Zur Situationsethik

In den letzten Artikeln in diesem Blog ging es um die Frage nach der Situationsethik. Konkret: Darf ein Christ in bestimmten Situationen lügen? Darf er in bestimmten Situationen gegen das Gesetz handeln? Darf er in bestimmten Situationen dem Ältesten der Gemeinde ungehorsam sein?

Um diese Frage zu beantworten, führt fast kein Weg an Bonhoeffer vorbei. Ich habe nicht die Zeit, sehr ausführlich darauf einzugehen, möchte aber auf seine „Ethik“ (hier gebraucht zu erwerben, bei mir auszuleihen) hinweisen, in der er dieser Frage besonders nachgeht. Man muss eigentlich die ganze Ethik gelesen haben, damit man ihn nicht missversteht (was sehr viele getan haben und vielfach ihre Sünden nun mit dem Hinweis auf die Situationsethik zudecken wollen!), doch ich will es einmal wagen, mich auf einige Ausschnitte zu beschränken.

„Wenn Kant aus dem Prinzip der Wahrhaftigkeit heraus zu der grotesken Folgerung kommt, ich müsse auch dem in mein Haus eingedrungenen Mörder seine Frage, ob mein Freund, den er verfolgt, sich in mein Haus geflüchtet habe, ehrlicherweise bejahen [Erläuterung: um ja bloß nicht zu lügen], so tritt hier die zum frevelhaften Übermut gesteigerte Selbstgerechtigkeit des Gewissens [Erläuterung: das Gewissen ist selbstgerecht, weil es sich nicht um die Not des anderen sondern nur um seine eigene Reinheit kümmert, nach dem Motto: Hauptsache, ICH sage die Wahrheit] dem verantwortlichen Handeln in den Weg [Erläuterung: Unter dem Begriff der Verantwortung erklärt Bonhoeffer das gerechte Tun, dass im Glauben an Jesus Christus bereit ist, Schuld auf sich zu nehmen, d.h. praktisch: Sünde im Begehen der Tat auf sich zu nehmen, damit anderen geholfen wird – Jesus Christus ist das Paradebeispiel]. Wenn Verantwortung die ganze, der Wirklichkeit angemessene Antwort des Menschen auf den Anspruch Gottes und des Nächsten ist, so ist hier der Teilcharakter der Antwort eines an Prinzipien gebundenen Gewissens grell beleuchtet [Erläuterung: So ist es z.B. bei Kant. Das Prinzip ist ihm wichtiger als die Not des Nächsten]. Die Weigerung, um meines Freundes willen am Prinzip der Wahrhaftigkeit schuldig zu werden, die Weigerung hier um meines Freundes willen kräftig zu lügen, – denn jeder Versuch, den Tatbestand der Lüge wegzudeuteln entspringt wiederum nur dem gesetzlich-selbstgerechten Gewissen – die Weigerung also Schuld zu tragen aus Nächstenliebe [Erläuterung: Das ist die Situation, die eine Situationsethik erforderlich macht], setzt mich in Widerspruch zu meiner in der Wirklichkeit begründeten Verantwortung.“ Dietrich Bonhoeffer Auswahl, Band 4: Konspiration, S. 159f.

Nach Bonhoeffer ist die Situationsethik also nie auf MEINE Interessen ausgerichtet, sondern auf die Not des Nächsten. Situationsethik ist immer dann gefragt, wenn ich so oder so, eine Schuld begehen muss. In solchen Situationen, so Bonhoeffer, soll es mir nicht um meine Heiligkeit (mein reines Gewissen) gehen, sondern um meinen Bruder. Ich soll für ihn Schuld auf mich nehmen.

An keiner Stelle deutet Bonhoeffer dabei aber eine Verachtung der biblischen Ordnung an. Er schreibt vielmehr:

„Auch das in Jesus Christus befreite Gewissen stellt das verantwortliche Handeln vor das Gesetz, durch dessen Befolgung der Mensch der in Jesus Christus begründeten Einheit mit sich selbst bewahrt wird, aus dessen Verachtung nur Verantwortungslosigkeit entspringen kann.“ S. 161

Bonhoeffer macht also deutlich, dass die Missachtung des göttlichen Gebotes genau zum Gegenteil führt: Das Menschen nicht mehr bereit sein werden, für die Not des Nächsten einzuspringen.

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