Christus allein

Führt die Umsetzung von Sola Scriptura zur Abkehr von der Schrift? Eine Stellungnahme zum Artikel von Eduard Freitag in „Dem Lamme nach“

Einleitung

Dieser Beitrag enthält eine Stellungnahme zum Artikel Die Bibel als Grundlage unserer Entscheidungen, Teil 1 von Eduard Freitag (Hinweise: a. Die Stellungnahme steht hier auch als PDF zur Verfügung; b. Vor der Veröffentlichung habe ich mit Eduard Freitag telefoniert, die Stellungnahme liegt ihm ebenfalls vor). Der Artikel erschien in der Zeitschrift Dem Lamme nach, Ausgabe 3/2017, S. 41-45. Die Zeitschrift wird von der Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland (BCD) quartalsweise herausgegeben. Die BCD ist die größte Vereinigung von russlanddeutschen Gemeinden in Deutschland. Die Gemeinden gehen vor allem auf die Mennoniten-Brüdergemeinde zurück, sind aber auch von den russischen Baptisten und Evangeliumschristen geprägt.

Ich weise gerne darauf hin, dass meine geistlichen Wurzeln in einer Gemeinde der BCD liegen. Ich bin dankbar für die Liebe zum Wort Gottes und für die vorbildliche Hingabe vieler Geschwister, die ich dort sehen und lernen konnte. Ich bin auch dankbar, dass die Gemeinden der BCD sich zur Irrtumslosigkeit der Schrift bekennen. Der Artikel von Freitag und die folgende Stellungnahme sind Ausdruck des Ringens um das richtige Verständnis von Grundwahrheiten, die den Kern des Evangeliums ausmachen. Dazu gehört auch das Prinzip „Allein die Schrift“ (Sola Scriptura), um das es in dem Artikel von Freitag geht. Das Ringen um das richtige Verständnis dieser Grundwahrheiten ist notwendig, weil das Abirren vom Evangelium zu Gemeindespaltungen und Heuchelei führt, wie der Galaterbrief deutlich zeigt. Der Galaterbrief zeigt außerdem, dass durch ein anderes Evangelium die Freude in Christus geraubt und die Frucht des Geistes durch Werke des Fleisches verdrängt wird. Diese Stellungnahme ist also letztlich seelsorgerlich motiviert.

Zusammenfassung des Artikels von Eduard Freitag

Freitag schreibt den Artikel mit der Absicht, die Frage zu klären, wie die Bibel Grundlage aller unserer

Entscheidungen sein kann. Dabei möchte er in erster Linie die Bedeutung der Aussage, „nur nach der Schrift leben zu wollen“, klären. Er macht aber deutlich, dass diese Aussage seines Erachtens „in den Gemeinden zunehmend Nöte“ bereitet, denn er befürchtet eine „falsche Anwendung“. Er unterstreicht seine Sorge mit dem Verweis auf ein verlobtes Paar, das bereits vor der Hochzeit gemeinsam in den Urlaub fuhr und damit begründete, dass „es kein direktes Gotteswort dafür gibt“. Er geht in seiner Einführung weiterhin auf 1. Korinther 4,6 ein. Er beobachtet eine falsche Anwendung des Verses, wenn aus der Aussage „nicht über das hinauszugehen, was geschrieben steht“ abgeleitet wird, dass „alles, was nicht direkt in der Bibel steht, ein ‚Über-die-Schrift-Hinausgehen’ sei“. Er versucht, das aus diesem Vers genommene Argument zu entkräften, indem er auf den Kontext des Verses hinweist. Er betont, dass Paulus in diesem Vers vor allem hervorhebt, „dass wir nicht hoch von uns halten“ sollen.

Nach der Einführung geht er im ersten Abschnitt auf die „Bibel als Grundlage unseres Glaubens“ ein. Er legt, vor allem unter Verweis auf 2. Petrus 1,20-21 und 2. Timotheus 3,16, Wert auf die Verbalinspiration und die damit einhergehende Autorität der Bibel für alle Fragen des Lebens. Er kritisiert unter Bezug auf 2. Timotheus 3,16, dass diejenigen, die behaupten, „nur nach der Schrift leben zu wollen“, die Bibel nur zur Belehrung, aber nicht zur „Überführung, Zurechtweisung und Erziehung“ verwenden. Vor allem aber beobachtet er infolgedessen bei diesen Personen und Gemeinden, dass sie „biblisch begründete Handlungsweisen aufgeben“. Als Beispiele führt er u.a. das Aufgeben der Ordnung, „eine Kopfbedeckung zu tragen“, „unbiblische Musik“ sowie „eine Kleiderart, die nicht ins Bethaus gehört“, an. So gelangt er zur zentralen Schlussfolgerung des Artikels: „Die Absicht ‚Sola Scriptura’ ist gut, aber die Umsetzung bewirkt […] eine Abkehr von der Schrift.“. Zur Unterstreichung dieses Gedankenganges verweist er auf Martin Luther. Er sieht seine Feststellung bei Luther bestätigt, weil er bei ihm „eine ganze Reihe unbiblischer Lehren“ beobachtet.

Im zweiten Abschnitt geht der Autor auf „Gottes Offenbarungen seines Willens durch die Schrift ein“. Er führt sechs Wege an, auf denen Gott seinen Willen offenbart: (1) Durch das direkte Wort, vor allem in konkreten Aufforderungen wie z.B. in den 10 Geboten. (2) Durch „das Wesen einer Sache“, um „auch aktuelle Fragen bibeltreu zu beantworten“. Als Beispiel führt er z.B. die „Stellung zum Geld und Besitz“ an. (3) Durch „Gottes Wesen“, weil z.B. Gottes Heiligkeit es „für ein Kind Gottes ein natürliches Bedürfnis sein [lässt], sich von dieser Welt abzusondern und so weit wie nur irgend möglich dem Herrn zu gefallen.“ Er betont in diesem Zuge, begründet durch eine „Wortstudie“ („besser“, „beste“), dass man „als Nachfolger Jesu immer bereit sein [wird], nach vollkommeneren, nach besseren Maßstäben zu trachten“. (4) Durch „biblische Beispiele oder Geschichten“. (5) Durch den Heiligen Geist sowie (6) durch die „Lehrer der Gemeinde“.

Stellungnahme

Wenn gleich zu Beginn des Artikels bemerkt wird, dass das Bemühen um die Verwirklichung von Sola Scriptura zu „Nöten“ in der Gemeinde führt, offenbart es dem Leser die Stoßrichtung des Artikels und führt ihn – vielleicht unbewusst – dazu, gleich zu Beginn des Artikels der These des Autors zuzustimmen. Wer will schließlich, dass die eigene Gemeinde „Nöte“ hat? Niemand, oder? Dabei kann übersehen werden, dass z.B. die Paulusbriefe die Gemeinden regelmäßig in „Nöte“ brachten. Die Frage ist ja vielmehr, ob diese „Nöte“ biblisch begründet sind oder nicht. Im Artikel wird jedoch eine böse Absicht unterstellt, wenn man „mit manchen Dingen in der Gemeinde nicht einverstanden“ ist und die „Aufhebung der bisherigen gemeindlichen Linie“ sucht. Aber wieder ist zu fragen: Steht wirklich zwingend eine böse Absicht dahinter, wenn bestimmte Gemeindeordnungen hinterfragt werden? Ein Blick auf die „Väter“, auf die man sich in der BCD immer wieder beruft, kann helfen: Stand eine böse Absicht dahinter, als die Mennoniten-Brüder sich entschieden, die bisherige Lehre und Gemeindeordnung der Mennoniten (z.B. in Bezug auf die Taufpraxis) zu hinterfragen und dann auch zu ändern? Stand eine böse Absicht dahinter, als die Ordnung der Mennoniten-Brüder in Bezug auf die Fußwaschung von immer mehr Gemeinden hinterfragt und schließlich verändert wurde, sodass sie nicht länger praktiziert werden musste? Die Fußwaschung gehörte schließlich über viele Jahre zu einer der grundlegenden Ordnungen der Mennoniten und Mennoniten-Brüder, sie ist vergleichbar mit der Bedeutung der Lehre zur Wehrlosigkeit und zum Eid bei diesen Gruppen. Oder, um ein aktuelles Beispiel anzuführen: Handelten die Gemeinden der BCD gegen die Schrift, als sie vor einigen Jahren das Internetverbot in den Gemeinden hinterfragten und später vielfach aufhoben? Keinesfalls! So wäre auch an dieser Stelle zumindest Vorsicht vor einem vorschnellen Urteil angebracht.

Zur Unterstreichung der Kritik wird in der Einführung das Beispiel eines verlobten Paares angeführt, das bereits vor der Hochzeit gemeinsam in den Urlaub fuhr und dies damit begründete, dass „es kein direktes Gotteswort […] gibt“. Dieses Beispiel spiegelt jedoch nicht wieder, um was es bei dieser Frage geht:

  1. Meistens geht es um belanglosere Dinge, z.B. ob man sich einen Videoclip ansehen und produzieren darf, ob eine Frau auf ihrem Arbeitsplatz Hosen tragen darf und wie lang der von Frauen getragene Rock mindestens sein sollte. Ähnliche Fragen wurden und werden in den meisten Gemeinden der BCD diskutiert. Das Beispiel mit dem verlobten Paar weckt stattdessen den Eindruck, dass diejenigen, die auf die Umsetzung von Sola Scriptura pochen, der biblischen Ethik selbst in grundlegenden Fragen sehr schnell den Rücken kehren. So nach dem Motto: „Erst ruft man laut ‚Allein die Schrift’, dann fahren Verlobte gemeinsam in den Urlaub und schließlich schläft man bereits vor der Ehe miteinander“. Nicht das der Autor auf diese Schlussfolgerung zielt – aber das Beispiel verleitet zu dieser Bewertung.
  2. Das Beispiel zeigt, dass das Prinzip von Sola Scriptura falsch verstanden wird. Unter Bezugnahme auf 1. Korinther 4,6 wird behauptet, dass die Aussage „nicht über das hinauszugehen, was geschrieben steht“, so verstanden wird, dass „alles, was nicht direkt in der Bibel steht, ein ‚Über-die-Schrift-Hinausgehen’ sei“. Sola Scriptura jedoch besagt, dass die Bibel die höchste – aber nicht die einzige (!) – Autorität ist. Neben der Bibel dienen auch die Vernunft, die Tradition der Väter sowie die Erfahrung als Erkenntnisquellen. Sie sind ebenfalls gute Gaben Gottes. Aber: Sie versagen darin, die ultimative Quelle der Erkenntnis zu sein und müssen sich letztlich an der Schrift messen lassen. Wenn man nämlich den Gedankengang auf die Spitze treibt, könnten diejenigen, die sich auf Sola Scriptura berufen, nicht einmal etwas gegen vorehelichen Geschlechtsverkehr einwenden. Schließlich gibt es kein direktes Bibelwort dagegen. Aber das ist ein falsches Verständnis von Sola Scriptura. Selbstverständlich lässt sich durch den Gebrauch unserer Vernunft mit sorgfältiger Bibelauslegung begründen, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr Sünde ist.[1] Genauso ließe sich durch den Verweis auf die Tradition und die Erfahrung der Schluss ziehen, dass ein verlobtes Paar nicht gemeinsam in den Urlaub fahren sollte. Aber: Jedes Mal wäre dabei eben auch zu fragen, ob das jeweilige Urteil sich wirklich im Ratschluss der gesamten Schrift begründen lässt. Allein die Schrift darf schließlich die ultimative Quelle der Erkenntnis sein![2]

Weiterhin wird im Artikel der Versuch unternommen, das aus 1. Korinther 4,6 abgeleitete Prinzip abzuschwächen, indem betont wird, dass der Kontext des Verses vor allem hervorhebt, „dass wir nicht hoch von uns halten“ sollen. Damit wird dem Leser – vielleicht unbewusst – der Eindruck vermittelt, dass die Begründung von Sola Scriptura anhand dieses Verses einer Auslegung entspringt, die den Kontext unbeachtet lässt. Der Beobachtung, dass Paulus den Korinthern vermitteln möchte, sich nicht zugunsten des einen und zum Nachteil des anderen wichtig zu machen, ist sicher zuzustimmen. Allerdings begründet Paulus diese Empfehlung eben mit dem Hinweis, nicht über das hinauszugehen, was in der Schrift steht. Das ist keine Aussage, die er nur nebenbei macht. Er zeigt sich mit der Haltung, nicht über die Schrift hinauszugehen, als Vorbild für die Gemeinde und wendet dies auf die konkrete Situation an. Sein Vorbild begründet er dabei sorgfältig, weil seine ganze Argumentation im Brief auf Zitate aus der Schrift aufbaut. Bis zu dieser Stelle finden sich im Brief bereits fünf Zitate aus dem Alten Testament, auf deren Grundlage Paulus Schlussfolgerungen für die Situation der Korinther zieht.[3] Deshalb kann er nun an dieser Stelle auch dieses allgemeingültige Prinzip anführen, nicht über die Schrift hinauszugehen. Der Versuch, das Argument für das Schriftprinzip mit dem Verweis auf den Kontext zu entkräften, reduziert die Aussage an einem entscheidenden Punkt.

Zur Unterstreichung der kritischen Sicht des Prinzips bzw. der Umsetzung des Prinzips wird im Artikel auch auf Martin Luther hingewiesen. Der Autor sieht seine Schlussfolgerung bei Luther bestätigt, weil er bei ihm „eine ganze Reihe unbiblischer Lehren“ beobachtet. Das mag richtig sein. Aber deshalb ist das Prinzip ja nicht falsch. Auch bei den Täufern finden sich schließlich falsche Lehren. Aber ist deshalb alles, was die Täufer erkannt haben, falsch? Natürlich nicht.

Der Verweis von Freitag auf 2. Petrus 1,20-21 und 2. Timotheus 3,16 zur Verteidigung der Verbalinspiration im ersten Hauptabschnitt („Die Bibel als Grundlage unseres Glaubens“) ist zu begrüßen. Dem aus diesen Bibelstellen abgeleiteten Anspruch, dass die Bibel Autorität für alle Fragen des Lebens hat, ist zuzustimmen. Wenn jedoch unter Bezug auf 2. Timotheus 3,16 kritisiert wird, dass diejenigen, die behaupten, „nur nach der Schrift leben zu wollen“, die Bibel nur zur Belehrung, aber nicht zur „Überführung, Zurechtweisung und Erziehung“ verwenden wollen, wird allen Kritikern der bestehenden Ordnungen in der Gemeinde pauschal vorgeworfen, die Schrift an entscheidender Stelle nicht ernst zu nehmen und zu verkürzen. Aber soll die Bibel bei den Kritikern der bestehenden Ordnungen wirklich nicht zur Überführung, Zurechtweisung und Erziehung nützlich sein? Soll die Schrift bei ihnen nicht mehr länger als Leitlinie des alltäglichen Lebens, der Seelsorge und Gemeindezucht gebraucht werden? Wie sollte überhaupt jemand, der auf das Prinzip „Allein die Schrift“ beharrt, plötzlich einen zentralen Vers wie 2. Timotheus 3,16 kürzen wollen? Man würde sich selbst der Grundlage berauben. Wenn die Kritiker der bestehenden Gemeindeordnungen auf die Lehre hinweisen, dann geschieht dies stattdessen eher mit der Begründung, dass sie die Gemeinde dahin führen wollen, Ordnungen aus echter innerer Überzeugung zu praktizieren, d.h. nach der Überführung durch das Wort Gottes! Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Verständnis von 2. Timotheus 3,16, sondern darin, in welchen Fragen die Zurechtweisung und Erziehung erfolgen soll. Im Artikel wird vorausgesetzt, dass diese Dinge fehlen, sobald bestimmte – für russlanddeutsche Gemeinden oft typische – Ordnungen nicht mehr praktiziert werden. Als Beispiele werden u.a. das Aufgeben der Ordnung, „eine Kopfbedeckung zu tragen“, „unbiblische Musik“ sowie „eine Kleiderart, die nicht ins Bethaus gehört“, angeführt. Diese Ordnungen bilden im Artikel die Wasserscheide zwischen Bibeltreue und Verweltlichung. So gelangt Freitag zur zentralen Schlussfolgerung des Artikels: „Die Absicht ‚Sola Scriptura’ ist gut, aber die Umsetzung bewirkt […] eine Abkehr von der Schrift.“ Und: „Die Aussage, nur nach der Bibel leben zu wollen, klingt gut, kann aber bei falscher Anwendung zu einer Verweltlichung des Einzelnen und der ganzen Gemeinde führen.“

In diesem Beitrag geht es nicht darum, die angeführten Ordnungen im Detail zu besprechen. Der Fokus dieser Stellungnahme liegt auf dem Umgang mit der Schrift in dem Artikel:

  • Es wurde bereits auf die verkürzte Auslegung von 1. Korinther 4,6 und auf den ungerechtfertigten Vorwurf im Zusammenhang mit 2. Timotheus 3,16 hingewiesen.
  • Ohne im Detail auf die Auslegung von 1. Korinther 11,1-16 eingehen zu können muss darauf hingewiesen werden, dass die Auslegung nicht so klar ist, wie im Artikel angenommen. Die Passage wird in der Kirchengeschichte und unter den Bibelauslegern, die an der Unfehlbarkeit der Schrift festhalten, d.h. die diese Passage nicht leichtfertig als nur für die Zeit der Korinther abtun, keineswegs einheitlich ausgelegt. Selbst unter den Lehrern der BCD gibt es kein einheitliches Verständnis über diesen Abschnitt. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn der Autor und die BCD von ihrer Auslegung dieser Passage überzeugt sind. Aber ist es nicht gefährlich, wenn man Bibeltreue daran misst, ob man ihrer Auslegung in gerade diesem Abschnitt folgt? Nicht sie sind unfehlbar, sondern die Schrift!

Auch im zweiten Abschnitt („Gottes Offenbarungen seines Willens durch die Schrift“) entstehen kritische Fragen zum Umgang mit der Bibel:

  • Welche Gebote im Alten Testament soll man als direktes Wort Gottes anwenden? Welche nicht? Als Beispiel wird auf die 10 Gebote verwiesen. In der BCD wird aber z.B. auch gerne mit 5. Mose 22,5 als Gebot Gottes in Bezug auf die Kleiderordnung argumentiert. Was aber ist dann z.B. mit dem Gebot in 5. Mose 22,9, wo neben der offensichtlichen Genehmigung des Weinanbaus auch verboten wird, den Weinberg mit zweierlei Samen zu besäen. Versündigt man sich, wenn dieses Gebot nicht beachtet wird? An dieser Stelle geht es nicht darum, die Frage zu beantworten, ob Mose in Vers 5 an Kleidung dachte oder ob man sündigt, wenn im Garten zweierlei Samen gesät werden. Das Ziel ist auch nicht, das Alte Testament in seiner Bedeutsamkeit zu entkräften. Hier soll nur darauf hingewiesen werden, dass der Ansatz, nach direkten Bibelworten zu suchen, viel Spielraum für ein subjektives Herauspicken und Anwenden von Bibelstellen bietet.
    Ähnlich verhält es sich mit dem Hinweis, biblische Beispiele oder Geschichten heranzuziehen, um Prinzipien aus ihnen abzuleiten. Freitag hat vollkommen recht, dass die ganze Schrift uns zur Belehrung usw. gegeben ist, auch die alttestamentlichen Geschichten. Aber die Ausleger haben hier ein sehr großes Feld zu beackern: Welches Prinzip darf übertragen werden? Welches nicht? Warum? In welcher Weise genau? Auch hier bleibt sehr viel Spielraum für eigenwillige Auslegungen.[4]
  • Worauf zielt die Auslegung von 2. Korinther 3,6? Während Paulus in diesem Vers vom Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament bzw. Gesetz und Geist spricht, wird der Vers im Artikel so verstanden, dass man sich nicht sklavisch nur an direkte Bibelworte halten soll. Freitags Ansatz, nicht nur direkte Bibelworte zur Beantwortung aktueller Fragen zu verwenden, sondern nach Prinzipien zu suchen, ist richtig. Aber mit dem Hinweis, die Bibel „als Diener des Geistes“ und nicht als „Diener des Wortes“ auszulegen öffnet man Tür und Tor für alle möglichen Interpretationen, weil Wort und Geist damit gegeneinander ausgespielt werden können. Auch bei dem Hinweis auf den Heiligen Geist als Quelle der Offenbarung des Willens Gottes wird der enge Zusammenhang von Geist und Wort im Artikel nicht hervorgehoben. Wer jedoch an die Inspiration der Schrift glaubt, der kann Wort und Geist nur als ineinander verflochten sehen. Es sollte zu denken geben, dass dieses Argumentationsmuster auch bei liberalen Theologen, die gerne etwas in die Bibel hineinlesen, zu beobachten ist.
  • Statt die Verflechtung von Geist und Wort zu betonen wird argumentiert, dass „die Leitung durch den Heiligen Geist angezweifelt werden“ muss, wenn man sich den Verantwortlichen in der Gemeinde nicht unterordnen möchte. Es ist richtig, dass die Schrift die Mitglieder einer Gemeinde anleitet, sich den Ältesten zu unterordnen. Was aber, wenn die Ältesten über die Schrift hinausgehen? Kann die Schwierigkeit, sich der Gemeindeleitung zu unterordnen, nicht auch durch den Heiligen Geist veranlasst sein? Kann nicht der Heilige Geist durch sein Wort dazu treiben, nicht länger Menschengeboten zu folgen? Wäre nicht vielmehr geboten, durch echtes Ringen darum, was die Schrift sagt, die Autorität der Schrift anzuerkennen anstatt bei den Kritikern „die Leitung durch den Heiligen Geist“ anzuzweifeln? Was ist außerdem gemeint, wenn es im Artikel über die Kritik an den Verantwortlichen heißt: „Es sei denn, sie verstoßen konkret gegen ein Wort Gottes“. Soll man etwa, wenn es gegen die Gemeindeleitung und die bestehenden Ordnungen geht, nur mit direkten Bibelworten argumentieren obwohl vorher doch genau das kritisiert wurde?
  • Wenn im Artikel erklärt wird, dass Gottes Wesen und Handeln uns in ethischen Fragen die Richtung weist, ist das ebenfalls zu begrüßen. Wenn jedoch aus der Heiligkeit Gottes geschlossen wird, dass es „für ein Kind Gottes ein natürliches Bedürfnis sein [wird,] sich von der Welt abzusondern“, scheint es, dass Heiligkeit wieder vor allem an den genannten Ordnungen gemessen wird. Die „Wortstudie“ führt zum Ergebnis, dass man „als Nachfolger Jesu immer bereit sein [wird], nach vollkommeneren, nach besseren Maßstäben zu trachten“. Aber wo soll die Grenze liegen? Wie weit sollte man sich von der Welt absondern? Sollte man sich nicht die Amischen, die ebenfalls von den Mennoniten abstammen, zum Vorbild machen und sich noch weiter zurückziehen? Es wird ohne Begründung vorausgesetzt, dass die angeführten Ordnungen der einzige Maßstab für Heiligkeit sind. Dabei bleibt unbeachtet, dass Christen in der Spannung leben „in der Welt, aber nicht von der Welt“ (Johannes 17,14+17) zu sein. Überhaupt ist bemerkenswert, dass die für das Thema relevanten Bibelstellen nicht angeführt werden. Denn wenn die angeführten Ordnungen zur Wasserscheide zwischen Bibeltreue und Verweltlichung gemacht werden wäre es angebracht, z.B. einige Stellen in 5. Mose über das Abweichen von der Schrift (5. Mose 28,14, ebenso in 4,2 und 13,1), dann aber auch Römer 14-15 und 1. Korinther 8-10 über den Umgang von Starken und Schwachen in der Gemeinde sowie Markus 7 und Kolosser 2,16-23 über die Gefahr von Menschengeboten anzuschneiden. Diese Passagen bieten genug biblischen Stoff, um manche der angeführten Ordnungen – getrieben durch den Heiligen Geist (!) – zu hinterfragen.

Zusammenfassung

Das Anliegen des Artikels, nichts von der Schrift wegzunehmen, ist wertvoll! Aber:

  1. Könnte dabei nicht übersehen werden, dass das Aufgeben von lange für zentral gehaltenen Ordnungen nicht zwingend Ausdruck der Verweltlichung, sondern vielmehr der Treue zum Wort Gottes sein kann (wieder sei beispielhaft an die Fußwaschung bei den „Vätern“ erinnert)?
  2. Könnte es nicht sein, dass die Befürchtung, Sola Scriptura führe dazu, etwas von der Bibel wegzunehmen, daraus resultiert, dass etwas zur Schrift hinzugefügt wird? Deshalb erscheint jede Abweichung von den angeführten Formen oder jeder Kompromiss als ein Verrat an der Bibel. Der Umgang mit der Schrift in dem vorliegenden Artikel legt nahe, dass diese Gefahr unterschätzt wird. Nicht umsonst aber wies Mose das Volk Gottes an, weder zur Rechten noch zur Linken vom Wort Gottes abzuweichen (5. Mose 28,14). Die Gefahr winkt immer von zwei Seiten!

Schluss

Eduard Freitag erwähnt zu Beginn in seinem Artikel, dass ihn das Thema persönlich beschäftigt hat und seine Vorbereitung „mit Fasten und Beten verbunden“ war. Das möchte ich anerkennen. Darum möchte ich aber ebenfalls mit einer persönlichen Bemerkung abschließen. Das Ringen um die Bedeutung von Sola Scriptura vollzog sich in meinem Leben über Jahre. Die Not in den Gemeinden (nicht nur in der BCD), wenn sie zur „Rechten“ oder „Linken“ von der Schrift abweichen, macht mir bis heute zu schaffen. Diese Stellungnahme ist mir wegen meiner Verwurzelung in der BCD nicht leicht gefallen. Es geschah einzig aus der Überzeugung, dass man Gott mehr gehorchen muss als Menschen. Meine Hoffnung und mein Gebet sind daher, dass dieser Beitrag nicht leichtfertig unter dem Stichwort „falsche Gesinnung“ zur Seite gelegt wird, sondern im besten Sinne „Not“ bereitet, indem er uns zur Schrift führt.

[1] Siehe z.B. hier: http://hanniel.ch/2012/07/23/sex-vor-der-ehe-gibt-es-keine-eindeutigen-bibelstellen/

[2] In der Theologie unterscheidet man dabei norma normans und norma normata. „Unter norma normans (normierende Norm) versteht man […] die Heilige Schrift, Gottes Wort: Dies ist die Norm, die alle anderen Normen bestimmt und an der alle anderen Normen […] gemessen werden. Jede andere Norm […] ist ‚norma normata’, normierte Norm, die sich an der norma normans messen lassen muss.“ Online: http://www.selk.de/index.php/a-z/lexikon-n

[3] Vgl. die Anmerkung in der ESV Study Bible zu 1. Korinther 4,6

[4] Die „Biblische Theologie“ bietet sehr hilfreiche Ansätze zur Auslegung des Alten Testaments, siehe z.B. hier: https://theoblog.de/fur-eine-erweckung-in-deutschland-braucht-es-biblische-theologie/

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen biblisch fundierten, wichtigen Artikel! Die Ausarbeitung hat sicherlich sehr viel Gebet und stundenlange Recherchen gekostet. Dem HERRN die Ehre! Gott segne Eure Arbeit.
    Gruß, Lisa Gerdes

  2. Hallo Waldemar,

    noch eine kurze Anmerkung zum Gebrauch von 2. Kor. 3,6: du sagst, dass „[w]ährend Paulus in diesem Vers vom Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament bzw. Gesetz und Geist spricht, wird der Vers im Artikel so verstanden, dass man sich nicht sklavisch nur an direkte Bibelworte halten soll.“ So wie du das beschreibst, meint es Br. Freitag sicherlich auch.
    In „Dem Lamme nach“ wird es tatsächlich aber so formuliert: „Paulus selbst schreibt, dass er als Diener des Neuen Bundes nicht ein Diener des Wortes, sondern ein Diener des Geistes sei (2 Kor 3,6), weil er eben unter der Leitung des Heiligen Geistes steht“. Allerdings sagt Paulus in der Korintherstelle, dass er nicht ein Diener des BUCHSTABENS (sprich: des Alten Bundes bzw. des Gesetzes) ist. Paulus würde niemals behaupten, nicht ein Diener des Wortes zu sein (und die Verbindung zwischen Wort und Geist hast du ja aufgezeigt). Wie gesagt: Br. Freitag hat es so wahrscheinlich nicht gemeint, dennoch ist die Formulierung irreführend.

    LG
    Harry

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