Und dennoch bleibe ich stets bei dir…

Wenn man mit Gläubigen über die Zuversicht in Christus, die Heilssichherheit und die tröstende Tatsache, das nichts und niemand uns aus Gottes Hand reißen kann, spricht, hört man oft folgende Aussage: „Ja, Christus wird uns durchtragen -> wenn wir uns an ihm festhalten!“ – so oder so ähnlich hört man es dann.

Ich will die Tatsache, dass der Gläubige in der Schrift sehr klar zum Bleiben (=Ausharren) aufgefordert wird (z.B. Kol. 1,23), nicht abschwächen – doch auf welcher Basis geschieht dieses Ausharren? Bei der oben erwähnten Aussage wird impliziert, dass Jesus von unserem Durchhaltevermögen abhängig wäre. Es ist fast so, als ob man Christus nicht zutraut, uns vollständig zu erretten, sondern wir – und wenn es das berühmte eine Prozent ist – etwas dazu beitragen müssen und man Angst davor hat, diese Zuversicht in Christus auszusprechen – und noch schwerwiegender: Darin zu ruhen und sich in Christus vollständig geborgen wissen. Natürlich würden sie es so nie audrücken, doch sagen sie im Umkehrschluss genau das.

Auf unserem Weg mit Jesus, dem großen Hirten, ist es nun mal oft so, dass wir seine Wege nicht immer verstehen und als sündige Menschen immer wieder daran zweifeln, dass alles was uns begegnet und wie er uns führt, wirklich allein „Güte und Gnade“ ist, wie es David in Psalm 23,6 beschreibt. Ich glaube dass hierin letzlich der Grund für unsere Zweifel, unsere Ängste und auch unsere sündige Taten liegen: Wir glauben nicht, dass Jesus uns auf Wegen reiner Güte und Gnade führt und wir in ihm alles haben was wir brauchen – stattdessen glauben wir, dass es „neben diesem Weg“ etwas gibt, was er uns vorenthalten würde.

In so eine Situation können wir auch den Psalm 73 einordnen: Asaph, der daran zweifelt, dass Gott es gut mit ihm meint, als er das (vermeintliche) Wohlergehen der Gottlosen sieht und sich fragt, ob es sich überhaupt lohnt, sein Leben Gott zu unterstellen. Seine Gedankenspiele darüber treiben ihn dahin, das er „fast gestrauchelt wäre“ (Vers 2) – bis Gott ihm deutlich macht, was das Ende des Gottlosen ist (V. 18-20). Und jetzt könnte man meinen, dass Asaph sich nun zusammenreißt und sich sagt: „Gut, dann halte ich mich eben weiter an Gott fest, es lohnt sich ja doch -> auch wenn es nicht so einfach ist, bleibe ich dennoch bei dir! Doch es ist erstaunlich – und einfach herrlich – wie Asaph rückblickend seine Situation beschreibt:

Als mein Herz verbittert war und ich in meinen Nieren das Stechen fühlte, da war ich töricht und verstand nichts; ich verhielt mich wie ein Vieh gegen dich.
Und dennoch bleibe ich stets bei dir; du hältst mich bei meiner rechten Hand.
Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich danach in Herrlichkeit auf!
Asaph stellt hier zwei Dinge fest – und diese zwei Tatsachen haben für den neutestamentlichen Gläubigen nichts an Gültigkeit verloren:
1) Auch der Gläubige widerstrebt Gott immer wieder.
Aasph ordnet rückblickend sein Verhalten als ein widerspenstiges Verhalten Gott gegenüber ein. Wie ich schon am Anfang sagte, wir sind immer noch sündige Menschen und als solche zweifeln wir immer wieder an Gott und widerstreben ihm. Asaph wird in seiner Beschreibung sehr drastisch, er sagt, dass er sich wie ein Vieh (das unverständig und ungezähmt ist) verhalten hat.
Immer wieder widerstreben wir Gott durch unsere Zweifel (wenn z.B. ein geliebter Mensch schwer krank wird oder stirbt) oder wie Asaph, wenn wir uns fragen, ob es sich überhaupt lohnt mit Gott zu leben oder indem wir unseren „Lieblingssünden“ fröhnen – jeder wird in seinem Leben Bereiche finden, indem er rückblickend genau wie Asaph sagen muss, dass er sich Gott gegenüber wie ein Tier verhalten hat. Wir halten uns längst nicht immer an Gott fest, sondern widerstreben ihm. Doch Asaph bleibt hier nicht stehen, sondern tröstet uns mit einer zweiten Tatsache:
2) Der Gläubige wird „dennoch“ von Gott gehalten.
Asaph gibt hier der bewahrenden Gnade Gottes ein wunderbares Zeugnis. Der Grund dafür, dass er stets bei Gott bleibt, liegt eben nicht darin, dass er sich so kramphaft festhält, weil er eben so stark und treu ist (wie wir gesehen haben ist das Gegenteil der Fall), sondern das Bleiben in Gott resultiert daher, dass Gott ihn bei seiner „rechten Hand“ (eine Beschreibung, dass Gott den Menschen vollständig umklammert hat) hält – und all sein dummes verbittertes, törichtes und sündiges Handeln macht das nicht rückgängig, sondern Gott leitet ihn nach seinem Rat, um ihn danach bei sich in der Herrlichkeit aufzunehmen.
Und dieses ist wirklich eine herrliche und befreiende und auch anspornende Tatsache, denn wenn wir den Psalm dann zu Ende lesen, sehen wir, wie Aspah auf dieser Grundlage sagen kann, dass er nichts außer Gott begehrt und Gott sein Glück ist, dessen Nähe er sucht und dessen Werke er verkünden will -> weil dieser Gott eben ewiglich seines Herzens Fels und Teil bleibt. Wer das begriffen hat, der kann auch all die verwirrenden Umstände richtig einordnen und den Versuchungen zur Sünde widerstehen.
Und das macht eine ganz andere Qualität von Nachfolge möglich, nämlich keine Nachfolge mehr, in der wir den Blick auf uns gerichtet haben und uns selbst Druck machen, sondern eine Nachfolge, in der wir den Blick allein auf Gott gerichtet haben und ihn mit einem befreiten Herzen durch unser Leben ehren.
Jesus, der Hirte und Hüter unserer Seele (1. Petr. 2,25), derjenigen, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist (Math. 28,19), dessen Hand für uns durchbohrt wurde, hat es in Johannes 10,28.29 selbst so wunderbar gesagt:
und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reißen.
Auf dieser Basis wird unser Ausharren erst ermöglicht -> wir bleiben, weil er uns selbst bei sich hält!
Karl Bernhard Garve hat in einem seiner Lieder (welches mein absolutes Lieblingslied ist) diese herrliche Zuversicht – ich bin geneigt zu sagen, dass es in keinem Lied besser beschrieben wurde, aber dazu müsste ich alle Lieder kennen 😉 – so unglaublich wunderbar beschrieben:

Eine Antwort auf „Und dennoch bleibe ich stets bei dir…“

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