Wer ist weise und verständig unter euch?

Obige Frage stammt von Jakobus, gerichtet an die im Römischen Reich verstreuten judenchristlichen Gemeinden ausserhalb Israels. Die Frage ist sehr alt; wahrscheinlich ist der Jakobusbrief das älteste Dokument des Neuen Testaments, aus einer Zeit stammend, als es noch nicht viele Heidenchristen gab.

In Jakobus 3,1 hat der Halbbruder des Herrn Jesus erklärt: «Seid nicht viele Lehrer, meine Brüder, da ihr wisst, dass wir ein schwereres Urteil empfangen werden.» Nun, einige Verse später, in Jakobus 3,13, scheint er noch immer an diese Aussage zu denken, als er herausfordernd fragt: «Wer ist weise und verständig unter euch?» (Jak 3,13).

Es ist gut möglich, dass sich Mitglieder der angeschriebenen Gemeinden als «weise und verständig» bezeichneten. Offenbar wollten viele von ihnen Lehrer sein (3,1). Sie wollten sein wie die «weise(n) und verständige(n) und bekannte(n) Männer», die Mose als Häupter über das Volk gesetzt hatte (5.Mo 1,15). Doch wer sich als «weise und verständig» bezeichnen will, muss diese Eigenschaften auch beweisen. Und in Jakobus 3,13-18 zeigt Jakobus auf, dass göttliche Weisheit anders ist als die menschliche.

Wer ist weise und verständig unter euch? Er zeige aus dem guten Wandel seine Werke in Sanftmut der Weisheit (Jak 3,13).

Mit seiner Antwort auf seine Frage bestätigt Jakobus das Prinzip, das er schon in Jakobus 2,18-26 beschrieben hat: «Du hast Glauben, und ich habe Werke; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen» (Jak 2,18). Gerhard Maier erklärt:

Jak 3,13 enthält tatsächlich eine Überraschung: den christlichen Weisen erkennt man an seinem Lebenswandel. Das heisst zugleich: Nicht an seiner Intelligenz, seiner Rhetorik, seiner Zeitgemässheit!

Ein weiser und verständiger Mensch führt ein gutes Leben und ist sanftmütig. Es ist anzunehmen, dass sich Jakobus hier auf die Bergpredigt Jesu Christi bezieht: «Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben» (Mt 5,5; vgl. Ps 37,11). Ein weiser Mensch ist aus göttlicher Sicht ein sanftmütiger, friedliebender Mensch. Und genau dies führt Jakobus in den weiteren Versen aus. Er macht deutlich, wie Gerhard Maier aufzeigt, dass Weisheit Frieden bringt:

Wer ist weise und verständig unter euch? Er zeige aus dem guten Wandel seine Werke in Sanftmut der Weisheit. Wenn ihr aber bitteren Neid und Streitsucht in eurem Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit. Dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine irdische, sinnliche, teuflische. Denn wo Neid und Streitsucht ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat. Die Weisheit von oben aber ist erstens rein, dann friedsam, milde, folgsam, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt. Die Frucht der Gerechtigkeit in Frieden aber wird denen gesät, die Frieden stiften (Jak 3,13-18).

«Bitterer Neid» kann auch mit «bitterer Eifer» oder «bittere Eifersucht» übersetzt werden. Die göttliche Weisheit hat nichts mit Wettbewerb und Streit zu tun. Jakobus erwähnt das Herz. Es ist, wie Jesus Christus sagt: «Was aber aus dem Mund ausgeht, kommt aus dem Herzen hervor, und das verunreinigt den Menschen» (Mt 15,18; vgl. 12,34). Wenn unsere Herzen von Bitterkeit, Eifersucht und Streitsucht beherrscht werden, dann wird sich dies auf unsere Weisheit auswirken. Wir sollten es nicht wagen, uns zu rühmen. Wir belügen die Wahrheit (die in Christus ist), wenn wir uns selbst als «weise und verständig» betrachten, aber wenn tatsächlich Neid, Bitterkeit und Streitsucht uns antreiben.

O, ich weiss es aus eigener Erfahrung, leider: Wir können uns für so weise und verständig halten, doch unser Herz spricht tatsächlich eine andere Sprache. Wir können kluge Dinge sagen, aber wenn wir uns in unseren Herzen mit anderen Menschen messen, aus Eifersucht, aus Streitsucht, oder wenn unsere Herzen bitter gegen unsere Nächsten sind, die in unseren Augen nicht so weise und verständig agieren, o, dann sind wir nicht «weise und verständig» in Gottes Augen. Das ist eine «irdische, sinnliche, teuflische» Weisheit, die nur Zerrüttung bzw. Unordnung und «jede schlechte Tat» hervorruft.

Wir sollten uns nichts vormachen; die Streitigkeiten in unseren Gemeinden, auch die, an denen wir vielleicht selbst beteiligt sind (und wenn es nur innerlich ist), haben nichts mit der göttlichen Weisheit zu tun (auf die Streitigkeiten geht Jakobus in den folgenden Versen des nächsten Kapitels ein). Die göttliche Weisheit führt nicht zu Streitigkeiten, sondern zum Frieden (Jak 3,18).

Es mag eine Form von Verstand und Weisheit geben, die von Neid und Streitsucht angetrieben wird und derer sich die Menschen rühmen. Doch «dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt» (Jak 3,15), «von dem Vater der Lichter» (Jak 1,17). Die Weisheit, die ein Christ haben sollte und die nichts mit Intelligenz, klugen Worten und Bildungsstand zu tun hat, ist «erstens rein, dann friedsam, milde, folgsam, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt» (Jak 3,17).

Göttliche Weisheit ist erstens rein. Weil Jakobus in diesem Abschnitt (Jak 3,13-18) die «Weisheit, die von oben herabkommt», der irdischen, sinnlichen und teuflischen gegenüberstellt, argumentiert Gerhard Maier, dass die bessere Übersetzung «‹heilig›, im Sinne von Gott entsprechend» ist. Sicher ist die göttliche Weisheit auch sittlich rein, aber sie ist insbesondere abgesondert und heilig für Gott; und diese heilige Weisheit führt dann zum Frieden, zur Milde, zur Bereitwilligkeit zur Korrektur, zur Barmherzigkeit, zu guter Frucht, zur Unparteilichkeit und zu einer ungeheuchelten Haltung.

Jakobus macht deutlich, dass Weisheit mehr als nur Intelligenz oder Schlauheit ist; Weisheit ist ein Lebensstil, eine Art des Lebens. Darum kann man im Jakobusbrief durchaus eine neutestamentliche Parallele zu den Sprüchen sehen, zur Weisheitsliteratur des Alten Testaments.

Jakobus 3,18 ist das Fazit der göttlichen Weisheit: «Die Frucht der Gerechtigkeit in Frieden aber wird denen gesät, die Frieden stiften.»

Die gute Frucht der göttlichen Weisheit ist «Frucht der Gerechtigkeit in Frieden». Jakobus sagt ja auch am Anfang seines Briefes: «Eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit» (1,20). Weisheit aus biblischer Sicht hat nichts mit Streit zu tun, aber alles mit Frieden. Die Frucht der Gerechtigkeit in Frieden wird nicht von denen gesät, die aus bitterem Eifer, aus Neid oder Streitsucht ihre eigene irdische Weisheit zum Besten geben, sondern von denen, «die Frieden stiften». Gerhard Maier betrachtet «Frieden praktizieren» als die bessere Übersetzung.

Auch hier widerhallt wieder die Bergpredigt unseres Herrn: « Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heissen» (Mt 5,9). Es ist offensichtlich: Ein weiser Mensch ist ein Friedensstifter und kein Streithahn. Das sollte ich mir hinter die Ohren schreiben, vor allem, wenn es um theologische Debatten geht.

Noch einmal möchte ich Gerhard Maier zu Wort kommen lassen. Sein Fazit zu Jakobus 3,13-18 bringt es auf den Punkt und soll diese kurze Betrachtung abschliessen:

Die gottgegebene himmlische Weisheit führt zu einem gottgemässen Leben und sorgt für den Frieden in den Gemeinden, der dringend nötig ist.

Mit freundlicher Genehmigung von René Malgo, der den Beitrag hier veröffentlicht hat [Artikel mittlerweile nicht mehr verfügbar].

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