Da kann ich nur staunen! (2) Heinrich Kemner als Vikar bei Johannes Busch

Heichrich Kemner berichtet von einen ergreifenden Erlebnis mit Johannes Busch:

So sehr ich mich im Hause Werdermann wohl fühlte – zu Hause war ich bei meinem späteren geistlichen Freund Johannes Busch. Er gehörte, wie auch sein Bruder Wilhelm, zu den Originalen Gottes. Wer solche Originale nachahmen will, macht sich lächerlich. Manchmal hat man auch bei Pfarrern den Eindruck, dass sie gute Prediger kopieren wollen.
Bei den Buschs konnte man sehen, wie natürlich Glaube und Christentum Menschen prägen können. Man sagte damals: Ein Busch ist mehr wert als ein ganzer Wald von Pastoren. Als ich Busch zum ersten Mal besuchte, zeigte er mir in seinem Arbeitszimmer „die Wolke der Zeugen“, die ihn geistlich inspirierten. An den Wänden hingen Bilder aller denkbaren Erweckungsprediger meiner Heimat. Er durfte damals in seiner geliebten Johanneskirche schon keinen Dienst mehr tun. Die Deutschen Christen in der Gemeinde, Pastor Richter und andere, waren am Steuer. Johannes Busch predigte nun im Voßschen Saale, der war regelmäßig bis auf den letzten Platz besetzt. Busch hatte die Gnadengabe, das Evangelium in einer die Herzen ansprechenden Unmittelbarkeit zu bezeugen, die mich begeisterte. Auch seelsorgerlich hat er mir manche Korrektur gegeben. Seine Predigte wurden nicht nur am Schreibtisch konzipiert; sie ergaben sich aus den Eindrücken der Seelsorge und der Gemeindebegegnung. Er war der geborene Jugendpfarrer und blieb in seiner Theologie vor allem oberflächlichen Geplätscher bewahrt.
Als er nach dem Kriege, viele Jahre später, am Ahldener Jugendtag sprach, war er beglückt, den Segen zu erleben, den Gott seinem Dienst schenkte.
Als ich meine Einführungspredigt als Vikar in Witten hielt, wollte ich ohne Zweifel dabei etwas glänzen. Meine verborgene Eitelkeit war noch nicht so sündig geworden, dass ich sie wie später unter den Keulenschlägen des Naziregimes erkennen musste. Nach einigen Überlegungen wählte ich für meine Einführung die Examenspredigt, die gut beurteilt worden war. Ach, wie habe ich sie auswendig gepaukt und, wie Wilhelm Stählin es uns beigebracht hatte, auch bei der Deklamation Mimik und Gesten beobachtet. Schließlich war ich mit mir selbst zufrieden. Aber wer als Pfarrer Schauspieler ist, hat seinen Lohn dahin.
Nach der Predigt kam als erster mein Vikariatsvater und gratulierte mir zu dem Erfolg. Er meinte, die Predigt sei ein theologischer Genuss gewesen. Noch sehe ich, wie während seiner Lobeshymne Johannes Busch in die Sakristei kam und immer unruhiger hin und her ging.
Plötzlich sagte er zu Werdermann:
„Hör bitte auf mir deinem Lob; wir sind alle verdorben. Es geht nicht um Erfolg, es geht um Frucht. Mit deiner Lobrede tust du ihm keinen guten Dienst.“
Schließlich lud er mich zum Mittagessen ein. Unterwegs blieb er plötzlich vor mir stehen, schaute mich mit seinen guten Augen an, fasste mich am Schlips und fragte:
„Glaubst du eigentlich, dass ich dich lieb habe?“
Nun, ihm traute ich am wenigsten eine konventionelle Lüge zu.
„Ich bin überzeugt, ja, ich glaube dir wirklich.“
„Dann“, fuhr er mit einem Ernst, der mir unvergesslich ist, fort, „dann muss ich dir in Liebe etwas sagen: Die heutige Predigt war vorbei; du hasst nicht den Herrn Jesus gepredigt, sondern dich selber. Ich habe betend unter deiner Predigt gesessen, und deshalb muss ich dir das sagen. Hast du eigentlich in der Sakristei vorher gebetet?“
Verlegen sagte ich: „Ja, ich wollte beten.“
„Ja, warum denn nicht?“
„Nun, der Küster war auch in der Sakristei.“
Durchdringend schauten mich seine Augen an.
„Glaubst du denn, dass du den Herrn Jesus bezeugen kannst, wenn du dich seiner vor dem Küster schämst?“
Er nahm mich von da ab oft in die Gemeinde mit und meinte:
„Wenn du die Sorgen der Gemeinde mitträgst und miterlebst, wirst du mit Jesus den Schlüssel zu den Herzen finden.“

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