Allgemeine Offenbarung: Konsequenzen für das missionarische Gespräch

Kürzlich habe ich der großartigen Vorlesung „Allgemeine Offenbarung“ von Thomas K. Johnson am Martin-Bucer-Seminar beiwohnen dürfen. Johnson entwickelte auf Grundlage von Römer 1,16 – 2,5 die Erkenntnis, dass Gott sich einem jeden Menschen in einem gewissen Sinn bereits offenbart hat. Jeder Mensch weiß schöpfungsbedingt, obwohl er es unterdrückt, dass er in einem Konflikt mit Gott steht und dass Gott seinen Zorn bereits jetzt täglich über den Menschen ergehen lässt. Jeder Mensch weiß auch um Gottes Güte, die ihn zur Umkehr leiten möchte. Die Güte Gottes zeigt sich in der Tatsache, dass Gott uns – obwohl wir alle um unsere Schuld wissen – viel besser behandelt als wir es verdient hätten. Er lässt es über Gerechte und Ungerechte regnen, wie Jesus es ausdrückte.

Johnson betonte, dass die Lehre von der Allgemeinen Offenbarung die Grundlage für die Ausbildung von Missionaren bilden sollte. Nicht umsonst fängt Paulus den Römerbrief, der auch als Lehrbuch für Missionare gesehen werden kann, gerade mit diesem Thema an. Er redet nicht sofort vom Evangelium.

Während der Vorlesung habe ich mich immer wieder gefragt, wie Johnson dieses Wissen in der Praxis anwenden würde. Wie prägt die Allgemeine Offenbarung seine Gespräche mit vielen ungläubigen Studenten an der Uni, mit den Menschen im Alltag? In der Nachbereitung der Vorlesung habe ich die empfohlene Literatur gelesen (hier, hier, hier und hier) und gute Antworten gefunden.

Johnson geht davon aus, dass alle Menschen aufgrund der allgemeinen Offenbarung von zwei Arten von Fragen getrieben werden:

  1. existentiellen Fragen („Angst-driven questions“) wie „Hat mein Leben einen Sinn?“ sowie
  2. Fragen, die mit der Suche nach vernünftiger Wahrheit zu tun haben („quest-driven questions“) wie „Warum wissen wir über Gut und Böse mehr, als wir wissen wollen?“

Die Antworten auf diese Fragen kennt der Mensch zwar in gewisser Weise aufgrund der allgemeinen Offenbarung, weicht ihnen jedoch aus. Johnson nennt zehn grundlegende Fragen, die zum Menschsein gehören:

  • What has always existed? Is it one or is it many? Is it spirit or matter? Is it God or the gods? Is it time and chance? Is it dialectical matter? Is it energy?
  • What does it mean that we are human? What is the morally significant differ- ence between a dog and a human?
  • Why do we know so much about right and wrong? How can it be that people in so many times and places have somewhat similar ideas about right and wrong?
  • How do we know we can usually trust our five senses, even before we have asked if we can trust our senses?
  • How do we know that truth is unified, so that the truths of chemistry do not contradict the truths of biology or math- ematics, even before we consider the question?
  • How do we know that other people have minds, even though most of us have never seen a proof of the exis- tence of the minds of other people?
  • Is there something terribly wrong with the world or with human nature? If so, what?
  • Why do we find ourselves alienated from ourselves and each other? Is there a solution?
  • Is being male and female more than an accident of anatomy?
  • Does history have a meaning, direction, or shape? Is it a line, a circle, or something else?

Woher kommen diese Fragen?

God is the one who asks life’s big questions via general revelation as a way of driving people to the answers in special revelation

Gott selbst hat diese Fragen in den Menschen hineingelegt und die meisten Menschen erkennen dies auch an. Es ist kein Zufall, dass eine starke Korrelation zwischen den grundlegenden Fragen des Menschen und den biblischen Antworten besteht. Gott treibt mithilfe der allgemeinen Offenbarung den Menschen zur speziellen Offenbarung in Jesus Christus.

In seiner Tätigkeit als Professor an der Uni ergeben sich solche Fragen immer wieder, unabhängig vom Thema der Vorlesung, berichtet Johnson.

Warum wählt er diese Vorgehensweise, solche Fragen zu stellen?

I have chosen to emphasize questions of this sort because I believe God is asking such questions through his general rev- elation, with which most people have a very complicated relationship; discuss- ing such questions has been my attempt to follow God’s example in the Garden of Eden (and to build on what I believe God is already doing) by leading with questions before talking about answers.

Johnson gibt den Menschen also nicht zu schnell biblische Antworten (was wir, so scheint mir, gerne tun). Er weiß, dass der Mensch die Antwort wegen der allgemeinen Offenbarung eigentlich irgendwie schon kennt, ihr jedoch ausweicht. Deshalb lässt sich in Paulus Predigten an die Heiden, z.B. auf dem Areopag, im Einstieg immer auch sehr deutlich das Anschneiden der Allgemeinen Offenbarung erkennen. Johnson zieht folgende Konsequenz:

For this reason I have chosen to move very slowly from life questions to biblical answers, allowing wrestling time, so students can quietly consider why they know some of the answers but do not want to recognize that they know the answers.

Im Nachhinein habe sich mit diesem Vorgehen schon manches Gespräch ergeben, so Johnson. Es geht beim Thema „Zeugnis sein“ in der Klasse oder woanders also nicht darum, einfach so schnell und so plump wie möglich „Ihr müsst euch bekehren, sonst geht ihr alle verloren“ zu rufen. In dem Wissen, dass durch die Allgemeine Offenbarung schon ein bestimmtes Wissen über die Wahrheit vorhanden ist, können wir geduldiger sein. Und zugleich hoffnungsvoll(er).

Zuletzt beleuchtet Johnson die von ihm angeführten Fragen indem er kurz die unzulänglichen Antworten verschiedener Weltanschauungen auf die verschiedenen Fragen andeutet und den Reichtum der jeweiligen biblischen Antwort skizziert.

Mir scheint, wir können hier viel von Thomas Johnson bzw. Paulus für die Mission lernen!

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