Dietrich Bonhoeffer – Gemeinsames Leben (1): Die Grundlage christlicher Gemeinschaft

Bonhoeffer - Gemeinsames Leben

Meine erste Begegnung mit Dietrich Bonhoeffers theologischem Werk entstand völlig unerwartet, als ich bei meinem Großvater auf das Buch „Gemeinsames Leben“ stieß. Dieses Buch ist ein theologisches Meisterwerk. Im Vorwort der Ausgabe vom Kaiser-Verlag (Gütersloh, 1987) heißt es:

Paradoxerweise verdanken wir das Buch „Gemeinsames Leben“ der ‚Geheimen Staatspolizei‘. Denn diese hatte Ende September 1937 neben anderen Einrichtungen der Bekennenden Kirche auch das von Dietrich Bonhoeffer geleitete Predigerseminar und Bruderhaus in Finkenwalde, wo angehende Pfarrer ‚gemeinsames Leben‘ zu praktizieren versucht hatten, geschlossen und dadurch Bonhoeffer veranlasst aufzuschreiben, was er über das Leben einer christlichen Gemeinschaft zu sagen hatte.“

Das Buch lässt sich an einem einzigen Tag lesen, enthält jedoch – das liebe ich an Bonhoeffer – theologisch hochkonzentrierte Aussagen, die nicht nur überflogen werden sollten. Es enthält 5 Kapitel: Im ersten Kapitel beschreibt Bonhoeffer die Grundlage und das Wesen der christlichen Gemeinschaft. Im zweiten und dritten Kapitel geht er auf den gemeinsamen bzw. einsamen Tag ein. Im vierten Kapitel bespricht er den Dienst in der Gemeinschaft und im abschließenden Kapitel geht er auf die Beichte und das Abendmahl ein. Bonhoeffer versteht es, diese scheinbar einfachen Begriffe mit Leben zu füllen und theologische Wahrheiten präzise auszuführen.

In der nächsten Zeit möchte ich einige Passagen aus dem Buch aufgreifen, weil dieses Buch sehr hilfreich für das geistliche Leben persönlich, in der Familie und in der Gemeinde sein kann. Neben den praktischen Empfehlungen hat es mir vor allem geholfen, biblisch über Gemeinschaft zu denken. Dies halte ich besonders in Zeiten, wo Konflikte in christlichen Gemeinschaften entstehen, für besonders wichtig.

Für Bonhoeffer definiert sich christliche Gemeinschaft als

Gemeinschaft durch Jesus Christus und in Jesus Christus. […] Wir gehören einander allein durch und in Jesus Christus. (S. 18)

Christliche Gemeinschaft entsteht nur auf der Grundlage des Glaubens an Jesus Christus und kann nur auf diesem Fundament gedeihen. Daher muss vor allen Ausführungen zu christlicher Gemeinschaft zuerst folgende Frage geklärt werden: Wer ist der Mensch, der in Gemeinschaft mit Jesus Christus steht? Wer ist Christ? Die Antwort Bonhoeffer gehört zu den bekanntesten und schönsten Bonhoeffer-Zitaten:

Christ ist der Mensch, der sein Heil, seine Rettung, seine Gerechtigkeit nicht mehr bei sich selbst sucht, sondern bei Jesus Christus allein. Er weiß, Gottes Wort in Jesus Christus spricht ihn schuldig, auch wenn er nichts von eigener Schuld spürt, und Gottes Wort in Jesus Christus spricht ihn frei und gerecht, auch wenn er nichts von eigener Gerechtigkeit fühlt. Der Christ lebt nicht mehr aus sich selbst, aus seiner eigenen Anklage und seiner eigenen Rechtfertigung. Er lebt ganz aus Gottes Wort über ihn, in der gläubigen Unterwerfung unter Gottes Urteil, ob es ihn schuldig oder ob es ihn gerecht spricht. Tod und Leben des Christen liegen nicht in ihm selbst beschlossen, sondern er findet beides allein in dem Wort, das von außen auf ihn zukommt, in Gottes Wort an ihn. Die Reformatoren haben es so ausgedrückt: unsere Gerechtigkeit ist eine „fremde Gerechtigkeit“, eine Gerechtigkeit von außen her (extra nos). (S. 18f.)

Die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben allein bildet das Fundament christlicher Gemeinschaft. Es ist kein Randthema der Bibel für besonders theologisch Interessierte, es ist die Grundlage der christlichen Gemeinschaft. Wo diese Lehre wackelt, wackelt die Gemeinschaft! Oder, um es positiv auszudrücken: Christliche Gemeinschaft wird belebt, wenn das Wort Gottes wieder seinen angemessenen Platz bekommt. Denn der Christ „lebt ganz aus Gottes Wort über ihn“, auch in der Frage der Rechtfertigung. Deshalb: Wo man sich in dieser Frage entschieden unter Gottes Wort stellt und keine undeutlichen Lehren vertritt, entsteht und besteht christliche Gemeinschaft.

aus: Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsames Leben. Kaiser: Gütersloh 1988.

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