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Leben als Christ

MEHR oder weniger? Eindrücke von der MEHR-Konferenz 2020

Im Folgenden veröffentlichen wir einen persönlichen Bericht über die MEHR-Konferenz, die vor einigen Tagen stattgefunden hat. Unser Ziel ist es nicht, unnötige Gräben aufzureißen und Streit zu schüren, der allein um des Streitens willen geführt wird. Letztlich muss sich natürlich jede Bewegung an der Schrift messen lassen. Die folgenden Eindrücke sollen im besten Fall die Haltung festigen, das Wort Gottes ernst zu nehmen. Wie schnell ist unser Urteil nämlich von Kampfeslust oder persönlichen Sympathien anstatt von der Bibel geprägt.


Ich habe in der Vergangenheit schon viel über Johannes Hartl und die MEHR-Konferenz gehört und gelesen. Unter anderem auch die Diskussion zwischen Hartl und Kotsch, in die sich irgendwann auch Nestvogel eingeschaltet hat. Aber zu einem Urteil bin ich durch die ganzen (Online-)Debatten nicht gekommen. Manches, so schien mir, wurde von Hartls Kritikern vorschnell und zu „einfach“ beantwortet.

Es passte also perfekt, dass ich dieses Jahr die einmalige Chance hatte, dienstlich nach Augsburg auf die MEHR-Konferenz 2020 zu reisen, um das umstrittene Event live mitzuerleben.

Allein die Anzahl der Besucher war überwältigend: Die MEHR-Konferenz ist eine der größten, wenn nicht die größte christliche Konferenz im deutschsprachigen Raum. Im Lauf der letzten Jahre ist die Besucherzahl rasant gestiegen, sodass sie in diesem Jahr eine Rekordzahl von 12.000 Teilnehmern, 170 Ausstellern und 600 Mitarbeitern erreichte. Besonders war auch, dass es in diesem Jahr zum ersten Mal ein Theologie-Forum gab, in dem bekannte Theologie-Professoren kurz zu verschiedenen Themen referierten. Daneben das übliche Programm: Vorträge, lange Lobpreiszeiten, unter anderem mit dem bekannten Bethel-Musiker Jeremy Riddle, verschiedene Konzerte, Zeit für die Beichte und auch Abendmahlsfeiern. Insgesamt war die ganze Konferenz sehr professionell veranstaltet und auf „Performance“ ausgelegt.

Die Hauptredner waren neben Johannes Hartl, dem Gründer und Veranstalter der MEHR-Konferenz, Friedegard Warkentin, Matthias Kuhn, Asher Intrate und, als prominenter Vertreter des Vatikans, Kurt Kardinal Koch.

Eindrücke von der Konferenz

1. Die Konferenz war ermutigend und herausfordernd

Die Vorträge, von denen ich allerdings nur einige mitgehört habe, enthielten manche guten Inhalte. Vieles von dem, was gesagt wurde, konnte ich unterschreiben; einiges war ermutigend und herausfordernd für mich. Die prägnantesten und meiner Meinung nach besten Auftritte kamen von zwei Gästen, Samuel Koch unnd Jana Highholder.

Samuel erzählte in seinem Vortrag von seinem „Wetten, dass-Unfall“ und wie er in der Zeit danach seinen Halt und seine Identität in Jesus gefunden hat. Es war ermutigend zu sehen, wie ein junger Mann in seinen besten Jahren, der fast alles verlor, was ihm wichtig war, seine Erfüllung in Jesus findet:

Ich hab nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber wenn ich kann, dann werde ich sie Gott stellen. Und bis dahin hoffe ich darauf: „Er wird alle ihre Tränen trocknen und der Tod wird keine Macht mehr haben. Leid, Kummer und Schmerzen wird es nie wieder geben, denn was einmal war ist für immer vorbei.“ (Applaus) Das war nicht mein Applaus, ich hoffe ihr wisst das, weil das war nicht von mir […] die meisten wissen, wer uns diese Zusage gegeben hat.

Jana Highholder, eine Influencerin, die mit nur 21 Jahren offizielle „Social Media-Beauftragte“ der EKD ist, war der zweite Gast. Was mich an ihrem Auftritt bewegt hat, war ihre Standfestigkeit und der Mut, trotz ihres jungen Alters für ihre Überzeugungen gerade zu stehen. Im Interview mit Johannes Hartl sagte sie: 

Ich hatte mal so eine Situation, da ging ein Video online, es ging um die Rolle der Frau nach Paulus, und ich wurde ganz viel von den Medien dann zerrissen und auch gefragt „Hey willst du dich korrigieren? Wir geben dir die Chance(?)“ Ich hab das bisschen gemacht wie Luther; der hat sich überprüft an Verstand und Schrift. Und mein Verstand und die Schrift sagt mir zum aktuellen Zeitpunkt nichts anderes. Und solange ich da mit reinem Gewissen vor meinen Gott treten kann und aus dieser Position heraus vor die Menschen, werde ich es weiter tun! […] Diese Generation sehnt sich nach Orientierung. Und sehnt sich auch nach Klarheit. Wir leben in einem Zeitalter wo es „Das ist meine Meinung, dass ist deine Meinung“ und beides ist irgendwie ok und solange du mich damit nicht tangierst ist es auch ok. […] Ich glaube dass die Jugend sich sehnt nach klaren Antworten, nach Standing, nach Positionierung.

Ich glaube, dass sie damit den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Denn genau diese Positionierung hat mir auf der MEHR an entscheidender Stelle gefehlt.

2. Die Konferenz verwischt die Grenzen zwischen evangelischem und katholischem Glauben

Ich schätze das Anliegen von Johannes Hartl, gelebte Einheit unter Christen zu suchen und zu fördern. Aber wenn auf der MEHR-Konferenz neben der evangelischen Abendmahlsfeier auch gleichwertig die Eucharistie gefeiert wird, dann zeigt es, dass selbst lehrmäßig fundamentale Unterschiede verwischt oder zumindest für nicht so wichtig erachtet werden.

Hartl selbst ist katholisch, daraus macht er auch kein Geheimnis. Das ändert sich auch nicht durch Lobpreismusik und evangelikales Vokabular. Ich will hier nicht über seine Motive urteilen. Ich wüsste es gerne, kenne aber sein Herz nicht und will und kann ihm deshalb auch nicht unterstellen, ein blutrünstiger „Wolf im Schafspelz“ zu sein, der hinterlistig alle evangelikalen Christen verführen möchte.

Ich frage mich nur, warum evangelikale und evangelische Christen, die sonst aus Überzeugung wahrscheinlich nie in die katholische Kirche gehen würden, auf eine Konferenz gehen, die offensichtlich im Kern katholisch ist. Was mir dabei vor allem Sorge bereitet, ist die Unreflektiertheit, die ich bei manchen evangelikalen Konferenzbesuchern beobachtet habe. Mein Eindruck war, dass es ihnen einfach nur um die gute Atmosphäre und Stimmung ging – so als wäre alles andere unrelevant. Spielen die Unterschiede wirklich keine Rolle mehr?

3. Die Konferenz setzt auf „Show“ statt auf „Sola Scriptura

Wir feiern die Reformation, weil wir davon überzeugt sind, dass allein die Schrift (Sola Scriptura) die Grundlage unseres Glaubens ist, nicht unsere Erfahrung. Diese Überzeugung sollte sich auch in unserer Methodik widerspiegeln. Das Wort Gottes steht im Mittelpunkt, nicht die Erfahrung. Die Auslegung der Bibel steht im Zentrum, nicht eine emotionale Inszenierung. Es geht dabei nicht um ein Entweder/Oder, aber um ein gesundes Verhältnis. Der letzte Abend der Konferenz verstärkte jedoch meinen Eindruck, dass auf der MEHR nicht nur wichtige Grenzen verwischt werden, sondern auch eine fragliche Sicht auf die Schrift vorliegt.

Hartl hielt an diesem Abend einen Vortrag, auf den im Anschluss eine „Gebetszeit“ folgte. Er stand auf der Bühne und rief bei unterschwelliger Hintergrundmusik den Heiligen Geist herbei. Mit beruhigender Stimme „lud er ihn ein“ und machte passende Bewegungen mit seinen Armen dazu. Er redete auf die Menge ein und die Stimmung spitzte sich zu. Dann forderte er die Zuhörer auf, gemeinsam und lauthals in „Zungen zu beten“ und hier und da begannen die Leute aus der Menge, verzückt zu schreien.

Die Teilnehmer meinten, dadurch Gott zu begegnen; aber ob dahinter wirklich mehr als nur hochgepushte Emotionen stehen, darf hinterfragt werden (würde man in einem Fußballstadion vielleicht ähnliche Gefühle entwickeln?). Der Katholik Josef Jung, Chefredakteur auf cathwalk.de, hat den „Hurra-Katholizismus“, der primär auf Show setzt, übrigens schon 2016 ähnlich kritisiert:

Die Inszenierung kann – wegen ihrer Methoden – nur eines sein: Show. Und das ist das große Problem. Gefährlich wird diese Show, weil sie mit dem Anspruch auftritt, rechtgläubig zu sein und dadurch emotionalen Druck aufbauen kann. Wahrheit mit Gefühl zu verbinden birgt eine kaum zu überschätzende Gefahr. Die Inszenierung ist oberflächlich, über den Seelenzustand soll man aber in der Tiefe sprechen. Es kommt zusammen, was nicht zusammen gehört. Wahr kann etwas nur sein, wenn es vernünftig ist und mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Das Gefühl kann hier genauso täuschen wie helfen. Es ist wie der Apostel Paulus sagt: „Der Glaube kommt vom Hören“ – nicht vom Fühlen. […] Hier kann allein schon wegen der Methode kein tragender Glaube erzeugt werden. Im Gegenteil, es scheint vielmehr vor allem eine Vergötzung von Glücksgefühlen stattzufinden, von Schein, Show und Oberflächlichkeit. In der Bibel wird Gott jedoch bezeugt als jemand, der auch dann Gott des Heils ist, wenn der Anschein das Gegenteil nahelegt. Das Kreuz ist unser Weg zum Heil, nicht das Gefühl.

Man sollte nicht so weit gehen, Wahrheit und Gefühl gegeneinander auszuspielen, aber wenn man vor über 10.000 Menschen predigt und dann eine solch aufgeheizte Stimmung erzeugt, dann grenzt das an Manipulation, ja vielleicht sogar seelischen Missbrauch. Hartl erwähnte während dieser „Gebets- und Befreiungszeit“ beispielsweise, dass – falls jemand Angst bekommen haben sollte – Gott uns ja nicht einen Geist der Furcht gegeben hat. Ich habe nachher jedoch mit einer Person gesprochen, die gerade durch dieses Geschehen mit großen seelischen Zweifeln zu kämpfen hatte. Die Stimmung kam ihr unheimlich vor, aber durch Hartls Worte war sie ernsthaft verunsichert, ob sie sich vielleicht tatsächlich dem Wirken Gottes verschließt.

Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob die Geistesgaben aufgehört haben. Aber wenn das „Wirken des Geistes“ inszeniert und fast schon manipulativ herbeigeführt wird, rüttelt man ziemlich stark an der evangelischen Grundüberzeugung, dass der Glaube durch die Verkündigung des Wortes Gottes kommt und die Erfahrung nicht die Hauptrolle spielt.

Schluss

Ich musste beim Nachdenken über meine Eindrücke von der Konferenz an eine Aussage von John Piper auf der letzen E21-Konferenz denken:

… prüft alles was ich sage anhand der Schrift. Es gibt viele Prediger, die in der Welt herumreisen und Dinge sagen, die einfach nicht wahr sind. Und ihr kennt mich nicht gut genug, um mir zu vertrauen. Und ich bitte euch auch nicht, mir zu vertrauen. Ich komme hier nicht als Autorität. Ich möchte unter einer Autorität kommen. Prüft also alles, was aus meinem Mund kommt, anhand dieses Buches.

Und genau dieses gesunde Prüfen und Hinterfragen anhand des geschriebenen Wortes wünsche ich mir, wenn wir miteinander über Johannes Hartl oder die MEHR-Konferenz sprechen.

Von Benjamin Tissen

Eine Antwort auf „MEHR oder weniger? Eindrücke von der MEHR-Konferenz 2020“

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