Der Nutzen fundamentaltheologischer Debatten

Unter August Hermann Francke erlebte der lutherische Pietismus um 1700 einen enormen Aufschwung und wurde zur „prägenden geistlichen Macht der Zeit.“ In der theologischen Ausbildung lag der Schwerpunkt in Halle auf der biblischen Exegese und praktischen Theologie. Die Bibel sollte im Zentrum des Theologiestudiums stehen. Damit grenzte sich der Pietismus von der Orthodoxie ab, deren Fokus eher auf fundamentaltheologischen, systematischen und philosophischen Fragestellungen lag. Die „intellektuelle Auseinandersetzung mit den Grundproblemen der Zeit […] blieb schwach.“

Der Kirchengeschichtler Armin Sierszyn (in seinem Standardwerk „2000 Jahre Kirchengeschichte“) erkennt darin einen Grund, weshalb bereits Studenten der zweiten pietistischen Generation der Frühaufklärung ungeschützt und scharenweise in die Arme liefen. Daneben sieht er, das die „einseitige Konzentration auf Bekehrung, Wiedergeburt und Heiligung“ zur Vernachlässigung anderer Themen und zu Monotonie führte und damit ebenfalls für viele Pietisten der Weg zur Aufklärung geebnet wurde. Der hallische Pietismus wurde so ungewollt zum „Bindeglied zwischen der altgläubigen und der aufgeklärten Christenheit“ (Hirsch).

Sierszyn zeigt an diesem Beispiel, dass die Vernachlässigung systematischer Theologie in der Gemeinde verheerende Folgen mit sich bringt. Wenngleich die Bibel gelesen und gekannt wird, wird sie einseitig, nur in eine bestimmte Richtung gelesen.

Unsere Gemeinden sollten sich dieser Gefahr bewusst werden. Die Predigten sollten nicht zu schnell „praktisch“ sein wollen, die gesamte Schrift gelehrt werden und die Lehrer der Gemeinde ermutigt werden, sich mit fundamentaltheologischen Fragen auseinanderzusetzen.

Vorbereitung auf Ostern

Wie haben sich die Christen der Alten Kirche auf das Osterfest vorbereitet? Armin Sierszyn erklärt:

Ostern ist schon im 2. Jahrhundert das größte Fest der Christenheit. Die ganze Karwoche hindurch bereiten sich eifrige Gläubige durch Fasten und Beten auf dieses Hauptfest vor. In der Osternacht versammelt sich die Gemeinde zu Schriftlesungen, Gebeten usw. […] Mit Jubel wird das anbrechende Osterlicht begrüßt. In der Gemeinde zu Antiochia singt ein großer Frauenchor. Am Ostertag tauft der Bischof die als würdig befundenen Katechumenen.

Fasten und Beten, Schriftlesung, Jubel, Gesang, Bekenntnis (damals durch die Taufe): Gute Empfehlungen auch für das Osterfest 2014.

aus: Armin Sierszyn: 2000 Jahre Kirchengeschichte, S. 82.

Luther: Ich habe nichts getan, das Wort hat alles bewirkt

Die Reformation im 16. Jahrhundert brachte bekanntermaßen gewaltige Veränderungen mit sich. Doch während ein sog. radikaler Flügel diese Veränderungen rigoros und rücksichtslos durchsetzen wollte, warnte Luther:

Die Sache ist wohl gut, aber das Eilen ist zu schnell […] Du sprichst: Es ist richtig nach der Schrift. Das bekenne ich auch, aber wo bleibt die Ordnung? […] Zwingen will ich niemanden, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden […]; ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das [Wort] hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp Melanchthon […] getrunken habe, so viel getan, dass das Papsttum schwach geworden ist […]. Ich habe nichts getan, das Wort hat alles bewirkt und ausgerichtet.

Für Luther war klar, dass das Wort – nicht Zwang und Methode – die Herzen frei macht. In seinen sog. Invokavitpredigten machte er folgenden Gedanken wichtig:

Der Christ ist ein freier Herr über alle Äußerlichkeiten und Satzungen, zugleich ist er ein Diener all derer, die im Glauben und in der Freiheit noch schwach sind. […] Zum Glauben gehören Liebe und Geduld. Ungestümes Wesen und gesetzliches Drängen verkehren die Reformation in Revolution.

Da die Gemeinde sich in ständiger Reformation befindet bzw. befinden sollte, können wir hier viel von Luther lernen. Nicht dass wir, wie damals geschehen, in der Gefahr stehen,  Kirchen zu stürmen und ein Blutvergießen anzurichten. Aber Liebe und Geduld können auch auf andere Weise missachtet werden. Stattdessen sollten wir viel mehr auf die Kraft des Wortes Gottes vertrauen.

Zitate aus: Armin Sierszyn: 2000 Jahre Kirchengeschichte, S. 442.