Christus allein

„Keineswegs, Herr!“ – Spurgeon über Gesetzlichkeit

Charles H. Spurgeon war ein begnadeter englischer Prediger des 19. Jahrhunderts. Sein Andachtsbuch Auf dein Wort enthält auch für das 21. Jahrhundert wertvolle Hinweise. In den Andachten vom vierten und fünften Januar, die beide auf dem Vers „Petrus aber sprach: Keineswegs, Herr; denn ich habe noch nie etwas Gemeines oder Unreines gegessen!“ (Apg. 10,14) gründen, spricht Spurgeon Probleme an, die sich heute in vielen sog. konservativen russlanddeutschen Gemeinden wiederfinden. Da ist zum Beispiel der Formalismus in Fragen der Äußerlichkeiten (was z.T. auch hier schon angeklungen ist), der die Zusammenarbeit mit manchen anderen Christen unmöglich macht, aber auch die Fixierung auf Dinge, die schon „immer so waren“ und auch „immer so bleiben müssen“ (wobei man darin oft einfach das, was vor 70 Jahren war, absolut setzt) kann Gemeindearbeit erschweren. Vielleicht kann Spurgeon, der ja in russlanddeutschen Gemeinden durchaus geschätzt wird, dabei helfen, diese Dinge noch einmal zu überdenken:

Unser alter Mensch kämpft gewöhnlich gegen geistliche Grundsätze. Dies ist der Punkt, in dem Petrus anderer Meinung war als sein Herr. Dies „keineswegs, Herr“ bezog sich auf die Aufhebung des Zeremonialgesetzes. Petrus sollte lernen, daß die Zeremonialgesetze, die diese oder jene Speise verboten, jetzt abgetan werden sollten. Gott hatte sie gereinigt, und was Gott gereinigt hat, das sollte Petrus nicht gemein nennen. Petrus empörte sich zuerst dagegen, und viele hadern aus zeremoniellen Gründen bis auf diesen Tag mit dem Evangelium Gottes. Die Schrift sagt, daß die Menschen durch den Glauben errettet werden; aber die Formalisten sagen: „Gewiß, sie müssen in der Taufe wiedergeboren werden; sie müssen weiter durch das heilige Abendmahl genährt werden.“ Wir sind alle geneigt, in ähnlichen Dingen zu irren, denn wir haben einen Drang, Dingen ungeheure Wichtigkeit beizumessen, die an ihrem Platz passend und nützlich, aber keineswegs zum Heil wesentlich sind. Wo der Herr Jesus keine Regeln aufgestellt hat, sollten auch wir keine aufstellen. Wir sollten alle Menschen annehmen, die Christus annimmt. Niemand ist unrein, den er gereinigt hat; keiner soll beiseite geschoben werden, dem er Zugang zu seiner Liebe gestattet. Doch wird diese Lehre von denen nicht leicht angenommen, die dem Formalismus huldigen: Sie stellen die Errettung aller derer in Frage, die ihnen nicht folgen; und wenn sie geheißen werden, mit solchen Gemeinschaft zu haben, so fahren sie mit dem Ruf des Petrus in ihren Herzen und vielleicht sogar auf ihren Lippen zurück: „Keineswegs, Herr.“ Selbst bei der Ausbreitung des Reiches Gottes spielt der eigene Wille mit. Wir können es schlecht vertragen, daß Gott Menschen durch eine Gruppe segnet, der wir nicht angehören. „Laß Gott sie segnen, aber doch nicht durch Leute, gegen die man Einwände erheben kann!“ Wir sind viel zu überheblich und fern davon, die uns gebührende Stellung als Knechte einzunehmen. Zuviel von Petrus klebt an uns, und unsere Zunge ist schnell bereit auszurufen: „Keineswegs, Herr.“

In einigen Dingen war Petrus viel zu konservativ. Vielen geht es ähnlich; sie können geistlich keinen Millimeter vorwärts gehen. Der Gesang, den sie morgens vor dem Frühstück singen, lautet: „Wie es am Anfang war, jetzt ist und immer sein wird, in Ewigkeit. Amen.“ Sie wollen weder etwas tun, was nicht schon früher getan wurde, noch lernen, was sie nicht schon gelernt haben. Andere wollen nur so handeln, wie andere handeln; sie meinen, sich an der Mode orientieren zu müssen. Nun, dies ist eine Regel, die ich niemals angenommen habe; denn ich fühlte oft die Notwendigkeit, etwas zu tun, was niemand vor mir getan hatte. Man sieht sich gern um und sucht Methoden für seinen Dienst, die noch nicht angewandt worden sind; denn eine neue Form der Arbeit kann wie ein neues Stück Land sein, das eine bessere Ernte liefert als unser altes, abgebautes Land. Glaubt ihr nicht auch, daß viele Christen in Gefahr sind, in ihren Gewohnheiten zu erstarren? Sie müssen immer so und so viele Verse singen und nicht mehr; sie müssen immer zu einer gewissen Zeit beten und erst rund um Europa, Asien, Afrika und Amerika gehen, bevor sie ihr Gebet beenden. Gewisse Leute müssen immer tun, was sie früher getan haben, selbst wenn sie dabei einschlafen. Diese Art von Routine verbietet erweiterte Wirksamkeit, hindert sie, Leute mit dem Evangelium zu erreichen, die ihnen gewöhnlich nicht in den Weg kommen, und setzt allem Eifer einen Dämpfer auf. Laß dich ein bisschen aufrütteln, mein Bruder! Wenn du so unschicklich schicklich geworden bist, daß du nicht eine schickliche Unschicklichkeit begehen kannst, dann bitte Gott, dir zu helfen, weniger schicklich zu sein; denn es gibt viele, zu deren Errettung du niemals das Werkzeug sein kannst, solange Formalismus dein oberster Grundsatz bleibt.

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6 Kommentare

  1. Sehr nteressant zu sehen, dass dieses Problem nicht nur ein Problem vieler russlanddeutschen ist, sondern Spurgeon schon vor über hundert Jahren solche Christen gesehen zu haben scheint.
    Und auch bei den Jüngern findet sich in in Markus 9,38-41 noch eine weitere, wie ich finde sehr eindrückliche Situation, an der deutlich wird, wie ‚verkorkst‘ diese anfangs noch gedacht haben…

  2. Ich stelle mir die Frage, wer sich sich bestätigt fühlt, nachdem er diesen Artikel gelesen hat, der Gerechte oder der Unreine?

    Wer Unrecht tut, der tue weiter Unrecht, und wer unrein ist, der verunreinige sich weiter, und der Gerechte übe weiter Gerechtigkeit, und der Heilige heilige sich weiter!
    Offenbarung 22:11

  3. Ja, gerne!
    Es scheint mir so zu sein, dass durch diesen Artikel die Autorität der „konservativen“ oder der „formalistischen“ Gemeindeleitung von Gemeinde zur Gemeinde und von Fall zu Fall nicht unterschieden, sondern mit einem Kamm gekämmt und damit untergraben wird und dass die Heiligung, die Reinigung, das Entsagen der fleischlichen Begierden und Ablegen der fleischlichen Lüste als nicht notwendig, nicht heilsrelevant unterstrichen wird.

    Jeremia 6,16 „So spricht der Herr: Tretet hin an die Wege und schaut und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, welches der gute Weg ist, und wandelt darauf, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Sie aber sprechen: »Wir wollen nicht darauf wandeln!«“
    Es soll nach den Pfaden der Vorzeit geschaut und gefragt werden und da ist der gute Weg. Da ist schon was dran, wenn man in die Vergangenheit zu den Vätern schaut, welche Erfahrungen sie gemacht haben, vor 70, 150, 500, 2000 und 3500 Jahren.

    Zu Offenbarung 22:11
    Der Heilige wird sich weiter heiligen, weil er nach der Heiligkeit strebt. Er wird nie auf der Erde sagen, dass er heilig genug sei. Der sich nicht heiligen möchte, er sieht nicht mal die Notwendigkeit an sich etwas zu ändern und sucht einen „Ruhekissen“.

    Ich würde lieber zurufen, dass jedermann seine persönliche Einstellung Gott gegenüber eher kritischer überprüfen soll, ganz gleich ob man aus einer konservativen Gemeinde ist oder nicht, und nicht alles auf „Formalismus“ schieben. Gott wirkt auch durch „Formalisten“.

    Wenn wir z.B. an das Gleichnis von 10 Jungfrauen denken, so glaube ich, dass die 5 Törichten im Nachhinein gerne auch durch einen „Formalisten“ geweckt worden wären, um rechtzeitig sich selbst und ihre Lampen zu überprüfen.

    Ich gebe auch zu, dass es auch solche Formalisten gibt, die an der „falschen“ Reinigung arbeiten:
    Matthäus 23,25 „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr das Äußere des Bechers und der Schüssel reinigt, inwendig aber sind sie voller Raub und Unmäßigkeit!“
    Das darf natürlich nicht sein, kommt leider auch in unseren Tagen vor. Aber es sind nicht alle strengen Gemeinden so, bei weitem nicht alle und man kann hier auch nicht von den ganzen Gemeinden reden, sondern von einzelnen Personen.

    Abschließen würde ich mit der Bibelstelle aus 1. Johannes 5,12 „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ Am Ende wird schon der Sohn entscheiden, wer ihn wirklich hatte und wer nur meinte ihn gehabt zu haben. Lasst uns bestrebt sein, den Sohn Gottes wirklich zu haben. Man wird das auch äußerlich erkennen.
    Gruß, Peter

  4. Hallo Peter,

    vielen Dank für deine Ausführungen. Wenn jemand aus dem Artikel ableitet, dass Heiligung nicht notwendig ist, dann hat man ihn falsch gelesen. Der Hebräerbrief macht ja beispielsweise sehr deutlich, dass man ohne Heiligung nicht den Herrn sehen wird (auch Spurgeon würde das so sehen).
    „Formalismus“ ist auch nicht mit Regeln gleichzusetzen. Natürlich kann man sich Regeln setzen; diese können auch sehr hilfreich sein. Das Problem besteht, glaube ich, darin, dass man um jeden Preis an diesen festhält und diese auch als Maßstab für „das wahre“ Christentum sieht und Christen, die diesem Maßstab nicht entsprechen, es somit „nicht wirklich ernst“ meinen können. Diese Tendenz kann ich teilweise beobachten und halte sie für problematisch.
    Zu deinem Aufruf, dass jeder seine persönliche Einstellung zu Gott überprüfen sollte – da bin ich voll bei dir! Ps. 19,15 gehört zu meinen Lieblingsversen: Lass die Worte meines Mundes und das Gespräch meines Herzens wohlgefällig sein vor dir, Herr, mein Fels und mein Erlöser. Mir gefällt der Ausdruck des „Gespräch des Herzens“ gut: da kann einem keiner reinschauen, da geht es wirklich darum, ob man den Herrn Jesus aufrichtig liebt oder nicht.

    LG
    Harry

  5. Zum Thema „Formalismus“ bzw Form hat Wolfgang Nestvogel schon vor einigen Jahren eine treffende Predigt über Salomo gehalten. Der Titel der Predigt lautet:

    Bauprojekt mit großer Perspektive – was wir von Salomos Tempel abgucken können
    1. Gott redet zu uns auch durch äußere Formen
    2. Die Form ist nicht das Leben selbst
    3. Dennoch sollen wir auch mit der Form sorgsam umgehen

    Die Predigt findet sich hier: http://files.feedplace.de/begh/2012-04-15_1Chr28_1Koe8.mp3

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