Da kann ich nur staunen!

Ich lese zurzeit die Autobiografie von Pastor Heinrich Kemner und muss dieses Buch an dieser Stelle dringend empfehlen! Es handelt sich bei dieser Lektüre in keinster Weise um einen langweiligen, stumpf erzählten Lebensbericht. Heinrich Kemner schreibt in einem sehr schönen Sprachstil und auch theologisch hat das Buch durchaus Niveau! (Heinrich Kemner war als Vikar übrigens bei Johannes Busch.)

Das Buch ist hier zum unglaublichen Preis erhältlich. Wer da nicht zuschlägt ist selber schuld 😉
Hier eine Leseprobe. Pastor Kemner erzählt seine Bekehrung:
Wenn man nach Erfüllung des Lebens verlangt, sie aber nicht findet, befindet man sich in der eigentlichen Krisis seines Lebens. Man erkennt sich als betrogenen Betrüger, findet aber nicht die Tür, über die Jesus geschrieben hat: „Wer durch mich eingeht, wird leben und volles Genüge finden.“ Und doch – es gibt ein Gebet, das dahin führt: „Jesus, erbarme dich!“ – das Gebet, das Raum und Zeit durchdringt und einem beim eigenen Ende Gottes Anfang entdecken hilft.
Nun gab und gibt es in dieser Welt keinen Erweckungsprediger, der die unfehlbare Methode entdeckt hätte, wie man Lebensfragen aufschlüsseln und Menschen zur Bekehrung bringen kann. Trotzdem stehen wir immer in der Gefahr zu meinen, wir könnten die vollmächtige Verkündigung in den Griff bekommen; aber dann könnten wir ja Gott selber „in den Griff“ bekommen – was für ein Gott wäre das! Vollmächtige Verkündigung ist allemal ein Wunder aus Gericht und Gnade – zuerst für den Verkündiger, dass für seine Hörer. Es gibt aber keine vollmächtige Verkündigung, die das Ärgernis vom Kreuz billiger vermarkten kann, als es ist. Gott hat den vollen Preis bezahlt – davon lässt sich nichts herunterhandeln.
Unvergesslich bleibt mir die Frage jenes am Anfang genannte Professors: „Sie wollen doch nicht behaupten, dass wir Verbrecher sind?“ Wir sind keine gemalten Sünder, wir sind wirkliche Sünder, sagt Luther. Wir sind Verbrecher, nicht im Buchstaben irdischer Gesetzte, sondern im Urteil Gottes am Kreuz seines Sohnes Jesus Christus. Hier geht es nur im die eine Frage: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen aus dem Leibe dieses Todes? Oder reformatorisch gesprochen: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Diese Frage wurde für mich aktuell, als ich, wie Luther sagt, Gott Gott sein ließ und den Maßstab für Gott und Mensch im Kreuz seines Sohnes ernst nahm. Noch hatte ich den Schritt über die Linie nicht getan, noch war ich im Widerstand, da predigte in der Stadtkirche von Bünde während der Bünder Glaubens-Konferenz der bekannte Evangelist Ernst Modersohn. In unserem Dorf hatte man davon gehört, und so ging das junge Volk, um zu hören. Ich wollte kritisch urteilen. Als ich ohne Gesangbuch in der letzten Reihe der Bünder Kirche saß, setzte sich ein Herr mit langem Vollbart zu mir. Er rückte immer näher, sang aus vollem Halse mit und schon mir langsam das Gesangbuch zu. Nicht im geringsten dachte ich daran mitzusingen. Da legte er mir väterlich die Hand auf die Schulter und raunte mir ins Ohr: „Brüderchen, ich verstehe dich, ich war auch mal so!“ Damit war der Widerstand gebrochen. Das war Alfred Christlieb, der Pfarrer von Heidberg.
[…]
Das war die Zeit meiner Bekehrung. Ich kann Tag und Stunde nicht nennen; wohl aber weiß ich eine Zeit, in der ich während der Verkündigung beim Namen gerufen wurde. Der Anruf Gottes in Christus ist Ereignis und Bewegung zugleich. Er führt aus der Ungewissheit eigener Existenznot zur geschenkten Gewissheit. Nie habe ich Luther so verstanden wie dort, wo er bekennt
„Die Angst mich zum Verzweifeln trieb,
dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
zur Hölle muss ich sinken!“
Doch das nun erst mal vorbei. In mir war Freude.
In vielen Erweckungen habe ich inzwischen erlebt, dass man Sünden- und Höllenangst nicht trennen kann. Luther hat recht: Gott hebt immer aus der Hölle in den Himmel. Die Menschheitsfrage lautet nicht, wer begräbt uns, sonder wer erlöst uns. Doch würde mein Bericht nicht vollständig sein, wenn ich nicht zwei Ereignisse noch erwähnte, die irgendwie in der Planung Gottes für mein Leben mit entscheidend wurden. Er gibt keinen Zufall, Gott handelt, das ist mir mit Luther gewiss, in allem Geschehen.
In jenen Tagen bekam mein Freund, der mir die Frage nach dem Fallgesetz der Sünde gestellt hatte, einen Blutsturz. Unmittelbar vor dem Tode war ich bei ihm. In der Unruhe meines Herzens fragte ich ihn nach der Wirklichkeit seines Glaubens. Es schaute mich tief an, legte die Hände zusammen und stammelte sterbend:

„Ich danke dir, du wahre Sonne,
dass mir dein Glanz hat Licht gebracht.“

Diese Begegnung mit dem sterbenden Freund nahm mir den letzten Vorbehalt.
An jenem Abend bin ich in den dunklen Keller gegangen, habe mich auf die Rüben geworfen und zum ersten Mal die paar Worte herausgeschrien, auf die Gott wartet: „Jesus, erbarme dich! Herr Jesus, wenn du da bist, dann hilf mir! Zerbrich mir alles, aber lass mein Leben nicht in einer Lüge enden!“
Gott hat dieses gehört und erhört.

Ein Gedanke zu „Da kann ich nur staunen!“

  1. Zwei Anmerkungen:
    1. Bünder Glaubens-Konferenz – das waren noch Zeiten…
    2. Ich freue mich auf eine Serie. Was ist eine Kostprobe, wenn man nicht noch weitere gute Stücke vom Kuchen bekommt?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *