Da kann ich nur staunen! (3) Was ist eigentlich evangelisch?

Heinrich Kemner erinnert sich an ein Gespräch mit seinem ehemaligen Schuldirektor. Er (der katholisch aufgewachsene Direktor) sagt:

„Ich muss Ihnen eigentlich sagen, wie ich eines Tages den Kern des evangelischen Glaubens begriffen habe“, begann er dann. „Als Student wanderte ich eich einmal in der Lüneburger Heide. Eines Tages hatte ich mich verlaufen. Weil ich kein Gasthaus fand und unter Hunger und noch mehr unter Durst litt, nahm ich mir schließlich ein Herz und kehrte beim nächsten Bauernhof am Wege ein. In der geräumigen Bauerstube ging die Familie gerade zu Tisch. Ich nannte mein Anliegen und wurde sogleich zu Tisch gebeten. Wie selbstverständlich, als gehörte ich schon lange zur Familie, wurde ich eingeordnet. Am oberen Ende des Familientisches saß der alte Heidebauer mit schlohweißem Bart. Er hatte einen geprägten Kopf, wie aus Stein gemeißelt, der einen Bildhauer hätte begeistern müssen. Ohne Worte strahlte er eine Wirkung aus, die mir als jungem Dachs das Gefühl gab, einer Persönlichkeit gegenüber zu sitzen. Nach dem Essen reichte man ihm die alte zerlesene Familienbibel. Mit einer Ehrfurcht und Feierlichkeit, als beträte er einen geheiligten Raum, schlug der Heidjer die Bibel auf. Dann las er das Kapitel der Tageslese, wie ich niemals in meinem Leben mehr die Worte der Heiligen Schrift habe lesen hören. Der Mann stand vor seinem Gott. Jedes Wort war ganz, demütig und echt. Als er das Amen sprach, schlug er die Bibel zu und faltete seine schwieligen Hände. Er betete ein kurzes Gebet, frei und geschenkt, wie ein großes Kind ehrfurchtsvoll zu seinem Vater spricht. Das gemeinsame ´Vater unser` schloss sich an. Diese Gebete gingen mir durch Mark und Bein. Es wurde nicht geplappert, sondern war ein Reden vor Gott und mit Gott. Niemals in meinem Leben habe ich ein solches Beten wieder gehört. Das Jenseitige kam über die Brücke des Gebets in die Bauerstube, es berührte mich und ging mir so unter die Haut, dass ich noch heute vom Anstoß dieser Stunde bewegt bin.“ Nach einer kurzen Stille fuhr er fort: „Manche evangelische Dogmatik habe ich in der Zwischenzeit gelesen. Recht klug bin ich aus all der Dialektik nicht geworden. Was ich von der evangelischen Dogmatik begriffen habe, verdanke ich jenem Heidebauern: Evangelischer Christ sein heißt, unter dem Kreuz Jesu Christi unmittelbar sein zu dem Heiligen Gott. – Ob es in der Heide wohl noch solche Bauern gibt?“  

Seelenvergiftung!

Ein ernstes Wort von Pastor Kemner – gerade für junge Leute:
Auf einer Kunstausstellung habe ich einmal lange vor einem Bild gestanden. Es war unterschrieben: Hochzeitsmorgen. Der Künstler hatte eine Bauernhochzeit, wie sie auf unseren Höfen gefeiert wird, gemalt. Auf der bekränzten Diele versammelte sich das junge Volk. Die Musikkapelle wollte gerade zum Tanze aufspielen. Überall sah man frohe Gesichter und es herrschte eine glänzende Stimmung. Doch durch die perspektivische Verlängerung des Raumes sah man in das Brautgemach durch die offenstehende Türe. Im Kranz und Schleier lag die junge Braut wie träumend auf dem Brautbett. Aber schreckensbleich. Keiner war mehr frohen Mutes. Jammernd und klagend sah man die Verwandten das Bett umstehen. Vergeblich versuchte der Bräutigam, seine Braut aus dem Schlafe zu wecken. Sie war, o furchtbare Wahrheit, vergiftet worden und erwachte nicht mehr aus dem Schlummer des Todes.
Körperliche Vergiftungen sind gefährlich, seelische noch viel mehr. Und wie leicht können sie geschehen. Es ist die große Gefahr schlechter Literatur, der Tanzdielen und zweifelhaften Filme, dass sie dem jungen Menschen vorgaukeln, der Weg zum Glück gehe über die Leidenschaft. Wer ihre unheimliche Glut zur Flamme weckt, wird erleben, dass er mit der Seele darin verbrennt. In jeder Leidenschaft liegt eine Versuchung der Hölle. Mag das Spiel mit ihr anfänglich noch so reizvoll sein, im Verborgenen lauert der Feind der Seele. Jesus erkannte ihn in untrüglicher Diagnose als den Mörder von Anfang.
[…]
Es ist gut, wenn man das Gesicht hinter der Maske aller Leidenschaft immer erkennt. Es ist ratsam, wenn wir nie dem Feind der Seele in eigener Kraft begegnen. Er liegt wie eine Schlage stets auf der Lauer, durch ein angelegtes Fenster in unsere Phantasie einzubrechen. Heimliche und unheimliche Ketten sind die Folge.
Im Ausland stand ich irgendwo einmal auf der Kanzel. Das Orgelspiel der jungen Organistin war so klassisch, dass ich wie gebannt auf den Anschlag ihrer Hände schauen musste. Wie sehr sie doch in dieser Musik lebte!
Eines Abends begleitete sie mich auf dem Heimweg. Ich sagte ihr von meiner Bewunderung für ihr Orgelspiel. Sie blieb stehen und seufzte: „Herr Pfarrer, ich habe nur einen Wusch, ich möchte mit reinen Gedanken, mit reiner Phantasie, mit reinen Händen und mit einem reinen Herzen zur Ehre Gottes spielen. Ist es möglich, dass dies Wunder auch bei mir geschehen kann?“ Am nächsten Abend spielte dieses Mädchen wieder und doch so ganz anders. Die Akkorde strömten über vom heimlichen Siegesjubel. „Die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg.“
Jesu Liebe kann erretten,
Seine Hand ist stakt und treu.
Er zerbricht der Sünden Ketten,
Er nur macht das Leben neu.

Da kann ich nur staunen! (2) Heinrich Kemner als Vikar bei Johannes Busch

Heichrich Kemner berichtet von einen ergreifenden Erlebnis mit Johannes Busch:

So sehr ich mich im Hause Werdermann wohl fühlte – zu Hause war ich bei meinem späteren geistlichen Freund Johannes Busch. Er gehörte, wie auch sein Bruder Wilhelm, zu den Originalen Gottes. Wer solche Originale nachahmen will, macht sich lächerlich. Manchmal hat man auch bei Pfarrern den Eindruck, dass sie gute Prediger kopieren wollen.
Bei den Buschs konnte man sehen, wie natürlich Glaube und Christentum Menschen prägen können. Man sagte damals: Ein Busch ist mehr wert als ein ganzer Wald von Pastoren. Als ich Busch zum ersten Mal besuchte, zeigte er mir in seinem Arbeitszimmer „die Wolke der Zeugen“, die ihn geistlich inspirierten. An den Wänden hingen Bilder aller denkbaren Erweckungsprediger meiner Heimat. Er durfte damals in seiner geliebten Johanneskirche schon keinen Dienst mehr tun. Die Deutschen Christen in der Gemeinde, Pastor Richter und andere, waren am Steuer. Johannes Busch predigte nun im Voßschen Saale, der war regelmäßig bis auf den letzten Platz besetzt. Busch hatte die Gnadengabe, das Evangelium in einer die Herzen ansprechenden Unmittelbarkeit zu bezeugen, die mich begeisterte. Auch seelsorgerlich hat er mir manche Korrektur gegeben. Seine Predigte wurden nicht nur am Schreibtisch konzipiert; sie ergaben sich aus den Eindrücken der Seelsorge und der Gemeindebegegnung. Er war der geborene Jugendpfarrer und blieb in seiner Theologie vor allem oberflächlichen Geplätscher bewahrt.
Als er nach dem Kriege, viele Jahre später, am Ahldener Jugendtag sprach, war er beglückt, den Segen zu erleben, den Gott seinem Dienst schenkte.
Als ich meine Einführungspredigt als Vikar in Witten hielt, wollte ich ohne Zweifel dabei etwas glänzen. Meine verborgene Eitelkeit war noch nicht so sündig geworden, dass ich sie wie später unter den Keulenschlägen des Naziregimes erkennen musste. Nach einigen Überlegungen wählte ich für meine Einführung die Examenspredigt, die gut beurteilt worden war. Ach, wie habe ich sie auswendig gepaukt und, wie Wilhelm Stählin es uns beigebracht hatte, auch bei der Deklamation Mimik und Gesten beobachtet. Schließlich war ich mit mir selbst zufrieden. Aber wer als Pfarrer Schauspieler ist, hat seinen Lohn dahin.
Nach der Predigt kam als erster mein Vikariatsvater und gratulierte mir zu dem Erfolg. Er meinte, die Predigt sei ein theologischer Genuss gewesen. Noch sehe ich, wie während seiner Lobeshymne Johannes Busch in die Sakristei kam und immer unruhiger hin und her ging.
Plötzlich sagte er zu Werdermann:
„Hör bitte auf mir deinem Lob; wir sind alle verdorben. Es geht nicht um Erfolg, es geht um Frucht. Mit deiner Lobrede tust du ihm keinen guten Dienst.“
Schließlich lud er mich zum Mittagessen ein. Unterwegs blieb er plötzlich vor mir stehen, schaute mich mit seinen guten Augen an, fasste mich am Schlips und fragte:
„Glaubst du eigentlich, dass ich dich lieb habe?“
Nun, ihm traute ich am wenigsten eine konventionelle Lüge zu.
„Ich bin überzeugt, ja, ich glaube dir wirklich.“
„Dann“, fuhr er mit einem Ernst, der mir unvergesslich ist, fort, „dann muss ich dir in Liebe etwas sagen: Die heutige Predigt war vorbei; du hasst nicht den Herrn Jesus gepredigt, sondern dich selber. Ich habe betend unter deiner Predigt gesessen, und deshalb muss ich dir das sagen. Hast du eigentlich in der Sakristei vorher gebetet?“
Verlegen sagte ich: „Ja, ich wollte beten.“
„Ja, warum denn nicht?“
„Nun, der Küster war auch in der Sakristei.“
Durchdringend schauten mich seine Augen an.
„Glaubst du denn, dass du den Herrn Jesus bezeugen kannst, wenn du dich seiner vor dem Küster schämst?“
Er nahm mich von da ab oft in die Gemeinde mit und meinte:
„Wenn du die Sorgen der Gemeinde mitträgst und miterlebst, wirst du mit Jesus den Schlüssel zu den Herzen finden.“

Da kann ich nur staunen!

Ich lese zurzeit die Autobiografie von Pastor Heinrich Kemner und muss dieses Buch an dieser Stelle dringend empfehlen! Es handelt sich bei dieser Lektüre in keinster Weise um einen langweiligen, stumpf erzählten Lebensbericht. Heinrich Kemner schreibt in einem sehr schönen Sprachstil und auch theologisch hat das Buch durchaus Niveau! (Heinrich Kemner war als Vikar übrigens bei Johannes Busch.)

Das Buch ist hier zum unglaublichen Preis erhältlich. Wer da nicht zuschlägt ist selber schuld 😉
Hier eine Leseprobe. Pastor Kemner erzählt seine Bekehrung:
Wenn man nach Erfüllung des Lebens verlangt, sie aber nicht findet, befindet man sich in der eigentlichen Krisis seines Lebens. Man erkennt sich als betrogenen Betrüger, findet aber nicht die Tür, über die Jesus geschrieben hat: „Wer durch mich eingeht, wird leben und volles Genüge finden.“ Und doch – es gibt ein Gebet, das dahin führt: „Jesus, erbarme dich!“ – das Gebet, das Raum und Zeit durchdringt und einem beim eigenen Ende Gottes Anfang entdecken hilft.
Nun gab und gibt es in dieser Welt keinen Erweckungsprediger, der die unfehlbare Methode entdeckt hätte, wie man Lebensfragen aufschlüsseln und Menschen zur Bekehrung bringen kann. Trotzdem stehen wir immer in der Gefahr zu meinen, wir könnten die vollmächtige Verkündigung in den Griff bekommen; aber dann könnten wir ja Gott selber „in den Griff“ bekommen – was für ein Gott wäre das! Vollmächtige Verkündigung ist allemal ein Wunder aus Gericht und Gnade – zuerst für den Verkündiger, dass für seine Hörer. Es gibt aber keine vollmächtige Verkündigung, die das Ärgernis vom Kreuz billiger vermarkten kann, als es ist. Gott hat den vollen Preis bezahlt – davon lässt sich nichts herunterhandeln.
Unvergesslich bleibt mir die Frage jenes am Anfang genannte Professors: „Sie wollen doch nicht behaupten, dass wir Verbrecher sind?“ Wir sind keine gemalten Sünder, wir sind wirkliche Sünder, sagt Luther. Wir sind Verbrecher, nicht im Buchstaben irdischer Gesetzte, sondern im Urteil Gottes am Kreuz seines Sohnes Jesus Christus. Hier geht es nur im die eine Frage: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen aus dem Leibe dieses Todes? Oder reformatorisch gesprochen: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Diese Frage wurde für mich aktuell, als ich, wie Luther sagt, Gott Gott sein ließ und den Maßstab für Gott und Mensch im Kreuz seines Sohnes ernst nahm. Noch hatte ich den Schritt über die Linie nicht getan, noch war ich im Widerstand, da predigte in der Stadtkirche von Bünde während der Bünder Glaubens-Konferenz der bekannte Evangelist Ernst Modersohn. In unserem Dorf hatte man davon gehört, und so ging das junge Volk, um zu hören. Ich wollte kritisch urteilen. Als ich ohne Gesangbuch in der letzten Reihe der Bünder Kirche saß, setzte sich ein Herr mit langem Vollbart zu mir. Er rückte immer näher, sang aus vollem Halse mit und schon mir langsam das Gesangbuch zu. Nicht im geringsten dachte ich daran mitzusingen. Da legte er mir väterlich die Hand auf die Schulter und raunte mir ins Ohr: „Brüderchen, ich verstehe dich, ich war auch mal so!“ Damit war der Widerstand gebrochen. Das war Alfred Christlieb, der Pfarrer von Heidberg.
[…]
Das war die Zeit meiner Bekehrung. Ich kann Tag und Stunde nicht nennen; wohl aber weiß ich eine Zeit, in der ich während der Verkündigung beim Namen gerufen wurde. Der Anruf Gottes in Christus ist Ereignis und Bewegung zugleich. Er führt aus der Ungewissheit eigener Existenznot zur geschenkten Gewissheit. Nie habe ich Luther so verstanden wie dort, wo er bekennt
„Die Angst mich zum Verzweifeln trieb,
dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
zur Hölle muss ich sinken!“
Doch das nun erst mal vorbei. In mir war Freude.
In vielen Erweckungen habe ich inzwischen erlebt, dass man Sünden- und Höllenangst nicht trennen kann. Luther hat recht: Gott hebt immer aus der Hölle in den Himmel. Die Menschheitsfrage lautet nicht, wer begräbt uns, sonder wer erlöst uns. Doch würde mein Bericht nicht vollständig sein, wenn ich nicht zwei Ereignisse noch erwähnte, die irgendwie in der Planung Gottes für mein Leben mit entscheidend wurden. Er gibt keinen Zufall, Gott handelt, das ist mir mit Luther gewiss, in allem Geschehen.
In jenen Tagen bekam mein Freund, der mir die Frage nach dem Fallgesetz der Sünde gestellt hatte, einen Blutsturz. Unmittelbar vor dem Tode war ich bei ihm. In der Unruhe meines Herzens fragte ich ihn nach der Wirklichkeit seines Glaubens. Es schaute mich tief an, legte die Hände zusammen und stammelte sterbend:

„Ich danke dir, du wahre Sonne,
dass mir dein Glanz hat Licht gebracht.“

Diese Begegnung mit dem sterbenden Freund nahm mir den letzten Vorbehalt.
An jenem Abend bin ich in den dunklen Keller gegangen, habe mich auf die Rüben geworfen und zum ersten Mal die paar Worte herausgeschrien, auf die Gott wartet: „Jesus, erbarme dich! Herr Jesus, wenn du da bist, dann hilf mir! Zerbrich mir alles, aber lass mein Leben nicht in einer Lüge enden!“
Gott hat dieses gehört und erhört.