Calvinistische Erweckung?

Letzten Sonntag entstammte einer der Predigttexte aus dem 5. Kapitel des 1. Briefes an die Thessalonicher:

 19 Den Geist dämpft nicht! 20 Die Weissagung verachtet nicht! 21 Prüft alles, das Gute behaltet! 22 Haltet euch fern von dem Bösen in jeglicher Gestalt!

Wir wurden u.a. dazu aufgefordert, gerade unsere „Lieblingsprediger“ kritisch prüfend zu hören und bei Predigern, denen gegenüber wir (subjektive) „Abneigungen“ haben, das Wort Gottes sprechen zu lassen. Die Gefahr, bei „Lieblingspredigern“ Fehler (absichtlich?) zu übersehen ist durchaus da, genauso wie die Gefahr, biblische Wahrheiten bei Verkündigern, die wir nicht „mögen“ (absichtlich?), zu überhören.

In diesem Zusammenhang ist mir der Artikel „Calvinistische Erweckung?“ in der aktuellen Ausgabe (Nr. 05.2014) des Mitternachtsrufs aufgefallen:

Anfang dieses Jahres schrieb Mark Oppenheimer für die New York Times: „Der Evangelikalismus steckt mitten in einer calvinistischen Erweckung. (…) Mark Driscoll, John Piper und Tim Keller – Prediger von Megakirchen und wichtige evangelikale Autoren – sind alles Calvinisten.“ Diese Männer vertreten einen sogenannten „neuen Calvinismus“, den das Time-Magazin 2009 unter zehn Ideen auflistete, die „gerade jetzt“ die Welt veränderten. 2006 nannte Collin Hansen diese Bewegung in Christianity Today „young, restless, reformed“ (jung, ruhelos, reformiert). Ihr starker Einfluss ist von den USA auch in den deutschsprachigen Raum übergeschwappt. So wird ein Grossteil der deutschen „bibeltreu“-christlichen Blogs von jungen Männern betrieben, die die Lehren von Piper, Driscoll und Co. verbreiten. Doch die Bewegung gerät in die Kritik, auch von calvinistischer Seite. Dr. Paul Owen, ein calvinistisch-episkopaler Professor, hat beobachtet, dass der Calvinismus heute häufig für eine „bestimmte Art von Persönlichkeit“ attraktiv ist: männlich, „intellektuell arrogant, streitlustig, unsicher (und daher intolerant)“. Weil sie die fünf Punkte des Calvinismus als „zweite Segnung“ empfinden und mit dem Evangelium gleichsetzen, treten neue Calvinisten oft ablehnend gegenüber andersdenkenden Christen auf. Owen geht sogar so weit, die Bewegung mit einem Kult zu vergleichen. „Es ist nicht der Name des Lammes, der ständig auf den Lippen dieser Männer ist, sondern die Namen von Calvin (…) und der Persönlichkeiten, die auf calvinistischen Konferenzen, Versammlungen und Webseiten vertreten sind.“ Owen spielt am Ende seines Essays auf einige Skandale unter Neocalvinisten an und wundert sich darüber, dass eine reformierte Bewegung, „so tolerant gegenüber Weltlichkeit, Oberflächlichkeit und kultischer Hingabe an nichts-wissende calvinistische Berühmtheiten“ sein kann.

Ich glaube nicht, dass die ganze „young, restless, reformed“-Bewegung hiermit „abgeschrieben“ werden muss – überhaupt nicht. Was jedoch gilt – und genau darum müssen wir auch Dr. Paul Owen ernst nehmen – ist: „Prüft alles, das Gute behaltet!“ Außerdem sollte Kritik (unter Brüdern und Schwestern, die die Bibel ernst nehmen), denke ich, positiv verstanden und ausgeübt werden. D.h. sie sollte nicht verdammend gemeint sein, sondern als Hinweis auf die Heilige Schrift verstanden werden. Was wir im Endeffekt doch alle wollen ist Bibeltreue!

Hier geht es zum Artikel von Dr. Owen.

Gott lieben mit seinem Verstand

Hanniel hat das Buch von John Piper „Think. The Life of the Mind and the Love of God“ rezensiert. Es geht in diesem Buch, wie der Titel verrät, ums Denken. Hanniel schreibt über den Inhalt des Buches:

Piper geht ausführlich auf das denkende Erkennen des Evangeliums ein. Das ist angesichts der dominanten Idee unter Evangelikalen, die Präsentation der guten Botschaft vor allem mit Gefühlen zu verbinden, unabdingbar. Die Bibel äußert sich klar zum Denken, das nicht durch den Heiligen Geist erleuchtet wurde. Es geht um das böse Herz (Mt 16,4), einen verhärteten Verstand (2Kor 3,14), zerrüttete Sinne (1Tim 6,5), unterdrückte Wahrheit (Röm 1,18) und die durch Ungerechtigkeit eingeschränkte Fähigkeit zu denken (2Tim 3,8). Von Paulus wird zehnmal in der Apostelgeschichte vermerkt, dass er mit seinen Gesprächspartner debattierte (engl. „reasoned“). Ein verstandesmäßiges Erfassen des Evangeliums ist unumgänglich! „Der Grund des rettenden Glaubens ist die Herrlichkeit Christi, die im Evangelium gesehen wird“ (74). Die verstandesmäßige Präsentation und Aufnahme des Evangeliums, mit der Arbeit des Verstandes verbunden, ist der von Gott vorgesehene Weg (76). Wem Gott die Augen des Herzens geöffnet hat, der ist nicht länger Sklave seiner trügerischen Begierden. Christus wird ihm zum größten Schatz.

Auf welchem Wege aber kommt man zum Denken?

Eine wichtige Art zu denken geschieht durch Lesen. Wir gehen davon aus, dass Spaß kosten- bzw. mühelos sein muss. Piper macht deutlich, dass Freude am Lesen mit anstrengenden und zuweilen frustrierenden Denkprozessen zusammenhängt (47). Lesen hat damit zu tun, sich Inhalte durch gutes Fragen an den Text zu erschließen (55).

Mir scheint, dass gerade in Zeiten der „Bildkultur“ Lesen immer mehr an Bedeutung verliert. Das wirkt sich leider auch auf die Bibellese aus. Wir sind es nicht mehr gewohnt, Inhalte wirklich und in der Tiefe zu erschließen. Durch die schnellen Bilder und Klicks in den modernen Medien ist es uns zur Gewohnheit geworden, „Wissen“ schnell und unkompliziert aufzunehmen und zu verarbeiten. Dass darunter oft die Qualität leidet, wird nicht mehr wahrgenommen. Meine These ist, dass unter anderem deshalb die evangelikalen Gemeinden unter einem Mangel an richtiger und tiefgehender Lehre leiden. (Vielleicht als Tipp am Rande: Einfach mal das Smartphone ausmachen und ein Buch zur Hand nehmen!)

Beeindruckend ist auch der Schluss:

Denjenigen, die nicht gerne denken, ruft er (Piper) zu: Seid dankbar für die Denker, respektiert ihren Dienst. Besonders dankbar bin ich für diesen Rat: Betet für verletzliche Denker. Und vor allem lest eure Bibel sorgfältig und mit Freude – auch als Nicht-Denker. Die Denkenden selbst (welche wohl eher zur Leserschaft zählen) erinnert Piper daran, das Ziel von Gottes Herrlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren und ihr Denken demütig Gott zu unterstellen. Denn: Wir denken, und Gott schenkt Verständnis.

Die ganze Rezension ist hier zu finden.

Das Buch kann hier (auf Englisch) kostenlos heruntergeladen werden.

John Piper: The Calvinist

Die Meisten kennen John Piper als (ehemaligen) Pastor, Buchautor und insbesondere als Wortverkündiger. John Piper hat kürzlich aber auch ein Gedicht geschrieben: „The Calvinist“.

Das Gedicht kann auf Desiring God gelesen werden. Dort wird das Gedicht außerdem auch von John Piper selbst, Don Carson, Alistair Begg, Matt Chandler und anderen vorgetragen.

Ohne Frage ist das alles ausgezeichnet gemacht worden und das Gedicht wird sehr eindrucksvoll vorgetragen. Ich frage mich persönlich nur, ob das Gedicht (oder zumindest der Titel) nicht zu „calvinistenlastig“ ist. Nicht, dass ich etwas gegen Calvinisten hätte – im Gegenteil. Der Christ allerdings, der in den Strophen beschrieben wird, wird von dem Titel des Gedichts her eindeutig als Calvinist definiert. Der Inhalt trifft aber auch auf alle Christen anderer Denominationen zu, die ihren Glauben und ihre Nachfolge ernst nehmen. Die Abgrenzung könnte den Eindruck vermitteln, dass Calvinisten „besser“, „geistlicher“, oder anderen Geschwistern überlegen seien, auch wenn ich diese Intention Piper auf keinen Fall unterstelle.

Im Ganzen würde ich das Gedicht von Piper allerdings positiv bewerten, beschreibt es doch eindrücklich die verschiedenen Seiten eines Christenlebens und kann, was Nachfolge angeht, durchaus inspirieren. Vielleicht hören wir ja bald mehr von ihm.

Die Souveränität Gottes und das Gebet

Wir haben als Jugendgruppe vor einigen Tagen einen Vortrag zum Thema „Gottes Souveränität und Mission“ hören (und genießen) dürfen. Als Folgen der Souveränität Gottes für die Mission wurden z. B. Demut oder auch Optimismus genannt. Heute haben wir mit einigen Jugendlichen die Frage diskutiert, warum man denn dann noch für Verlorene beten solle, wenn Gott sowieso souverän zum Heil bestimme. Einige Antworten bieten ältere Posts (hier und hier). Speziell zu diesem Thema hat auch John Piper schon gepredigt:

[…] Wenn nun jemand sagt: „O.k., angenommen, die Bekehrung eines Menschen hängt letztendlich wirklich von Gott ab, verstehe ich immer noch nicht, welchen Sinn Gebet macht. Wenn Gott vor Grundlegung der Welt erwählt hat, wer gläubig wird, welche Aufgabe erfüllt dann unser Gebet?“ Darauf antworte ich, dass es eine ganz ähnliche Aufgabe erfüllt wie die Evangeliumsverkündigung: Wie sollen die Verlorenen an den glauben, von dem sie nicht gehört haben, und wie sollen sie hören ohne einen Prediger, und wie sollen sie predigen, wenn sie nicht gesandt sind (Römer 10,14f.)? Der Glaube an Christus ist eine Gabe Gottes (Johannes 6,65; 2. Timotheus 2,25; Epheser 2,8), aber Gott hat verordnet, dass Menschen durch das Mittel der Evangeliumsverkündigung zum Glauben an Jesus Christus kommen. Es ist einfach naiv, wenn man sagt, dass die Erwählten sich sowieso bekehren würden, auch wenn niemand das Evangelium verkündet. Das ist deshalb naiv, weil es die Tatsache ignoriert, das die Verkündigung des Evangeliums genauso zuvorbestimmt ist wie der Glaube an das Evangelium: Paulus wurde zum Verkündigungsdienst ausgesondert, bevor er geboren wurde (Galater 1,15), gleiches gilt für Jeremia (Jeremia 1,5). Die Frage: „Würden die Erwählten gerettet, wenn wir nicht evangelisierten?“, kommt deshalb der Frage gleich: „Würden die Erwählten gerettet, wenn es keine Erwählung gäbe?“ Gott kennt die Seinen und er wird Boten erwecken, um sie zu gewinnen. Wenn sich jemand weigert, Bestandteil dieses Planes zu sein, weil ihm der Gedanke missfällt, da hineingenommen zu werden, bevor man geboren ist, dann werden weder Gott noch die Erwählen die Verlierer sein, sondern er. „Man wird gewiss in jedem Fall der Absicht Gottes dienen, wie immer man auch handelt, aber es ist ein Unterschied, ob man der Absicht Gottes dient wie Judas oder wie Johannes.“

Gebet gleicht der Evangeliumsverkündigung darin, dass es eine menschliche Handlung ist. Sie ist eine menschliche Handlung, die Gott verordnet und an der er Gefallen hat, weil sie die Abhängigkeit seiner Geschöpfe von ihm ausdrückt. Er hat verheißen, Gebet zu erhören, und seine Erhörung hängt in dem Maße von unserem Gebet ab, wie unser Gebet in Übereinstimmung mit seinem Willen steht. „Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass er uns hört, wenn wir etwas nach seinem Willen bitten“ (1. Johannes 5,14). Wenn wir nicht wissen, wie wir gemäß dem Willen Gottes beten sollen, diesen aber ernstlich wünschen, „verwendet sich der Geist Gottes für uns Gottes Willen gemäß“ (Römer 8,27).

Anders gesagt: So wie Gott darauf achtet, dass sein Wort verkündet wird als Mittel zur Errettung der Erwählten, so achtet er auch darauf, dass all jene Gebete gebetet werden, deren Erhörung er verheißen hat. Ich denke, dass die Worte des Paulus in Römer 15,18 gleichermaßen für seine Verkündigung gelten wie auch für seinen Gebetsdienst: „Ich würde nicht wagen, etwas davon zu sagen, wenn nicht Christus es durch mich gewirkt hätte, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk.“ Sogar unsere Gebete sind eine Gabe von dem Einen, der „in uns schafft, was vor ihm wohlgefällig ist“ (Hebräer 13,21). O wie dankbar sollen wir sein, dass er uns erwählt hat, an diesem hohen Dienst beteiligt zu sein! Wie eifrig sollten wir sein, viel Zeit im Gebet zu verbringen!

Die ganze Predigt findet man hier.

Allein aus Gnaden – Freibrief zum Sündigen?

In einen Gespräch, das John Piper und Tim Keller (hier) über Rechtfertigung und Heiligung führen, erzählt Tim Keller eine interessante Geschichte:
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Frau, die „gerade dabei war“ zu verstehen, dass wir aus Gnade, aus Glauben gerechtfertigt werden und nicht aus unseren Werken. Die Frau erzählte mir, dass Sie vor Jahren regelmäßig zur Kirche ging, aber immer nur hörte, dass man gerettet wird, wenn man ein guter Mensch ist. Und sie fragte mich „Warum habe ich das nicht eher gehört [Rechtfertigung aus Glauben]? Warum wird das nicht gelehrt?“ Ich frage sie: „Was denkst du?“ „Das ist erschreckend“, sagte sie. „Was?“, fragte ich. Sie antwortete: „Wenn man aus Werken gerechtfertigt wird ist das, was Gott fordern kann, begrenzt! Es ist so wie mit einem Steuerzahler. Wir zahlen ‚unsere Steuern‘ und Gott kann dann bestimmte Dinge fordern, aber nicht alles! Aber wenn wir wirklich aus Gnade errettet sind, dann kann Gott von uns alles fordern (there is no limit)! Und unser Gehorsam muss bedingungslos sein!“. Die meisten Leute, die hören, dass wir aus Gnaden errettet sind denken sofort: „Super! Ich kann machen was ich will!“ Absolut verfehlt. ‚Allein aus Gnade‘ heißt nicht, tue was du willst, sondern bedeutet bedingungsloser Gehorsam!

(es handelt sich nicht um eine wörtliche Übersetzung, sondern um eine sehr freizügige Übertragung)

Freude – eine Frucht des Gehorsams

John Piper erzählt folgendes:

Jemand ist mal zu mir gekommen und hat gesagt: John, du solltest viel mehr Gewicht auf den Gehorsam legen und nicht so sehr auf die Freude. Was stimmt nicht mit diesem Rat? – Das Problem ist: Gehorsam bedeutet, dass wir das tun, was Gott uns zu tun geboten hat. Und Gott hat uns geboten, Freude zu haben! Und deshalb kann man nicht sagen, dass man das Gewicht auf den Gehorsam und nicht auf die Freude legen sollte. Es wäre dasselbe, als wenn du sagst: Achte darauf, dass du Frucht hast, aber keine Äpfel. Aber ein Apfel ist eine Frucht. Und wenn wir uns nach Freude ausstrecken, sind wir gerade gehorsam. Und deshalb kann man eben nicht Freude und Gehorsam gegeneinander ausspielen. Wenn wir gehorsam sein wollen, müssen wir uns an Gott erfreuen!

aus der Predigt „Think Christ“, gehalten auf der Hirtenkonferenz 2009. Die ganze Predigt ist hier zu finden.