Bonhoeffers Auslegung von 2. Thessalonicher 2,6.7

Paulus schreibt:

„6 Und ihr wißt ja, was jetzt noch zurückhält, damit er geoffenbart werde zu seiner Zeit. 7 Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken, nur muß der, welcher jetzt zurückhält, erst aus dem Weg sein“ (nach Schlachter)

Werner de Boor erklärt in seinem Kommentar zum 2. Thessalonicherbrief, wie dieser Text klassischerweise in unseren (dispensationalistischen) Kreisen ausgelegt wird:

„Die eine Deutung sieht in dem Aufhaltenden Christus und seine Gemeinde, bzw. die Gemeinde und den in ihr wohnenden Heiligen Geist. Solange die Gemeinde, das ‚Salz der Erde‘, noch da sei, könne die Welt eben nicht in das letzte Stadium der völligen Verfaulung übergehen. Und so lange der Heilige Geist in der Gemeinde noch in der Welt sei, lasse er den letzten Aufbruch der ‚Gesetzlosigkeit‘ nicht zu. Erst mit der Entrückung der Gemeinde werde darum die Bahn frei für den Antichristen. Dadurch sei übrigens auch klar bewiesen, daß die Gemeinde vor der großen Trübsal, weil vor dem Kommen des Antichristen entrückt werde.“ (Werner de Boor: Kommentar zu den Thessalonicherbriefen, Wuppertaler Studienbibel, S. 140)

Dietrich Bonhoeffer und mit ihm viele historisch-theologische Ausleger (laut Werner de Boor) legen diese Passage anders aus. Sie verstehen „was jetzt noch zurückhält“ bzw. „das Aufhaltende“ nicht als eine Person, sondern als Ordnung des Staates. Der Grundtext lässt diese Deutung zu. Aus „der, welcher jetzt zurückhält“ würde „das, was jetzt zurückhält“ werden. Das würde verständlich machen, „warum sich Paulus hier so verhüllt und geheimnisvoll ausdrückt“ (de Boor, S. 140): weil er an eine verfolgte Gemeinde schreibt. Georg Huntemann erklärt in „Der andere Bonhoeffer. Die Herausforderung des Modernismus“, wie Bonhoeffer diese Stelle demnach verstand:

„Er [d.h. Bonhoeffer] erinnert an den 2. Thessalonicherbrief, Kapitel 2, in dem Paulus von der Macht spricht, die das Kommende der Katastrophe, den Weg in das Chaos und in die Auflösungen aller Ordnungen aufhält, beziehungsweise zurückhält. Es ist die Macht des Aufhaltenden. Diese Macht des Aufhaltenden versteht Dietrich Bonhoeffer als die Ordnungsmacht des Staates, ‚die mit starker physischer Kraft ausgerüstete Ordnungsmacht.‘ Diese Ordnungsmacht, diese Kraft des Aufhaltenden gegen das Chaos, ist das Vorletzte zum Letzten ‚der von oben eingreifenden rettenden Tat Gottes‘, also das Vorletzte zum Letzten der Wiederkunft Christi. Diese Macht des Aufhaltenden ist nicht Gott, sie kann auch nicht ohne Schuld sein, der Staat auch als Ordnungsmacht wird immer ein schuldiger Staat sein, aber ‚Gott bedient sich seiner, um die Welt vor dem Zerfall zu bewahren.‘ Das Aufhaltende ist die ’staatliche Ordnungsmacht‘.“ (Georg Huntemann: Der andere Bonhoeffer, S. 196f.)

Huntemann erläutert weiterhin:

„Dietrich Bonhoeffer hat also sehr wohl endzeitlich gedacht. Zu keiner Zeit seines Lebens hat er die Wiederkunft Christi verneint. Aber ihm ging es darum, daß, solange diese Welt noch weiterläuft, die Kirche alles erdenkliche tut, um durch ihre Verkündigung den Staat als Rechtsstaat und Ordnungsmacht zu erhalten. Kirche und Ordnungsmacht sind ‚Bundesgenossen‘. Die Kirche ‚zwingt gerade auch die Ordnungsmächte zum Hören, zum Umkehren‘. Denn nur der Staat, der bereit ist auf das verkündigte Wort der Kirche zu hören, ist ein Rechtsstaat.“ (S. 197)

Bonhoeffer beurteilte die Lage des Abendlandes schon damals übrigens folgendermaßen: „Das Abendland wird christusfeindlich … und es ist echter Verfall.“ (S. 196) Dieser Verfall lässt sich bis heute beobachten. Schuld daran trägt nach Bonhoeffers Verständnis vor allem die Kirche (die Gemeinde), die den Staat nicht mehr zum Hören auf das Wort Gottes zwingt, sondern sich mehr und mehr anbiedert.

3 Gedanken zu „Bonhoeffers Auslegung von 2. Thessalonicher 2,6.7“

  1. Übrigens ist mit dem klassischen Verständnis auch die Weltfremdheit zu erklären, die sich dadurch in manchen Köpfen breitmacht… Für Bonhoeffer ist ja die Partizipation am politischen Leben selbstverständlich, während es heute in manchen Kreisen schon fast als Sakrileg gesehen wird (zumindest könnte der Eindruck entstehen)!

  2. Ich bewege mich auch in dispensationalistischen Kreisen und wurde im „klassischen Verständnis“ unterrichtet. Allerdings, ein interessanter Gedanke von Bonhoeffer. Danke!

  3. Noch ein interessanter Gedanke von Thomas Schirrmacher: er versteht nicht, wie manche Christen, die in einer Demokratie (!) leben – d.h. Volk ist Staat – nichts mit Politik zu tun haben möchten. Die müssten sich im Grunde selber umbringen:-)

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