Der Fels aus Norwegen (4): Der unverständliche Gott

In einer seiner letzten Predigten drückt Hallesby eine spät erkannte Wahrheit folgendermaßen aus:

„Ich dachte lange, ich müsste Gott verstehen, und zerbrach mir darüber fast den Kopf. Aber nach und nach ist es mir aufgegangen, daß es zum Wesen Gottes auch gehört, unverständlich zu sein. Ja, in letzter Zeit habe ich sogar angefangen, ihm zu danken, weil er unverständlich ist. Ich erkenne nun, daß er so groß sein muß, wenn er in der Lage sein soll, nicht nur Planeten und Sonnensysteme zu lenken, sondern auch uns Menschen und noch dazu den Satan. Ich erlebe dabei, daß es gut möglich ist, an Gott zu glauben, ohne ihn verstehen zu können.“ (S. 272)

Diese Wahrheit demütigt doch sehr, denn wie oft meinen wir – auch wenn wir es nicht laut sagen würden – Gott mit unserem Verstand erfasst zu haben, Lösungen auf gewisse theologische und ethische Fragen zu haben, die doch für den Menschen letztlich unbegreiflich bleiben.

Der Fels aus Norwegen (3): Jesu Name nie verklinget

Konzentrationslager Grini
Die Biografie von Hallesby ist wirklich sehr spannend und weist zahlreiche lesenswerte Stellen auf. Doch erst auf Seite 242 wurde ich zu Tränen gerührt. Doch lest selbst, wie Hallesby von einem besonderen Geschehen berichtet, dass er während seiner zwei Jahre im Konzentrationslager Grini am Stadtrand von Oslo (1943-1945) erlebte:

„Das für Hallesby ergreifendste Geschehen im Lager Grini ereignet sich, als die Gefangenen Abschied nehmen von neun jungen Männern, die am Nachmittag des 4. Juli 1944 in die Todeszelle eingeschlossen werden und die man im Laufe der Nacht erschießen wird. Am Abend, nach Beendigung der Arbeit, versammeln sich die Gefangenen in großen Scharen vor dem Gebäude, in dem die zum Tode verurteilten untergebracht sind. Die neun jungen Männer stehen am Fenster und winken. Plötzlich öffnet sich das Fenster einer Baracke in der Nähe des Hauptgebäudes, und der Sänger Erikstad aus Kristiansand stimmt das Lied ‚Norwegen, mein Norwegen‘ an. […] Im Anschluß daran bekennen sich die Verurteilten oben am Fenster freimütig zu ihrem Glauben an den Erlöser, der ihnen wie im Leben so auch jetzt im Tod beistehen wird. Auf dem Hof vor den Todeszellen spricht niemand mehr, alle sind zutiefst bewegt. […] Dann erschallt, von den neun Märtyrern gesungen, das Lied über die Lager: […]

Jesu Name nie verklinget, ewiglich bleibt er bestehn. Jesu Name Ruhe bringet, Fried‘ und Freude wunderschön. Allen Menschen gilt sein Segen, allen die in Sündennot. Er ruft sie von bösen Wegen, führt die Seele hin zu Gott. Jesu Name ist mir teuer, heiß ist mir das Herz entbrannt. Dank sei dir, o mein Befreier, denn durch dich ich Rettung fand! (S. 241f., Liedvers etwas ergänzt)

Ein wunderbares Lied von einem wunderbaren Herrn!

Der Fels aus Norwegen (2): Zeiten der Erweckung

In dem Kapitel „Eine Erweckung zieht Kreise“ wird beschrieben, wie Hallesby von 1904 bis 1907 als Evangelist durch viele Orte Norwegens zieht und das Evangelium verkündigt. In diesen Jahren finden überall in Norwegen und Schweden große Evangelisationsveranstaltungen statt und massenweise strömen Leute dorthin und werden „erweckt“. Hallesby führt allein in einem Jahr 300 Veranstaltungen durch. Selbst die Hauptstädte Norwegens und Schwedens werden von der Bewegung erfasst:

„Nach zwei Evangelisationswochen in Stockholm „ist der Zustrom so überwältigend gewesen, daß man die Polizei benötigte, um einen geordneten Ablauf zu gewährleisten.“ (S. 68)

Bei der Beschreibung dieser Erweckungsbewegung war ich skeptisch – das hörte sich alles so nach Strohfeuer an. Und so wunderte es mich nicht, als ich auf folgende Zeilen stieß:

„In mehreren Dörfern muß er [Hallesby] mit Schrecken feststellen, daß viele der ‚Erweckten‘ wieder in ihr altes Leben zurückgefallen sind.“ (S. 69)

Hallesby unterscheidet deshalb stets „deutlich zwischen ‚erweckt sein‘ und ‚umgewendet (bekehrt) sein‘.“ Ich finde diese Unterscheidung sehr hilfreich. Das biblische Beispiel dafür wäre Nikodemus, der zu Jesus kommt (erweckt ist) aber noch nicht wiedergeboren (bekehrt) ist. In der Praxis bedeutet es für Hallesby, einen Suchenden auch wieder nach Hause schicken zu können, wenn er merkt, dass dieser sein altes Leben noch nicht loslassen will.
Das zweite was mir auffiel, dass die Predigten extrem stark von der subjektiven Erfahrung durchdrungen waren. Auch Hallesbys Predigten bestanden zunächst im Grunde nur darin, seine eigene Bekehrung zu schildern. Doch die oben angeführten negativen Erfahrungen lehren ihn, seine Predigten nach und nach anders zu gestalten, sodass er „in seinen Predigten immer seltener von seiner eigene Bekehrung“ spricht. Vielmehr weiß er:

„Auch die frömmsten Erfahrungen des Verkündigers können nicht Grundlage einer überzeugenden Predigt sein. Der Prediger muß vielmehr stets bedenken, daß die Schrift selbst zu dem Gewissen der suchenden Menschen redet und daß nichts als Gottes Wort – klar und unverfälscht – im Mittelpunkt stehen darf.“

Selbst die besten Zeugnisse (auch wenn sie wichtig sind!) können also nicht Grundlage einer Erweckung sein – sondern es ist die Predigt des Wortes Gottes!

Der Fels aus Norwegen (1): Schrift und Erfahrung

Hallesbys Heimatort Aremark

Ich habe angefangen, die Biografie von Ole Hallesby (Der Fels aus Norwegen, Hänssler 1991) zu lesen. Ich bin gefesselt. Einerseits bereits aus dem einfachen Grund, dass es ein Genuss ist, die Beschreibung der schönen Landschaft Norwegens zu lesen und sich gedanklich dorthin zu versetzen. Andererseits weil ich bei Hallesby eine starke Ausgewogenheit zwischen Kopf und Herz finde. In der von Joachim und Manfred Rieger übersetzten Biografie heißt es über Hallesby:

„In seiner Theologie verband er die Treue zur Schrift und Bekenntnis mit der Betonung der Notwendigkeit einer persönlichen Glaubenserfahrung: Schrift und Erfahrung sind dann kein Gegensatz, wenn der wiedergeborene Mensch nach Gottes Willen lebt.“ (S. 17)

Gerade den letzten Satz finde ich sehr stark. Darum gilt es zu ringen: Dass ein kühler Kopf und ein brennendes Herz Hand in Hand gehen!

Das Buch kann hier erworben werden (gebraucht bereits ab 10,90 EUR). Es ist außerdem in der Gemeindebibliothek verfügbar.