Die Souveränität Gottes und die Evangelisation

In den letzten Beiträgen ging es wiederholt um Gottes Souveränität in der Evangelisation.

Helmut machte mich auf einen Artikel von Rudolf Möckel aufmerksam, der diese Frage aufgreift. Möckel spricht von der Erwählung zum Heil allein durch Gottes Gnade und macht deutlich, dass wir nicht nur ein bisschen tot waren vor unserer Bekehrung: Daher konnten wir in keiner Weise an unserer Rettung mitwirken. Er bleibt jedoch nicht dabei stehen. Er erklärt weiter:

„Neben die Lehre von der Vorherbestimmung Gottes stellt sie [d.h. die Bibel] ebenso deutlich die Lehre von der Verantwortlichkeit des Menschen.“

Er führt weiter aus:

„Natürlich kommt immer wieder die Frage auf, wie denn die Lehre von der Vorherbestimmung Gottes und die Lehre von der Verantwortung des Menschen zusammenpassten. Die schlössen sich doch gegenseitig aus! Und es stimmt: Aus unserem begrenzten menschlichen Blickwinkel erscheint das so. Bei Gott allerdings bilden beide eine perfekte Einheit. Die Bibel macht unübersehbar klar, dass beide – die Lehre von der Vorherbestimmung Gottes und die Lehre von der Verantwortung des Menschen – gleichermaßen zu einhundert Prozent wahr und von Gott offenbart sind. Das heißt: Wir sollen den Menschen die Wahrheit Gottes so sagen, als hinge alles von ihrer Entscheidung ab. Dabei aber wissen wir, dass nur diejenigen sich für Gottes Wort und für die Rettung entscheiden werden, die Gott vor Grundlegung des Welt dazu erwählt hat.“

QWas passiert, wenn die Souveränität Gottes bei Evangelisationen immer weniger in die Überlegungen einbezogen wird? Möckel zitiert J. I. Packer:

„Wenn wir vergessen, dass es Gottes alleiniges Recht ist, Frucht zu wirken, wo das Evangelium verkündigt wird, werden wir anfangen, uns selbst dafür verantwortlich zu fühlen. Und wenn wir vergessen, dass Gott allein den Glauben wirken kann, werden wir immer mehr denken, Bekehrungen zu schaffen sei letztlich von uns und nicht von Gott abhängig, und dass der entscheidende Faktor in der Evangelisation die Art der Darbietung sei. Und diese Denkart führt uns – konsequent zuende gedacht – weit in die Irre.“

Packer führt weiter aus:

„Sehen wir uns das einmal genauer an: Wenn wir meinen, unsere Aufgabe sei mehr, als nur Christus anzubieten, wenn wir meinen, wir hätten Bekehrungen zu produzieren – also nicht nur treu, sondern auch erfolgreich zu evangelisieren – dann werden wir pragmatisch und berechnend an die Evangelisation herangehen. Wir würden folgern, dass wir – sowohl im persönlichen Gespräch, wie auch bei öffentlichen Predigten – über zwei Grundvoraussetzungen verfügen müssten: Es genügte nicht nur ein klarer Begriff von der Bedeutung und Reichweite des Evangeliums; unerlässlich wäre außerdem eine unwiderstehliche Technik, die den gewünschten Erfolg herbeiführt. Wir sähen es daher als unsere Aufgabe an, eine solche Technik zu entwickeln und einzuüben. Und wir würden unsere und anderer Leute Evangelisationsarbeit nicht nur an der verkündeten Botschaft, sondern auch am sichtbaren Erfolg messen. Brächten unsere Bemühungen keine Erfolge, so schlössen wir daraus, dass unsere Technik verbesserungswürdig ist. Wenn sie aber Frucht bringen, so hielten wir dieses für die Bestätigung, die richtige Methode zu haben. Wir sähen in der Evangelisation einen Kampf zwischen unserem Willen und dem unserer Zuhörer, einen Kampf, bei dem der Sieg darauf zurückzuführen ist, dass wir durch unser wirkungsvolles Artilleriefeuer den gewünschten Erfolg erzwungen haben.“

Möckel meint:

„Sowohl Bill Hybels in Willow Creek, als auch die Aktion ProChrist/Jesus House gehen grundsätzlich nach den von Packer beschriebenen pragmatisch-erfolgsorientierten Methoden vor.“

Wie aber soll Evangelisation dann aussehen?

„Evangelisation im biblischen Sinn ist Evangelisation im Vertrauen auf die Souveränität Gottes. Sie achtet zuerst und grundsätzlich darauf, die Wahrheit Gottes vollständig, unverfälscht und vor allem treu weiterzugeben. Sie sucht nicht den machbaren Erfolg, sondern gibt dem Wort Gottes allen nur möglichen Freiraum.“

Nicht die Technik oder Methode, sondern die Wahrheit Gottes (Lehre) steht also im Fokus! Mir fiel der Zusammenhang mit Francis Schaeffers Feststellung auf: Schaeffer beobachtet eine Verschiebung zur Erfahrung, die getrennt von der Lehre ist, weil der Mensch sich in den Fokus seines Denkens stellt. Der Ausgleich solcher Fehlentwicklungen, dass zeigen die Überlegungen von Möckel bzw. Packer, geschieht durch die Neuentdeckung der biblischen Lehre von der Souveränität Gottes.

4 Gedanken zu „Die Souveränität Gottes und die Evangelisation“

  1. „Natürlich kommt immer wieder die Frage auf, wie denn die Lehre von der Vorherbestimmung Gottes und die Lehre von der Verantwortung des Menschen zusammenpassten. Die schlössen sich doch gegenseitig aus! Und es stimmt: Aus unserem begrenzten menschlichen Blickwinkel erscheint das so. Bei Gott allerdings bilden beide eine perfekte Einheit.“

    Dazu: Spurgeon wurde einmam gefragt, ob man nicht die Souveränität Gottes und die Verantwortung des Menschen versöhnen könne.
    Seine Antwort: Freunde versöhnt man nicht!
    Ich glaube da ist was dran! – obwohl ich´s wahrscheinlich auch noch nicht wirklich begriffen habe 🙂

    1. Harry: Du schreibt, dass du es „auch noch nicht wirklich begriffen“ hast. Wenn du damit das logische Begreifen meinst, dann bringst du gerade damit dein Verstehen zum Ausdruck, oder? Diese Spannung ist logisch für uns eben nicht greifbar.
      Ich halte die Frage für wichtiger und schwieriger, welche praktischen Konsequenzen das für uns hat: Für die Predigt, für Evangelisationen (vgl. den Post), für die Seelsorge. Wie kann ich diese Spannung z.B. bei der Evangelisation aufrechterhalten, ohne die Souveränität Gottes ODER die Verantwortung des Menschen zu vernachlässigen? Eine erste Antwort findet sich im Beitrag.

  2. Dass die Spannung als solche nicht logisch begriffen werden kann ist mir klar, aber ich denke es gibt da gewisse Grundwahrheiten/Zusammenhänge „um die Spannung herum“ die ich noch nicht so verstehe, wie man sie verstehen kann, ohne aufzulösen!
    Hmmm, ist ein bischen unglücklich ausgedrückt, aber vielleicht verstehst du ja trotzdem was ich meine. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm 😉

    Aber in dem Punkt mit den prakischen Konsequenzen hast du nur recht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *