Martyn Lloyd-Jones „privat“(5) – Lernen durch Fragen

Lloyd-Jones verwendete auf den Bibelstunden in seiner ersten Gemeinde immer wieder die gleiche Methode, um die Besucher zum biblischen Denken zu bewegen. Christopher Catherwood schreibt darüber:

[…] Also bat er die Männer und auch die Leute, die mittwochs abends in die Gemeinde kamen, wenn jemand eine Frage aufwarf, Schriftstellen darüber nachzuschlagen. Keine andere Quelle war erlaubt. Was sagte die Schriftstelle tatsächlich über etwas aus? Wie passte es in den größeren biblischen Zusammenhang hinein? Erst dann konnte das allgemeine Prinzip daraus abgeleitet und auf das persönliche Leben angewandt werden.

Allerdings ließ er die Leute in ihren Überlegungen nie alleine, sondern lenkte die Unterhaltung immer wieder durch eigene Einwürfe in die richtige Richtung:

Er bemühte sich, die Leute die Logik ihrer Schlussfolgerungen erkennen zu lassen und ihnen, wenn nötig, aufzuzeigen, wo sie falsch lagen. Er verfügte selbstverständlich über eine beachtliche Bibelkenntnis und konnte daher stets die Diskussionen in die rechte Bahn lenken. Viele von denen, die den Doktor kannten und durch ihn Hilfe erfuhren, konnten sagen, dass ihnen häufig am meisten durch die Tatsache geholfen worden sei, dass er ihnen beigebracht habe, wie sie biblisch denken könnten.

Diese Methode, so scheint es mir, ist es wert, auch heute noch in Hauskreisen, Kleingruppen, unter Freunden, etc. beachtet zu werden. Damit noch viele (und wir alle) lernen, biblisch zu denken!

aus: Catherwood, Christopher, Martyn Lloyd-Jones „privat“. Ein Familienportrait, Waldems 2010, S. 43.

Martyn Lloyd-Jones „privat“(4) – Über die Souveränität Gottes

Harry hat kürzlich zum Thema gepostet, warum wir auch im Angesicht der Souveränität Gottes für Verlorene beten sollen und dürfen. Martyn Lloyd-Jones war einer, der sich trotz seiner vollmächtigen und brillanten Predigten ganz auf das Wirken Gottes stützte. Er sah sich selbst als Werkzeug in einer mächtigen Hand:

[…] der stark an die Souveränität Gotte glaubte. In der Tat stellte sie, wie wir anhand seiner meisterhaften Predigten, die er in späteren Jahren über den Epheser- und Römerbrief hielt, ein Kernelement seines Glaubens dar. Wir können Erweckung nicht betreiben und ebenso wenig jemanden bekehren. Wenn wir ihn aber […] gefragt hätten: „Was kann man denn für solche Leute tun?“, so hätte er erwidert: Nichts! Absolut gar nichts!“ Denn in den Angelegenheiten der Seele und des Geistes kann niemand etwas für sie tun, ganz gleich, wie diese ihm am Herzen liegen mögen. … „kein Mensch kann etwas tun, aber Gott vermag alles zu tun.“

[…]

Wenngleich es sehr viele Neubekehrte in der Kapelle gab, rief er nie dazu auf, nach vorne zu kommen und eine Entscheidung für Jesus zu treffen. Er wollte keinerlei Druck auf seine Zuhörer ausüben. Das „Anstreben von Entscheidungen“ war eine ihm völlig fremde Idee, weil diese seiner Sichtweise von der souveränen Macht Gottes widersprach.

Wer sich näher mit diesem Thema bei Lloyd-Jones beschäftigen möchte, kann dazu die Doktorarbeit mit dem Titel „Erwählung und/oder Bekehrung? Das Profil der evangelistischen Predigt und der Testfall Martyn Lloyd-Jones“ von Wolfgang Nestvogel lesen, zu finden hier. Wer es einfacher bzw. günstiger haben möchte, kann sich dazu auch einen Vortrag von Dr. Nestvogel mit einem ähnlichem Thema anhören. Darin wird deutlich, dass Lloyd-Jones die Souveränität eben nicht gegen die Verantwortung ausspielte, sondern beide miteinander zu verbinden wusste.

aus: Catherwood, Christopher, Martyn Lloyd-Jones „privat“. Ein Familienportrait, Waldems 2010, S. 40; 58.

Martyn Lloyd-Jones „privat“(3) – Über den Prediger

Eines der bekanntesten Bücher von Lloyd-Jones ist das Werk „Preaching and Preachers“. Christopher Catherwood beschreibt, wie sein Großvater über den Dienst des Predigers dachte:

[…] [Männer sollten nur dann auf die Kanzel steigen], wenn sie sich nicht imstande sähen, irgendetwas anderes zu tun und durch die Berufung Gottes zu dieser Tätigkeit gedrängt worden seien. Es war natürlich eine große Hilfe, wenn jemand auch natürliche Gaben hatte – beispielsweise ein Redetalent, einen klaren Verstand (eine akademische Ausbildung war ihm zufolge nicht unbedingt erforderlich) und vor allem einen guten Charakter. Das Hauptkriterium war jedoch, dass ein solcher Prediger von Gott zur Ausführung dieses Auftrags gesalbt sein sollte; er sollte mit dem Geist erfüllt sein, eine innige Besorgnis um die geistlich Verlorenen hegen und eine tiefe Hirtensorge für das Volk Gottes zeigen. Solche Männer beriefen sich nicht selbst – diesen Gedanken verwarf er vollkommen. Vielmehr sollten sie Männer sein, die von der Gemeinde als von Gott Berufene anerkannt würden. Prediger, so sagte er immer wieder, würden geboren und nicht gemacht.

aus: Catherwood, Christopher, Martyn Lloyd-Jones „privat“. Ein Familienportrait, Waldems 2010, S. 36.

Martyn Lloyd-Jones „privat“(2): Die Balance halten

Viele theologische Lehrmeinungen neigen dazu, einen bestimmten Aspekt der Bibel besonders stark zu betonen und im Gegenzug andere zu vernachlässigen. Deutlich wird das zum Beispiel im Disput zwischen den „Theoretikern“ (die Wichtigkeit von reiner Lehre wird sehr betont) und den „Praktischen“ („wir müssen auch etwas tun“). Martyn Lloyd-Jones wusste beides zu verbinden:

Viele Menschen haben sich nach dem Geheimnis seines einzigartig kraftvollen Predigtdienstes gefragt. Er könnte die ersten Anzeichen dafür bereits als Jugendlicher, im Jahr 1913, verspürt haben. In jenem Jahr besuchte er die Sommerkonferenz der calvinistischen Methodisten […]. Für viele scheint allein der Gedanke an einen calvinistischen Methodisten ein Widerspruch in sich zu sein. Calvin und Wesley waren doch praktisch gegensätzlich? Doch das Genie der historischen calvinistisch-methodistischen Kirche von Wales war, dass sie das Allerbeste von beidem kombinierte. Sie hatte das Feuer, den Eifer und die Leidenschaft der großen methodistischen Erweckung des 18. Jahrhunderts. Sie besaß aber auch den gewaltigen Verstand und die Logik der reformierten Theologie Calvins.
Wie wir später sehen werden, sollte Dr. Lloyd-Jones die Predigt ganz einfach definieren: „feurige Logik“, oder „wortgewandte Vernunft“ […] Ein Großteil der Theologie unter modernen Evangelikalen ist entweder korrekt, aber trocken, oder leidenschaftlich, aber nichtssagend. Die einzigartige Mischung, die Dr. Lloyd-Jones zu dem einzigartigen Prediger machte, der er war, ist auf diesen Hintergrund in Wales zurückzuführen. Sie war sowohl leidenschaftlich als auch logisch, emotional, wandte sich aber immer sowohl an den Kopf als auch an das Herz, oder war, wie er es ausdrückte, logisch und feurig.

aus: Catherwood, Christopher, Martyn Lloyd-Jones „privat“. Ein Familienportrait, Waldems 2010, S. 19.

Martyn Lloyd-Jones „privat“(1): Die Liebe zur Geschichte

In dem letzten Post ging es um die Bedeutung von Geschichte für die Christen. Martyn Lloyd-Jones betonte immer wieder die Notwendigkeit von geschichtswissenschaftlichen Kenntnissen. Seiner Meinung nach wurden gleiche Fehler aus Mangel an geschichtlichem Wissen wiederholt, die man bei besserer Kenntnis der Vergangenheit hätte erkennen können. Sein Enkel Christopher Catherwood berichtet davon:

Seiner Überzeugung nach konnte man die Gegenwart nicht verstehen, ohne die Vergangenheit zu kennen. Die Historie war für ihn die wunderbare Geschichte des Wirkens der Vorsehung Gottes unter seinem Volk; in dieser Vorsehung warnte und segnete er die Seinen. Während seines ganzen Wirkens forderte der Doktor seine Zuhörer auf, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, damit sie erkennten, wie Gott darin auf großartige und erstaunliche Weise eingegriffen hat.

aus: Catherwood, Christopher, Martyn Lloyd-Jones „privat“. Ein Familienportrait, Waldems 2010, S. 18.