Das Predigeramt aus Sicht eines Puritaners (4): Die Beschaffenheit der Aufsicht über die Herde

In den vorangegangenen zwei Kapiteln ist Baxter zuerst auf den Satz „Habt Acht auf euch selbst“ eingegangen. Es war ihm ein wichtiges Anliegen, dass die Prediger zuerst über ihren eigenen Zustand und das, was sie für ihre eigene Seele tun müssen, nachdenken, bevor überhaupt überlegt werden kann, was für den Nächsten/die Gemeinde getan werden muss. Ansonsten kommt es zu dem Problem, dass das, was sie öffentlich verkündigen, durch ihr Verhalten wieder in Zweifel gezogen wird.

„So kommt es, dass sie als Prediger einen Weg vorgeben, der viel zu unwegsam für die Herde ist.“

In dem zweiten Teil, „Die Aufsicht über die Herde“, geht er in dem ersten Kapitel auf die Beschaffenheit dieser Aufsicht ein. Zuerst geht er auf zwei Bemerkungen ein, die in dem Text (Apg. 20,28) vorausgesetzt werden. Hier wird vorausgesetzt, dass 1) „jede Herde ihren eigenen Hirten und jeder Pastor seine eigene Herde“ haben soll und 2) dass die Herden nicht zu groß sein dürfen, damit die Aufsicht über sie möglich ist. Nach diesen Vorbemerkungen geht er darauf ein, was es heißt, „Acht zu haben auf die ganze Herde“.

Es bedeutet, dass wir, da ja von der „ganzen“ Herde die Rede ist, einen jeden einzelnen in unserer Gemeinde kennen sollten, damit wir recht Fürsorge für ihn tragen können. Dieses lehrt die Bibel, dieses ist auch die Praxis der alten Kirche gewesen. Ignatius sagte dazu:

„Lasst die Gemeinde oft zusammenkommen; fragt nach jedem namentlich; verachtet auch die Knechte und Mägde nicht.“

Eine große Gemeinde darf nicht als Entschuldigung dienen, dass man nicht alle seine Mitglieder namentlich kennt oder einzeln auf sie Acht haben könne. Wenn dem so ist, solle man sich eher einen Gehilfen „leisten“ und bereit sein, um der Gemeinde willen in Armut zu leben. Baxter argumentiert:

„Ich weiß wohl, es mag einigen hart scheinen, was ich jetzt sage, aber für mich ist es eine unzweifelhafte Sache, dass du, wenn du auch nur 100 Pfund jährlich hast, eher verpflichtet bist, nur von einem Teil dieser Summe zu leben und das Übrige einem tüchtigen Gehilfen zu geben, als dass du die Herde, über welche du gesetzt bist, vernachlässigen dürftest.“

Acht zu haben auf die ganze Herde heißt aber auch, dass man nicht nur jeden Einzelnen in der Herde kennt, sondern auch einzelne Gruppen in derselben. Hier geht Baxter auf sechs Gruppen ein, von denen ich zwei erwähnen möchte.

Das wären als erstes die Unbekehrten. Baxter macht deutlich, dass das Werk der Bekehrung das „große Ziel, auf welches alle unsere Bemühungen gerichtet sein müssen“ ist, mit dem wir „uns ganz vorrangig“ beschäftigen müssen. Er zeigt einen entscheidenden Unterschied zwischen wahrhaft bekehrten und Unbekehrten auf:

„Wenn ein wahrhaft bekehrter Sünder fällt, ist es doch meist nur in eine Sünde, die ihm vergeben wird, und er steht nicht in Gefahr der Verdammnis. Nicht als ob seine Sünden Gott nicht eben so sehr ein Gräuel wären, oder dass er ihn trotzdem in den Himmel brächte, auch wenn er ein übles Leben führt; aber der ihm geschenkte heilige Geist wird nicht zulassen, dass er gottlos lebt, oder ebenso sündige, wie die Unbekehrten. Ganz anders ist es mit diesen. Sie sind noch tot in Übertretungen und haben keinen Anteil an der Vergebung der Sünden und der Hoffnung der Herrlichkeit.“

Ein Mensch der im Sterben liegt erregt mehr Mitleid und unsere Bereitschaft zu helfen als einer der Zahnschmerzen hat. Baxter betont, dass auch gerade in den Predigten immer zu den Sündern gesprochen werden muss.

„Welcher Mensch kann es doch wohl übers Herz bringen, vor einer Versammlung von unwissenden, fleischlich gesinnten Sündern , die, wenn sie sich nicht bekehren, in die Verdammnis fahren, von kontroversen oder subtilen Untersuchungen , oder selbst Wahrheiten von geringerer Wichtigkeit zu predigen? Mir ist, als sähe ich sie schon in das Elend ohne Ende hinübergehen. (…) Ihr Elend redet umso lauter, weil sie kein Herz haben, das selbst um Hilfe bittet.“

 Baxter appelliert auch an das Fingerspitzengefühl der Prediger, dass sie die Aufgabe haben, die Leute zur Selbstprüfung zu bringen und den Sünder auf seine Sünde hinzuweisen und ihm nicht den Anschein geben, dass er gerecht sei (Spr. 24, 24). Baxter führt an, dass Menschen verloren gehen weil sie Christus verachten und oft verachten sie ihn, weil sie sich fest einbilden, dass sie schon Anteil an ihm und seiner Erlösung haben, obwohl sie nicht wiedergeboren sind.

„Wie kam es denn aber, dass sie in einer solchen Unwissenheit verharrten, sogar bis es zu spät war? Weil sie Lehrer hatten, die sie fern hielten von der wahren evangelischen Erkenntnis und sie weder öffentlich, noch einzeln von ihrem elenden Zustand und der Notwendigkeit eines Heilandes überzeugten!“

Eine andere wichtige Gruppe, die ganz besondere Aufmerksamkeit bekommen sollte, sind die Familien. Ein Ältester sollte darauf Acht haben, wie es in den Familien zu geht und darauf Acht haben, dass die Familienverhältnisse geordnet sind und jeder darin seine Pflicht tue. Das christliche Leben, die Wohlfahrt und Blüte von Kirche und Staat, die Wirksamkeit der Bemühungen zur Erneuerung der Gemeinde – all das hängt in hohem Grade vom Hausregiment und von den Familienhäuptern ab. Das Familienhaupt – also der Mann und Vater – ist, wenn er seinen Pflichten nachgeht, eine Unterstützung für die Ältesten/Prediger.

„Wenn in einer Seele ein gutes Werk anfängt, wie leicht kann ein leichtsinniges, gebetloses, weltliches Familienleben es wieder zerstören oder es doch sehr aufhalten! Tun aber die Hausväter ihre Pflicht und nehmen das Werk da wieder auf, wo wir aufgehört haben und führen es weiter, wie viel Gutes kann da geschehen! Darum bitte ich euch, wenn ihr euch nach der Erneuerung und nach dem Aufblühen eurer Gemeinde sehnt, so tut alles, was ihr könnt, um das Christentum in den Familien zu fördern.“

Baxter rät z.B., dass man sich erkundigen soll, wie es in jeder Familie steht, sie gelegentlich zu besuchen und dem Hausvater seine Pflichten vor zu halten und die Wichtigkeit des persönlichen Gebets zu unterstreichen. Außerdem soll dafür gesorgt werden, dass sich neben der Bibel noch andere gute Bücher im Haus befinden, die dann abends nach der Arbeit, besonders aber sonntags gelesen werden sollen. Kann die Familie nicht für solche Bücher aufkommen, soll der Älteste dafür aufkommen oder zumindest dafür sorgen, dass die Familie solche Bücher bekommt.

Zudem soll den Familien eine Anweisung gegeben werden, wie der Sonntag verbracht werden soll- sich aller Arbeit entledigen und nach dem Kirchenbesuch die Zeit mit der Familie verbringen. Ein interessanter Vorschlag von Baxter für den Sonntag:

„Ermahnt ferner jeden Hausvater, dass er sonntagabends seine Kinder und Dienstboten den Katechismus aufsagen und sich erzählen lasse, was sie den Tag über in der Kirche gehört haben.“

Zuletzt betont Baxter nochmal die Wichtigkeit gesunder Familien in der Gemeinde:

„Wenn der Zustand der Familien sich nicht wesentlich ändert, wird sich auch der Zustand eurer Gemeinden nicht wesentlich ändern.“

 (Die anderen Gruppen auf die Baxter eingeht sind 2) die Suchenden 3) die Förderung der wahrhaft Bekehrten (hier unterteilt er in Junge und Schwache; Christen mit einem bestimmten Problem; Christen, die dabei sind abzufallen; und die Starken) 5) die Kranken 6) diejenigen, die ein anstößiges oder unbußfertiges Leben führen, ihre Sünden vorzuhalten)

Aus der letzten Gruppe folgt dann auch der 7. Punkt, den Baxter anführt, der keine Gruppe mehr darstellt, aber der unerlässlich für die Leitung der ganzen Herde ist: Die Kirchenzucht.

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