Wenn Sünder sich das Ja-Wort geben (5): Fahrübungen für eine gesegnete Ehe

Im vierten Kapitel geht Harvey auf die Frage ein, wie man in einer Ehe Gottes Gnade wirksam werden lassen kann. Er bedient sich dazu des Vergleichs mit einer Autofahrt. Es geht nicht nur darum, hinter dem Lenkrad zu sitzen, sondern den Gang einzulegen und zu starten. Aber wie kann das geschehen?

„Biblisch gesprochen bedeutet „theologisch den Gang einlegen“ in die Straße der Weisheit einzubiegen. In der Bibel ist die Weisheit kein mystisches Wissen oder einfach eine Art Überlebenskunst. Sie ist das Leben und die Entscheidung eines Menschen, der auf die richtige Art und Weise mit Gott verbunden ist. Es ist die Anwendung dessen, was wir als Wahr erkannt haben. […] Weisheit bezüglich unserer Ehe findet man also nicht bei Ratgebern oder in Erfolgsrezepten. Man findet sie, indem man seinen Glauben „in die Gänge bringt“ und dann die Straße der Weisheit mit Gott am Steuer entlangfährt.“

Doch für einen Fahranfänger wird es nicht so leicht sein, beim ersten Mal sauber zu fahren, ohne den Motor abzuwürgen. Harvey zeigt deshalb vier Straßen, in denen man üben kann nach und nach in die höheren Gänge zu schalten. Wenn wir auf diesen Straßen sicher fahren lernen, ist Harvey überzeugt, wird unsere Ehe ein großer Segen.

1. Erster Gang: In Demut – Misstraue dir selbst

„Es ist sehr wichtig, dass wir als Christen sehr skeptisch sein sollten, uns als gerecht hinzustelen. Wir vertrauen doch allein auf Christus und auf Sein Verdienst. Wahre Demut bedeutet, zuversichtlich aus der Gerechtigkeit Christi zu leben, aber der eigenen gegenüber misstrauisch zu sein. […] Es mag dich schockieren, aber wir sollten misstrauisch sein… nicht nur in besonderen Fällen, sondern beständig, und das wurzeltief. Ich sollte, als der schlimmste Sünder, in den täglichen Konfliktsituationen meiner Ehe vorwiegend und regelmäßig mir selbst gegenüber misstrauisch sein. Das bedeutet zwei Dinge zugeben: Mein Herz spielt eine wichtige Rolle in meinem Verhalten und neigt ständig dazu, sich Gott und Seinen Wegen zu wiedersetzen. Wahrscheinlich musst du auf diesem Gebiet sehr üben; denn die Demut eines gesunden Selbstmisstrauens kommt nicht von allein. Sie ist eine Nebenstraße, die nicht sehr häufig befahren wird. Umso besser kannst du auf ihr üben. […] Viele Eheprobleme könnten gelöst werden, wenn Mann und Frau wirklich so lebten, als ob sie „Sünder“ wären, die sich das Ja-Wort gegeben haben. Sünder die demütig sind, lernen mit der Zeit immer merh über ihr Herz. Auf diese Art und Weise entdecken sie, was wirklich abläuft, dass nämlich das Betonen ihrer eigenen Gerechtigkeit die Wahrheit des Evangeliums untergräbt.“

2. Zweiter Gang: In Aufrichtigkeit – Überprüfe dich selbst

„Wir wollen unsere Eheprobleme oft lösen, indem wir unsere Ehepartner „in Ordnung bringen“. […] Die Bibel gibt uns keine Erlaubnis, die Sünde unseres Ehepartners zu einer Angelegenheit höchster Priorität zu erheben.  Hier muss ich erheblich langsamer werden, demütiges Selbstmisstrauen üben und mein eigenes Herz zuerst inspizieren. Schau dir an, was Christus dazu sagt, wie wir der Sünde begegnen sollen.
Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, und den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen! — und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen! (Matthäus 7,3-5)

Jesus verwendet das Bild vom Balken und Splitter, um aufzuzeigen, dass diese Herangehensweise falsch, ineffektiv (gelinde gesagt) und absurd ist. Wenn unser Ziel ist, die Sünde eines anderen anzusprechen, dann erklärt Jesus, dass uns unsere eigene Sünde zuerst bedrohlich groß werden muss. Das sollte uns mit Abstand das wichtigere und bedeutsamere Anliegen sein. […] Jesus geht es hier nicht darum, wer in einer bestimmten Situation schuldiger ist. Seine Betonung liegt auf deinem Blickwinkel, was du als offensichtliche Tatsache empfindest, sobald es um Sünde geht. Er fordert dazu auf, die Betrachtung des Vorganges bei sich selbst zu beginnen. Wenn wir bedenken, wer wir im Vergleich zu Gott sind und welche Sünde uns noch innewohnt, dann handelt es sich um nichts anderes als um eine normale Grundanständigkeit, zuerst über die eigene Sünde nachzudenken, bevor man sich um die Sünde seines Ehepartners kümmert. Weisheit verbindet Aufrichtigkeit auf einfache Weise mit Demut. Wenn du dir selbst misstraust (Demut), dann inspizierst du dich selbst zuerst (Ehrlichkeit).

3. Dritter Gang: Gib zu, dass Umstände lediglich existierende Sünde offenbaren

Im dritten Gang geht Harvey zuerst darauf ein, dass Offenheit heutzutage als eine der wichigsten Eigenschaften einer Ehe gilt. Und diese Offenheit wird dann als Freibrief dafür genommen, sich verbal darüber abzuladen, was man fühlt und dass im Namen der „emotionalen Ehrlichkeit“. Diese Art und Weise würde aber in der Praxis eher Schmerz und Verletzungen verursachen als zu helfen. Harvey weist darauf hin, dass das Problem nicht die Offenheit an sich ist, sondern das Ziel, welches mit den  „ehrlichen Worten“ verfolgt wird.

„Nachdem ich zum Glauben an Jesus Christus kam und bevor ich heiratete, bildete ich mir ein, dass ich geistlich gesehen reif wäre. Meine Heiligkeit war weitgehend eingebildet. […] Die seltenen Betrachtungen meines Herzens ergaben kaum Anlass zur Verbesserung. […] Ich war quasi ein Paradebeispiel eines Menschen, der dringend eine „Lehre von der Sünde“ brauchte. Und dann geschah es. Ich heiratete und wurde zu jemandem, der die Schuld auf andere schiebt. […] Ich sehe natürlich die Ursache dafür, warum ich immer zur Schuldzuweisung neige, in meiner Verwandschaft: Adam hat doch damit angefangen. „Ja, Herr, es liegt an dieser Frau die Du mir gegeben hast“ (frei zitiert nach 1. Mose 3, 12). […] Solche Gedanken werfen uns – wie schon Adam vor langer Zeit – in die Kloake der Selbstrechtfertigung. Wenn wir versuchen uns zu rechtfertigen, dann leugnen wir unsere Schuld gegenüber Gott. Aber das ist vergeblich. Die Schuld auf andere zu schieben, wird manche Menschen eine Zeit lang täuschen können, Gott jedoch wird es nie täuschen. Schuld abschieben bedeutet, dass ich davon ausgehe, dass mein Ehepartner beziehungsweise die Ehepartnerin die Konflikte verursacht (denn die einzige Ursache ist Sünde). Ich schiebe die Schuld also auf einen anderen, obwohl ich von der Bibel her weiß, dass ich schuld bin. Und trotzdem will ich jemand anderen davon überzeugen, dass ich es nicht bin. […] Dich deinem Ehepartner zu schenken, war eine strategische Entcheidung eines weisen und dich liebenden Gottes. Er, beziehungsweise Sie, wurde von Ihm für dich ausgewählt. Dein Ehepartner ist ein wesentlicher Bestandteil des Rettungsplanes, den Gott für dich bereitet hat.“

Harvey sagt, das die Ehepartner häufig die Rolle spielen, sich gegenseitig zu erhitzen sodass der Gegenüber aufgebracht wird und die Sünde seines Herzens offenbar wird durch den Zorn, Ärger usw., der dann hervorbricht. Wenn wir weise und klug sind, werden wir jedoch erkennen, dass Gott dahintersteckt. Er sendet Menschen und Umstände, die dafür sorgen, dass uns unser innerer Zustand bekannt wird, damit die Sünde durch Gnade und Veränderung überwunden werden kann.

4. Vierter Gang: Schau auf die Gnade, nicht auf unerfüllte Bedürfnisse

Wenn man Ehe-Experten fragt, so ist der häufigste Grund für Eheprobleme, dass der Ehepartner einem nicht das gibt, was man braucht.

„Im 21. Jahrhundert werden wird die Ehe als Antwort der Natur auf unsere emotionalen Defizite angepriesen. Leider plappert die Kirche diese Dogma nur allzu oft nach, lediglich in einer christlichen Version.“

Nach biblischen Aussagen sind es aber nicht die unerfüllten Bedürfnisse. Harvey weist uns darauf hin, dass laut Jakobus die unbefriedigten Lüste das Problem sind:

„Woher kommen die Kämpfe und die Streitigkeiten unter euch? Kommen sie nicht von den Lüsten, die in euren Gliedern streiten? Ihr seid begehrlich und habt es nicht, ihr mordet und neidet und könnt es doch nicht erlangen; ihr streitet und kämpft, doch ihr habt es nicht, weil ihr nicht bittet.

(Jakobus 4,1-2)“

Unsere letzte Auseinandersetzungen wurde also nicht durch unerfüllte Bedürfnisse verursacht, sondern von Begierden und Leidenschaften, die in uns toben. Harvey erwähnt, dass die Bibel zwar legitime Bedürfnisse kennt, sie aber auch Leidenschaft und Lust nennt, wenn ich sie sündhaft durchsetzen will.

„Wenn mein Verlangen so stark ist, dass ich nach Erfüllung meiner Bedürfnisse quengele, dann ist die Sünde bereits offenbar. Dann liegt das Problem ganz bei mir. Der Umstand, dass meine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, erhitzt meinen „Motor“, und es kommt Böses heraus.
In wenigen Sätzen verschiebt Jakobus gekonnt unser gesamtes Denkmuster von etwas, das uns fehlt (ein unerfülltes Bedürfnis), auf etwas, das wir tun (etwas leidenschaftlich begehren, das wir nicht bekommen). Unter der Oberfläche unserer unerfüllten Bedürfnisse schlummern Ansprüche, auf die wir pochen. Auf diese Art ist Gott nicht bereit, unsere Bedürfnisse zu stillen. Wir „begehren und haben nicht“.“

Harvey legt unser Augenmerk darauf, dass die Sünde im Herzen schon immer vorhanden ist. Ich bin es nicht, der die Sünde in meinem Ehepartner verursacht. Ich kann durch meine Worte oder mein Verhalten meinen Ehepartner wohl dazu bringen in einen Konflikt mit mir zu treten oder einen bereits bestehenden eskalieren zu lassen. Aber die Sünde, die aus dem Herzen des Ehepartners hervorbricht, war schon immer dort.

„Bedürfnisse sind nichts Falsches, wir alle haben sie. Sie existieren um uns täglich daran zu erinnern, dass wir als abhängige Wesen geschaffen wurden, die Gott und Seine Versorgung für ihr Leben unbedingt brauchen. Aber für eine gesunde Ehe ist es grundlegend wichtig, zwischen echten Bedürfnissen und Lüsten, die von einer geniesserischen Kultur erschaffen wurden, zu unterscheiden. […] Es ist nichts Falsches daran, angebrachte Dinge wie Respekt oder Zuneigung von unserem Ehepartner zu erwarten. Aber es ist sehr verführerisch, seine Ansprüche dadurch zu rechtfertigen, dass man sie als Notwendigkeiten betrachtet, und dann den anderen bestraft, wenn diese nicht erfüllt werden. Eine Ehe, die auf Bedürfnissen aufbaut, zeugt nicht von Gottes Herrlichkeit; sie konzentriert sich auf persönliche Ansprüche, die gegenseitig um die Vormachtstellung kämpfen. Zwei Menschen, die damit beschäftigt sind, einander zu manipulieren, um so die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, können ihre Ehe leicht auf die Straße der „unüberbrückbaren Differenzen“ manövrieren. Dies ist die von unserer Kultur entwickelte Sprachregelung. Sie drückt aus, dass eine Ehe nicht länger das Gewicht der Forderungen, die als Notwendigkeiten verstanden werden, ertragen kann.“

Die Strecke der unerfüllten Bedürfnisse führt ins Niergendwo. Es ist ein einsamer Streckeabschnitt der nur noch zu mehr von mir führt, schlimmer als eine Sackgasse denn es ist ein Kreis, der niemals endet.

„Aber Sünder, die dich das Ja-Wort geben, fahren auf einer anderen Straße. Es ist die Straße erstaunlicher, unverdienter Gnade – Gnade, die deshalb so bemerkenswert ist, weil sie uns zuerst das Problem vor Augen führt und dann die Lösung bietet. Bist du schon einmal eine landwirtschaftlich so schöne Straße entlanggefahren, dass du kaum aufhören konntest, städig den Kopf von einem schönen Anblick zum nächsten zu drehen? So ist die Straße unverdienter Gnade. Sie ist so schön, weil all unsere waren Bedürfnisse auf atemberaubende Weise von Jesus erfüllt werden. Aber es ist eine Straße voller Überraschungen, weil wir sie im Bewusstsein unserer Sünde und im Licht des Kreuzes entlangfahren.
Also Anschnallen und den Gang einlegen!“

VD: DB

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