Gemeinsames Leben (4): Der Morgen

Nachdem Bonhoeffer im 1. Kapitel den Begriff der christlichen Gemeinschaft definiert hat, geht er im 2. Kapitel auf den gemeinsamen Tag ein.

Zuerst erinnert er daran, dass der neutestamentliche Tag im Gegensatz zum alttestamentlichen Tag nicht am Abend, sondern am frühen Morgen beginnt. Während der Beginn des Tages im AT damit die „Zeit der Erwartung“ darstellt, deutet sie im NT die „Zeit der Erfüllung, der Auferstehung des Herrn“ an. Deshalb erklärt Bonhoeffer:

Die Frühe des Morgens gehört der Gemeinde des auferstandenen Christus. Beim Anbruch des Lichtes gedenkt sie des Morgens, an dem Tod, Teufel und Sünde darniederlagen, und neues Leben und Heil den Menschen geschenkt ward. (S. 35)

Bonhoeffer sieht in jedem Tagesanbruch eine ständige Erinnerung an das vollbrachte Werk auf Golgatha und einen Aufruf zum Lob Gottes, der die Nacht der Sünde überwunden hat. Er zeigt anhand einiger Choralzitate auf, dass der Morgen in der Reformationszeit deshalb feierlich begangen wurde und als besondere Zeit des Tages galt. Bonhoeffer:

Was wissen wir Heutigen, die wir Furcht und Ehrfurcht vor der Nacht nicht mehr kennen, noch von der großen Freude unserer Väter und der alten Christenheit an der morgendlichen Wiederkehr des Lichtes? Wollen wir wieder etwas Lernen von dem Lobpreis, der am frühen Morgen dem dreieinigen Gott gebührt (S. 36)

Warum bietet sich gerade der Morgen an? Und warum gerade Lobpreis? Weil dem dreieinigen Gott Lob gebührt als

Gott, dem Vater und Schöpfer, der unser Leben bewahrt hat in der finsteren Nacht und uns aufgeweckt hat zu einem neuen Tag, Gott dem Sohn und Weltheiland, der für uns Grab und Hölle überwand und als der Sieger mitten unter uns ist, Gott, dem Heiligen Geist, der uns in der Frühe des Morgens Gottes Wort als einen hellen Schein in unser Herz gibt, alle Finsternis und Sünde vertreibt und uns recht beten lehrt (S. 36)

Interessant finde ich den Gedanken von Bonhoeffer, dass der Morgen „nicht dem Einzelnen“, sondern „der Gemeinde“ bzw. „der christlichen Hausgemeinschaft“ gehört (Vgl. S. 36). Inhaltlich spricht dafür, dass das Lob normalerweise gemeinsam gesprochen wird und Christus die Gemeinde erlöst hat. Der Psalmist lobt den Herrn auch oft „in der Gemeinde“. Praktisch würde es außerdem den Vorteil bieten, dass man sich gegenseitig zum (manchmal recht schweren) Aufstehen anhalten kann. Dennoch: Soll ich meine Familie tatsächlich morgens aus dem Bett jagen? Ich glaube, da werden wir schnell auf eine Grenze stoßen. Es gilt natürlich zu bedenken, dass Bonhoeffer seine Ausführungen vor allem für das Predigerseminar aufgeschrieben hat, wo die Brüder wahrscheinlich alle mehr oder weniger den gleichen Tagesrhythmus hatten.

Danach führt Bonhoeffer eine Reihe von Bibelstellen an, die den Wert der morgendlichen Gemeinschaft mit Gott verdeutlichen. So heißt es beispielsweise in Psalm 46,6 von der Stadt Gottes: „Gott hilft ihr früh am Morgen.“ Überhaupt:

Auffallend oft erinnert uns die Heilige Schrift daran, daß die Männer Gottes frühe aufstanden, um Gott zu suchen und um Gottes Befehl auszuführen (S. 38)

Warum eignet sich gerade der Morgen?

Der Anfang des Tages soll für den Christen nicht schon belastet und bedrängt sein durch das Vielerlei des Werktages. Über dem neuen Tag steht der Herr, der ihn gemacht hat. Alle Finsternis und Verworrenheit der Nacht mit ihren Träumen weicht allein dem Licht Jesu Christi und seines erweckenden Wortes. Vor ihm flieht alle Unruhe, alle Unreinheit, alle Sorge und Angst. Darum mögen in der Frühe des Tages die mancherlei Gedanken und die vielen unnützen Worte schweigen, und der erste Gedanke und das erste Wort möge dem gehören, dem unser ganzes Leben gehört. (S. 37)

Diese Bemerkungen sind nicht neu, aber fordern neu heraus. Als „Morgenmuffel“ habe ich damit schon immer meine Probleme gehabt. Inwiefern darf man seine aufs Minimum reduzierte Gemeinschaft mit Gott am Morgen rechtfertigen? Man kann verschiedene Argumente anführen, aber sind sie wirklich gültig? Was meint ihr? Ich würde mich über Rückmeldungen und Erfahrungen freuen!

2 Gedanken zu „Gemeinsames Leben (4): Der Morgen“

  1. Wie war das noch bei Johannes Busch? Früh morgens mit den Söhnen raus und ein paar Chöräle zur Ehre Gottes blasen! Herrlich – Wilhem Busch berichtet in seiner Biografie über Johannes davon.

    Zur Gemeinschaft mit Gott am Morgen: Bonhoeffer hat schon recht – ich denke ihr werdet mir zustimmen, wenn ich sage, dass ein Samstag, der um 07:00 oder 08:00 Uhr mit Bibelstudium und Gebet beginnt, anders ist als ein Samstag, an dem man erst um 10:00 oder 11:00 Uhr aus dem Bett kommt. Aber ich glaube da darf man kein Gesetz draus machen; Gott will bestimmt auch, dass seine Kinder mal ausschlafen 😉

    In der Woche sieht die Sache noch anders aus, glaube ich: wenn man früh raus muss und morgens extrem müde ist kann man gar nicht intensiv Gemeinschaft mit Gott haben (so geht es mir). Was wichtig ist, wie ich finde, ist, dass man sich bewusst „effektive“ Zeit – also wo man gut denken kann – für Gott (Gebet und Bibel) einplant. Und das kann doch auch nachts sein…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *