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Bibel & Theologie

Beales Kommentar zur Offenbarung

Mitte nächsten Jahres soll der erste Band von G.K. Beales renommiertem Kommentar zur Offenbarung veröffentlicht werden. Viktor Harder hat einen ersten Einblick erhalten.

In den letzten zwei Jahren wurde in der Christenheit wieder vermehrt auf die Johannes-Offenbarung Bezug genommen. Mal ging es um das Wort Corona, das man der Zahl des Tieres zuordnete, mal um die Impfung. Doch wie verhält es sich mit diesen Dingen? Beginnt mit Corona ein neues Kapitel der Endzeit? Meines Erachtens muss man sich bei der Offenbarung, wie bei anderen Bibelbüchern auch, erstmal mit der Botschaft für die ursprünglichen Leser beschäftigen. Es bedarf also einer exegetischen Vorarbeit und einer theologischen Reflexion. Erst dann kann man eine angemessene Übertragung in die heutige Zeit vornehmen. Besonders geeignet und hilfreich für die Exegese und Reflexion scheint mir der Kommentar zur Offenbarung von Gregory Beale zu sein. Bisher musste man den Kommentar auf Englisch lesen. Seit einiger Zeit wird allerdings an einer Übersetzung in die deutsche Sprache gearbeitet. Die Herausgabe ist in zwei Bänden vorgesehen. Der erste Band soll Mitte 2022 beim Betanien-Verlag erscheinen.

Ein Ausschnitt aus der deutschen Version wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Zum Autor und seiner Vorgehensweise

Der Autor Gregory Beale ist mir zum ersten Mal als Mitherausgeber des wertvollen Kommentars Commentary on the New Testament Use the Old Testament aufgefallen. Er ist Professor für Neues Testament und Biblische Theologie. Das merkt man auch an dem Kommentar zur Offenbarung. Man findet darin einen starken Bezug zum Alten Testament vor. Beales Stärke in Biblischer Theologie zeigt sich auch in anderen Büchern. Zum Beispiel in Der Tempel aller Zeiten. Darüber schreibt Carson, dass es „ein Vorbild dafür liefert, wie man Biblische Theologie betreiben soll“. Auch der Kommentar zur Offenbarung zeigt dasselbe.

Beale nähert sich der Offenbarung mit Berücksichtigung ihres historischen Hintergrunds und ihres literarischen Charakters. Er vertritt dabei die Auffassung, dass Johannes die alttestamentlichen Anspielungen so verwendet, wie sie die jüdisch-exegetische Tradition interpretiert. Neben der Vers-für-Vers-Exegese zeigt er auch Johannes’ Gedankenfluss, wie er sich von Kapitel zu Kapitel entfaltet. Dabei wird deutlich, dass die herausfordernden Bilder in der Offenbarung am besten durch die alttestamentlichen und jüdischen Parallelen und nicht durch zeitgenössischen Parallelen zu erklären sind.

Der mir vorliegende Auszug aus dem Kommentar beschäftigt sich mit Offenbarung 20,1–15. Bei diesem Text handelt es sich gewissermaßen um einen Schlüsseltext für die Eschatologie („Lehre von den letzten Dingen“). Hier wird das einzige Mal in der Bibel ein Zeitraum von tausend Jahren („Millennium“) beschrieben. In Bezug auf diesen Zeitraum gibt es drei vorherrschende Sichtweisen (Prämillennialismus, Postmillennialismus und Amillennialismus), die Beale in aller Kürze vorstellt, bevor er zur Exegese des Textes übergeht.

Hinführung zum Schlüsseltext

Zunächst wird Offenbarung 20 in den Gesamtaufbau der Offenbarung eingeordnet. Dabei macht Beale deutlich, dass es gerade bei der zeitlichen Einordnung von Kapitel 19 und Kapitel 20 unterschiedliche Sichtweisen unter den Auslegern gibt. Beale ordnet sich der Sichtweise der „Rekapitulation“ zu. Das Kapitel 20 stellt bei dieser Sicht eine thematische Wiederholung (mit anderen Gesichtspunkten) von Kapitel 19 dar.

Dieses Prinzip der Rekapitulation verdeutlicht Beale dann zunächst ausführlich anhand von Hesekiel 39 und 38, worauf Johannes wahrscheinlich inhaltlich anspielt.

Als nächstes zeigt Beale, dass die Annahme der Rekapitulation auch sprachlich (das Kapitel 20 beginnt mit den Worten „Und ich sah“) möglich ist. Wenn auch auf den ersten Blick die Verbindung mit einem und eine Aneinanderreihung von Ereignissen zu zeigen scheint, die zeitlich aufeinander folgen, so zeigt er anhand von Beispielen aus vorherigen Kapiteln in der Offenbarung, dass es nicht zwingend so sein muss. Das und kann auch einen Abschnitt einleiten, der zeitgleich stattfindet (hier nennt Beale Offb 10,1 als Beleg) oder auf eine Zeit zurückgreifen, die vor dem zurückliegenden Abschnitt liegt (hier nennt Beale Offb 7,2 und 18,1). Die Konjunktion muss hier also nicht unbedingt historisch chronologisch zu verstehen sein, sondern visionär.

Bei der Betrachtung des breiteren Zusammenhangs der Kapitel 17–22 sieht Beale in der chiastischen Struktur einen weiteren Beleg dafür, dass 20,1ff nicht chronologisch auf 19,11–21 folgt:

A Gericht über die Hure (17,1–19,6)

B Der göttliche Richter (19,11–16)

C Gericht über das Tier und den falschen Propheten (19,17–21, vgl. Hes 39)

D Satan wird 1000 Jahre lang gebunden (20,1–3)

D’ Die Heiligen regieren/richten 1000 Jahre lang (20,4–6)

C’ Das Gericht über Gog und Magog (20,7–10; vgl. Hes 38–39)

B’ Der göttliche Richter (20,11–15)

A’ Rechtfertigung der Braut (21,1–22,5; vgl. 19,7–9).

Auslegung des Schlüsseltextes

Im diesem Licht kommt Beale dann zur Exegese. Dabei fällt der starke und ausführliche innere Zusammenhang der verwendeten Bilder in der Offenbarung auf. In 20,1–3 taucht das Bild des Schlüssels auf, den der Engel trägt. Beale sieht in dem „Schlüssel des Abgrunds“ denselben Schlüssel wie in Offenbarung 1,18. Dort stehe der „Schlüssel des Todes und des Hades“ bildhaft für Christi Herrschaft über das Totenreich, die mit der Auferstehung begonnen habe (außerdem bezieht sich Beale auf Schlüssel in Kapitel 3, 6 und 9). Er argumentiert an dieser Stelle sehr klar für den Amillennialismus, also dafür, dass die „tausend Jahre“ das gegenwärtige Zeitalter der Gemeinde beschreiben. Meiner Meinung nach geht Beale hier und an anderen Stellen, wo er für den Amillennialismus argumentiert, sehr sachlich und ohne polemische Seitenhiebe vor. Er trägt sachlich die Argumente vor, die für seine Sicht sprechen. Dabei befasst er sich auch durchaus mit Gegenargumenten und Einwänden.

Nach der Beschäftigung mit dem Bild des Schlüssels geht es dann weiter mit einer Erklärung, was das Binden des Satans bedeutet und was nicht.

Im weiteren Verlauf erklärt Beale sowohl, dass die tausend Jahre keine „wörtlich chronologische Zahl ist“, als auch, dass die erste Auferstehung die geistliche Auferstehung meint. Das gehört zur amillennialistischen Sicht. Daraus folgt, dass der zweifache Dienst der Heiligen, als Könige und als Priester, die Beschreibung des gegenwärtigen Dienstes der Heiligen ist.

Umgang mit Argumenten von anderen Sichtweisen

An der Stelle, wo es um die erste und die zweite Auferstehung geht, geht Beale auf einen Einwand aus prämillennialistischer Sicht ein. Prämillennialisten betonen, dass beide Auferstehungen buchstäblich, als leibliche Auferstehungen, verstanden werden müssten. Während im Amillennialismus die erste geistlich und die zweite leiblich verstanden wird.

Hier ist mir aufgefallen, wie sachlich Beale seine Argumente darlegt. Er bedenkt Einwände und geht auf sie ein. Dabei ist seine Wortwahl schon fast zurückhaltend, wie ein Zitat verdeutlichen soll:

„das Fehlen jeglicher formaler Bezugnahme auf einen „ersten [leiblichen] Tod“ oder auf eine „zweite [leibliche] Auferstehung“ deutet darauf hin, dass vielleicht nicht wirklich an diese Auffassung gedacht wird. Wenn dem so ist, dann wäre die angenommene ironische Gegenüberstellung nicht erwiesen.“

Seite 1006

Auch wenn es um die oben bereits angesprochene zeitliche Einordnung von Kapitel 20 geht, bleibt Beale in seiner Wortwahl sehr sachlich. Er gesteht, dass die Offenbarung oft chronologisch aufgefasst wird. Beale führt hier also ein Argument an, welches für eine chronologische Abfolge von Kapitel 19 und 20 spricht: die verbindende Konjunktion und. Dann leitet er mit dem folgenden Satz in seine Gegenargumentation ein: „Bei genauerer Betrachtung ist dieses Argument nicht ganz so zwingend wie es auf den ersten Blick scheint“ (S. 975). Das ist m.E. ein Beispiel für einen fairen und sachlichen Umgang mit anderen Sichtweisen!

Technischer Charakter

Der Kommentar hat einen eher technischen Charakter, sodass zum Beispiel auch griechische Begriffe verwendet werden, deren Übersetzung dankenswerterweise direkt in Klammern dahintersteht. Hier zwei längere Zitate, um einen Eindruck zu bekommen:

Im Gegensatz zu diesem wörtlichen Vorgehen, ist es wichtig, zu erkennen, dass ἀνάστασις („Auferstehung“) in der Offenbarung nur in 20,5–6 vorkommt. Vielmehr taucht die Rangzahl „erste“ (πρῶτος) mit „Auferstehung“ nirgendwo sonst im AT oder NT auf. Das ist ein Hinweis darauf, dass eine lexikalische Untersuchung der Worte, die eine Vorstellung von „erster“ und „zweiter“ vermitteln, durchgeführt werden muss, um die volle Bedeutung der „Auferstehung“ im momentanen Kontext zu verstehen (siehe unten). Hinzu kommt, dass ζάω („leben“) in der Offenbarung und anderswo eine fließendere Bandbreite an Bedeutung hat (für die Bedeutung einer leiblichen Auferstehung außerhalb der Offenbarung vgl. Mt 9,18; Röm 14,9; 2Kor 13,4). In der Offenbarung bezieht es sich manchmal auf leibliche Auferstehung (1,18; 2,8) oder allgemeiner auf irgendeine Form der physischen Existenz (16,3; 19,20), aber viel öfter hat es einen bildlichen Beiklang einer geistlichen Existenz, insbesondere in Bezug auf Gottes Eigenschaft der zeitlosen Existenz (sechs Mal). In 3,1 bezieht sich das Verb auf geistliches Leben (und die Vorkommen in 7,17 und 13,14 sind wahrscheinlich auch bildlich).

Aber am verblüffendsten ist die Beobachtung, dass an anderen Stellen im NT ἀνάστασις und ζάω (oder das verwandte Nomen ζωή, „Leben“) und deren Synonyme miteinander austauschbar sowohl für geistliche als auch leibliche Auferstehung gebraucht werden, und das innerhalb desselben unmittelbaren Zusammenhangs. In Röm 6,4–13 heißt es: „wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist … so werden auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. Denn wenn wir verwachsen sind mit der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein. … Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden … was er [Christus] aber lebt, lebt er Gott. So auch ihr: Haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christus Jesus … stellt euch selbst Gott zur Verfügung als Lebende aus den Toten“ (vgl. in ähnlicher Weise Röm 8,10–11).

Seite 1004

Fazit

Wie schon angesprochen, handelt es sich um einen sehr ausführlichen Kommentar zur Offenbarung. So werden für die Besprechung von Offenbarung 20,1–15 allein gut 60 Seiten benötigt. Die Ausführlichkeit und der technische Charakters erfordern zum Teil etwas Durchhaltevermögen. Dafür bietet er reichlich Erklärungen zum biblischen Text und hilft, die ursprüngliche Aussage zu verstehen. Besonders stark finde ich die Bezüge zu anderen Texten in der Offenbarung und zu Passagen aus dem Alten Testament. Man muss nicht Amillennialist sein, um von dem Kommentar zu profitieren. Wer sich ausführlich und gründlich mit der Offenbarung auseinander setzen will, findet in dem Kommentar von Beale ein ausgezeichnetes Werkzeug. Ich freue mich auf die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe des Kommentars!

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