Portrait: Timothy Keller

Das Medienmagazin pro hat in seiner letzten, schriftlichen Ausgabe des Jahres 2011 ein interessantes Portrait von Pastor  Tim Keller veröffentlicht, welches ich hier widergeben möchte:
Timothy Keller ist für viele Christen so etwas wie ein frommer Popstar. Sein Buch „Warum Gott?“ wurde zum Bestseller, die von ihm gegründete „Redeemer Presbyterian Church“ wuchs in 20 Jahren von einer Hand voll Gläubiger auf heute 6.000 Gottesdienstbesucher an. Die „Newsweek“ bezeichnete ihn einmal als den „C. S. Lewis des 21. Jahrhundert“. Timothy Keller reist um die Welt, wird von Gemeinden in den großen Städten Europas oder Amerikas eingeladen. In einem gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst geschieht es, dass Besucher ihm sein Buch zum signieren einhalten.
Für einen evangelikalen Pastor in den USA mag das alles nichts allzu außergewöhnliches sein. Geistliche wie Rick Warren oder Max Lucado schreiben nicht nur Bücher, sie produzieren auch ihre eigenen Magazine oder gehen gar auf Tournee. Timothy Keller ist das fremd. Nur schwerlich bekommt man ihn vor eine Kamera, Interviewanfragen beantwortet er selten mit einer Zusage. „Ich versuche, das zu vermeiden, es ist schädlich für die Kirche“, sagt er. Christliche Stars zögen Christen an, aber nicht jene Menschen, die von der Kirche noch nichts wüssten.
Bei einem Pressetermin in Berlin  bekam pro dennoch die Gelegenheit, den langjährigen Pastor zu treffen – gemeinsam mit einer Hand voll anderer Journalisten. Nur ein Interview für alle wolle er geben. 45 Minuten sollen reichen, damit die Medien ihre Fragen stellen können. Darauf angesprochen sagt er: „Ich bin froh, das ich alter werde und bald jemand Jüngeres meine Stelle einnehmen wird.“ Dann habe der Rummel um seine Person endlich ein Ende.
Timothy Keller stammt aus dem Nordosten der USA. Bis in die 80er Jahre hinein lebten er, seine Frau Kathy und seine drei Söhne ein beschauliches Landleben. „Die Stadt ist ein großartiger Ort, um Kinder aufzuziehen“, sagt Kathy heute. Doch sie erinnert sich auch an Ängste, die sie durchstand, als ihr Mann den Vorschlag machte, nach New York City zu ziehen, um „junge, abenteuerlustige Menschen“ für den Glauben zu gewinnen. „Das New York von damals entsprach nicht dem von heute“, sagt Timothy Keller. In den 80er Jahren sei es eine Stadt gewesen, in der sich niemand wohl gefühlt habe, die Menschen seine in Scharen fortgezogen, überall habe es Gewalt gegeben, „man konnte Verbrechen auf der Straße beobachten, das war ganz alltäglich“.
Bis heute hat sich die Stadt rasant entwickelt – sie ist ein Schmelztiegel der Kreativität geworden, ein Ort für all jene, die es zu etwas bringen wollen. Seit die Kellers ihre Arbeit in New York begonnen haben, ist auch die christliche Bevölkerung der Stadt gewachsen. „Als wir dorthin zogen, gab es ungefähr 9.000 bekennende Christen in der Stadt. Heute gehen wir von 35.000 aus“, sagt Keller. Damit hat sich die christliche Gemeinde fast vervierfacht, während die New Yorker Bevölkerung seit den 80ern um rund 15% gewachsen ist. Kellers „Redeemer“-Kirche zieht Menschen in ihren 20ern und 30ern an. Ein Großteil der Mitglieder sind Singles.
[…]
Was aber ist das Geheimnis dieser Kirchen? Wie schaffen sie es, genau jene Menschen anzuziehen, mit denen sich Gemeinden erfahrungsgemäß schwer tun: junge Großstädter? „Während der Vorbereitungsphase erklärte mir fast jeder, dass mein Projekt zum Scheitern verurteilt war. Kirche – das war etwas für die Gemäßigten oder Konservativen, aber diese Stadt war quirlig und liberal“, erinner sich Keller in seinem Buch „Warum Gott?“ an die Zeiten vor dem New-York-Projekt. „Kirche, das hieß Familie, aber New York City war voll von jungen Singles und ´nichttraditionellen` Haushalten. Und vor allem bedeutete Kirche Glauben, und Manhatten war das Reich der Skeptiker, Kritiker und Zyniker.“ Zwei Dinge, das habe Keller im Laufe der Zeit gelernt, machten Christen oft falsch, wenn sie Menschen dieses Schlages begegneten: „Sie sind oft verwirrend in dem, was sie über ihren Glauben sagen. Und sie sind beleidigend gegenüber Nichtchristen.“ So gebe es zum Beispiel sehr viele Weisheit in nichtchristliche Kunst. Viele Christen aber schätzten diese Ausdrucksweise gering, weil sei eben nicht dem Glauben an Gott entspringe. Seiner Meinung nach ein großer Denkfehler, den Keller in „Warum Gott?“ so beschreibt: „Es sollte also Christen nicht wundern, wenn es Nichtchristen gibt, die netter, freundlicher, weiser und besser sind als sie selbst. Warum das? Weil ich als Christ nicht aufgrund meiner moralischen Leistung, Weisheit oder Tugend von Gott angenommen werde, sondern allein aufgrund dessen, was Christus für mich getan hat.“
Für ihn begannen die Zeiten in New York damit, auszuloten, was eine Gemeinde haben muss, um Nichtchristen zu begegnen. Die Gründungmitglieder trafen sich jede Woche, um sich einer Frage auszusetzen: Was gefällt Nicht-Christen? Nach einigen Monaten des Brainstormings und der Gespräche mit Christen und Skeptikern entwickelte sich nach und nach die Gemeinde. Ihre Mitglieder bilden ein Abbild „von dem, was Sie auf der Straße sehen“, sagt Keller. Davon erhofft er sich ein Menge, nicht zuletzt mehr Einfluss von Christen auf die Gesellschaft: „Es ist doch so: Rund zehn Prozent der Menschen in einer Stadt wie New York werden erfolgreich, vielleicht sogar sehr erfolgreich. Wenn Sie also viele Menschen für Ihre Kirche gewinnen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Mitglieder haben, die in einflussreichen Positionen sind.“ Umgekehrt formuliert Keller das provokanter: „Bleiben Sie weg von der Stadt – dann bleiben Sie irrelevant.“ In New York sei es lange Zeit so gewesen, dass es zwar Gemeinden gegeben habe, diese sich aber nicht in die Stadt eingegliedert hätten, sonder fremdartig und wie eine Insel in New York existiert hätten. Versuchten Christen aber, ihre Umgebung zu erreichen, ergebe es sich oft wie von selbst, dass ihre Gemeinden wüchsen: „Das Geheimnis ist: Erfolg und Zeit produzieren spirituelle Leere“, sagt Keller. Anders gesagt: Erfolgreiche Menschen werden nach einer gewissen Zeit ganz von selbst anfangen, nach Gott zu suchen. „Wenn diese Menschen in diesem Moment mit einem Christen befreundet sind, der seinen Glauben offen lebt und von dem sie sagen können: ´Das ist ein tolle Mensch`, werden sie zu ihm gehen, wenn die Leere kommt“, erklärt er weiter. „Die Kirche selbst ist dann nur noch der zweite Schritt.“

Die vollständige Ausgabe kann [konnte] hier als pdf heruntergeladen werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *