Wie das „Schon jetzt“ und „Noch nicht“ im Kampf mit Sünde hilft

Matt Smethurst hat anlässlich des neuen Buches von Tom Schreiner zur biblischen Theologie „The King in His Beauty: A Biblical Theology of the Old and New Testaments“  dem Autor eine gute Frage gestellt:

Warum ist das Verstehen der Spannung zwischen dem „Schon jetzt“ und „noch nicht“ von solch entscheidender Wichtigkeit im Verständnis der Bibel? Wie kann das Verständnis davon einem Christen helfen, gegen Sünde anzukämpfen?

Auf den zweiten Teil der Frage antwortet Schreiner:

Das „schon jetzt/noch nicht“ lehrt uns das wir in diesem Leben keinen vollständigen und endgültigen Sieg über die Sünde erreichen werden. Wir werden bis zum Tage der Erlösung keine Vollkommenheit erreichen. Deshalb sind wir in dieser bösen gegenwärtigen Zeit aufgerufen, gegen die Sünde zu kämpfen, jedoch gleichzeitig wissend, dass wir nicht in vollem Umfang von ihr frei werden. Das „schon jetzt“ warnt uns vor Passivität: Wir haben die Gabe des Geistes und deshalb müssen wir auch in ihm wandeln, uns von ihm treiben lassen, mit ihm Schritt halten […] und uns von ihm erfüllen lassen. Das „noch nicht“ erinnert uns, dass wir noch nicht sind, wie wir sein wollen bzw. werden.

Die Buchempfehlung sowie das kurze Interview können hier (in englisch) nachgelesen werden

Ist das Heil (un-)verlierbar?

Kaum ein Thema wird unter Christen so kontrovers diskutiert, wie die Frage nach der (Un-)Verlierbarkeit des Heils. Meistens geht man dabei von einem theologischen Konstrukt aus, wobei alle der jeweiligen Meinung entgegenstehenden Bibelstellen entsprechend umgebogen und wegdiskutiert werden (was übrigens oftmals für beide Seiten gilt!). Aber was ist dann die richtige Antwort auf diese Frage? Können wir überhaupt wissen, was richtig und falsch ist? Einen neueren Ansatz bieten die beiden Theologen Ardel Caneday und Thomas Schreiner. In ihrem 2009 erschienenen Buch „Mit Ausharren laufen. Gibt es Heilsgewissheit ohne Heiligung?“ betonen sie vor allem die Spannung zwischen den beiden Fragen:

Wir müssen den Lauf vollenden, um den Preis zu gewinnen. Kein Gläubiger, der den Lauf auf halber Strecke abbricht, wird den Preis erlangen. Wir können uns nicht selbst mit dem Gedanken betrügen, dass Ungehorsam und Treue unbedeutend wären. Wenn wir erkennen, was auf dem Spiel steht, erzittern wir (und wir tun gut daran!), weil viele, die uns vorangingen, die Warnungen Gottes missachtet haben. Vielleicht verzagen wir auch, wenn wir angesichts des Laufs, den wir vollenden sollen, bedenken, wie es um unsere eigene Kraft steht. Wir erkennen eindeutig, dass unsere Kraft zu gering und unser WIlle zu schwach ist. Gelangen wir im Wettlauf an diesen Punkt, so schöpfen wir Mut aus den Verheißungen Gottes. Er verspricht, dass alle, die berufen und erwählt wurden, auch den Preis erlangen werden. Er wird die Kraft verleihen, die wir brauchen, um den Lauf zu vollenden. Er wird unsere zitternden Knie festigen und uns stärken, wenn wir schwanken, so dass wir nicht abfallen. Wir werden gewiss den Siegeskranz erringen, der vor uns liegt; denn derselbe Gott, der uns dazu bewegt hat, den Lauf anzutreten, wird auch das gute Werk vollenden, das er begonnen hat. Er ist uns, seinem Bundesvolk, treu, und daraus empfangen wir Kraft und Mut, unsere Reise zur himmlischen Stadt fortzusetzen.

Ich bin mir bewusst, dass die Spannung in dieser Antwort nicht unbedingt bis ins letzte zu verstehen (und logisch aufzulösen) ist. Aber gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass diese Analyse des biblischen Befunds der Wahrheit am nächsten kommt und die Vernachlässigung dieser Wahrheit zu gefährlicher lehrmäßiger Einseitigkeit führt. Wer ein aufrichtiges Interesse an einer Lösung hat, wird durch die Lektüre des Buches (bei allen vorhandenen Schwachheiten der Arbeit) sicher gesegnet werden!

Zitat aus: Thomas Schreiner, Ardel Caneday, Mit Ausharren laufen. Gibt es Heilsgewissheit ohne Heiligung? Oerlinghausen 2009, S. 275.

Die Erwählung in Christus

In den letzten Tagen bin ich immer wieder auf die Meinung gestoßen, dass Gott uns zwar vor Grundlegung der Welt erwählt habe; wir aber erst (durch unsere Bekehrung) das „Tor öffnen“ müssten, um in diesen bevorzugten Stand gelangen zu können. Meines Wissens nach argumentieren auch bekannte evangelikale Persönlichkeiten wie z. B. Herbert Janzen und Jacob Thiessen von der STH Basel in diesem Sinne. Wir seien zwar erwählt – aber erst in ihm (nach Epheser 1,4). Erst wenn wir Christus annehmen, können wir uns als Erwählte bezeichnen. Ohne die Verantwortung des Menschen zu leugnen, kann ich dieser Sicht trotzdem nichts abgewinnen. Ardel Caneday und Thomas Schreiner ebenfalls nicht:

[…] Paulus sagt, dass wir „in ihm“ erwählt wurden, d. h. in Christus. Paulus meint hier nicht, dass Gott nur Christus erwählt habe und damit all jene erretet würden, die sich für Christus entscheiden. Er sagt vielmehr, dass Gott uns „in“ Christus erwählte, d. h. durch das Werk Christi. Als Gott uns zu retten plante, plante er, dass dies allein durch das Werk Jesu Christi am Kreuz wirksam werden sollte. Jedenfalls macht 1. Korinther 1, 30 klar, dass wir nur deshalb „in Christus“ sind, weil Gott dies gewirkt hat und nicht, weil wir uns frei dazu entschieden hätten: „Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht worden ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.“
[…] Mit anderen Worten: Wir wählten zwar, in Christus zu sein, aber nur, weil Gott dies in uns gewirkt hatte.

Wie schon weiter oben erwähnt, bin ich nicht der Meinung, dass lasse auf ein „Marionettendasein“ des Menschen schließen – jeder, der Gott und Christus ablehnt, wird sich am Ende dafür rechtfertigen müssen. Aber wenn Gottes Wort von Erwählung redet, dann legitimiert uns nichts und niemand, das durch irgendwelche menschlichen Erklärungen abzuschwächen.

Römer 7: Gläubige oder Ungläubige?

Beschreibt Römer 7,13-26 einen Gläubigen oder einen Ungläubigen? Thomas R. Schreiner kommentiert in der ESV Study Bible (frei unter Zuhilfenahme von Google Übersetzer übertragen):

Eine lang anhaltende Debatte dreht sich darum, ob Paulus Gläubige oder Ungläubige beschreibt. Obwohl von beiden Seiten gute Argumente gegeben werden, die am weitesten verbreitete Sicht – sie findet sich bereits bei Augustinus und ist in der Reformation bekräftigt worden – ist, dass Paulus primärer Fokus auf den Gläubigen liegt.

Argumente für diese Position:
(1) Paulus schreibt im Präsens, d.h. in Gegenwartsform,
(2) Ungläubigen wünschen nicht so intensiv, das Gesetz Gottes zu halten (Vers 21);
(3) die Unterscheidung zwischen dem „Ich“ und dem „Fleisch“ (Vers 18),
(4) die Freude an Gottes Gesetz (Vers 22),
(5) Befreiung von der sündigen Körper liegt erst in der Zukunft (V. 24; 08,10.11.23),
(6) die Spannung zwischen Gut und Böse in der Abschlusserklärung in 7,25; und
(7) die Tatsache, dass Christen schon gerecht sind in Christus, aber bis zum Tag der Einlösung noch nicht sündlos.

Eine zweite Position, nicht so weit verbreitet, aber durch eine Reihe von evangelischen Gelehrten unterstützt wird, ist, dass Paulus sich auf den Ungläubigen bezieht. Zur Unterstützung dieser Position gibt es folgende Argumente:

(1) die Struktur der Passage (die Verse 7-25 beschreiben das Leben des Ungläubigen, das in Vers 5 angedeutet wurde, während die Verse in Kap. 8,1-17 das Leben der Gläubigen beschreiben, dass in in Kap. 7, Vers 6 genannt wird),
(2) der Heilige Geist wird in den Versen 13-25 nicht erwähnt, wird aber 19 mal in Kap. 8 angeführt.
(3) zu sagen, dass Christen „unter die Sünde verkauft“ (7,14) und „gefangen unter dem Gesetz der Sünde“ (Vers 23) sind, steht in Spannung zu den Kap. 6 und 8, die die Freiheit der Gläubigen aus der Sklaverei der Sünde verkünden;
(4) Die Annahme, dass das Präsens nicht den jetzigen Zeitpunkt, sondern den Zustand von Paulus vor der Bekehrung andeutet
(5) die Interpretation, dass der Wunsch, Gottes Gesetz zu halten, den Geist des frommen Juden widerspiegelt, der ein moralisches Leben leben wollte (wobei die Verse betonen, dass sie das Gesetz nicht tun können) und
(6) der erste Vers des Abschnitts (V. 13) erklärt, wie das Gesetz Paulus als Ungläubigem den Tod brachte.

Die Befürworter beider Positionen stimmen zu, dass
(1) Christen noch durch ihr ganzes Leben mit der Sünde zu kämpfen haben (vgl. Gal 5,17; 1 Joh 1,8-9), und
(2) Christen ihr ganzes Leben in der Heiligung lang wachsen können und sollten, indem die Kraft des Heiligen Geistes in ihnen wohnt (Römer 8:2, 4, 9, 13-14).

Wie legt man die Passage aus, wenn es um Gläubige geht?
Diejenigen, die die erste Position halten, verstehen diese Passage, als beschreibe sie sowohl Paulus‘ eigene Erfahrungen und die Erfahrungen aller Christen. Obwohl Christen frei von der Verurteilung des Gesetzes sind, wohnt die Sünde dennoch weiterhin in ihnen, und alle echten Christen (zusammen mit Paulus) sollten sich zutiefst bewusst sein, wie weit sie die absolute Norm der Gerechtigkeit Gottes verfehlen. Deshalb schreit Paulus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe des Todes?“ (7,24). Die Antwort folgt sofort: derjenige, der die Christen ein für alle mal (siehe 4,2-25; 5,2.9) gerettet hat und der sie von Tag zu Tag befreit ist „Jesus Christus, unser Herr!“ (7,25).
Wie an vielen anderen Stellen in den Briefen des Paulus spiegelt dies die Betonung sowohl des „schon-jetzt“-Aspekts des Heils (die Gläubigen sind gerettet) und des „noch nicht“-Aspekts (die Gläubigen werden vollkommen und auf ewig erst bei der Wiederkunft Christi gerettet), und macht deutlich dass Christen in der Spannung dieser beiden Aspekte leben. In dem Abschnitt, der unmittelbar folgt (8,1-11), zeigt Paulus dann die Mittel, mit denen Christen täglich von der innewohnenden Macht der Sünde befreit werden können
(1) wenn sie „nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist“ leben (8,4),
(2) wenn sie „ihren Denksinn nicht auf die Dinge des Fleisches, sondern … auf die Dinge des Geistes“ richten (8,5), und
(3) durch die innere Gegenwart „des Geistes Gottes, [der] in euch wohnt“ (8,9.11).