Kategorien
Leben als Christ

Wie erkenne ich den Willen Gottes?

In meinem letzten Beitrag habe ich einen subjektiven Umgang mit der Bibel kritisiert. Wer in der Bibel einen an jeden von uns persönlich adressierten Brief sieht fördert eine subjektive und willkürliche Anwendung. Das muss hinterfragt werden. Wie zeigt sich nun diese Haltung, wenn man vor Entscheidungen steht?

„Geh auf ein Wort“

Vor einiger Zeit hörte ich den Bericht eines jungen Mannes darüber, wie er eine Entscheidung zu treffen hatte. Es ging dabei darum, ob er einen zeitintensiven und relativ anstrengenden Kurs machen sollte. Der Kurs wäre eine gute Sache, dachte er, als er davon erfuhr. Doch die Frage blieb, ob er sich zu diesem Kurs anmelden sollte. Als er sich darüber mit einem anderen Mitglied seiner Gemeinde unterhielt, sagte dieser „Geh nicht einfach so, geh auf ein Wort des Herrn!“ Er wusste zunächst nicht wie das gemeint war, nahm diesen Rat aber mit ins Gebet und dachte darüber nach. Als er eines Tages den Satz „Der Herr wird für euch kämpfen, und ihr sollt still sein!“ las, sah er diesen Vers als Bestätigung, sich für den Kurs anzumelden. Er berichtete weiter, wie dieser Vers ihn immer wieder durch den Kurs trug.

Aufgeben oder dran bleiben?

Doch der Kurs war fordernd und so gab es auch eine Zeit der Entmutigung und des Fragens, ob er dranbleiben oder abbrechen sollte. Er blieb dran. Diese Entscheidung begründete er mit einem Erlebnis mit einem anderen Bibelvers: er war mit seiner Familie in einer christlichen Freizeiteinrichtung, als er auf dem Weg in den Speisesaal an einem Wandbild mit aufgedrucktem Bibelvers vorbeikam. Der Vers darauf lautete: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Als er diesen Vers las wurde ihm klar, dass er den Kurs nicht abbrechen sollte, denn Gott würde ihn segnen und er sollte ein Segen sein.

Ein Buch mit Zaubersprüchen?!

Durch die eingangs erwähnte Haltung gegenüber der Bibel, sie sei ein direkt an uns persönlich adressierter Brief, wird die Bibel in Zeiten der Entscheidungsfindung wie ein Buch mit Zaubersprüchen gelesen (so sieht es zumindest von der Seite aus). Man sucht solange nach einem Vers, bis man den passenden gefunden hat. Aber wird dabei nicht vielleicht nur nach einer Bestätigung für eine bereits getroffene Entscheidung gesucht? Denn auffällig ist, dass es meistens nur positive Aussagen (bestätigende) sind, die man heranzieht. Negative Aussagen werden nicht mit der gleichen Methode ausgewählt. Zumindest hört man davon nicht häufig in solchen Berichten oder „Zeugnissen“.

Wem gilt die Zusage Gottes: „Ich will dich segnen“?

Nun aber zu dem Vers, der dem jungen Mann als Ermutigung zum Weitermachen gedient hat. Die Aussage „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“ wurde zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt an eine bestimmte Person gerichtet. Es handelt sich um eine Verheißung Gottes an Abraham. Wen wollte Gott segnen? Abraham. Und wer sollte zum Segen für andere werden? Abraham.

Kann diese Verheißung nun einfach direkt auf mich übertragen werden? Wohl kaum. Wenn doch, stellt sich einem aber sofort die Frage: auf wen kann sie denn übertragen werden? Auf alle Menschen? Gilt sie allen Menschen, die diesen Satz lesen? Oder nur denen, die sich ihn „im Glauben“ persönlich zuschreiben? Dann würde die Verheißung an Abraham aber unbedeutend werden, denn der Kontext der Verheißung zeigt seine Einzigartigkeit. Gott schloss mit Abraham einen Bund, nicht mit allen damals lebenden Menschen. Natürlich sprach Gott damals auch davon, dass in Abraham alle Völker gesegnet werden sollen. Doch wie sieht dieser Segen aus?

Zwei Verse aus dem Galaterbrief sollen das verdeutlichen:

Da es nun die Schrift voraussah, dass Gott die Heiden aus Glauben rechtfertigen würde, hat sie dem Abraham im Voraus das Evangelium verkündigt: „In dir sollen alle Völker gesegnet werden“.

Gal 3, 8

Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch wurde um unsertwillen (denn es steht geschrieben: »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt« ), damit der Segen Abrahams zu den Heiden komme in Christus Jesus, damit wir durch den Glauben den Geist empfingen, der verheißen worden war.

Gal 3,13-14

Beim Segen Abrahams, den Gott für jeden Gläubigen bereitet hat, geht es um deutlich Größeres als die Hilfe beim Absolvieren eines Kurses. Es geht um die Rettung vor dem Gericht Gottes, um Rechtfertigung allein aus Glauben. Daran erinnert die Verheißung Gottes an Abraham. Das ist die Anwendung des Textes auf unsere Situation. Wenn wir den historischen und gesamtbiblischen Kontext der gesamten Bibel ernst nehmen werden wir vor einer kontextlosen und subjektive Anwendung bewahrt. Persönliche Anwendungen sind nicht verkehrt, wie z.B. hier von Waldemar beschrieben. Aber Anwendungen ohne die genaue Beobachtung des Textes und Kontextes sind es.

Bisher bin ich nur darauf eingegangen, wie man nicht nach Gottes Willen suchen sollte. Offen bleibt die Frage, wie man nun konkret Entscheidungen treffen soll. Darauf möchte ich in dem nächsten Artikel kurz eingehen.

3 Antworten auf „Wie erkenne ich den Willen Gottes?“

Hi Viktor!

Danke für den Artikel. Ich stimme dir inhaltlich voll zu. Wir müssen die biblischen Texte in ihrem unmittelbaren und gesamtbiblischen Kontext verstehen, bevor wir sie einfach auf uns anwenden, um „Gottes Willen zu erkennen“.

Allerdings sehe ich dabei ein bisschen die Gefahr, dass wir uns mehr auf den Buchstaben (die hundertprozentig korrekte Auslegung) fokussieren, statt auf GOTT und auf unseren Nächsten.
Fakt ist, dass Gott Menschen segnet, ermutigt und führt, obwohl sie Bibelverse falsch verstehen, aus dem Zusammenhang reißen und sie „unerlaubter Weise“ auf sich anwenden.

Wenn wir uns nicht mehr für unseren Bruder freuen können, nur weil er einen Vers falsch verstanden oder angewandt hat, ist das nicht glaub ich nicht mehr gesund.

Das heißt natürlich NICHT, dass das den falschen Umgang mit der Schrift rechtfertigt oder gutheißt (das will ich auf keinen Fall sagen!). Aber es heißt, dass GOTT vor allem an unserem Herzen interessiert ist und richtiges Wissen an sich uns erstmal nichts bringt.

Ehrlich gesagt glaube ich, dass Gott manchmal „gnädiger“ ist als wir. Er sieht unser Herz und unsere Motive und ich bin überzeugt, dass wenn jemand unwissend aber im Vertrauen Schritte geht, (vielleicht auch der junge Mann den du erwähnst) Gott trotzdem segnen und sich verherrlichen kann. Weil sein Wort in sich Kraft hat und weil GOTT unser Herz sieht.

Was ich eigentlich sagen will: JA, wir sollten beim Suchen nach Gottes Willen um die eigentliche Bedeutung der Schrift ringen, wie du es oben gut beschrieben hast.
Aber wir sollten AUCH ein weites und gnädiges Herz behalten, dass auf Liebe zu Gott und zum Nächsten ausgerichtet ist.

Stimmst du mir zu Bruder?

Amen, Benny. Das spricht mir aus dem Herzen.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch anmerken, dass es in meinem Leben in 90% der Fälle so war, dass Gott durch die Verse, die Er mir schenkte, mir NICHT mein Gefühl, mein Plan oder meinen Willen bestätigte. Dies war nicht immer leicht – aber im Nachhinein immer Segen.

Seid gesegnet, meine Brüder.

Hallo 3vorelf, danke für Ihre persönliche Anmerkung. Wenn ich einmal zurückfragen darf: wie schenkte Gott Ihnen die Verse? Ist nicht die ganze Bibel „Gottes Geschenk“ für uns? Man könnte doch in einer Entscheidung für jede Option Verse finden, die dafür und auch dagegen sprechen?! Woher weiß ich aber nun, dass gerade ein bestimmter Vers mir den Weg weist? Muss ich mich nicht auch da für einen Bibelvers entscheiden und verschiebt sich das Problem damit nicht nur: von der zu treffenden Lebens-Entscheidung zu der Entscheidung, welcher Bibelvers jetzt für mich dran ist?
Liebe Grüße
Viktor

Schreibe eine Antwort zu 3vorelf Antwort abbrechen