Christus allein

Fünf Gründe, warum ich für meine russlandmennonitischen Wurzeln dankbar bin

Meine Wurzeln liegen zu einem großen Teil bei den Russlandmennoniten. Wikipedia definiert und erklärt:

„Als Russlandmennoniten werden die Nachkommen jener deutschsprachigen Mennoniten bezeichnet, die seit Ende des 18. Jahrhunderts vornehmlich aus dem westpreußischen Weichseldelta nach Südrussland in das Gebiet der heutigen Ukraine auswanderten und sich dann in verschiedenen Migrationswellen seit 1874 zunächst nach Kanada, seit dem Ersten Weltkrieg auch nach Süd- und Mittelamerika ausgebreitet haben. […] Von den ca. 2,2 Mio. russlanddeutschen Aussiedlern, die heute in Deutschland leben, haben ca. 200.000 einen plautdietschen bzw. russlandmennonitischen Hintergrund.“

Andy hat in einer Beitragsreihe (hier geht’s zu Teil 1) bereits einige wichtige Eckdaten der Geschichte der Russlandmennoniten zusammengetragen. In dieser Geschichte wird deutlich, dass kulturelle Streitigkeiten zwischen den mennonitischen Gruppierungen von Beginn an dazu gehörten.[1] Dyck schreibt:

„Schon jede der ersten Generationen von Mennoniten führte eine Spaltung herbei: 1566 trennten sich die Friesischen von den Flämischen, 1589 – die Alten Friesen von den Jungen Friesen, 1586 spalteten sich die Flämischen in Alte Flämische und einfach Flämische. In der nächsten Generation setzten sich die Spaltungen fort. Die Spaltungen entlang der Generationengrenze sind seit 1989 auch für russlanddeutsche Gemeinden in der BRD nichts ungewöhnliches (sic!)“[2]

Das Spaltungspotential ist zum Teil bereits in der Theologie der Täufer verankert, weil „Absonderung“ ein großes Thema darstellt.[3] Die Geschichte zeigt, dass Absonderung bei den Mennoniten jedoch schnell über das Gesetz Gottes hinausging und auf Menschengebote, die im Kontext der jeweiligen Kultur entstanden, angewendet wurde.[4] Darüber hinaus hat auch der Einfluss der Heiligungsbewegung auf die Mennoniten diese Tendenz weiter verstärkt.[5] In der jüngeren Geschichte der Russlandmennoniten hat der kulturelle Umbruch, der sich mit der Aussiedlung nach Deutschland ergab, diese Thematik noch stärker aufgeladen. Ich kenne manche, die sich wegen der Streitigkeiten vom christlichen Glauben oder zumindest von den russlanddeutschen Gemeinden abgewandt haben.

In diesem Artikel soll es nicht darum gehen, nach „Schuldigen“ zu suchen. Es ist verkürzt und falsch, allein die Gemeinden und die Theologie, die sie prägt, dafür verantwortlich zu machen. Es ist aber auch genauso falsch, die Augen davor zu verschließen, dass falsch verstandene Absonderung (oder, um das Kind beim Namen zu nennen: Gesetzlichkeit) verheerende Folgen hat.[6]

In diesem Artikel möchte ich vielmehr ermutigen, die Geschichte der Russlandmennoniten differenzierter zu betrachten. Es gibt viele Gründe, Gott dafür zu danken, Teil dieser Geschichte zu sein. Einige möchte ich hier anführen:

Sie vertreten die Irrtumslosigkeit der Schrift und lieben die Bibel

In gewisser Weise sind die Russlandmennoniten durch ihre Geschichte dem Einfluss der Aufklärung und der Bibelkritik entgangen. In den Gemeinden wird die Bibel völlig selbstverständlich als das inspirierte Wort Gottes angesehen.[7] Die Predigt steht im Zentrum der Gottesdienste. Es wird häufig dazu aufgefordert, die Bibel auch zu Hause zu lesen. Herbert Jantzen erwähnt in seiner Einführung in die Glaubenslehre im Vorwort von seiner Begegnung 1993 mit Russlandmennoniten. Er beobachtet, dass die Vermittlung von Dogmatik zwar neues Gelände für sie darstellt, aber dass sie ihre Bibel gut kennen. Das kommt nicht von ungefähr: In allen Arbeitszweigen der Gemeinde wird im Regelfall Wert darauf gelegt, dass man sich vor allem mit der Bibel beschäftigt.[8]

Sie predigen Buße und Bekehrung

Vor einigen Jahren nahm ich an einem Gespräch teil, bei dem jemand behauptete, dass letztlich alle christlichen Denominationen das Gleiche lehren. Daraufhin machte ein anderer Teilnehmer darauf aufmerksam, dass die russlanddeutschen Freikirchen sich von den anderen unterscheiden, weil sie in besonderer Weise Wert auf die Bekehrung des Menschen legen. Ob dies das einzige und entscheidende Unterscheidungsmerkmal ist, sei dahingestellt. Aber die Aussage zeigt, dass die Betonung von Bekehrung und Wiedergeburt das Selbstverständnis der Russlandmennoniten prägt.[9] Ich erinnere mich, dass Evangelisationen in meiner Kindheit eine besondere Veranstaltung darstellten. Predigten über die Realität der Hölle werden nicht ausgeklammert. Als wichtigstes Ziel in der Kindererziehung wird häufig genannt, dass die Kinder zum Glauben kommen. Ich selbst bin als Kind „nach vorne gegangen“, um „mich zu bekehren“.[10] Die Betonung der Umkehr ist zutiefst biblisch. Jesus begann seinen Dienst schließlich mit den Worten: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Matthäus 3,2)

Sie nehmen Heiligung ernst

Neben der Betonung von Umkehr und Buße wird der Bruch mit dem alten Leben sehr stark hervorgehoben. Ich muss nicht lange überlegen, um einige Beispiele von Menschen anzuführen, die ihr Leben nach dem Christwerden radikal veränderten. Ich denke dabei auch an Gläubige, die nach einem Streit oder wegen anderer Sünden um Vergebung baten, ihr Leben in der Familie, Gemeinde und Mission aufopferungsvoll für andere hingaben oder Sünden bekannten und die Fürbitte der Gemeinde suchten. Wenn man die Neigung beiseitelässt, Heiligung fast nur noch auf bestimmte Formen zu reduzieren (z.B. auf die Länge der Röcke oder auf den Fernsehverzicht), dann ist das Thema Absonderung ja durchaus ein biblisches und sollte zurecht ernst genommen werden.

Die Gemeinde und Gemeinschaft spielen eine zentrale Rolle

Das Leben der Gemeinde findet zu einem großen Teil im „Bethaus“, in der Gemeinschaft mit anderen statt. Musik und Gesang spielen eine wesentliche Rolle im Gemeindeleben und vertiefen die Beziehungen. Sonntags wird neben dem Gottesdienst am Vormittag auch der Nachmittagsgottesdienst besucht. Zu einer bestimmten Zeit meines Lebens nahm ich z.B. regulär bis auf einen Tag in der Woche jeden Tag an mindestens einer Veranstaltung in der Gemeinde teil bzw. arbeitete in verschiedenen Bereichen mit. Die russlanddeutschen Gemeinden setzen sich darüber hinaus häufig aus großen Familienclans zusammen, das verstärkt den Zusammenhalt weiterhin.[11] Auch wenn bereits etablierte Familienkreise existieren sind sie nach meinem Eindruck häufig bereit, Gäste aufzunehmen. Die gegenseitige Hilfe beim Hausbau usw. hat in den letzten Jahren nachgelassen, aber der Zusammenhalt spielt dennoch weiterhin eine Rolle. Ein deutscher Pastor sagte einmal etwas scherzhaft zu mir: „Jede Gemeinde braucht einige Russlanddeutsche, weil sie so gastfreundlich sind.“ In der individualisierten westlichen Welt kann die Betonung der Gemeinschaft ein wichtiges Korrektiv für Christen darstellen. Die Briefe im NT sind z.B. nicht an einzelne Gläubige, sondern an Gemeinden geschrieben und wurden in der Gemeinde gelesen.

Sie sind fleißig und treu

Konersmann schreibt über die Mennoniten:

„Ihre aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts überlieferten Schreibebücher zeugen von Gewissenhaftigkeit, Selbstdisziplin, Sparsamkeit, Rechenhaftigkeit, Integrität, Verantwortungsbewußtsein und Organisationsgeschick, die in ihrem Zusammenspiel eine wesentliche mentale Grundlage für ihren Erfolg in der Landwirtschaft und im agrarischen Nebengewerbe (Branntweinbrennerei, Essigsiede- rei, Gerberei etc.) gebildet haben dürften.“[12]

Diese Eigenschaften gehören irgendwie zur DNA dieser Gruppierung und führten in den Kolonien in der Ukraine nach und nach zu einer blühenden Wirtschaft und m.E. auch nach der Rückkehr nach Deutschland zu einem gewissen Wohlstand.[13] Viele russlanddeutsche Gemeinden weisen gerne darauf hin, dass ihre Gemeindehäuser zum Großteil in Eigenarbeit entstanden sind. Auch in den Diensten der Gemeinde sehe ich vor allem bei der älteren Generation eine große Treue und ein Verantwortungsbewusstsein, das seinesgleichen sucht. Für dieses Vorbild biblischer Arbeitshaltung und Dienstbereitschaft bin ich dankbar.

Mir ist bewusst, dass diese fünf Gründe nicht pauschal für alle festgestellt werden können. Der Blick auf die Geschichte zeigt, wie eingangs angedeutet, dass sie missbraucht und schnell verzerrt werden können. Vor allem in den Fußnoten habe ich deshalb für jeden Punkt auch kritische Töne angeschlagen. Bei einer Konferenz kam ich einmal mit einem anderen Russlandmennoniten ins Gespräch. Seine Haltung gegenüber seinen russland-mennonitischen Wurzeln ist mir hängen geblieben. Er meinte damals, dass man den „Schwung“, d.h. all die positiven Aspekte der mennonitischen Prägung mitnehmen muss und nicht in Verteidigungshaltung irgendwelche Traditionen verteidigen sollte. Für diesen in der Bibel verankerten „Schwung“ bin ich Gott dankbar!

Welche Gründe fallen euch noch ein?

Fußnoten

[1] Dies ist sicher nicht die einzige Erklärung wie man z.B. an der Entstehung der Mennoniten-Brüdergemeinde sieht (vgl. hier), aber es ist ein bedeutsamer Faktor.
[2] Dyck, Johannes: Zwischen Brüderschaft und Brüderlichkeit. Über russlanddeutsche Gemeinden in der BRD in den vergangenen 40 Jahren, S. 40. Online: http://bsb-online.de/wp-content/uploads/2016/04/bsb-journal-de-2014-2.pdf
[3] vgl. Siersyzn, Armin: 2000 Jahre Kirchengeschichte, S. 582. Im vierten Artikel der Schleitheimer Artikel, in denen es um Lehrpunkte geht in denen die Täufer von den Reformatoren abweichen, geht es nicht ohne Grund um die Absonderung.
[4] Andy schrieb hier: „Zum einen bricht der alte Streit zwischen den ‚strengeren‘ Flamen und den ‚freieren‘ Friesen wieder auf, wobei man diese inner-mennonitische Trennung eigentlich in Russland vergessen machen wollte. Die Wurzel dieser Gruppierungen lag schon im 16. Jahrhundert, wobei es in dem Zwist zumindest teilweise um überaus banale Dinge, wie Knöpfe oder Ösen an den Kleidern oder Schuhen ging.“
[5] Vgl. Dyck, Johannes: Zwischen Brüderschaft und Brüderlichkeit. Über russlanddeutsche Gemeinden in der BRD in den vergangenen 40 Jahren, in:  BSB-Journal.de 2/2014, S. 27-46, S. 40. Online: http://bsb-online.de/wp-content/uploads/2016/04/bsb-journal-de-2014-2.pdf
[6] Es gilt auch zu beachten, dass es in Deutschland eine große Bandbreite an russlanddeutschen Gemeinden gibt, die sehr unterschiedlich mit diesen Fragen umgehen. Die Theologie ähnelt sich bei allen äußeren Unterschieden m.E. jedoch erstaunlicherweise in den Grundzügen.
[7] Dass die Bibelkritik auch in anderem Gewand Eingang finden kann, habe ich hier und hier beschrieben.
[8] Dass die Tiefe häufig fehlt bzw. nur Lieblingsthemen angeschnitten werden, will ich nicht übersehen. An dieser Stelle geht es mir um die positiven Seiten. Die Ursache für die Unausgewogenheit liegt auch in der von Jantzen festgestellten fehlenden Unterweisung in Dogmatik.
[9] Diese Schwerpunktsetzung lässt sich bereits bei Menno Simons beobachten. Sierszyn schreibt über ihn: „Im Zentrum seiner Lehre steht die Wiedergeburt.“ Siersyzn, Armin: 2000 Jahre Kirchengeschichte, S. 582.
[10] Im Nachhinein glaube ich, dass dieser Moment nicht meine Bekehrung darstellte. Ich hatte einfach nur das Gefühl, dass ich das „Ritual“ des Nach-vorne-Kommens erfüllen musste. Ich stimme Harrys Einschätzung des „Altarrufes“ (hier) zu: „Den gerade auch in russlanddeutschen Gemeinden praktizierten ‚Altarruf‘ (wer sich bekehren möchte, „kommt nach vorne“) halte ich für sehr problematisch.“
[11] Auf der anderen Seite wird durch die Fokussierung auf die Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde und die starken Familienclans die Rückzugsmentalität gefördert. Dies erschwert die Integration anderer Menschen.
[12] Konersmann, Frank: Studien zur Genese rationaler Lebensführung und zum Sektentypus Max Webers. Das Beispiel mennonitischer Bauernfamilien im deutschen Südwesten (1632–1850), in: Zeitschrift für Soziologie 2004, S. 418-437, S. 429.
[13] Es gibt ohne Zweifel aber auch manche Beispiele in der Geschichte und Gegenwart, die nicht mehr auf Sparsamkeit, sondern auf Geiz und Habgier bei den Russlandmennoniten hinweisen.

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2 Kommentare

  1. Ich bin dankbar, dass auch viel Wert auf ein moralisch gutes Leben und sexuelle Reinheit gelegt wird.
    Es ist aber auch kein Alleinstellungsmerkmal.

  2. Aber auch dieser Aspekt hat leider eine Kehrseite bei den Russlandmennoniten. Und ich spreche da auch aus eigener Erfahrung. Und zwar dass diese Betonung auf das moralisch gute Leben und die sexuelle Reinheit dazu führen kann, dass man eine Verhaltensänderung erzieht oder predigt ohne auf die Motive/Beweggründe zu gehen, was allgemein zu einem Leben/Lebensstil ohne Grundlage führen kann.

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