleiner Bub von 10 Jahren, als in mir schon der Gedanke Fuß fasste, Sänger zu werden. Hatte mich doch damals mein Klassenlehrer schon »Nachtigall der Sexta« genannt. Auch alle meine Verwandten wie der Freundeskreis meiner Eltern, unsere Nachbarn und meine Mitschüler freuten sich über mein Singen mit meiner hellen, so klaren Sopranstimme, die mir als Knabe eigen war.

Ich war Kind gläubiger Eltern, und meine Mutter hatte großen Kummer über meinen Wunsch, ans Theater zu gehen. Aber ich bat meine Eltern jahraus, jahrein: »Lasst doch meine Stimme ausbilden, lasst mich doch Sänger werden.« Nun endlich bekam ich meinen Willen. Stimme ausbilden, ja, aber niemals ans Theater! Meine Mutter betete stets: »Herr Jesus, laß doch meinen Jungen nicht zur Bühne. Ich bitte dich, mache ihn zu einem Evangeliumssänger.« Ich studierte in München und verlebte meine Ferien zu Hause. Es waren die ersten Sommerferien. Da rief mich meine Mutter eines Morgens an ihr Bett und sprach: »Ich habe heute Nacht einen Traum gehabt. Das war schon mehr eine Vision. Ich sah dich vor vielen tausend Menschen stehen und hörte dich das Lied singen:

Sieh, das ist Gottes Lamm,
Es trägt voll Huld,
Dort an dem Kreuzesstamm
Aller Welt Schuld.

Ich kannte das Lied; denn Mutter hatte das Lied mit ihrer schönen Stimme sehr oft zur Ehre Gottes gesungen. Und ich selber hatte als dreizehnjähriger Schüler damit das Herz eines meiner Lehrer erreicht.

Aber jetzt als angehender Opernsänger war ich über diese Lieder erhaben. Ich lachte: »Mein liebes Muttilein, du spinnst. Ich, solche Lieder singen? Das kommt gar nicht in Frage! Du weißt, dass ich zur Oper will. Wenn schon fromm singen, dann Bach, Händel, Schütz, Haydn usw. Aber doch nicht so etwas, das kommt nicht in Frage! Nie, niemals!« Mutter antwortete darauf: »Und ich werde tagtäglich beten, dass Jesus dich zum Evangeliumssänger macht.« Da wurde mir angst und ich flehte: »Mutter, tu‘ das nur nicht. Das hat gar keinen Zweck. Du wirst es nicht erleben. Lasse das! Du hemmst mir meine Karriere. Hörst du, du magst noch so alt werden! Es passiert nicht. Und wenn du nach deinem Tode droben noch weiterbeten würdest, will ich doch zum Theater.« Mutter betete. Ich aber ging meinen Weg und lebte mein Leben. Dabei fiel ich in Sünde und Schuld.

Bei allen meinen Irrwegen unterschätzte ich die Glaubensmacht und Gebetskraft meiner Mutter, obwohl ich manchmal Zeuge wunderbarer Gebetserhörungen war. Ein solches Erlebnis soll kurz angedeutet werden.

Es war in den dreißiger Jahren. Meine Schwester und ich befanden uns auf einer Konzerttournee durch Holland. In Arnheim oder Nymwegen war es. Ich weiß es nicht mehr genau. Meine Schwester hatte in Amsterdam zu tun gehabt und kam zurück. Gleich nach der Begrüßung sagte sie zu mir: »Du, wir fahren morgen nach Hause.« Ich machte wohl ein sehr geistreiches Gesicht; denn sie fuhr sogleich fort, weiter zu erzählen. »Ja, stell dir vor: im selben Abteil des Zuges, mit dem ich fuhr, saß der Direktor des Theaters aus Rotterdam. Da wir allein in dem Abteil saßen, glaubte der Kerl, mir gegenüber aufdringlich werden zu können. Als er sich mir näherte, versetzte ich ihm eine Ohrfeige. Da war es aus. Solch prüde Gans könnte er in seinem Etablissement nicht gebrauchen, schrie er mich an. Ohne weiteres war der Vertrag gelöst.« – »Ein Glück, dass wir dort nicht auftreten müssen«, erwiderte ich. »Wollen wir den Eltern ein Telegramm schicken?« – »Nein, wir wollen sie überraschen.« So fuhren wir heim. In unserer Heimatstadt angekommen, öffneten wir die Tür des Zuges und stiegen aus. Auf dem Bahnsteig, direkt vor uns, stand unsere Mutter und schaute uns strahlend an. »Du hast ja doch telegrafiert«, schmollte meine Schwester. »Ich? Nein du!« – »Bestimmt nicht!« Wir sahen uns gegenseitig an, weil wir das nicht begriffen. Tatsächlich hatte keiner von uns telegrafiert. Ich umarmte mein Mütterlein, gab ihr einen Kuss und fragte sie: »Muttilein, wie kommst du denn hierher?« – »Ach Kinder«, sagte Mutter mit Tränen in den Augen, »ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich habe euch da herausgebetet. Und dann bin ich eben hierher gegangen, um euch abzuholen.« – »Das ist ja Spökenkiekerei«, so meinte ich in meiner Unkenntnis. Ich war ja damals noch blind für das wunderbare Wirken Gottes, sonst wäre mir die göttliche Führung meiner Mutter nicht so absonderlich vorgekommen.

Nach Kriegsbeginn wurde ich eingezogen und kam an die Ostfront. Beim Zusammenbruch wurden wir eingeschlossen, und ich flehte zu Gott um Rettung. Meine Mutter hatte mir ja eine Bibel mitgegeben, in der ich täglich las. Auch meine Andacht und das Gebet hatte ich nie versäumt. Allerdings machte ich große Abstriche am Wort Gottes. Vor allem das Alte Testament lag mir nicht. Ich war zu sehr politisch beeinflusst. Meine Haltung stand in folgender Spannung. Ich war viel zu nationalsozialistisch, um ein guter Christ zu sein, und war viel zu christlich, um ein guter Nationalsozialist zu sein. Aus diesem Grunde sah ich das Alte Testament nie an. Als wir nun eingeschlossen waren, flehte ich: »Herr Jesus, gib du mir eine klare Antwort. Komme ich nach Hause? Gib mir einmal in meinem Leben eine Antwort, wie du meine Mutter oft buchstäblich erhört hast.« Wie ich so im Gebet vor dem Herrn stand, hieß es plötzlich in mir: Jeremia 39, Vers 17 und 18. Du liebe Zeit, wie kam ich bloß an den Jeremia? Was sollte ich mit dem alten Judenpropheten anfangen? Der ging mich doch nichts an. »Herr, komme ich nach Hause, gib mir eine Antwort!« Ich wurde Jeremia 39, 17-18 nicht los. Und endlich suchte ich diese Stelle im Alten Testament. Ich wusste absolut nicht, was da stand, und wo das zu finden war. Ich kannte ja nicht einmal die Reihenfolge der alttestamentlichen Bücher. Endlich fand ich diese Stelle und schlug sie auf. Zu meiner Überraschung las ich folgenden Text: »Aber dich will ich erretten zur selben Zeit, spricht der Herr, und sollst den Leuten nicht zuteil werden, vor welchen du dich fürchtest. Denn ich will dir davon helfen, dass du nicht durchs Schwert fallest, sondern sollst dein Leben wie eine Beute davon bringen, darum, dass du mir vertraut hast, spricht der Herr.«

Ich las diese Stelle mehrmals hintereinander. Das war doch eine klare Antwort, wie ich sie mir erbetet hatte. Ich konnte das gar nicht fassen, dass Gott so deutlich geantwortet haben sollte. Allmählich wurde ich über diesem Wort zuversichtlich und nahm diese Verheißung für mich in Anspruch. Ich fiel nun ins andere Extrem und wurde geistlich übermütig. Jeden Durchbruchsversuch machte ich verwegen mit. Durch diese Gebetserhörung wurde mir das Alte Testament neu erschlossen. Es fielen mir Psalmworte ein, die mir ja ohnehin vom künstlerischen Standpunkt aus geläufig waren. So betete ich beim letzten Durchbruchsversuch, den ich mitmachte: »Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.« Ich komme heim, so stand es in mir fest, und ich schloss das Gebet mit dem Satz: »Ich danke dir Gott.« Bei dem Wort »danke« – peng – da hatte ich einen Oberarmdurchschuß auf der linken Seite weg. Zu allem Übel war es ein Explosivgeschoß, das mir den ganzen Oberarm aufriss. Jeder Arzt sagte mir später: »Das ist ein Wunderschuss.« In diesem Augenblick verlor ich den Glauben an die Verheißung. Ich schrie über das Schlachtfeld: »Gott – also doch nicht!« Bei uns Landsern hieß es: »Verwundet in die Hände der Russen bedeutet, mit einem Genickschuss aus dem Leben.« Das Blut strömte. Ich wurde schwach und schwächer. In meiner großen Angst betete ich: »Herr Jesus, vergib, dein Wille geschehe! Und wenn du die obere Heimat gemeint hast, dann nimm mich doch in Gnaden auf.« Und dann sackte ich zusammen und wurde bewusstlos. Ich erwachte, als ein Russe mir die Stiefel von den Beinen riss. Er hatte mich gänzlich ausgeraubt. Als er sah, dass ich noch lebte, forderte er mich auf: »Iddi siuda! Komm mit!« Ich antwortete auf russisch, ich wäre zu schwach. Von meinen russischen Kriegsgefangenen hatte ich soviel Russisch gelernt, dass ich mich verständigen konnte. Im Umgang mit diesen russischen Gefangenen hatte ich schon 1943 russisch sprechen und singen gelernt. Sie sagten mir damals: »Herr Soldat, Deutschland kann nicht den Krieg gewinnen. Und wenn Sie in Gefangenschaft kommen, wir Sorge haben, dass Sie seien zu sensibel, Sie überleben das nicht. Aber wenn Sie gefangen werden, dann singen Sie, singen Sie, singen Sie!«

Nun war diese Situation eingetreten. Ich stand vor dem russischen Kommissar und wurde verhört. »Was ist der Beruf?« wurde ich gefragt. »Opera bewjez, Opernsänger.« – »Künstler an der Front gibt es ja nicht. Goebbels sagte: >Kein deutscher Künstler hat es nötig, an der Front zu kämpfen.<« Da war es mir plötzlich, als wenn ich jenen russischen Gefangenen neben mir hörte: »Singen Sie, singen Sie!« Ich sang sofort ein kleines russisches Lied von Rubinstein. Es ist eine Nachdichtung von Goethes »Wanderers Nachtlied«. Die Russen hörten sprachlos zu. Sie konnten es nicht fassen, dass ein ganz gewöhnlicher deutscher Landser ihnen ein Lied in ihrer Sprache sang. »Karascho! Gut! Aber keine Oper.« Glücklicherweise konnte ich auf russisch eine Opernarie singen. Ich sang sie sofort. Die Russen klatschten in die Hände: »Otlischna! Ausgezeichnet! Wir glauben es. Du sein guter Artist!« Von diesem Augenblick an wurde ich mit Glacéhandschuhen angefasst. Ich wurde dann in meiner ganzen russischen Gefangenschaft wie ein rohes Ei behandelt.

Ich sah wohl das Elend, das um mich herum geschah. Ich kann den Russen wahrhaftig nicht das Zeugnis ausstellen, dass die Gefangenen gut behandelt wurden. Aber Gott war mir gnädig. »Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig«, spricht der Herr. Ich konnte es nicht fassen und hatte es absolut nicht verdient. Wie oft bin ich ihm aus der Schule gelaufen! Aber die Gebete meiner Mutter ließen mich nicht los und standen stets dahinter. Durch meine Verwundung kam ich mit dem ersten Transport, der von Sibirien nach Deutschland ging, nach Hause. Ich war schon am 18. September 1945 in Wilhelmshaven bei meinen Eltern. Fast eine dreiviertel Stunde schritt ich durch Trümmerfelder und fand mein Elternhaus unversehrt vor.
Am nächsten Tag ging ich zur Behörde, um mich anzumelden. Ich fuhr mit dem Fahrrad und stürzte unterwegs auf dem Fahrdamm. Lang ausgestreckt lag ich auf der Straße. In diesem Augenblick rollte ein schwer beladener Lastwagen mit zwei Anhängern an meinem Kopf vorbei. Der Abstand war höchstens 15 Zentimeter. Die Leute hatten aufgeschrien. Ich kam kreidebleich nach Hause. Mutter fragte bestürzt: »Was ist bloß mit dir?« – »Mutter, ich soll wohl noch leben. Es ging eben hart am Tode vorbei.« Sie antwortete: »Der Herr weiß, warum.« An mir ging diese Lektion noch ohne ernste Besinnung vorbei. Ich gab wieder Konzerte und sang in Hamburg, München, Frankfurt, Bremen usw. weltliche Lieder. In Wilhelmshaven gab ich Hochschulkonzepte und Hauskonzerte. Eines Tages fragte mich ein Professor: »Erzählen Sie doch einmal, wie ist es gekommen, dass Sie so früh aus russischer Gefangenschaft zurückkamen?« Da musste ich zum ersten Mal vor einer größeren Menschenmenge bekennen. Ich erzählte, was Gott an mir getan hatte. Der Professor erwiderte: »Dann haben Sie aber auch noch eine Aufgabe.« Und diese Aufgabe wurde mir in einer Evangelisation klar. Ich wurde aufgefordert, dort zu singen. Schließlich war ich Kind gläubiger Eltern. Aber, wenn wir auch Kinder von Gotteskindern sind, Gott hat keine Enkelkinder. Wir müssen selber von neuem geboren werden. Das wurde mir deutlich. Und als ich das Lied gesungen hatte »Ich bin durch die Welt gegangen«, da sprach Gott zu mir: »Was hinkst du noch auf beiden Seiten?« Ich tat Buße und bekannte meine Sünden. Von Stund an weihte ich mein Leben und meine Stimme dem Herrn Jesus. Jetzt reiste ich als Evangeliumssänger und kam mit dem Rundfunkevangelisten Anton Schulte zusammen. Ich sang im Rundfunk. Und eine der ersten Sendungen hörte ich zu Hause am 78. Geburtstag meiner Mutter. Das heißt, am Vorabend saß ich mit meiner Mutter Hand in Hand am Radio und hörte den Sender Monte Carlo. Da kam die Stimme durch den Äther: »Jetzt hören Sie den Evangeliumssänger Franz Knies.« Können Sie sich das Gesicht meiner Mutter vorstellen? Über ein Vierteljahrhundert hat die Mutter tagtäglich gebetet: »Herr Jesus, mache meinen Jungen zu einem Evangeliumssänger.« Und jetzt endlich war es soweit. Mein und unser Erstaunen ging noch weiter. Es waren beim Sender etwa zehn Beiträge eingesandt. Und als erstes kam mein Lied »Sieh, das ist Gottes Lamm«. Es war das Lied, das meine Mutter schon vor über 25 Jahren im Traum und in der Vision gesehen und gehört hatte. Das alles war keine abgemachte Sache. Meine Mutter faltete die Hände und schloss die Augen. Tränen rannen ihr über die Wangen. Ihre Lippen bebten, und dann, unter verhaltenem Schluchzen, hob sie die Lider. Ihre Augen begannen zu leuchten, als sie mich anschaute. Mit beiden Händen ergriff sie meine Rechte und flüsterte: »Der Nazarener und ich haben gesiegt.« Beglückt und beschämt sah ich sie an. Ich gedachte verlorener Jahre. Dennoch, Gott hat alles wohl gemacht. Über ein Vierteljahrhundert hatte Mutter darum gebetet. Nun war ihr Erhörung zuteil geworden. Buchstäblich hat sie die Erfüllung ihres Traumgesichtes erlebt. Nicht nur, dass Tausende durch den Rundfunk dieses Lied hörten, sondern auch, dass ich es vor Tausenden auf einer Freilichtbühne in Wuppertal sang. Außerdem durfte ich es in vielen anderen Veranstaltungen bringen. Weiterhin erklingen ebenso viele Schallplatten in Häusern hin und her, sowohl dieses als auch andere Lieder zur Freude der Kinder Gottes und zum Rufen und Mahnen von Menschen, die noch ferne sind von Jesus.
Franz Knies

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