Das Predigeramt aus Sicht eines Puritaners (2): Bereiche, in denen Prediger auf sich Acht haben müssen

Nachdem Richard Baxter seine Beweggründe für dieses Buch geschildert hat, gibt er noch, bevor er mit der Abhandlung anfängt, eine kurze Einführung. Der Vers aus Apostelgeschichte 20, 28 dient ihm als Grundlage für sein Buch:

„So habt nun Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.“

Baxter untersucht diesen Text unter verschiedenen Fragestellungen. Als erstes spricht er fünf Bereiche an, in denen gerade Prediger Acht auf sich selbst haben sollen:

1. Seht zu, dass das Werk der Gnade in euren Herzen völlig zustande gekommen ist. […] Habt Acht auf euch selbst, dass ihr nicht verloren geht, während ihr anderen zuruft, dass sie sich hüten möchten, verloren zu gehen; dass ihr nicht hungert, während ihr anderen Speise bereitet. […] Der euch gebot, euren Nächsten zu lieben wie euch selbst, meinte eben damit, dass ihr euch selbst lieben und nicht hassen solltet und damit euch und andere ins Verderben stürzen würdet. […] Das ist doch wohl ein herzloser Prediger, der den Christus und die Gnade, die er verkündigt, nicht selbst im Herzen hat!

 

2. Gebt euch nicht damit zufrieden, dass ihr euch im Gnadenstand befindet, sondern seht zu, dass die Gnade, welche ihr empfangen habt, lebendig, kräftig und wirksam sei, und dass ihr euch selbst immer erst eure Predigten haltet, ehe ihr sie den anderen haltet. […]

Baxter macht in diesem Zusammenhang deutlich, das, so wie es uns geht, es auch der Gemeinde gehen wird und deshalb beständiges Wachstum gerade für einen Prediger so unerlässlich ist.

Wir sind die Nährmutter der Kinder Christi, wenn wir selbst keine Nahrung zu uns nehmen, so hungern sie mit und man wird es bald an ihrer Dürre, an ihrer Erschlaffung im Wandel sehen. Lassen wir unsere Liebe erkalten, so werden wir die ihre nicht leicht anfeuern. Genießen wir ungesunde Speise, Irrlehren oder unfruchtbare kontroversen oder eitles Spielwerk der Phantasie, so werden immer unsere Zuhörer darunter leiden. Aber wenn wir immer stärker werden im Glauben, in der Liebe und in heiliger Inbrunst, wie strömt es dann über von Segen für unsere Gemeinden, und wie wird es sich bald in ihrem Wachstum in der Gnade zeigen! O liebe Brüder, wacht daher über eure Herzen; werft die Lüste und Begierden und weltlichen Neigungen hinaus und pflegt darin ein Leben des Glaubens und der inbrünstigen Liebe; übt euch viel darin sowie im Umgang mit Gott. […] So bewahrt das Leben der Gnade in euch selbst, damit es aus allen euren Predigten von der Kanzel hervorbreche; damit jeder, der kalt in die Versammlung tritt, erwärmt wieder hinausgehe.

Als drittes macht Baxter darauf aufmerksam, dass Lehre und Leben zwingend übereinstimmen muss, wenn Erfolg im Predigtamt zu sehen sein soll.

3. Habt Acht auf euch selbst, damit euer Wandel nicht eurer Lehre widerspreche, und ihr den Blinden nicht Steine des Anstoßes in den Weg legt, über die sie ins Verderben stürzen; damit ihr mit eurem Leben nicht widerlegt, was ihr mit der eurer Zunge predigt und so selbst den Erfolg eurer Arbeit am meisten hinderlich seid. Wenn ein Prediger nichts an seiner Arbeit liegt und er nur dafür studiert um gut zu reden, nicht aber dafür, um gut zu leben; wenn er nicht bereit ist, die Unannehmlichkeiten zu ertragen, die das Predigeramt mit sich bringt – dann nimmt er leichtfertig in Kauf, dass Menschenseelen verloren gehen und er keine Frucht in seinem Dienst erwarten kann. Beschränkt ihr das Ziel des Predigtamtes allein auf der Kanzel, dann scheint es, als ob ihr euch nur für Prediger haltet, solange ihr auf der Kanzel steht; und ist das der Fall, dann glaube ich, seid ihr überhaupt unwürdig, Prediger zu heißen. Lasst mich euch bitten, geliebte Brüder, dass ihr auch genauso lebt, wie ihr redet und unermüdlich seid im Gutestun. Scheut keine Mühe, wenn es das Werk des Herrn fördert.

a) Bewahrt euch unsträflich und meidet allen Anstoß. Seht, dass euer Leben die Sünde straft und andere zu einem heiligen Wandel ermahnt. […] es gibt keine Tugend, die euer Beispiel so sehr predigen kann – wenigstens nach dem Urteil der Menschen – wie Demut, Sanftmut, Selbstverleugnung. […] Macht es wie unser Herr, der nicht widerschalt, da er gescholten wurde. […] Wenn ihr glaubt, dass Christi Vorbild nachahmenswerter ist als das Vorbild des Cäsar oder des Alexander, und dass es ein größerer Ruhm sei, ein Christ, als ein Welteroberer, ja, ein Mensch, als ein Tier, zu sein, da ja diese oft stärker sind, als wir: so überbietet die Menschen in Liebe und nicht in Gewalt, setzt Sanftmut, Liebe und Geduld der Gewalt entgegen.

b) Lasst mich euch ferner bitten, dass ihr reich seid an Werken der Liebe und Menschenfreundlichkeit. Geht zu den Armen und seht zu, was ihnen fehlt, und übt an ihnen schnellstens Barmherzigkeit an Leib und Seele.

Im Jakobusbrief steht, dass es nichts nützt, einem armen Bruder Trost zuzusprechen und ihm dann in seiner Not aber keine Abhilfe schaffen. Baxter sieht gerade den Prediger in dieser Verantwortung, nicht nur zu reden, sondern mit seinem Besitz zu helfen.

Denkt nicht daran, reich zu werden und für euch und eure Nachkommenschaft große Güter anzulegen. Wie wäre es, wenn ihr euch selbst zum Bettler macht, um desto mehr Gutes zu tun – wird das Gewinn oder Verlust für euch sein? Lehrt ihr, dass man nirgends sein Geld besser anlegen könne als bei Gott, dass Geld, in Seinem Dienst ausgegeben, die größten Zinsen trage: so zeigt auch, dass ihr es glaubt. Ich weiß wohl, dass Fleisch und Blut Ausflüchte suchen werden, ehe sie ihre Beute fahren lassen und niemals aufhören werden, dem zu widersprechen, wozu ihr verpflichtet seid; aber merkt auf das, was ich sage, und der Herr präge es in eure Herzen ein: Ein Mensch, für den etwas in dieser Welt so lieb ist, dass er es für Christus nicht aufopfern kann, wenn er es von ihm verlangt, der ist kein wahrer Christ! […] Obwohl wir nicht, wie die Papisten handeln, uns ins Kloster einsperren und alle unsere Habe weggeben sollen, so müssen wir doch alles, was wir haben, nur für Gott verwalten.

 

4. Habt Acht auf euch selbst, dass ihr nicht in den Sünden lebt, gegen welche ihr bei anderen predigt und gerade derer ihr euch schuldig macht, die ihr täglich verdammt.

Baxter macht mit einem interessanten „Frage-Antwort-Spiel“ deutlich, welcher Zwiespalt es ist, wenn man einerseits gegen die Sünde redet, aber selber darin lebt.

Ist die Sünde ein Übel, warum lebt ihr dann darin? Ist sie es nicht, warum warnt ihr dann die Menschen davor? Ist Gefahr dabei, warum begebt ihr euch denn in diese Gefahr? Ist das nicht der Fall, warum sagt ihr es denn den Leuten? Sind Gottes Drohungen wahr, warum fürchtet ihr euch denn nicht davor? Sind sie nicht wahr, warum macht ihr denn ohne Grund den Leuten davor bange? […] Habt Acht auf euch selbst, dass ihr euch nicht gegen die Sünde ereifert und sie doch nicht überwindet; dass ihr euch nicht vor ihr niederwerft als Sklaven, indem ihr bei anderen die Herrschaft darüber entziehen wollt. […] O liebe Brüder, es ist leichter auf die Sünde zu schelten, als sie zu überwinden.

5. Habt Acht auf euch selbst, dass euch nicht die zu eurem Amt nötigen Eigenschaften fehlen. Derjenige darf in der Erkenntnis nicht selbst ein Kind sein, der andere die geheimnisvollen Dinge lehren will, welche zur Seligkeit notwendig sind. […] Wer einer Gemeinde gut vorstehen und sie gemäß der Bibel lehren will, muss viel weiter sein als die Gemeinde; er muss die schwierigen Fragen der Theologie lösen und die vielen dunklen Stellen in der Bibel erklären können; er muss fest in den Grundwahrheiten der Bibel verankert sein. Er muss die vielen versteckten Sünden meiden und aufdecken können, um die Gemeinde zu warnen und muss die vielen notwendigen Pflichten erfüllen, um die Gemeinde nicht versehentlich in die Irre zu führen. Ein weiterer wichtiger Aspekt, warum ein Prediger nicht ein Kind in der Erkenntnis sein darf, ist derjenige, dass er nicht gegen Fleisch und Blut zu kämpfen hat: Wir haben immer viel mehr gegen den Willen und die Leidenschaften der Menschen als gegen ihren Verstand zu streiten. […] Wenn wir um die Bekehrung eines Sünders bemüht sind, haben wir nicht eine, sondern ganze Heere von Leidenschaften und erbitterten Feinden zu bekämpfen, gerade wie ein Mensch, der mitten unter einem wütenden Volkshaufen steht und disputiert. Welchen Erfolg kann man da erwarten? Aber so ist es mit unserer Arbeit; und diese Arbeit muss vollbracht werden. Geliebte Brüder! Wie geschickt, wie entschlossen, wie unablässig sollten wir sein, die wir dieses alles zu tun haben! Wenn Paulus ausrief: „Und wer ist hierzu tüchtig?“ dürfen wir dann in stolzer, träger Sorglosigkeit leben, als ob wir tüchtig wären? […] deshalb möchte ich zu jedem Geistlichen sagen: „Da ihr seht, dass so vieles euren Händen anvertraut ist, wie geschickt solltet ihr dann in allen heiligen Gesinnungen und Entschließungen sein“! Diese Last ist nicht für die Schultern eines Kindes. […] Ferner, was für eine Tüchtigkeit ist notwendig, um die Wahrheit gegen die Widersprechenden zu verteidigen und gegen boshafte Schikane zu streiten! Wenn wir durch Schwäche unterliegen, wie triumphieren sie da über uns! Und doch ist das noch das Geringste dabei; aber wer weiß, wie viele Schwache dadurch an ihren Seelen Schaden nehmen und ebenso die Kirche! Was für ein Geschick ist notwendig, um persönlich auch nur einen einzigen armen, unwissenden Sünder zu seinem Heiland zu führen! Geliebte Brüder! Zittert und bebt ihr nicht unter dem Gefühl einer solchen Verantwortlichkeit? Wird wohl ein gewöhnliches Maß heiliger Geschicklichkeit und Tüchtigkeit und Weisheit zur Lösung einer solchen Aufgabe, wie diese, hinreichen? […] Nicht dadurch, dass einer hier und da einmal probiert oder kostet, wird er ein tüchtiger Theologe. […] Sonderbar, dass Menschen durch ihre Faulheit es wagen, den Geist zu dämpfen, und dann dennoch sich auf den heiligen Geist berufen, der sie tüchtig machen müsse! O was für ein verabscheuungswürdiges, schmachvolles und unerhörtes Handeln! Vielmehr hat Gott uns geboten: „Im Eifer lasst nicht nach, seid brennend im Geist. (Römer 12, 11). Das legen wir unseren Zuhörern ans Herz und so sollen wir selbst sein. O geliebte Brüder, verliert daher keine Zeit! Betet, studiert, unterredet und ermahnt euch untereinander und handelt;durch diese Mittel müssen sich alle eure Fähigkeiten und Eigenschaften beständig ausbilden und zunehmen. Habt Acht auf euch selbst, dass ihr nicht schwach seid durch eure Schuld und eure Schwäche nicht das Werk Gottes hindert und zerstört.

VD: JL

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