Gemeinsames Leben (10): Alleinsein als Grundlage der Gemeinschaft

Seit fast einem Jahr schreibe ich immer wieder über Dietrich Bonhoeffers “Gemeinsames Leben”. Bonhoeffer definiert zunächst die Grundlage christlicher Gemeinschaft und zeigt, woran eine christliche Gemeinschaft letztlich zerbricht und welches Grundübel daran schuld ist. Im zweiten Kapitel beschreibt er den gemeinsamen Tag, der mit einer gemeinsamen Morgenandacht beginnt, zu der er SchriftlesungPsalmengebet, das gemeinsame Lied sowie das gemeinsame Gebet zählt.

Im dritten Kapitel geht er auf den einsamen Tag ein. Der Gemeinschaft wird „Schaden entstehen“ (S. 65), der gemeinsame Tag wird „unfruchtbar bleiben“ (S. 66), wenn der Gläubige nicht Zeiten der Einsamkeit, d.h. des Alleinseins mit Gott hat:

 Christen, die nicht allein mit sich fertig werden können, […] hoffen in der Gemeinschaft anderer Menschen Hilfe zu erfahren. Meist werden sie enttäuscht und machen dann der Gemeinschaft zum Vorwurf, was ihre eigenste Schuld ist. (S. 65)

Bonhoeffer bringt es auf folgende Formel:

Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein. (S. 66)

Beide Aussagen gehören zusammen und müssen betont werden, denn

Jedes für sich genommen hat tiefe Abgründe und Gefahren. Wer Gemeinschaft will ohne Alleinsein, der stürzt in die Leere der Worte und Gefühle, wer Alleinsein sucht ohne Gemeinschaft, der kommt im Abgrund der Eitelkeit, Selbstvernarrtheit und Verzweiflung um. (ebd.)

Was versteht Bonhoeffer unter der Einsamkeit? Er identifiziert das Schweigen als das Merkmal der Einsamkeit. Jedoch darf dieses nicht als „mystisches Über-das-Wort-hinauswollen“ (S. 67), sondern „in seiner wesenhaften Beziehung auf das Wort“ [Gottes] verstanden werden. Es geht um die „schlichte Begegnung mit dem Wort Gottes“ (S. 69). Bonhoeffer nennt dies die Meditationszeit (wobei ihm an diesem Wort nicht viel liegt), die vor allem durch die Schriftbetrachtung bestimmt wird. Vielleicht würden wir von Stiller Zeit sprechen. Durch die enge Bindung an das Wort Gottes bekommt diese Zeit bei Bonhoeffer ein Fundament und bewahrt vor falschen Erwartungen, die wir oft an unsere sog. Stille Zeit stellen. Deshalb sind folgende Hinweise Bonhoeffers von großem Wert für die persönliche Stille Zeit (oder wie auch immer man es nennt):

  • Es ist nicht nötig, daß wir in der Meditation neue Gedanken finden. Dass lenkt uns oft nur ab und befriedigt unsere Eitelkeit. (S. 71)
  • Es ist vor allem nicht nötig, daß wir bei der Meditation irgendwelche unerwarteten, außergewöhnlichen Erfahrungen machen. Das kann so sein, ist es aber nicht so, so ist das kein Zeichen einer vergeblichen Meditationszeit. (ebd.)
  • Zur Selbstbeobachtung aber ist in der Meditation ebenso wenig Zeit wie im christlichen Leben überhaupt. Auf das Wort allein sollen wir achten, und alles seiner Wirksamkeit anheimstellen. Kann es denn nicht sein, daß Gott uns selbst die Stunden der Leere und Dürre schickt, damit wir wieder alles von seinem Wort erwarten? (S. 72)

Bonhoeffer fasst in Anlehnung an Thomas a Kempis die Grundregel aller Meditation bzw. der persönlichen Stillen Zeit zusammen:

Suche Gott, nicht Freude. […] Suchst du Gott allein, so wirst du Freude empfangen

Diese Hinweise Bonhoeffers sind sehr wertvoll. Ich selbst habe es auch lernen müssen (und muss es noch), von der Stillen Zeit nicht mehr als die Begegnung mit dem Wort Gottes zu verlangen und in der Stillen Zeit mich nicht um mich selbst zu drehen. Aber interessanterweise findet man gerade auf diesem Weg den richtigen Blick auf sich selbst und dann auch auf den Bruder und die Gemeinschaft in der man steht.

Gemeinsames Leben (9): Das Gebet in der Frühe

Das ernüchtert und und ermutigt zugleich:

Das Gebet in der Frühe entscheidet über den Tag. Vergeudete Zeit, deren wir uns schämen, Versuchungen, denen wir erliegen, Schwäche und Mutlosigkeit in der Arbeit, Unordnung und Zuchtlosigkeit in unseren Gedanken und im Umgang mit anderen Menschen haben ihren Grund sehr häufig in der Vernachlässigung des morgendlichen Gebetes. Ordnung und Einteilung unserer Zeit wird fester, wo sie aus dem Gebet kommt. Versuchungen, die der Werktag mit sich bringt, werden überwunden aus dem Durchbruch zu Gott. Entscheidungen, die die Arbeit fordert, werden einfacher und leichter, wo sie nicht in Menschenfurcht, sondern allein vor Gottes Angesicht gefällt werden.

Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsames Leben, Kaiser: Gütersloh 1993, S. 60.

Gemeinsames Leben (8): Das gemeinsame Gebet in der Morgenandacht

Seit Anfang April habe ich (in ständig größer werdenden Abständen) immer wieder über Dietrich Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“ gebloggt. Bonhoeffer definiert zunächst die Grundlage christlicher Gemeinschaft und zeigt, woran eine christliche Gemeinschaft letztlich zerbricht und welches Grundübel daran schuld ist. Im zweiten Kapitel beschreibt er den gemeinsamen Tag, der mit einer gemeinsamen Morgenandacht beginnt, zu der er neben SchriftlesungPsalmengebet und gemeinsamem Lied auch das gemeinsame Gebet zählt.

Bonhoeffer hat bei allen Elementen stark betont, dass Gottes Wort gehört, gebetet und gesungen werden soll. Beim gemeinsamen Gebet jedoch sollen wir sprechen. Das hat Konsequenzen:

Es gibt kein Stück der gemeinsamen Andacht, das uns so ernste Schwierigkeiten und Nöte bereitet wie das gemeinsame Gebet; denn hier sollen ja nun wir selbst sprechen.

Bonhoeffer sieht die Schwierigkeit darin, dass man aus Furcht voreinander sich nicht frei zu beten traut. Daneben sieht er eine mögliche Beobachtung und Kritik als mögliches Problem beim gemeinsamen Gebet. Er schlägt deshalb vor, dass über eine längere Zeit immer dieselbe Person in der Gemeinschaft das Gebet spricht,

um das Gebet vor falscher Beobachtung und vor falscher Subjektivität zu schützen […].

Das gemeinsame Gebet bzw. das Gebet für die Gemeinschaft erweist sich für den Betenden so als eine Möglichkeit zum geistlichen Wachstum. Er lernt, die Gemeinschaft im Blick zu haben und ihr damit gewissermaßen zu dienen:

Es ist sein Auftrag, für die Gemeinschaft zu beten. So muß er das tägliche Leben der Gemeinschaft mitleben, er muß ihre Sorge und Not, ihre Freude und Dankbarkeit, ihre Bitte und ihre Hoffnung kennen.

Besonders herausfordernd fand ich folgende Passage:

Immer wieder wird es sich einstellen, daß der mit dem Gebet für die Gemeinschaft Beauftragte sich innerlich gar nicht dazu imstande findet, daß er am liebsten seinen Auftrag einem andern für diesen Tag übergäbe. Doch ist dazu nicht zu raten. Zu leicht wird sonst das Gebet der Gemeinschaft durch Stimmungen beherrscht, die mit geistlichem Leben nichts zu tun haben.

Er geht noch weiter:

Gerade dort, wo einer, durch innere Leere und Müdigkeit oder durch persönliche Schuld belastet, sich seinem Auftrag entziehen möchte, soll er lernen, was es heißt, einen Auftrag in der Gemeinde zu haben, und sollen die Brüder ihn tragen in seiner Schwäche, in seiner Unfähigkeit zum Gebet.

Ich denke, dieses Prinzip kann für auch für unser persönliches geistliches Leben und in manch seelsorgerischem Gespräch von großem Nutzen sein.

– Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsames Leben. Kaiser: Gütersloh 1988, S. 53ff.

Gemeinsames Leben (7): Morgenandacht – das gemeinsame Lied

Seit Anfang April habe ich immer wieder über Dietrich Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“ gebloggt. Bonhoeffer definiert zunächst die Grundlage christlicher Gemeinschaft und zeigt, woran eine christliche Gemeinschaft letztlich zerbricht und welches Grundübel daran schuld ist. Im zweiten Kapitel beschreibt er den gemeinsamen Tag, der mit einer gemeinsamen Morgenandacht beginnt, zu der als drittes Element neben der Schriftlesung und dem Psalmengebet  auch das gemeinsame Lied tritt.

Wie bei den anderen Elementen geht es Bonhoeffer vor allem darum, das gemeinsame Lied strikt auf das Wort Gottes zu fokussieren:

Unser irdisches Lied ist gebunden an Gottes Offenbarungswort in Jesus Christus. Es ist das schlichte Lied der Kinder dieser Erde. Es ist das schlichte Lied der Kinder dieser Erde, die zu Gottes Kindern gerufen sind, nicht ekstatisch, nicht entrückt, sondern nüchtern, dankbar, andächtig auf Gottes offenbartes Wort gerichtet. […] So steht das musikalische ganz im Dienst des Wortes. Es verdeutlicht es in seiner Unbegreiflichkeit. (S. 50f.)

Äußerst interessant ist der Schluss, den Bonhoeffer daraus zieht:

Weil ganz ans Wort gebunden, darum ist das gottesdienstliche Lied der Gemeinde, besonders der Hausgemeinde wesentlich einstimmiges Lied. (S. 51)

Ich kann Bonhoeffers Schluss nachvollziehen. Es geht ihm darum, zu verhindern, dass der Musik „ein Eigenrecht neben dem Worte“ verliehen wird. Es ist nicht schwer, aktuelle Beispiele dafür zu finden. Dennoch glaube ich, dass er hier zu weit geht. Ich musste schmunzeln, wie er nun für das einstimmige Singen eintritt und gegen die „Feinde des einstimmigen Singens“ ankämpft, die man „mit aller Rigorosität ausmerzen muß“ (gut festhalten):

Da ist zuerst die improvisierte zweite Stimme, der man fast überall begegnet, wo gemeinsam gesungen werden soll. Sie will dem schwebenden einstimmigen Ton den notwendigen Untergrund, die vermisste Fülle geben und tötet dabei Wort und Ton. Da ist der Baß oder der Alt, der alle Mitsingenden darauf aufmerksam machen muß, daß er über einen erstaunlichen Tonumfang verfügt und daher jedes Lied eine Oktave tiefer singen muß. Da ist die Solistenstimme, die breit und aus voller Brust schmetternd, schwelgend, tremolierend alles andere übertönt zur Ehre des eigenen schönen Organs. (S. 51f.)

Auch wenn ich Bonhoeffers Kritik hier nicht ganz teile, bin ich überzeugt, dass der einstimmige Gesang tatsächlich nicht verachtet werden sollte und ihm immer wieder Raum gegeben werden sollte. Denn gerade in Gemeinschaften, wo man nicht als Chor zusammenkommt oder nicht alle Stimmen relativ gleich verteilt sind, können diese o.g. „Störfälle“ leicht auftreten und die Gemeinschaft schnell vom gesungenen Wort ablenken. Konkret: In den Hauskreisen, Jugendgruppen (Insider: vor allem am Freitag) und mit der ganzen Gemeinde sollte immer wieder ermutigt werden, auch mal einstimmig zu singen! Außerdem stimmt es, dass

das einstimmige Singen [uns] selbst bei viel musikalischer Unzulänglichkeit […] die Freude geben [kann], die ihm allein eigen ist. (S. 52)

Weiterhin schlägt Bonhoeffer die reformatorischen Choräle als Übung zum einstimmigen Singen vor. Allerdings verwirft er jeden „Doktrinarismus auf diesem Gebiete“ (d.h. das nur Choräle gesungen werden sollten) und ermutigt, einen „reichen Schatz von Liedern frei und auswendig singen zu können“.

Wann sollte gesungen werden?

Aber nicht nur in den Andachten, sondern zu regelmäßigen Zeiten des Tages oder der Woche soll der Gesang geübt werden. Je mehr wir singen, desto größer wird unsere Freude daran […]. (S. 52)

Dies ließe sich z.B. bei Tischgemeinschaften umsetzen. Es geht Bonhoeffer hier nicht um das Singen alleine (ob im Auto oder in der Dusche…), sondern um das gemeinsame Singen: „Nicht ich singe, sondern die Kirche singt.“ (S. 52)

Na denn, setzen wir es doch in unseren Familien um!

Gemeinsames Leben (6): Morgenandacht – die Schriftlesung

Neben dem Psalmengebet sollte die gemeinsame Morgendandacht nach Bonhoeffer eine Schriftlesung enthalten. Bonhoeffer stellt die Frage nach dem Ziel der Bibellese am Morgen und beobachtet eine Gefahr, wenn sie sich nur auf einzelne Verse beschränkt:

Wir sind fast alle mit der Meinung groß geworden, es handle sich in der Schriftlesung allein darum, das Gotteswort für den heutigen Tag zu hören. Darum besteht die Schriftlesung bei vielen nur aus einigen kurzen, ausgewählten Versen, die das Leitwort des Tages ausmachen sollen.

In seiner Kritik denkt Bonhoeffer vor allem an die Losungen der Brüdergemeinde. Er ist jedoch keinesfalls ein Gegner dieser Losungssprüche und erkennt den großen Segen, den sie gebracht haben. Aber diese Ansammlung von einzelnen Versen hat doch einen entscheidenden Nachteil, denn:

Die Heilige Schrift besteht nicht aus einzelnen Sprüchen, sondern ist ist ein Ganzes, das als solches zur Geltung kommen will.

Es geht Bonhoeffer vor allem darum, die Bibel nicht mit dem Fokus auf sich selbst zu lesen (so nach dem Motto: „Was sagt mir die Bibel heute?“), sondern mit dem Fokus auf Gott. Es findet nicht jeder für sich sein Stückchen Weisheit, denn die Bibel ist als Ganzes Gottes Wort. Deshalb zieht Bonhoeffer für die Morgenandacht folgenden praktischen Schluss:

Darum muß die gemeinsame Andacht außer dem Psalmengebet eine längere alt- und neutestamentliche Lektion enthalten. Eine christliche Gemeinschaft sollte wohl imstande sein, morgens und abends je ein Kapitel aus dem alten Testament und mindestens je ein halbes Kapitel aus dem Neuen Testament zu hören und zu lesen. (S. 44)

Bonhoeffer weiß, dass diese Aufforderung für die meisten Christen zu groß ist:

Beim ersten Versuch wird sich allerdings herausstellen, daß schon dieses geringe Maß für die meisten eine Höchstforderung darstellt, die auf Widerspruch stößt. (S. 44)

In dem Einwand, die Lesung sei zu lang, sieht Bonhoeffer „eine schwere Schuld verborgen“, die uns „mit tiefster Beschämung“ erfüllen sollte. Er sieht in der Tatsache, dass die Texte so lang sind und uns die Erfassung des Ganzen unmöglich machen, stattdessen sogar etwas Positives:

So darf man vielleicht sagen, daß jede Schriftlesung gerade immer um einiges ‚zu lang‘ sein muß, damit sie nicht Spruch- und Lebensweisheit ist, sondern Gottes Offenbarungswort in Jesus Christus. (S. 45)

Wieder merkt man, wie Bonhoeffer den Fokus bei der Bibellese von uns selbst wegnehmen und auf Gottes Wort lenken möchte. Das Wort Gottes ist „ein lebendiges Ganzes“, es ist die Wirklichkeit. Erst im Lichte der Heiligen Schrift können wir unser Leben richtig verstehen:

Was wir unser Leben, unsere Nöte, unsere Schuld nennen, ist ja noch gar nicht die Wirklichkeit, sondern dort in der Schrift ist unser Leben, unsere Not, unsere Schuld und unsere Errettung. […] Nur aus der Schrift lernen wir unsere eigene Geschichte kennen. (S. 47)

 

Weil wir nur aus der Schrift unsere eigene Geschichte kennen lernen können, empfiehlt Bonhoeffer eine fortlaufende Lesung, um in Gottes Geschichte „einzusteigen“:

Die fortlaufende Lesung biblischer Bücher zwingt jeden, der hören will, sich dorthin zu begeben, sich dort finden zu lassen, wo Gott zum Heil der Menschen ein für allemal gehandelt hat. […] Es ist in der Tat wichtiger für uns zu wissen, was Gott an Israel, was er an seinem Sohn Jesus Christus tat, als zu erforschen, was Gott heute mit mir vorhat. (S. 46)

Die aus der Bibellese resultierende Schriftkenntnis ist für Bonhoeffer von elementarer Bedeutung. Er kritisiert, dass selbst bei wichtigen Fragen die Schrift  viel zu selten als Argumentationsgrundlage genommen wird:

Wer aber weiß heute noch etwas rechtes über die Notwendigkeit des Schriftbeweises? Wie oft hören wir zur Begründung wichtigster Entscheidungen ungezählte Argumente ‚aus dem Leben‘, aus der ‚Erfahrung‘, aber der Schriftbeweis bleibt aus, aber gerade er würde vielleicht in gerade entgegengesetzter Richtung weisen?

Da ist was dran.

Gemeinsames Leben (5): Morgenandacht – das Psalmengebet

Laut Bonhoeffer enthält jede Andacht, auch am Morgen, drei Elemente:

Zu jeder gemeinsamen Andacht gehört das Wort der Schrift, das Lied der Kirche und das Gebet der Gemeinschaft. (S. 38)

Das Gebet verbindet Bonhoeffer dabei sehr eng mit den Psalmen. Er weist darauf hin, dass die Bibel dazu ermutigt, untereinander in Psalmen zu reden. Er führt daneben als weiteres Argument an, dass dem Psalmengebet in der Kirche bereits von alters her Bedeutung große beigemessen wurde. Im Gegensatz dazu beobachtet er schon damals:

Uns ist es weithin verloren gegangen, und wir müssen den Zugang zum Psalmengebet erst wieder zurückgewinnen. (S. 38)

Was zeichnet den Psalter aus? Bonhoeffer betont folgendes Merkmal:

Er ist Gottes Wort, und er ist zugleich, bis auf wenige Ausnahmen, Gebet des Menschen. (S. 38)

Bonhoeffer möchte den Gläubigen von „vagen, selbstsüchtigen Wünschen“ (S. 40) wegführen und von „heidnischem Geplapper“ (S. 43) befreien. Er will, dass wir lernen, uns nicht um uns selbst zu drehen im Gebet. Deshalb macht er das Wort Gottes nicht nur zum Ausgangspunkt, sondern zum Dreh- und Angelpunkt des Gebets. Die Psalmen helfen uns dabei, denn sie führen uns schnell an Grenzen, spätestens wenn wir auf die Unschulds- und Rachepsalmen stoßen. Aber diese Psalmen können wir doch nicht als unsere Gebete nachsprechen!? Wie löst Bonhoeffer dieses Problem?

Das Psalmengebet, das uns nicht über die Lippen will, vor dem wir stocken und uns entsetzen, läßt es uns ahnen, daß hier ein Anderer der Beter ist, als wir selbst, daß der, der hier seine Unschuld beteuert, der Gottes Gericht herbeiruft, der in so unendlich tiefes Leiden gekommen ist, kein anderer ist – als Jesus Christus selbst. […] Der Mensch Jesus Christus […] betet im Psalter durch den Mund seiner Gemeinde. (S. 39)

Weil uns „der betende Christus“ (S. 39) in den Psalmen begegnet, sind sie für Bonhoeffer Gebet des Menschen und zugleich Gottes Wort. Das löst das Dilemma:

Seine Gemeinde betet auch, ja, auch der Einzelne betet, aber er betet eben, sofern Christus in ihm betet, er betet hier nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Jesu Christi. (S. 39f.)

Es ist Christus, der betet, wir beten nur mit. Interessant fand ich auch den Verweis Bonhoeffers auf einen Ausleger, der den ganzen Psalter den sieben Bitten des Vaterunsers zuordnet und damit ebenfalls unterstreicht, dass die Psalmen das Gebet von Jesus Christus sind (vgl. S. 42f.). Bonhoeffer zieht aus den Psalmen als der „große[n] Schule des Betens überhaupt“ (S. 40) drei Schlüsse:

(1) Wir lernen in den Psalmen, auf der Grundlage des Wortes Gottes, auf Grund von Verheißungen zu beten.

Christliches Gebet steht auf dem festen Grunde des offenbarten Wortes […]. Auf Grund des Gebetes des wahren Menschen Jesus Christus beten wir. Das meint die Schrift, wenn sie sagt, daß der heilige Geist in uns und für uns betet (S. 40)

(2) Wir lernen, was wir beten sollen. Bonhoeffer ist sich bewusst, dass das Psalmengebet „weit über das Maß der Erfahrung des Einzelnen hinausgeht“ (S. 40), dennoch sollen wir das ganze Christusgebet im Glauben sprechen:

Dürfen wir also die Rachepsalmen beten? Wir, insofern wir Sünder sind und mit dem Rachegebet böse Gedanken verbinden, dürfen es nicht, aber wir, sofern Christus in uns ist, der alle Rache Gottes auf sich selbst nimmt, den Gottes Rache traf an unserer Stelle […] – wir als Glieder dieses Jesus Christus dürfen auch diese Psalmen beten – durch Jesus Christus, aus dem Herzen Jesu Christi. (S. 41)

(3) Wir lernen, als Gemeinschaft zu beten. Diesen Aspekt, den Bonhoeffer herausarbeitet, finde ich besonders hilfreich beim Beten der Psalmen. Er zeigt auch, warum die Psalmen in die Gemeinschaft gehören (da hat uns die evangelisch-lutherische Kirche etwas voraus, denn das Psalmengebet der Gemeinde ist fester Bestandteil des Gottesdienstes):

Der Leib Christi betet, und als Einzelner erkenne ich, wie mein Gebet nur ein kleinster Bruchteil des ganzen Gebetes der Gemeinde ist. Ich lerne das Gebet des Leibes Christi mitbeten. Das hebt mich über meine persönlichen Anliegen hinaus und läßt mich selbstlos beten. (S. 42, eigene Hervorhebung)

Gemeinsames Leben (4): Der Morgen

Nachdem Bonhoeffer im 1. Kapitel den Begriff der christlichen Gemeinschaft definiert hat, geht er im 2. Kapitel auf den gemeinsamen Tag ein.

Zuerst erinnert er daran, dass der neutestamentliche Tag im Gegensatz zum alttestamentlichen Tag nicht am Abend, sondern am frühen Morgen beginnt. Während der Beginn des Tages im AT damit die „Zeit der Erwartung“ darstellt, deutet sie im NT die „Zeit der Erfüllung, der Auferstehung des Herrn“ an. Deshalb erklärt Bonhoeffer:

Die Frühe des Morgens gehört der Gemeinde des auferstandenen Christus. Beim Anbruch des Lichtes gedenkt sie des Morgens, an dem Tod, Teufel und Sünde darniederlagen, und neues Leben und Heil den Menschen geschenkt ward. (S. 35)

Bonhoeffer sieht in jedem Tagesanbruch eine ständige Erinnerung an das vollbrachte Werk auf Golgatha und einen Aufruf zum Lob Gottes, der die Nacht der Sünde überwunden hat. Er zeigt anhand einiger Choralzitate auf, dass der Morgen in der Reformationszeit deshalb feierlich begangen wurde und als besondere Zeit des Tages galt. Bonhoeffer:

Was wissen wir Heutigen, die wir Furcht und Ehrfurcht vor der Nacht nicht mehr kennen, noch von der großen Freude unserer Väter und der alten Christenheit an der morgendlichen Wiederkehr des Lichtes? Wollen wir wieder etwas Lernen von dem Lobpreis, der am frühen Morgen dem dreieinigen Gott gebührt (S. 36)

Warum bietet sich gerade der Morgen an? Und warum gerade Lobpreis? Weil dem dreieinigen Gott Lob gebührt als

Gott, dem Vater und Schöpfer, der unser Leben bewahrt hat in der finsteren Nacht und uns aufgeweckt hat zu einem neuen Tag, Gott dem Sohn und Weltheiland, der für uns Grab und Hölle überwand und als der Sieger mitten unter uns ist, Gott, dem Heiligen Geist, der uns in der Frühe des Morgens Gottes Wort als einen hellen Schein in unser Herz gibt, alle Finsternis und Sünde vertreibt und uns recht beten lehrt (S. 36)

Interessant finde ich den Gedanken von Bonhoeffer, dass der Morgen „nicht dem Einzelnen“, sondern „der Gemeinde“ bzw. „der christlichen Hausgemeinschaft“ gehört (Vgl. S. 36). Inhaltlich spricht dafür, dass das Lob normalerweise gemeinsam gesprochen wird und Christus die Gemeinde erlöst hat. Der Psalmist lobt den Herrn auch oft „in der Gemeinde“. Praktisch würde es außerdem den Vorteil bieten, dass man sich gegenseitig zum (manchmal recht schweren) Aufstehen anhalten kann. Dennoch: Soll ich meine Familie tatsächlich morgens aus dem Bett jagen? Ich glaube, da werden wir schnell auf eine Grenze stoßen. Es gilt natürlich zu bedenken, dass Bonhoeffer seine Ausführungen vor allem für das Predigerseminar aufgeschrieben hat, wo die Brüder wahrscheinlich alle mehr oder weniger den gleichen Tagesrhythmus hatten.

Danach führt Bonhoeffer eine Reihe von Bibelstellen an, die den Wert der morgendlichen Gemeinschaft mit Gott verdeutlichen. So heißt es beispielsweise in Psalm 46,6 von der Stadt Gottes: „Gott hilft ihr früh am Morgen.“ Überhaupt:

Auffallend oft erinnert uns die Heilige Schrift daran, daß die Männer Gottes frühe aufstanden, um Gott zu suchen und um Gottes Befehl auszuführen (S. 38)

Warum eignet sich gerade der Morgen?

Der Anfang des Tages soll für den Christen nicht schon belastet und bedrängt sein durch das Vielerlei des Werktages. Über dem neuen Tag steht der Herr, der ihn gemacht hat. Alle Finsternis und Verworrenheit der Nacht mit ihren Träumen weicht allein dem Licht Jesu Christi und seines erweckenden Wortes. Vor ihm flieht alle Unruhe, alle Unreinheit, alle Sorge und Angst. Darum mögen in der Frühe des Tages die mancherlei Gedanken und die vielen unnützen Worte schweigen, und der erste Gedanke und das erste Wort möge dem gehören, dem unser ganzes Leben gehört. (S. 37)

Diese Bemerkungen sind nicht neu, aber fordern neu heraus. Als „Morgenmuffel“ habe ich damit schon immer meine Probleme gehabt. Inwiefern darf man seine aufs Minimum reduzierte Gemeinschaft mit Gott am Morgen rechtfertigen? Man kann verschiedene Argumente anführen, aber sind sie wirklich gültig? Was meint ihr? Ich würde mich über Rückmeldungen und Erfahrungen freuen!

Gemeinsames Leben (3): Seelische Liebe als zerstörerisches Strohfeuer

Christliche Gemeinschaft besteht nur auf dem Fundament des Wortes Gottes und mit dem Fokus auf Jesus Christus. Deshalb ist sie auch eine pneumatische (durch den Heiligen Geist gewirkte) und keine psychische (aus natürlichen Kräften und Anlagen der menschlichen Seele kommende) Gemeinschaft, worin sie sich von allen anderen Gemeinschaften unterscheidet.

Der grundlegende Unterschied zwischen pneumatischer und psychischer Liebe besteht darin, dass die pneumatische Gemeinschaft allein auf das Wort Gottes in Jesus Christus aufbaut, während bei der psychischen Gemeinschaft neben dem Wort noch etwas anderes hinzukommt: der Mensch. Bonhoeffer erklärt:

In der geistlichen Gemeinschaft regiert allein das Wort Gottes, in der seelischen Gemeinschaft regiert neben dem Wort Gottes noch der mit besonderen […] Erfahrungen […] ausgestattete Mensch Dort bindet allein das Wort Gottes, hier binden außerdem noch Menschen an sich selbst. Dort ist alle […] Herrschaft dem Heiligen Geist übergeben, hier werden Macht und Einflußsphären persönlicher Art gesucht und gepflegt, gewiß, sofern es sich um fromme Menschen handelt, in der Absicht, dem Höchsten und Besten zu dienen, aber in Wahrheit doch, um den heiligen Geist zu entthronen.
(S. 27f.)

Wenn die Gemeinschaft nicht einzig auf das Wort Gottes aufgebaut wird, sondern ihren Bestand in menschlichen Bindungen hat, kann der Heilige Geist nicht wirken. Dies führt zu seelischen, nicht durch den Heiligen Geist bewirkten Bekehrungen, z.B. wenn sich ein Jugendlicher auf einer Freizeit bekehrt, weil die ganze emotionale Atmosphäre der Gemeinschaft ihn überwältigt, ohne dass er jedoch wirklich von der Sache überzeugt wurde. Deshalb schreibt Bonhoeffer auch:

Nichts ist leichter, als den Rausch der Gemeinschaft in wenigen Tagen gemeinsamen Lebens zu erwecken, und nichts ist verhängnisvoller für die gesunde, nüchterne, brüderliche Lebensgemeinschaft im Alltag. (S. 33f.)

Durch die Bindung an Menschen kommt es außerdem zu seelischer Nächstenliebe:

Sie ist zu den unerhörtesten Opfern fähig, sie übertrifft die echte Christusliebe oft weit an brennender Hingabe und an sichtbaren Erfolgen, sie redet die christliche Sprache mit überwältigender, zündender Beredsamkeit. Aber: […] Seelische Liebe liebt den Anderen um seiner selbst willen, geistliche Liebe liebt den Andern um Christi willen. […] Seelische Liebe hält nicht viel von der Wahrheit, sie relativiert sie, weil nichts, auch nicht die Wahrheit, störend zwischen sie und den geliebten Menschen treten darf. Seelische Liebe begehrt den Andern, seine Gemeinschaft, seine Gegenliebe, aber sie dient ihm nicht. Vielmehr begehrt sie auch dort noch, wo sie zu dienen scheint. (S. 29)

Wie zeigt sich das in der Gemeinschaft? Es kann sich auf zweierlei Weise zeigen. Erstens:

seelische Gemeinschaft kann die Aufhebung unwahr gewordener Gemeinschaft um der wahren Gemeinschaft willen nicht ertragen, (S. 30)

Das bedeutet ganz praktisch, dass z.B. keine Gemeindezucht geübt wird. Die Gemeinde wird auf Kosten der Wahrheit zusammen gehalten. Zweitens:

seelische Liebe kann den Feind nicht lieben, den nämlich, der sich ihr ernstlich und hartnäckig widersetzt. (S. 30)

Die seelische Liebe ist zwar bereit, große Opfer auf sich zu nehmen – aber nur solange der Andere der gleichen Meinung ist und damit das Begehren der seelischen Liebe befriedigt. Wenn Sie aber keine Befriedigung mehr erhält weil der Andere sich ihrer Meinung widersetzt, schlägt sie um „in Haß, Verachtung und Verleumdung“. Sie wird, ebenfalls auf Kosten der Wahrheit, lieblos.
Biblisch könnte man von Sadduzäern und Pharisäern bzw. geschichtlichlich von Liberalen und Gesetzlichen Christen sprechen. Beide Parteien bauen auf die seelische Liebe, auch wenn die Auswirkungen gegensätzlich sind. Die Wurzel ist dieselbe.

Wodurch zeichnet sich dagegen die pneumatische Gemeinschaft bzw. die geistliche Liebe aus?

Darum ist geistliche Liebe allein an das Wort Jesu Christi gebunden. Wo Christus mich um der Liebe willen Gemeinschaft halten heißt, will ich sie halten, wo seine Wahrheit um der Liebe willen mir Aufhebung der Gemeinschaft befiehlt, dort hebe ich sie auf, allen Protesten meiner seelischen Liebe zum Trotz. (S. 30)

Dieser Satz hat fundamentale Bedeutung. Christliche Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft unter der Regierung des Wortes Gottes! Geistliche Liebe entspringt allein aus diesem Wort! Alles andere führt nur zu einem Strohfeuer, das letztlich zerstörerisch um sich frisst. Was bedeutet diesen Gebundensein an das Wort für den Umgang mit dem (machmal schwierigen) Bruder?

Darum wird geistliche Liebe sich darin bewähren, daß sie den Andern in allem, was sie spricht und tut, Christus befiehlt. Sie wird nicht die seelische Erschütterung des Andern zu bewirken suchen durch allzupersönliche, unmittelbare Einwirkung, durch den unreinen Eingriff in das Leben des Andern, sie wird nicht die Freude haben an frommer, seelischer Überhitzung und Erregung, sondern sie wird dem Andern mit dem klaren Worte Gottes begegnen und bereit sein, ihn mit diesem Wort lange allein zu lassen, ihn wieder frei zu geben, damit Christus mit ihm handle. Sie wird [einerseits] die Grenze des Andern achten, die durch Christus zwischen uns gesetzt ist, und sie wird [andererseits] die volle Gemeinschaft mit ihm finden in dem Christus, der uns allein verbindet und vereinigt. (S. 31, eigene Hervorhebung)

Keine Angriffe auf persönlicher Ebene, sondern nur mit dem Wort als Mittler. Keine Überschätzung der eigenen Überzeugungskraft, sondern Vertrauen auf das wirksame Wort Gottes.

Bonhoeffer fasst das erste Kapitel zusammen:

Es gibt wohl keinen Christen, dem Gott nicht einmal in seinem Leben die beseligende Erfahrung echter christlicher Gemeinschaft schenkt. Aber solche beseligende Erfahrung bleibt in dieser Welt nichts als gnädige Zugabe über das tägliche Brot christlichen Gemeinschaftslebens hinaus. […] Nicht die Erfahrung der christlichen Bruderschaft, sondern der feste und gewisse Glaube an die Bruderschaft hält uns zusammen. […] Im Glauben sind wir verbunden, nicht in der Erfahrung. (S. 34)

aus: Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsames Leben, Kaiser: Gütersloh 1988.