Christus allein

Mein Interesse an der Geschichte der Russlandmennoniten – Teil 2

Die zweite Antwort auf die Frage: „Was motiviert mich dazu, mich mit der Geschichte der Russlandmennoniten zu beschäftigen?“ ist: „Weil es mir hilft, die Gegenwart zu verstehen.“ Die Gegenwart ist immer das Produkt der Vergangenheit: Der dicke Baum der heute im Garten seine roten Äpfel abwirft, wurde vor Jahrzehnten gepflanzt; der Stein im Bach wurde erst dadurch, dass ihn jahrelang Wasser umspülte, zu diesem glatten Stein; der Mann wurde erst durch manche bitteren und traurigen Erfahrungen zu diesem heute so sanften und demütigen Menschen.

Übertragen auf die Geschichte der Russlandmennoniten möchte ich drei Beispiele anführen, wo mir die Geschichte hilft, die Gegenwart zu verstehen bzw. nachzuvollziehen. Es heißt nicht, dass ich damit zwangsläufig die Situation in der Gegenwart als richtig oder gut empfinde, jedoch gibt es mir die Möglichkeit manches einzusortieren.

Ich fange mal ganz am Anfang und zwar mit den Schriften Menno Simons, die er vor rund 500 Jahren verfasst hat, an. Wenn ich darin lese, dass er Luthers Lehre vom Glauben als derartig auffasst, als „dass er [der Glaube] keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne“[1], dann verstehe ich Mennos starke Fokussierung auf die Heiligung. Wenn ich dann das Hauptthema Luthers, die Rechtfertigung dagegen halte, erkenne ich darin im Allgemeinen die aktuelle Situation bei den Russlandmennoniten: eine Unterbelichtung der Rechtfertigung und eine Überbelichtung der Heiligung. Das führt nicht selten zu fehlender Heilsgewissheit, da das Heil nicht in Beziehung zur Rechtfertigung, sondern zur Heiligung oder besser dem aktuellen Heiligungsstand gesehen wird. An dieser Stelle muss ich ergänzend oder sogar korrigierend hinzufügen, dass sich gerade in diesem Punkt gegenwärtig einiges ändert und sich eine Vernachlässigung der Heiligung zumindest erahnen lässt.

Als zweites springe ich etwa 200 Jahre weiter. Wenn ich über das Manifest der Katharina der Großen aus dem Jahre 1763 lese, dass es den Deutschen verboten war einen „in Rußland[!] wohnhaften christlichen Glaubensgenossen [der Orthodoxen Kirche] unter gar keinem Vorwande zu Annehmung oder Beipflichtung seines Glaubens und seiner Gemeinde zu bereden oder zu verleiten“[2], vermute ich bereits hier die Wurzeln für die Trägheit im Bereich der Mission bzw. die „Missionsarmut“[3], wie sich Kasdorf ausdrückt.  

Im dritten Beispiel widme ich mich der Mentalität der Russlandmennoniten, die sich (sicher nicht immer, aber merklich häufig) durch Stille und dem Bestreben nach Unauffälligkeit, also einer ausgeprägt defensiven Haltung auszeichnet. Wenn dann Klassen darauf verweist, dass „Aussiedler […] in ihrem Leben in extremer Weise die Erfahrung der Fremde gemacht [haben]“[4] und viele von ihnen die eine „Art Sündenbock-Existenz“ in Russland erlebt haben, dann kann ich dieses charakteristische Merkmal gut nachvollziehen.

Die Beschäftigung mit der Geschichte der Russlandmennoniten ist für mich interessant, weil es meine eigene Geschichte ist und weil sie mir ein größeres Verständnis für die Gegenwart eröffnet.


[1] Die Schriften Menno Simons (2013). S.399

[2] Kasdorf, Hans (1991): Flammen unauslöschlich. S.54

[3] Ebd. S.54

[4] Klassen, John (2007): Russlanddeutsche Freikirchen in der Bundesrepublik Deutschland. S.75

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