Die seelsorgerliche Dimension des ‚extra nos‘

Im MBS Jahrbuch 2003 mit dem Themenschwerpunkt Seelsorge zeigt Elke Meyer in ihrem Artikel „Die seelsorgerliche Dimension des ‚extra nos‘ in der Rechtfertigungstheologie Martin Luthers“ sehr schön den Zusammenhang von Theologie und Seelsorge auf. Sie verdeutlicht in ihrem Artikel, dass der Kern der Theologie Luthers sich auch in seiner Seelsorge widerspiegelt. Theologie ist niemals eine rein intellektuelle Übung, sondern hat gravierende Konsequenzen für das Leben und für die Seelsorge (persönlich & an anderen).

Was aber ist der Kern von Luthers Theologie? Es ist das ‚extra nos‘, dessen Bedeutung in folgendem Luther-Zitat zum Ausdruck kommt (vgl. auch das Bonhoeffer-Zitat hier):

Dies ist also der Grund, warum unsere Theologie voller Gewißheit ist: sie reißt uns von uns selbst los und stellt uns außerhalb von uns [extra nos], so daß wir uns nicht auf unsere Kräfte, unser Gewissen, unsere Wahrnehmung, unseren Charakter und unsere Werke, sondern auf das verlassen, was außerhalb von uns ist, das heißt: auf die Verheißung und die Wahrheit Gottes, die nicht trügen können. (S. 48)

Dieses ‚extra nos‘, so zeigt Meyer anhand einiger Passagen aus Luthers Werk auf, ist nicht nur der Grund für Luthers Gewissheit in der Frage der Rechtfertigung, sondern auch der Grund für seine Gewissheit des Trostes in Anfechtungen. Das ‚extra nos‘ spiegelt sich auch in der Seelsorge wider, z.B. in der Haltung zur eigenen Sündhaftigkeit:

‚wenn wir allzu ängstlich besorgt sind, ja nicht zu sündigen, werden wir übermannt.‘ [Luther-Zitat] Wer zu sehr darauf bedacht ist, jede Sünde und jeden Fehler zu vermeiden, gerät dabei in die Gefahr, durch die Selbstbeobachtung wieder […] zurück zu fallen und verliert so den Blick auf Christus und stellt sich wieder unter das Gesetz. (S. 60f.)

Den Blick von sich weg auf Christus zu lenken [extra nos] ist das höchste Gebot für die Seelsorge:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Abwendung von sich selbst, den eigenen Gedanken, der eigenen Gerechtigkeit usw. und die Ausrichtung auf Christus für Luther das höchste Gebot in Anfechtung und Schwermut bildet. […] Der Angefochtene muss aus seiner Selbstbezogenheit und seiner Selbstverkrümmtheit herausgeführt werden und von sich wegblicken hin auf Jesus

Wie traurig, wenn das Heil bzw. die Heilung jedoch im Menschen gesucht wird, sei es nun im aufgeklärten Menschen des Humanismus (Psychotherapie) oder im frommen Menschen (Heiligungsbewegung). Wir finden nie bei uns, was uns nur Christus geben kann.

Der Artikel ist im folgenden, lesenswerten (allerdings etwas anspruchsvolleren) Buch nachzulesen: Ron Kubsch (Hrsg.): Die Wiederentdeckung des Glaubens in der Seelsorge. Von der Weisheit der Väter lernen, S. 35-66.

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