John Bunyan: Die Pilgerreise

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Die meisten Christen wissen, glaube ich, mit John Bunyans Werk Die Pilgerreise etwas anzufangen, was allerdings nicht bedeutet, dass dieses Buch von genau so vielen Christen gelesen wurde. Auch ich habe Die Pilgerreise erst kürzlich gelesen und möchte an dieser Stelle kurz über das Buch berichten.

Wie der Titel schon besagt, geht es in Die Pilgerreise um Christ, den Protagonisten, der sich auf dem Weg zur himmlischen Stadt befindet. Bunyan beginnt damit, dass Christ, ein Bewohner der Stadt Verderben, sich seiner Sünde bewusste wird und von Evangelist zu der schmalen Pforte gewiesen wird. An dieser Stelle beginnt Christs geistliche Reise. Er erreicht nach einigen Schwierigkeiten die Pforte und geht hindurch. Im weiteren Verlauf wird er seine schwere Last los und bekommt im Haus des Auslegers einige wichtige Unterweisungen und Erkenntnisse. Auf seinem weiteren Weg muss Christ dann konkret kämpfen, Versuchungen und Anfechtungen überwinden und sich auf seiner Reise immer wieder bewähren, auf der sich Kampf und Ruhe regelmäßig abwechseln – das Muster eines christlichen Lebens.

Christ, der meist einen treuen Pilger an seiner Seite hat, geht durch das Tal der Demütigung, durchquert das Tal des Todesschattens (was Bunyan nicht mit dem Tod gleichsetzt), muss Verfolgung erleiden, trifft auf einen Schwätzer und wird von dem Riesen Verzweiflung gefangen genommen. Christ erlebt aber auch schöne Stunden: ermutigenden Gespräche mit seinem Begleiter oder ein erquickender Aufenthalt bei guten Hirten gehören auch zur Reise. Schließlich erreicht Christ sein Ziel:

Jetzt stand die Stadt vor ihren Augen, und es deuchte den beiden Pilgern, als hörten sie drinnen das Geläute aller Glocken, sie zu bewillkommnen. Aber nichts entzückte sie mehr als der Gedanke, selbst dort in solcher Gesellschaft zu leben, und das von Ewigkeit zu Ewigkeit. – Welche Zunge, welche Feder ist imstande, ihre überschwengliche Freude auszudrücken!

[…]

Nun sah ich in meinem Traume, daß die beiden Männer zum Tore hineingingen. Und siehe, indem sie hineintraten, wurden sie verklärt und zugleich mit einem Gewand angetan, das wie Gold glänzte. […]

Außerdem sah ich noch Wesen, welche Flügel hatten und ohne Unterlaß einer dem anderen zuriefen und sprachen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr!“ Darauf wurde das Tor geschlossen, und nachdem ich solches gesehen hatte, blieb mir noch der einzige Wunsch übrig, mich selbst dort zu befinden.

Was Die Pilgerreise so besonders macht, sind Bunyans ausgezeichnete Allegorien. Er versteht es wirklich meisterhaft Schwierigkeiten und Herausforderungen, welche einem Christen im Glaubenskampf begegnen, zu „personifizieren“ und diese zu einer spannenden Erzählung zusammenzubringen.

Man spürt dem Buch ab, dass es von einem Puritaner geschrieben wurde. Christ ist vollkommen auf seinen Herrn ausgerichtet und darauf bedacht ihm zu gefallen. Das bedeutet für ihn eine absolut radikale Abwendung von der sündigen Welt und dem „was in der Welt ist.“ (vgl. 1.Joh.) Dass dieses richtig und absolut notwendig ist, sollte klar sein. Ich musste mir allerdings die Frage stellen, wie so etwas in unserer heutigen Zeit aussieht. Würde man Bunyan fragen, ob ein Christ Goethe, Ernest Hemingway oder Stephen King lesen, ins Theater gehen, Sportfan sein, oder sich generell mit Popkultur beschäftigen sollte, lautete die Antwort – vermute ich – nein. Das zumindest vermittelt die Stimmung des Buches. Leute wie z.B. Apostel Paulus und Francis Schaeffer hingegen haben Kunst und Kultur einen hohen Stellenwert eingeräumt, mit der Begründung, dass man, um relevant zu sein, das Denken seiner Zeit verstehen muss. Ich glaube, dass beide Seiten einen wichtigen Aspekt des christlichen Lebens betonen. Heiligung darf nie mit Weltfremdheit gleichgestellt werden. Genau so wenig darf kulturelle Anpassung eine Entschuldigung für fleischliche Gesinnung und entsprechendes Verhalten sein. Auch wenn diese Frage vielleicht noch endgültig zu klären ist, so spornt „das Puritanische“ doch zur Heiligung an – und das ist ein durchaus positiver Effekt.

Abschließend sei noch angemerkt, dass das Die Pilgerreise ein sprachlicher Genuss ist, was allerdings auch an meiner alten Ausgabe liegen mag: gotische Schrift und eine Ausdrucksweise, die stark an die Luther-1912-Bibel erinnert – herrlich! Ich freue mich schon auf den zweiten Teil des Buches: „Christines Wallfahrt.“

 

Francis Schaeffer: Wie können wir denn leben?

Es gibt eine gute Nachricht: der Betanien Verlag wird in nächster Zeit Francis Schaeffers Buch Wie können wir denn leben? neu auflegen.

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Der Verlag schreibt dazu:

In Hesekiel 33,10 fragen die Israeliten angesichts ihrer sündigen Vergangenheit: Wie können wir denn leben? Um zu erkennen, wie wir heute leben können, müssen wir verstehen, welche kulturellen und intellektuellen Kräfte uns im Laufe der Geschichte dahin gebracht haben, wo wir heute sind. Schaeffers scharfsinnige Analyse spannt den Bogen vom antiken Rom und dessen Untergang über Mittelalter, Renaissance, Reformation und Aufklärung bis zum 20. Jahrhundert, das sich als Sackgasse der Geistes- und Kulturgeschichte erweist: Die Auflösung aller absoluten Werte und Wahrheiten durch Kultur und Wissenschaften schlägt sich massiv in allen Lebensbereichen nieder und überlässt uns einem Vakuum der Hoffnungslosigkeit. Welche Mächte und Eliten nutzen diese Leere nun aus?

Oft klingen Schaeffers Einsichten wie prophetische Warnungen vor dem moralischen, geistlichen und intellektuellen Niedergang und den antichristlichen Machenschaften unserer Zeit. Aber auch die Antwort, wie wir in einer solchen Welt zur Ehre Gottes und hoffnungsvoll leben können, zeigt er klar auf.

Einige Exemplare des Werkes sind auch bei Amazon erhältlich, hier auch auf Englisch.

Außerdem wurden die einzelnen Kapitel bzw. Lektionen verfilmt.

Christian Art = Evangelistic Art?!

Kultur, Christsein, Kunst, Kreativität und Schöpfung – ist die Liste widersprüchlich? Vielleicht umstritten, ja, und sicherlich „disskussionsbedüftig“, aber widersprüchlich und unbiblisch sicher nicht.

Unter Freunden ist diese Thematik kürzlich hier und dort einmal angeklungen. Alex Medina hat bei The Gospel Coalition einen hilfreichen und interessanten Artikel veröffentlicht:

God is a creator-God, so as image bearers of God, we create. From the beginning of time we see that not all of God’s creations were what we would consider „religious“ in nature. Genesis 2:9 tells us, „And out of the ground the LORD God made to spring up every tree that is pleasant to the sight and good for food.“ God created trees not just for utilitarian purposes but also for pleasure and aesthetic enjoyment. God did not feel the need to justify his creation by making it into the shape of a cross. Trees provide food and also beauty.

The first poem we read in Scripture is Genesis 2:23, when the first man, Adam, says to Eve, „This at last is bone of my bones and flesh of my flesh; she shall be called Woman, because she was taken out of Man.“ Adam created this poem prior to the fall, prior to sin entering the world and contaminating everything. Song of Solomon is romantic poetry and sexual in nature, written to express love within a covenant relationship. „Your two breasts are like two fawns, twins of a gazelle“ (Song of Solomon 7:3). This poem honors Christ even without explicitly pointing to redemptive history and the Messiah. Yet in our present framework this poem would not be considered a Christian art or get played on „Christian“ radio stations. If a Christian were to make an entire album in the same vein as the Song of Solomon, we should be able to enjoy and glorify God with our wives for it.

Er zitiert aus Francis Schaeffer´s Art and Bible:

A Christian should use these arts to the glory of God, not just as tracts, mind you, but as things of beauty to the praise of God. An art work can be a doxology in itself. . . . The Christian message begins with the existence of God forever, and then with creation. It does not begin with salvation. We must be thankful for salvation, but the Christian message is more than that. Man has a value because he is made in the image of God.

Abschließend stellt Medina fest:

The scriptures do not determine what art you must make. But they do focus on the content of your life and heart. So we must rule out anything that does not flow from a regenerated heart, anything done for selfish gain or sinful motive, whether speaking ill of someone in order to get a promotion or changing your music solely to gain acceptance and accolades. Ultimately, the Christian’s life is tethered by love (Luke 10:27, Galatians 5:14). Christians plugged into a local body of believers and seeking to make disciples as Christ has commanded have the freedom under the leading of the Holy Spirit and God’s Word to create as they see fit. „So, whether you eat or drink, or whatever you do, do all to the glory of God“ (1 Corinthians 10:31).

Hier geht es zum vollständigen Artikel.

Was wir von Francis Schaeffer lernen können (13): Gebrauche deine Vernunft zu Gottes Ehre

Für viele Gläubige klingt das Wort „Vernunft“ bzw. „Verstand“ nach Sünde. Schließlich macht doch Paulus auch im Römerbrief 1,20-23 klar, „dass der Abfall des Menschen von Gott in seinem Denken beginnt“. Ist die Vernunft also böse? Hierauf muss ein deutliches Nein gegeben werden, denn

„die Boshaftigkeit bezieht sich nicht auf die Formen des Denkens (z.B. die Logik), sondern auf die Denkvoraussetzungen und Inhalte. […] Wir neigen dazu, den Bericht über den Sündenfall so zu deuten, als ob Einsicht und Erkenntnis an sich verwerflich seien. Aber die Problematik des Falls ist nicht Erkenntnis allgemein, sondern Erkenntnis, die unabhängig von Gott gewonnen wird.“

Kubsch spricht dabei von der autonomen bzw. heimatlosen Vernunft und erläutert die oft missbrauchte Stelle aus dem 1. Kapitel des 1. Korintherbriefes:

„Verwerflich ist also nicht die Einsicht oder die Vernunft, sondern die heimatlose Vernunft. Auch der Apostel Paulus verurteilt nicht das Denken. Zwar scheint es auf den ersten Blick so, als würde er in 1Kor 1-3 die Weisheit attackieren (1Kor 3,19-20) […]. Aber tatsächlich greift er die Weisheit dieser Welt an. Die Alternative zur weltlichen Weisheit (konkrete Vernunft) ist indes die ‚Weisheit Gottes‘ (ideale Vernunft, vgl. 1Kor 1,21-24; 2,6).“

Weiterhin verweist er auf das AT und macht deutlich, „dass die Alternative zum Missbrauch der gottgewollte Einsatz des Denkens ist.“ Der heimatlosen Vernunft kann also die beheimatete Vernunft gegenübergestellt werden:

„Wir sollen als Gläubige nicht mit dem Denken aufhören, sondern lernen, richtig zu denken.“ Ein Christ ist „ein denkender Mensch, ein Mensch, der seine nun beheimatete Vernunft dazu einsetzt, Gott die Ehre zu geben.“

aus: Ron Kubsch: Schaeffers Kierkegaard, in: Ron Kubsch (Hrsg.): Wahrheit und Liebe. Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können. vkw 2007, S. 127-180.

Was wir von Francis Schaeffer lernen können (11): Warum manche den christlichen Glauben ablehnen

Schaeffer erkannte in seinen Gesprächen,

dass viele Menschen den christlichen Glauben nicht so sehr aufgrund falscher Denkvoraussetzungen ablehnen, sondern vielmehr aufgrund von negativen Erfahrungen: Erfahrungen mit einem christlichen Glauben, der extrem eng, inhuman und lieblos war und ein negatives Gottesbild vermittelte.

Ich vermute, dass dies auch heute noch ein Grund für viele Jugendliche ist, dem Glauben den Rücken zu kehren. Schaeffer legte deshalb in seiner apologetischen Arbeit Wert darauf, dass diese Menschen ein „angemessenes Bild vom christlichen Glauben“ bekommen. Welchen Aspekt betonte Schaeffer, um das Bild von Gott zu korrigieren?

Schaeffer versuchte zu zeigen, dass ein enger und kulturfeindlicher Glaube unbiblisch ist und brachte menschlicher Kultur, insbesondere im Bereich der Kunst, eine große Wertschätzung entgegen. Schönheit, Kunst und Kultur verstand er als Reflektionen eines kreativen Gottes – und dementsprechend als Bereiche, in denen Christen sich hervortun sollten, nicht aber als verbotene, säkulare Zonen.

Schöpfung ist gefallene Schöpfung und kann missbraucht werden. Aber wir sollten nie übersehen, dass es dabei immer noch Gottes Schöpfung ist und gebraucht werden darf zum eigenen Genuss und zur Verherrlichung Gottes. Dieser Aspekt sollte in der Theologie nicht gestrichen oder vielleicht wieder hervorgeholt werden.

aus: Dick Keyes: Den Glauben verständlich machen in einer nichtchristlichen Gesellschaft. Perspektiven für eine zeitgemäße Apologetik. in: Ron Kubsch (Hrsg.): Wahrheit und Liebe. Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können. vkw 2007, S. 93-108.

Was wir von Francis Schaeffer lernen können (9): Die Ziele der Apologetik

1. Ziel (nach außen): Effektive Evangelisation

Wenn wir in L’Abri von Apologetik sprechen, können wir den Begriff nicht von Evangelisation trennen.

Was hat Apologetik mit effektiver Evangelisation zu tun?

Ohne Apologetik schließen wir uns einfach dem Dialog der Tauben an, reden aneinander vorbei und können uns gegenüber Menschen mit anderen Perspektiven, Weltanschauungen und Wahrheitskriterien nicht mehr verständlich machen.

2. Ziel (nach innen): Glaubensstärkung

Die wichtigste Person, mit der ich Apologetik betreiben muss, bin ich selber, damit mein Vertrauen in Gott gestärkt wird – auch in Zeiten der Unsicherheit.

aus: Dick Keyes: Den Glauben verständlich machen in einer nichtchristlichen Gesellschaft. Perspektiven für eine zeitgemäße Apologetik. in: Ron Kubsch (Hrsg.): Wahrheit und Liebe. Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können. vkw 2007, S. 93-108.

No little People

Justin Taylor führt auf seinem Blog Tim Challies an. Da es sich um einen ausgezeichneten Beitrag und ein starkes Zeugnis handelt, habe ich mich entschlossen den Beitrag zu übersetzten:
Es ist schon lange Zeit her, es war im Sommer 1966, dass Doug [Nichols] für „Operation Mobilization“ arbeitete und, während ihrer großen Jahreskonferenz, in London stationiert war. Er arbeitete im Reinigungsdienst mit. Eines nachts, ungefähr um 00:30 Uhr, kehrte er gerade die Stufen des Konferenzzentrums, als ein alter Herr ankam und fragte, ob das hier die Konferenz sei, die momentan abgehalten würde. Doug sagte Ja, aber jeder sei schon zu Bett gegangen. Der Mann war sehr einfach gekleidet und hatte nur eine kleine Tasche bei sich. Er sagte, dass er an der Konferenz teilnehme. Doug antwortete, dass er versuchen würde einen Schlafplatz zu finden und führte ihn zu einem Raum, in dem ungefähr 50 Leute auf dem Boden schliefen. Der alte Herr hatte kein Schlafzeug dabei, also legte Doug irgendeine Polsterung auf den Boden, eine Decke und bot ein Handtuch als Kopfkissen an. Der Mann sagte, dass sei so in Ordnung und er schätze es sehr hoch. 
Doug fragte den Mann ob er die Möglichkeit gehabt habe zu Abend zu essen. Heraus kam, dass er den ganzen Tag seiner Reise nicht gegessen hatte. Doug brachte ihn zum Speisesaal, aber dieser war verschlossen. Bald hatte er das Schloss geöffnet und fand Cornflakes, Milch, Brot und Marmelade. Während sie aßen begannen die zwei sich zu unterhalten. Der Mann sagte, dass er und seine Frau mehrere Jahre in der Schweiz gearbeitet hatten, wo sie auch ein kleines Werk hatten welches Hippies und Reisenden diente. Er sprach über seine Arbeit und über einige Menschen, die er sah, wie sie sich Christus zuwandten. Als er das Essen beendet hatte gingen beide Männer zu Bett.
Doug wachte am nächsten Morgen auf, nur um herauszufinden, dass er in Schwierigkeiten steckte. Die Konferenzleiter kamen zu ihm und sagten: „Weißt du nicht wer es war, den du gestern Nacht auf den Fußboden geschickt hast? Das ist Francis Schaeffer! Er ist der Redner dieser Konferenz! Wir hatte einen ganzen Raum für ihr reserviert!“
Doug hatte keine Ahnung davon, dass er auf dem Boden neben einer Berühmtheit geschlafen hatte, dass er einen Mann angewiesen hatte auf dem Boden zu schlafen, der ein tiefgründiges und wichtiges geistliches Amt innehatte. Er hatte keine Ahnung, dass dieser Mann dazu beigetragen hatte, die Gemeinde Christi jener Tage, und wirklich, die Gemeinde unserer Tage, zu formen. Und Schaeffer lies es nie. In Demut akzeptierte er das Viele, dass er getan hatte und war dankbar dafür.
Wie ich finde, ein sehr kraftvolles Zeugnis. Man kennt Schaeffer als brillanten Denker, Propheten (bitte nicht falsch verstehen) und Theologen. Hier sehen wir ihn einmal privat. Seine private Seite, die wir hier sehen konnten, macht meine Achtung für ihn größer. Thomas Schirrmacher schreibt im Geleitwort zu „Wahrheit und Liebe“:
Der einzelne und die ganze Welt: Neben einer tiefen persönlichen Frömmigkeit, in die Schaeffer anderen in den L´Abri Fellowships und seine Frau in zahlreichen Schriften Einblick gewährte, […] Schaeffer war immer gleichzeitig Privatmann und Freund einerseits und Weltbürger und ‚berühmter‘ Mentor anderseits. Nur so konnten gemütliche Hütten in den Schweizer Bergen und Abende am Kamin (L´Abri) zum Inbegriff einer weltweiten Bewegung und in vielen akademischen Disziplinen werden.

Ich glaube, wir sollten von ihm lernen.

Was wir von Francis Schaeffer lernen können (8): Befürwortung der Gemeinde

Obwohl Francis Schaeffer sich in seiner Arbeit bemühte, den einzelnen Menschen anzunehmen war er doch „ein Befürworter der Gemeinde“ (S. 88) und drängte die Leute, nach Abschluss ihrer Studien in L’Abri, sich einer lebendigen Gemeinde anzuschließen. (S. 89). Wie stellte Schaeffer sich eine solche Gemeinde vor?

„Die Gemeinde soll an einem Glaubensbekenntnis festhalten, dass aus der Bibel abgeleitet ist und das gesamte Leben umfasst. Kulturbedingte Einsichten sollten nicht als Absolut mit quasibiblischer Autorität hochgehalten werden.“

schreibt Middelmann. Doch er erklärt weiter, was Schaeffer in den Gemeinden seiner Zeit beobachtete:

„Aber er beklagte die verschiedenen Versuche, in der Gemeinde Zirkusatmosphäre nachzuahmen […]. Er erkannte, dass mantra-ähnliche Wiederholungen von Worten und die Verwahrlosung der Lieder in viele Gemeinden heute zu einer Verwässerung von Botschaft und Leben führen. […] Anstatt der Gesellschaft wirklich etwas entgegenzusetzen, glich die Gemeinde oft einem Vergnügungspark und trug damit zur Flucht aus der gesellschaftlichen Realität bei. Sie bediente mehr die Wünsche und die Erwartungen des Volkes, statt dem Menschen in seiner Not zu dienen.“

Schaeffer erkannte, dass in den Gemeinden „die objektive Wahrheit des Christentums zum großen Teil preisgegeben wurde“ (S. 90) und der Fokus zunehmend auf das subjektive Empfinden verlagert wurde:

„Das Leben wird dominiert von der Sehnsucht nach persönlichem Frieden, privaten Interessen […] und Selbstsucht (zur wirtschaftlichen Absicherung).“ (S. 90)

und weiter:

Man beschäftigt sich „einseitig mit der persönlichen Geschichte, mit einer Privatbeziehung ‚zu meinem Freund Jesus‘ und der Rechtfertigung persönlicher Anmaßungen von Autorität ohne Bindung an die Wahrheit.“

Diese Beobachtung lässt sich heute leider mindestens genauso machen.
aus:
Udo Middelmann: Der ungewöhnliche Francis A. Schaeffer, in: Ron Kubsch (Hg.): Wahrheit und Liebe. Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können. vkw: Bonn 2007, S. 79-92.
Edith Schaeffer: überlebenshilfe. Die Zehn Gebote. Hänssler: Neuhausen-Stuttgart 1984.