Reformationstag vs. Halloween

In gewisser Weise ist es ein wenig ironisch, dass Halloween und der Beginn der protestantischen Reformation auf einen Tag fallen – auf der einen Seite die (im wahrsten Sinne des Wortes) Heiden-Angst vor bösen Geistern, Dämonen und eine Flucht ins Okkulte, und auf der anderen Seite eine Rückkehr zum Evangelium von Jesus Christus, der den Bösen und alle seine Diener besiegt hat.

Albert Mohler geht in seinem Essay „Halloween and the Dark Side – What Should Christians Think?“ der Frage nach, wie Christen mit dem Fest umgehen sollten. Er endet wie folgt:

The coming of Halloween is a good time for Christians to remember that evil spirits are real and that the Devil will seize every opportunity to trumpet his own celebrity. Perhaps the best response to the Devil at Halloween is that offered by Martin Luther, the great Reformer: “The best way to drive out the devil, if he will not yield to texts of Scripture, is to jeer and flout him for he cannot bear scorn.”

On October 31, 1517, Martin Luther began the Reformation with a declaration that the church must be recalled to the authority of God’s Word and the purity of biblical doctrine. With this in mind, the best Christian response to Halloween might be to scorn the Devil and then pray for the Reformation of Christ’s church on earth. Let’s put the dark side on the defensive.

Hier geht es zum Essay.

 

Der Götze Werksgerechtigkeit

Die folgenden Worte schrieb Martin Luther 1527. Luther stellt treffend fest, dass Werksgerechtigkeit nichts anders als Götzendienst und eine Degradierung Gottes ist:

Außerdem ist auch das ein falscher Gottesdienst und die höchste Abgötterei, was wir bisher getrieben haben und was noch in der Welt regieret, darauf auch alle geistlichen Stände gegründet sind, welche allein das Gewissen betrifft, dass da Hilfe, Trost und Seligkeit in eigenen Werken suchet, sich vermisst, Gott den Himmel abzuzwingen, und rechnet, wie viel es gestiftet, gefastet, Messe gehalten hat usw. Verlässt sich und pochet darauf, als wolle es nichts von ihm geschenkt nehmen, sondern es selbst erwerben oder im Übermaß verdienen, gerade als müsste er uns zu Dienst stehen und unser Schuldner, wir aber seine Lehnsherren sein. Was ist das anders, als aus Gott einen Götzen, ja einen Apfelgott gemacht und sich selbst für Gott gehalten und aufgeworfen?

Prädestination oder freier Wille?

Erwin Lutzer  führt nach einer kurzen Gegenüberstellung der beiden Positionen, die klassisch durch Erasmus (freier Wille) und Luther (unfreier Wille) vertreten wurden, folgenden hilfreichen Vergleich an:

…die heutigen Evangelikalen sehen den Menschen als einen Ertrinkenden, dem Gott in seiner Gnade ein Seil zuwirft. Ob der Ertrinkende nach dem Seil greift oder nicht, das liege an seiner eigenen freien Entscheidung und Bereitwilligkeit. Und hat er einmal das Seil gepackt, muss er es festhalten bis zum Schluss.

Luther (wie auch Calvin) würden es anders beschreiben:

Luther sah den Menschen als einen Ertrinkenden, der sich dessen ganz und gar nicht bewusst ist, ist er doch geistlich tot. Daher wird er nie nach Gottes Gnade greifen. Gott ist es, der nach seiner Wahl sich herab neigt und den Ertrinkenden herausreißt. Er tut es, indem er dem Toten Leben und damit den Glauben gibt, der ihn rettet. Damit ist die Errettung ganz Gottes Werk.

aus: Erwin Lutzer: Einig in der Wahrheit? Grundlegende Kontroversen in der Geschichte des Christentums. CV Dillenburg 2006, S. 186f.

Warum Martin Katharina heiratete

Luthers Ehe entspringt weder einer romantischen „Liebe auf den ersten Blick“, noch ist sie eine reine Vernunftehe. Sie ergibt sich quasi aus den Umständen und ist ein Teil von Luthers Auftrag. Würde nämlich Katharina in ihre katholische Heimat (Herzogtum Sachsen) zurückkehren, begebe Sie sich in schwerste Gefahr. Also muss für sie ein Ehemann gefunden werden. Luther sucht daher für die obdachlose Klosterfrau eine Unterkunft. Nach ein paar Fehlschlägen, sie mit Freunden zu verheiraten, verlobt er sich schließlich selbst mit ihr. Eben schön ist sie nicht mit ihren zu weit auseinander geratenen Augen und der Sattelnase, aber freundlichen Gemüts und verständig im Sparen, Kochen und Bierbrauen. Luther, der noch Ende 1524 nicht ans Heiraten denkt, will auch ein Zeichen des Gehorsams setzen, denn die Ehe ist Gottes Ordnung. Seine Ehe ist ein bewusster Protest gegen die römische Kirche und ihre Geringschätzung des „ehelichen Standes“.

aus: Armin Sierszyn: 2000 Jahre Kirchengeschichte, S. 454f.

Luther: Ich habe nichts getan, das Wort hat alles bewirkt

Die Reformation im 16. Jahrhundert brachte bekanntermaßen gewaltige Veränderungen mit sich. Doch während ein sog. radikaler Flügel diese Veränderungen rigoros und rücksichtslos durchsetzen wollte, warnte Luther:

Die Sache ist wohl gut, aber das Eilen ist zu schnell […] Du sprichst: Es ist richtig nach der Schrift. Das bekenne ich auch, aber wo bleibt die Ordnung? […] Zwingen will ich niemanden, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden […]; ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das [Wort] hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp Melanchthon […] getrunken habe, so viel getan, dass das Papsttum schwach geworden ist […]. Ich habe nichts getan, das Wort hat alles bewirkt und ausgerichtet.

Für Luther war klar, dass das Wort – nicht Zwang und Methode – die Herzen frei macht. In seinen sog. Invokavitpredigten machte er folgenden Gedanken wichtig:

Der Christ ist ein freier Herr über alle Äußerlichkeiten und Satzungen, zugleich ist er ein Diener all derer, die im Glauben und in der Freiheit noch schwach sind. […] Zum Glauben gehören Liebe und Geduld. Ungestümes Wesen und gesetzliches Drängen verkehren die Reformation in Revolution.

Da die Gemeinde sich in ständiger Reformation befindet bzw. befinden sollte, können wir hier viel von Luther lernen. Nicht dass wir, wie damals geschehen, in der Gefahr stehen,  Kirchen zu stürmen und ein Blutvergießen anzurichten. Aber Liebe und Geduld können auch auf andere Weise missachtet werden. Stattdessen sollten wir viel mehr auf die Kraft des Wortes Gottes vertrauen.

Zitate aus: Armin Sierszyn: 2000 Jahre Kirchengeschichte, S. 442.

Die seelsorgerliche Dimension des ‚extra nos‘

Im MBS Jahrbuch 2003 mit dem Themenschwerpunkt Seelsorge zeigt Elke Meyer in ihrem Artikel „Die seelsorgerliche Dimension des ‚extra nos‘ in der Rechtfertigungstheologie Martin Luthers“ sehr schön den Zusammenhang von Theologie und Seelsorge auf. Sie verdeutlicht in ihrem Artikel, dass der Kern der Theologie Luthers sich auch in seiner Seelsorge widerspiegelt. Theologie ist niemals eine rein intellektuelle Übung, sondern hat gravierende Konsequenzen für das Leben und für die Seelsorge (persönlich & an anderen).

Was aber ist der Kern von Luthers Theologie? Es ist das ‚extra nos‘, dessen Bedeutung in folgendem Luther-Zitat zum Ausdruck kommt (vgl. auch das Bonhoeffer-Zitat hier):

Dies ist also der Grund, warum unsere Theologie voller Gewißheit ist: sie reißt uns von uns selbst los und stellt uns außerhalb von uns [extra nos], so daß wir uns nicht auf unsere Kräfte, unser Gewissen, unsere Wahrnehmung, unseren Charakter und unsere Werke, sondern auf das verlassen, was außerhalb von uns ist, das heißt: auf die Verheißung und die Wahrheit Gottes, die nicht trügen können. (S. 48)

Dieses ‚extra nos‘, so zeigt Meyer anhand einiger Passagen aus Luthers Werk auf, ist nicht nur der Grund für Luthers Gewissheit in der Frage der Rechtfertigung, sondern auch der Grund für seine Gewissheit des Trostes in Anfechtungen. Das ‚extra nos‘ spiegelt sich auch in der Seelsorge wider, z.B. in der Haltung zur eigenen Sündhaftigkeit:

‚wenn wir allzu ängstlich besorgt sind, ja nicht zu sündigen, werden wir übermannt.‘ [Luther-Zitat] Wer zu sehr darauf bedacht ist, jede Sünde und jeden Fehler zu vermeiden, gerät dabei in die Gefahr, durch die Selbstbeobachtung wieder […] zurück zu fallen und verliert so den Blick auf Christus und stellt sich wieder unter das Gesetz. (S. 60f.)

Den Blick von sich weg auf Christus zu lenken [extra nos] ist das höchste Gebot für die Seelsorge:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Abwendung von sich selbst, den eigenen Gedanken, der eigenen Gerechtigkeit usw. und die Ausrichtung auf Christus für Luther das höchste Gebot in Anfechtung und Schwermut bildet. […] Der Angefochtene muss aus seiner Selbstbezogenheit und seiner Selbstverkrümmtheit herausgeführt werden und von sich wegblicken hin auf Jesus

Wie traurig, wenn das Heil bzw. die Heilung jedoch im Menschen gesucht wird, sei es nun im aufgeklärten Menschen des Humanismus (Psychotherapie) oder im frommen Menschen (Heiligungsbewegung). Wir finden nie bei uns, was uns nur Christus geben kann.

Der Artikel ist im folgenden, lesenswerten (allerdings etwas anspruchsvolleren) Buch nachzulesen: Ron Kubsch (Hrsg.): Die Wiederentdeckung des Glaubens in der Seelsorge. Von der Weisheit der Väter lernen, S. 35-66.

Welche Bedeutung hat Luthers „was Christum treibet“?

Helmut hat hier die Frage nach der Bedeutung des Gesetzes aufgeworfen. Wilhelm Busch spricht in seiner Predigt Die Bibel – in welcher er die Bibel mit einer Burg vergleicht – unter anderem über Menschen, die von der Burg „abbauen“. Das zeigt sich z.B. darin, dass die Bedeutung des Alten Testaments infrage gestellt wird.

Wilhelm Busch erinnert sich ein eine Begegnung mit seiner Mutter (ich kann leider nicht alles wörtlich genau wiedergeben, weil Busch in dieser Predigt z.T. schwer zu verstehen ist):

Man beruft sich auf den guten alten Luther, der sich ja nicht wehren kann, weil er längst im Grabe liegt und sagt: „Luther hat gesagt: Die Bibel gilt für uns so weit als sie Christum treibet“. Habt ihr vielleicht auch schon gehört. „So weit als sie Christum treibet“. Das klingt so fromm und ist n´ Bombenschwindel! Luther hat es in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt! Denn man muss sich fragen: „Was treibt den in der Bibel nicht Christus?“ Da hat einer so n´ Vortrag gehalten: „Was Christum treibet, dass geht uns an.“ Sag ich: „Moment mal, lieber Amtsbruder. Treibt das vierte Buch Mose, wo von Opfergesetzten steht, Christum?“ „Nein, nein“, sagt er „das natürlich nicht“. Da sag ich: „Pass mal auf! Ich komm mal ins Zimmer als meine Mutter noch lebte. Da sitzt meine alte Mutter über der Bibel und sagt: ‚Wilhelm: Herrlich, herrlich‘! Ich sag: ‚Was liest denn?‘ ‚Das vierte Buch Mose‘. Ja, da sag ich: ‚Da sind doch bloß so Opfervorschriften und so Sachen.‘ Da sagt sie: ‚Ja merkst du denn nicht das das alles ein Hinweis auf den Heiland ist?! Du kannst doch das Opfer Jesu gar nicht verstehen, wenn du nicht gelesen hast da, was das heißt, ein Opfer.‘“  Da sagte ich: „Für meine Mutter trieb das vierte Buch Mose Christum“.

Welche Stimme sang Martin Luther?

Francis Schaeffer schreibt:

Luther selbst war ein guter Musiker. Er sang mit einem klaren Tenor und spielte verschiedene Musikinstrumente mit Können und Begeisterung.

Na also!

aus: Francis Schaeffer: Wie sollen wir denn leben? Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur. Hänssler, 1985.