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Russland-Mennoniten

Bedeutende Jahreszahlen russland-mennonitischer Geschichte | 1956

Einleitung zur Artikelreihe: Mit der Reihe „Bedeutende Ereignisse mennonitischer Geschichte“ möchte ich anhand einiger wesentlicher Jahreszahlen einen groben Rahmen liefern, um die Geschichte der Russland-Mennoniten zu erfassen. Meine Absicht ist es vor allem bei denjenigen, die Nachfahren dieser Gruppierung sind oder sich hierzu zählen, Interesse an ihrer Geschichte zu wecken und zugleich Schubladen im positiven Sinne zu bieten, in die sie ihr bisheriges Wissen einsortieren können. Bisher sind in dieser Reihe Artikel zu den Jahren 1525, 1527, 1530, 1789, 1860, 1869, 1902, 1917, 1929 und 1941 erschienen.

Ab Beginn des Jahres 1956 durften die deportierten Russland-Deutschen, nach Verhandlungen des Bundeskanzlers Adenauer mit der sowjetischen Führung, ihre Verbannungsorte verlassen und sich ihre Wohnorte frei wählen. „Das Jahr 1956 war somit in jeder Hinsicht die Stunde Null in der Nachkriegsentwicklung der Russlanddeutschen“[1], so John Klassen.

1956 | Neuentstehendes Gemeindeleben nach Ende der Kommandantura

Bei der Suche nach einem neuen Wohnort, ist man bestrebt wieder mit Familienmitgliedern und Gleichgesinnten zusammenzukommen. So kommt es zu punktuellen Ansammlungen von Mennoniten in Zentralasien und Kasachstan.

Gesetzlich ist jede Gemeinde in der Sowjetunion verpflichtet sich beim Staat zu melden, um eine Anerkennung zu erhalten. Die ersten Gemeinden, welche nach dem zweiten Weltkrieg diese Anerkennung erhalten, sind die russischen Baptisten, die im Gegensatz zu den Deutschen nicht mit dem Stigma „Vaterlandsverräter“ behaftet sind. Dieser Gemeindebund, der schon während des Weltkriegs vom Staat geduldet wurde, wird unter der Bezeichnung „Allunionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ (AUCECB) geführt.

Viele mit ursprünglich mennonitischen Wurzeln finden in den Gemeinden der Evangeliumschristen-Baptisten eine neue geistliche Heimat. Interessant ist vor diesem Hintergrund, dass die Gründung dieser russischen Baptisten-Gemeinden maßgeblich auf den Missionseifer der Mennoniten-Brüdergemeinde nach ihrer Entstehung 1860 zurückzuführen ist. Hermann Heidebrecht schreibt hierzu:

Viele Mennoniten, vor allem die der Brüdergemeinde, fanden in diesen Jahren ihre geistliche Heimat in bestehenden Baptistengemeinden, wobei sie bald auch eine ganze Reihe leitender Brüder stellten. Einige Baptistengemeinden führten sogar deutschsprachige Gottesdienste ein.[2]

Als einige Prediger und Lehrer aus der Verbannung zurückkommen, machen diese sich gegen den Widerstand (auch aus den eigenen Reihen) daran eigene Gemeinden zu gründen. Manche Mennoniten betrachten dies als einen „vergeblichen Versuch, Zerstörtes wiederherzustellen.“[3] Andere bezweifeln den Sinn dieser Arbeit, da sie sich bereits als Baptisten verstehen. Als Beispiel für eine Neugründung sei hier die Mennoniten-Brüdergemeinde in Karaganda (Zentral-Kasachstan) angeführt:

In der Stadt Karaganda, wo es eine starke registrierte Baptistengemeinde gab, kam es nach schweren Kämpfen im Jahre 1956 zur Gründung einer deutschen Mennoniten-Brüdergemeinde. Der Beweggrund war, neutestamentliche Gemeindeprinzipien konsequent ausleben zu können. Der Herr segnete diesen Neubeginn und ließ die Gemeinde wachsen. Im ersten Jahr wurden 251 und im darauffolgenden 100 Geschwister getauft und in die junge Gemeinde aufgenommen.

Im Januar 1960, d.h. zum 100. Jahrestag der Entstehung der Mennoniten-Brüdergemeinde, zählte die Gemeinde in Karaganda rund 900 Gemeindeglieder.[4]

Auch der Staat hat großes Interesse daran, die Mennoniten im Baptistenbund zu sehen, da er sie hier einfacher zentral beobachten kann. Aus diesem Grund werden viele Gemeinden sogar dazu gezwungen dem Baptistenbund (AUCECB) beizutreten. Dieser Eingriff des Staates in die Gemeinde verursacht Spannungen nicht nur zwischen Gemeinden, sondern auch innerhalb von Gemeinden.

„Im Jahre 1963 spalteten sich die Reformbaptisten von den registrierten Baptisten unter der Bezeichnung „Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ (CECECB) ab. Diese Gruppe wehrte sich gegen den staatlichen Einfluss und ging in den Untergrund.“[5]

Auch unter den Mennoniten-Gemeinden ist die Beziehung der Gemeinde zum Staat ein explosives Thema, das bis heute in Deutschland sichtbare Spuren hinterlassen hat. Die Brüdergemeinden, die laut Otto Wiebe „eine besonnene, kritisch-distanzierte Haltung gegenüber dem Staat“[6] finden, erreichen 1967 in Karaganda eine staatliche Anerkennung ihrer Gemeinde.

Um den damaligen Ereignissen noch etwas mehr Farbe zu verleihen, führe ich abschließend die Erlebnisse der Gemeinde in Dshambul (Süd-Kasachstan) an:

1958, bald nach der Aufhebung der Meldepflicht für die Deutschen, kamen etliche Familien nach Dshambul. Unter ihnen war zumindest ein Bruder, der predigte. Schon im März 1958 wurde der erste Gottesdienst in der Sachsawod-Siedlung abgehalten. Innerhalb von einigen Wochen wurde ein kleiner Chor gegründet, in dem auch Nicht-Gemeindeglieder mitsingen durften. 1959, eine Woche nach Pfingsten, kam Ältester Johann Penner aus Krasnaja Retschka und taufte 13 Seelen, die zuvor den Taufunterricht besucht hatten. Im Herbst 1959 siedelte sich in Dshambul David Klassen aus Asseno, Tomsk an, und übernahm die Leitung der Gemeinde als Ältester. Bis ca. 1961 versammelten sich die kirchlichen Mennoniten und die Mennoniten-Brüdergemeinde zusammen in Häusern. Als dann die Häuser zu klein wurden, teilte man die Versammlung in zwei Teile. Dabei kam es fast automatisch zur Aufteilung in Brüder und Kirchliche. Beide Gemeinden unterhielten auch viele Jahre später geistliche Gemeinschaft miteinander. […] In der Brüdergemeinde, die sich ununterbrochen versammeln konnte, waren Hermann Reimer und Heinrich Penner abwechselnd Älteste der Gemeinde. In den Jahren 1974.75 kamen einige, meistens junge Menschen, in die Gemeinde, die vorher in der Baptistengemeinde am Ort waren. Grund war wohl der Wunsch nach deutschen Gottesdiensten. 1981 wurde ein jüngerer Ältester eingesegnet. Bald konnte man die Registrierung der Gemeinde erwirken und ab 1984 versammelte man sich zwei Jahre lang in einer Notkirche (man nannte sie „Zelt“), bis schließlich 1986 ein Haus zur Kirche umgebaut wurde. Auch in dieser Gemeinde wurde viele Jahre Kinder- und Jugendarbeit gemacht, so das die Gemeinde viele junge Leute hatte. Die Gemeinde hatte in den 80er Jahren etwa 165 Mitglieder.[7]

PS: Viele jüngere Mitglieder in den heutigen russlanddeutschen Gemeinden in Deutschland wissen nicht, warum ihre Gemeinde z.B. den Namen „Evangeliums-Christen-Gemeinde“, „Baptisten-Brüdergemeinde“, „Mennoniten-Kirche“ oder „Mennoniten-Brüdergemeinde“ trägt. Wenn man sich zum einen die Entstehung der Brüdergemeinde im Jahre 1860 und zum anderen die Auferstehung der Gemeinden nach dem zweiten Weltkrieg anschaut, lässt sich die Herkunft des Namens zumindest erahnen.

[1] Klassen, John; Russlanddeutsche Freikrichen in der Bundesrepublik Deutschland S.57
[2] Heidebrecht, Hermann; Fürchte dich nicht, du kleine Herde! S.106f
[3] Ebd. S.58
[4] Ebd. S.59f
[5] Lichdi, Dieter Götz; Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart S.160
[6] Wiebe, Otto; Mennoniten-Brüdergemeinde S.62
[7] Heidebrecht, Hermann; Fürchte dich nicht, du kleine Herde! S.96f

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