"Erfahrungen" mit Gott?

Eine interessante Debatte läuft derzeit bei Theoblog, die mit der Frage nach der Notwendigkeit eines Theologiestudiums beginnt und schnell zu Fragen wie „Redet Gott auch neben der Bibel zu uns?“ oder „Wie erkenne ich Gottes Willen?“ übergeht. Ron Kubsch schreibt beispielsweise:

„Ich möchte, wo wir schon mal bei dem Thema gelandet sind, den Fokus bei dem allseits angepriesenen “Hörende Gebet” lassen und nicht darüber diskutieren, ob Gott zu uns sprechen kann oder spricht. Darum geht es hier nicht. Das Hörende Gebet ist keine Offenheit für das Reden Gottes, sondern ein Erkenntnisweg, ein bewusstes Suchen nach der göttlichen Stimme in mir.
Hier mal ein klassisches Zitat (Quelle):
„Hörendes“ Gebet ist zunächst einmal einfach eine Form des Betens, bei dem nicht Bitte, Dank, oder Anbetung im Zentrum stehen, sondern das Hören auf Gottes Reden – und zwar konkret in meine persönliche Situation hinein. Was auch immer meine Anliegen sein mögen – im Hörenden Gebet lege ich sie zunächst einmal beiseite um mich ganz auf Gott auszurichten und seine Impulse zu empfangen.
Keine der von Dir angeführten Bibelstellen enthält einen Auftrag für so eine Form des Betens. Ich finde das erstaunlich, zumal sehr oft der Eindruck erweckt wird, als ob die hörenden Beter Gott besonders nah sind und sie viel mehr über Gott oder sich selbst wissen, als wie jemand, der diese Erfahrungen nicht macht. Wer Gottes Stimme in der Tiefe seiner Seele wahrnimmt und gelernt hat, sie von den vielen eigenen Stimmen zu unterscheiden, ist – so höre ich es ab und an – ein Freund Gottes.
Dazu mal spontan ein paar Erfahrungen von mir:
1. In der Praxis führt das sehr oft dahin, dass die lieben Brüder und Schwestern das Reden Gottes VOR ALLEM im Gebet suchen. Da die Bibel nur für das Grobe zuständig ist, wird die persönliche Ansprache Gottes errungen. Es ist doch viel spannender und aufregender, von Gott privat “gebrieft” zu werden. Was in der Bibel steht, ist zwar wichtig, aber eben Stoff aus zweiter Hand und für alle gedacht. Im HG redet Gott konkret und nur zu mir. Folglich nehmen diese Stimmen im Leben sehr viel Raum ein.
2. Gern wird darauf hingewiesen, dass die Eindrücke an der Bibel geprüft werden sollen. Da sie aber oft viel intensiver erlebt werden als es die Lektüre eines Textes, ist das mit der Prüfung so eine Sache. Ich kenne etliche Fälle, wo die innere Stimme ein neues Paradigma bei der Auslegung erzwungen hat. Will heißen: Die innere Stimme erklärt, wie der Bibeltext WIRKLICH zu verstehen ist (oder eine Stelle ausnahmsweise für mich nicht gilt). Bill Hybels großer “Shift” in der Frage der Frauenordination wurde z.B. durch das göttliche Flüstern begleitet. Und wie will ich denn den Eindruck “Du sollst als Missionar nach Indien gehen”, an der Bibel prüfen? Da zudem das Reden Gottes oft gegen die Vernunft ausgespielt wird, ist auch eine vernünftige Prüfung schwierig.
3. Ich bin jetzt seit ca. 30 Jahren Christ und weiß nicht, wie viele Leute ich kennengelernt habe, bei den denen das Hörende Gebet nicht in die Mündigkeit, sondern in die suchtartige Abhängigkeit geführt hat. Gute und engagierte Freunde sind auf diese Weise in die Lebensuntüchtigkeit getrieben worden.
Gott will, dass wir uns ihm ganz hingeben, unser Denken erneuern lassen und prüfen, was der Wille Gottes ist (Röm 12). Gerade junge Menschen mit Angst- und Minderwertigkeitsgefühlen kommt es entgegen, Entscheidungen “wegdelegieren” zu können. Es ist leichter für sie, einen Befehl zu empfangen, als selbst einen Weg (mit Gott) gehen zu wollen. Eigentlich müssen solche lieben Leute lernen, vor und mit Gott Verantwortung zu übernehmen.
4. Ich kenne einige Leute, die, obwohl sie keine Christen sind, das Hörende Gebet kennen und praktizieren. Sie beschreiben ihre Erfahrungen mit der inneren Stimme so wie Christen, die in entsprechenden Seminaren darüber reden, darunter sowohl Agnostiker als auch Gläubige anderer Religionen.
Das alles wird Dich nicht anfechten. Sagen wollte ich es trotzdem, unsortiert und ungefiltert. Ich denke, uns trennt in dieser Sache nicht so viel. Auch ich will Führung nicht auf Wort und Verstand reduzieren, kenne wegweisende Eindrücke, besondere Gebetserfahrungen usw. Das HG ist jedoch etwas anderes. Was es ist, lässt sich m.E. erst dann sehen, wenn es einer breiteren theologischen, weltanschaulichen und religionskritischen Prüfung unterzogen wird. Ist das HG vielleicht einfach Symptom für eine erlebnissüchtige und zugleich “idenditätsarme” Kultur? Für große Analysen ist ein Blog allerdings eher ungeeignet.“

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