Prädestination oder freier Wille?

Erwin Lutzer  führt nach einer kurzen Gegenüberstellung der beiden Positionen, die klassisch durch Erasmus (freier Wille) und Luther (unfreier Wille) vertreten wurden, folgenden hilfreichen Vergleich an:

…die heutigen Evangelikalen sehen den Menschen als einen Ertrinkenden, dem Gott in seiner Gnade ein Seil zuwirft. Ob der Ertrinkende nach dem Seil greift oder nicht, das liege an seiner eigenen freien Entscheidung und Bereitwilligkeit. Und hat er einmal das Seil gepackt, muss er es festhalten bis zum Schluss.

Luther (wie auch Calvin) würden es anders beschreiben:

Luther sah den Menschen als einen Ertrinkenden, der sich dessen ganz und gar nicht bewusst ist, ist er doch geistlich tot. Daher wird er nie nach Gottes Gnade greifen. Gott ist es, der nach seiner Wahl sich herab neigt und den Ertrinkenden herausreißt. Er tut es, indem er dem Toten Leben und damit den Glauben gibt, der ihn rettet. Damit ist die Errettung ganz Gottes Werk.

aus: Erwin Lutzer: Einig in der Wahrheit? Grundlegende Kontroversen in der Geschichte des Christentums. CV Dillenburg 2006, S. 186f.

Warum gibt es so viel Streit unter Christen?

„Das Christentum kann nicht wahr sein, denn sonst würde es nicht so viele Streitigkeiten und Denominationen unter Christen geben.“ Bist du schon einmal dem Argument begegnet? Wie würdest du darauf reagieren? Erwin Lutzer bespricht in seinem Buch „Einig in der Wahrheit? Grundlegende Kontroversen in der Geschichte des Christentums“ die wichtigsten Debatten in der Kirchengeschichte. Er nennt in der Einführung vier Gründe, warum sich die Christen so schwer tun, absolut einig zu sein:

  1. Der Mensch ist begrenzt in seiner Erkenntnisfähigkeit. Unser Verstand kann Gottes Wort nicht begreifen.
  2. Der Mensch verdreht das Wort Gottes in seiner sündigen Natur. Er neigt immer wieder dazu.
  3. Der Mensch ist ungläubig, stellt sich in seiner vermeintlichen Souveränität autoritativ über das Wort Gottes und beurteilt, was darin geglaubt werden kann und was nicht. Bspw. will er Wunder nicht glauben.
  4. Der Mensch hört anstatt auf Gottes Wort auf Menschen, d.h. auf Traditionen. Er stellt sie über Gottes Wort.

Das scheinbare Argument gegen den christlichen Glauben entpuppt sich damit sogar zu einem Argument dafür. Die Streitigkeiten entsprechen genau dem Bild, das die Bibel vom Menschen zeichnet: Abgrundtief verdorben und Gott entfremdet. Die Kirchengeschichte ist ein großer Zeuge dieser Tatsache. Aber wie gut, dass sie auch eine andere Tatsache bezeugt: Gott ist treu und baut sein Reich!

Übrigens: Theologische Differenzen heben die Einheit der Gläubigen nicht zwingend auf, denn die „Einheit des Geistes besteht unter allen Gläubigen“, auch wenn lehrmäßige Verschiedenheiten bestehen. Es ist eine geschenkte Einheit, die es zu bewahren, nicht herzustellen giltDeshalb darf die Einheit nicht auf Kosten der Wahrheit hergestellt werden, sondern wird im Entdecken der Wahrheit des Evangeliums von Gott geschenkt.

Jesus aus der Entfernung nachfolgen?

– ein Beitrag von Jürgen:

Wenn man aus der Entfernung nachfolgt, wird man leicht ein Opfer der vielen Gefahren auf dem Wege. Es gibt kein konstantes geistliches Leben aus der Entfernung: entweder folgen wir Jesus nach und kommen ihm immer näher, oder wir driften immer weiter von ihm ab. Niemand ist stark genug, um das geistliche Leben zu bewältigen, wenn man Jesus nicht nah ist.

– Erwin W. Lutzer

Wenn ihr urteilt…

Heute, beim Durchblättern der Zeitschrift „forum für Braker Ehemalige“, (wir bekommen die Zeitschrift regelmäßig, weil mein Vater vor Jahren die Bibelschule Brake absolviert hat) entdeckte ich eine interessante Rezension des Buches „Wer bist du, dass du andere richtest? Lernen zwischen Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge zu unterscheiden“, heute unter dem Titel “ ‚Wenn ihr urteilt…‘ Leben zwischen Richtgeist und Toleranz“ erhältlich (z. B. hier), von Erwin Lutzer. Anke Hillebrenner schreibt:
Leben und leben lassen. Die Postmoderne ist da! Und sie findet die Gemeinde Jesu in einem Zustand der Schüchternheit und Verwirrtheit vor, durch den diese Gefahr läuft, ihre Glaubwürdigkeit, ihr geistliches Unterscheidungsvermögen und ihre Wirksamkeit in einer verlorenen Welt einzubüßen. Christen sehen oftmals wortlos zu, wie postmodernes Denken mit seinen Moralvorstellungen, Geisteshaltungen und dem ungeschriebenen Gesetz der „political correctness“ in die Gemeinden hinein gespült wird. Der Mensch unserer Zeit sucht nicht mehr nach Wahrheit, er begreift sich vielmehr selbst als die Quelle der Wahrheit. Wahrheit – ein plötzlich beliebig gewordener Begriff, der durch Fairness, Gefühl und individuelle Wahrnehmung ersetzt wird.
Das ist die Ausgangssituation, die dem Buch „Wenn ihr urteilt…“ von Dr. Erwin Lutzer zugrunde liegt. Und das ist auch die Herausforderung, der der Autor die Gemeinde Jesu gegenüber sieht. Er spürt der Frage nach, warum es uns als Christen so schwer fällt, sowohl innerhalb als auch außerhalb unserer Gemeinde zu den unverbrüchlichen biblischen Wahrheiten und zu unseren geistlichen Überzeugungen zu stehen oder zu sagen, welche theologischen Ansichten und Lehren schlichtweg falsch – weil unbiblisch – sind. „Einheit“ um jeden Preis? Paulus´ Drängen in Epheser 4,3 „Befleißigt euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens“ tragen wir nicht dadurch Rechnung, dass wir unsere Streitfragen aufgeben, vor allem, wenn diese Fragen Kernbestandteile des Evangeliums betreffen. An dieser Stelle geht der Autor auf die Suche nach der goldenen Mitte zwischen Pharisäertum und geistloser Leichtgläubigkeit. Die Prinzipien des biblischen Urteilens, die er herausarbeitet, wendet er dann konkret auf unterschiedlichste Themenbereiche an, die uns täglich begegnen können: Die Beurteilung der Lehre, (falscher) Propheten, die Beurteilung von Wundern, der Unterhaltungsbranche und der verschiedenen Formen der Unterhaltung, die Beurteilung des Verhaltens und des Charakters von Menschen, …
Dr. Lutzer ist sich dabei durchaus der Tatsache bewusst, hier und da Empörung hervorzurufen, sind wir doch so sehr an gute Nachrichten gewöhnt und wird doch vielerorts ein Jesus gepredigt, der uns lediglich irdische Segnungen zuteil werden lassen möchte und es mit unserer Sünde und unserer Heiligung nicht so genau nimmt.
Das Buch ist ein herausfordernder und aufrüttelnder Aufruf zur Wachsamkeit und zum Einstehen für die biblische Wahrheit – am Ende mit dem ermutigenden Fazit: Authentisches und integres Christsein ist auch in der Postmoderne möglich. Der ehemalige Titel des Buches „Wer bist du, dass du andere richtest?“ ist also nicht so sehr eine Frage des Autors als ein Zitat, das der heutigen gesellschaftlich etablierten Einstellung „leben und leben lassen“ entspringt. Der Untertitel ist es, der den eigentlichen Tenor des Buches vermuten lässt, und er war es auch, der mich bewog, nach diesem Buch zu greifen. Der Autor Dr. Lutzer versteht es, fundierte biblische Inhalte und glasklare Gesellschaftsanalyse in lebendige, plastische und leicht verständliche Sprache zu kleiden. Er hält sowohl der Gemeinde Jesu als auch unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, in dem man einfach hineinblicken muss – nicht zuletzt deshalb, weil der Autor diesen Spiegel zwar unmissverständlich, aber differenziert und nicht überheblich hinhält.

Theologie vs. "Einheit" – Die Wichtigkeit von reiner Lehre

Erwin Lutzer schreibt in dem Buch „Einig in der Wahrheit? Grundlegende Kontroversen in der Geschichte des Christentums“ am Schluss über die Tendenz, die Einheit der Kirche mit allen Mitteln zu erreichen – während die Lehre darunter leidet, wie er meint (und ich übrigens auch denke):

Heute gilt Toleranz vielmehr als lehrmäßige Genauigkeit. Wir haben uns an christliche Talkshows gewöhnt, in denen Erfahrungen groß und Lehre sehr klein geschrieben werden. Einige der Kardinalforderungen christlicher Publizistik ist die, dass man Lehre, falls überhaupt vorhanden, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert. Wenn man an die Massen appelliert, das Evangelium anzunehmen, dann bekommen sie kaum Gründe geliefert, was und warum sie glauben sollten.

[…] Während ich diese Zeilen schreibe, dringt das Denken der New Age Bewegung in die Christenheit ein. Manche halten östliche Spiritualität für durchaus vereinbar mit dem christlichen Glauben. Die Einzigartigkeit des Christentums wird in einem verstandesfeindlichem Trachten nach Erfahrungen fast vollständig preisgegeben.

[…] Ich plädiere dafür, dass die Theologie wiederum zur Königin der Gelehrsamkeit erhoben werde. Das bedeutet mit anderen Worten ausgedrückt, dass wir nie ablassen sollten, über die grundlegenden Fragen zu diskutieren. Unser ewiges Los und das Schicksal der Welt hängen am rechten Verständnis der in diesem Buch diskutierten Lehren. […]

Lutzer zeichnet das Bild einer christlichen Gemeinschaft, die (fast) ohne Lehre auskommt. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, auch weiter für eine „lehrreiche“ Diskussionskultur einzutreten!

Der Mensch im Mittelpunkt

Erwin Lutzer zitiert in einem seiner Bücher den bekannten Historiker Joseph Haroutunian:

Früher ging es in der Religion um Gott. Früher war alles, was nicht unmittelbar zur Verherrlichung Gottes diente, böse. Heute ist alles Böse, was nicht zum Glück des Menschen beiträgt, und es wäre ungerecht und unmöglich, es Gott zuzuschreiben… Früher lebte der Mensch, um Gott zu verherrlichen, heute lebt Gott, um den Menschen zu dienen.

in: Lutzer, Erwin, Ich und mein Gott, Bielefeld 2001, S.24-25.