Christus allein

Sola Scriptura und Älteste: Eine Frage der Autorität

Mit dem erstmalig 1520 von Luther formulierten „Schriftprinzip“ wandte sich der Reformator explizit gegen die der Bibel gleichrangig gestellte Autorität der katholischen Kirchenobrigkeit. Damit einhergehend vertraten die Reformatoren das Priestertum aller Gläubigen: Jeder einzelne Christ steht ohne Zwischeninstanz, also unmittelbar vor Gott und genießt unter anderem das Recht, die Bibel selbstständig zu lesen und zu interpretieren.

Doch damit entsteht auch eine Spannung: Einerseits berichtet die Bibel in positiver Weise von Christen, die alles was sie hörten anhand der Schrift prüften (Apg. 17,11), andererseits fordert uns das Wort Gottes dazu auf, den Autoritäten zu gehorchen (z.B. in 1. Petrus 5,5). Ich möchte mich im Folgenden mit der Frage auseinandersetzen, welche Autorität die Ältesten einer Gemeinde haben, was das für den Einzelnen bedeutet und wo möglicherweise Grenzen dieser Autorität liegen. Mir ist bewusst, dass ich mich hier auf eine Gratwanderung begebe, bei der ein Überbetonen der einen Seite durchaus eine Gefahr darstellt. Ich möchte an dieser Stelle versuchen, ausgewogene (im besten und biblischen Sinne) Gedankenanstöße zu geben, die gerne diskutiert und ergänzt werden sollen; auch Widersprüche sind ausdrücklich erwünscht!

An dieser Stelle soll es jedoch nicht um die Autorität der Kirche in der Welt gehen; auch die verschiedenen Formen der Leitungsstruktur, deren es viele verschiedene gibt und gab, werden nicht thematisiert. Ich gehe bei meiner Untersuchung von einer Gemeinde aus, die durch Älteste geleitet wird – wie auch immer das dann in einer Kirchenverfassung ausdifferenziert wird.

Die Autorität der Ältesten

Welche Autorität gibt die Schrift den Ältesten einer Gemeinde?
Ich möchte mich in meiner Untersuchung vor allem auf Hebräer 13,17 stützen. Dort heißt es:

„Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die einmal Rechenschaft ablegen werden, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre nicht gut für euch!“

Auch wenn das Wort Älteste hier nicht explizit genannt wird, geht man unter heutigen Auslegern davon aus, dass die „Führer“ auch die Ältesten umfassen.[1] Der Autor des Hebräerbriefes hat zuvor schon die Bedeutung von bereits verstorbenen Führern und das Nachdenken über ihre Biografie deutlich gemacht (V. 7) und geht nun in einem zweiten Schritt auf die Beziehung der einzelnen Gläubigen zu ihren jetzigen Leitern ein. Auffällig sind die zwei Imperative: „gehorcht“ und „fügt“ euch werden ganz kurz nacheinander verwendet und bringen so die Dringlichkeit dieses Appells zum Ausdruck. Alexander Strauch schreibt zur Bedeutung: „Christen sollen also auf ihre Führer eingehen, ihrer Autorität nachgehen und sich ihnen unterordnen, auch wenn sie anderer Meinung sind als sie. […] Wahre Unterordnung unter Gott drückt sich natürlich in Unterordnung und Gehorsam gegenüber irdischen Autoritäten aus.“[2] Eine Gemeinde kann nur funktionieren, wenn die Mitglieder eine grundsätzliche Bereitschaft an den Tag legen, ihren Leitern zu gehorchen. Das bedeutet nicht, jede ihrer Maßnahmen zu akzeptieren (wir werden später noch darauf zu sprechen kommen), aber man sollte prinzipiell Unterordnung leben und nicht immer davon ausgehen, alles in Frage stellen zu müssen. Das Ganze ist vor allem eine Frage der Haltung!

Ich möchte einige Beispiele nennen, die es verständlicher machen: Ich persönlich bin ein großer Verfechter der Auslegungspredigt und davon überzeugt, dass eine Gemeinde mit dieser Art der Predigt am ehesten geistliches Wachstum erfahren kann. Aber die Autorität der Ältesten erlischt nicht dadurch, wenn sie z.B. auch thematische Predigten akzeptieren und/oder selbst so predigen.[3] Das alleine ist noch kein Grund, sie in Frage zu stellen. Man könnte hier weitere organisatorische Dinge wie z.B. die Struktur des Gottesdienstes nennen. Das sind Dinge, deren Regelung schon seinen Wert hat, aber wohl nur ganz selten die Autorität der geistlichen Führer angreifen wird.

Im zweiten Teil des Verses heißt es: „sie wachen über eure Seelen“. Damit präzisiert und begründet der Autor seine Aufforderung. Die Führer einer Gemeinde haben eine geistliche Verantwortung, für deren Wahrnehmung sie einmal vor Gott Rechenschaft abgeben müssen. Diese Verantwortung ist hoch; bei falscher Ausübung des Ältestenamtes kann eine ganze Gemeinde Schaden erleiden. Dementsprechend soll die Gemeinde ihre Ältesten unterstützen und ihnen Loyalität zukommen lassen, wo es nur möglich ist. Auch deshalb, weil das Schwermachen des Dienstes letztendlich auf den Einzelnen zurückfallen wird („das wäre nicht gut für euch“).

Wir halten also fest: Die Ältesten sollen hoch geachtet werden; ihren Worten und Anweisungen ist zu gehorchen; Ungehorsam gegenüber den Ältesten fällt auf den Unruhestifter zurück. Oder wie es jemand ausdrückte: „Das Wohlergehen der Gemeinde [ist] an die Qualität ihres Eingehens auf die derzeitigen Führer gebunden.“[4] Gott selbst hat für Älteste einen hohen Schutz vorgesehen – dementsprechend sollten auch die Gemeindemitglieder nicht leichtfertig mit der Autorität ihrer Ältesten umgehen.[5] Oder wie Petrus es schreibt: „Ebenso ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter“ (1. Petrus 5,5).

Grenzen der Autorität von Ältesten

Das 13. Kapitel des Hebräerbriefes fügt der Anweisung den Ältesten zu gehorchen hinzu, „die euch das Wort Gottes gesagt haben“. Es wird also deutlich, dass Älteste in erster Line eine bestimmte Aufgabe haben (nämlich die Verkündigung des Wortes). Was können wir daraus schließen? Älteste selbst haben nicht um ihrer Selbst willen Autorität, sondern von der Bibel. Das aufgeschriebene Wort Gottes verleiht ihnen diese Autorität überhaupt erst. Diese Erkenntnis an sich hat keine unmittelbaren konkreten Folgen, muss aber als Grundannahme bei den weiteren Überlegungen immer im Hinterkopf bleiben. Nichts anderes formuliert ja auch das Prinzip von Sola Scriptura: Die Schrift ist die höchste Autorität, an der sich alle anderen „Autoritäten“ (wie z.B. Älteste, Traditionen, etc.) messen und prüfen lassen müssen: Die Ältesten haben eine klare Autorität; diese wird ihnen aber von der Bibel verliehen, sie steht also über den Ältesten.[6] Die nachfolgend aufgezählten Grenzen für die Autorität der Gemeindeleitung sind deswegen auch aus der Bibel abgeleitet.

Nachdem die Grundanahme geklärt ist, möchte ich mich der ersten Grenze widmen. Dabei geht es um offensichtliche Irrlehre, die möglicherweise von den Ältesten einer Gemeinde propagiert wird. Hier ist vermutlich für jeden offensichtlich, dass Älteste nicht das Recht besitzen, offensichtlich bibelwidrige Lehren zu verkündigen. Die Schwierigkeit besteht bei dieser Frage darin, festzulegen, wo Irrlehre anfängt und wo es sich um legitime Meinungsabweichungen handelt. Einige Gedankenanstöße, ohne an dieser Stelle weiter auf das Thema eingehen zu wollen:

  • Eine Gemeinde sollte ein eigenes Bekenntnis mit den wichtigsten Lehrsätzen (Lehre von Gott, Lehre von der Erlösung, usw.) haben. So hat man einen Gradmesser, an dem man die Lehre(r) innerhalb der Gemeinde prüfen kann. Außerdem wird nicht die „Katze im Sack“ gekauft, wenn man in die Gemeinde eintritt.
  • Was ist, wenn erst nach Eintritt Dinge im Gemeindebekenntnis als falsch erkannt werden (weil man z.B. durch persönliches Bibelstudium eine neue Erkenntnis erfährt)? Diese Frage ist nicht allgemeingültig zu beantworten und bedarf viel Weisheit. Empfehlenswert ist in jedem Fall das Gespräch mit der Gemeindeleitung und anderen Gemeindemitgliedern. Wenn die Sache gravierend ist, man aber nicht gehört wird, ist ein Gemeindewechsel sicher nicht immer eine falsche Überlegung.
  • Vor Jahren habe ich von einem Modell gehört, dessen Idee mir ganz plausibel scheint: Die Bibel spricht von Lehren die nicht zur Diskussion stehen (z.B. die Auferstehung, das stellvertretende Opfer etc.) Weiterhin gibt es Fragen, die natürlich auch zur biblischen Wahrheit gehören, aber von nachrangiger Bedeutung für das Gemeindeleben sind (z.B. die Frage der Eschatologie). Das bedeutet nicht, dass man nicht über diese Fragen reden und lehren sollte; aber es erscheint mir durchaus sinnvoll, diese Frage nicht unnötigerweise zum Trennungsgrund zu machen.
  • Daraus resultiert, dass die Autorität der Ältesten in dem Moment erlischt, wenn sie Lehren der ersten Kategorie in Frage stellen und/oder abändern, nicht aber, wenn sie in nachrangigen Fragen eine andere Position als ich einnehmen.

Wie bereits weiter oben erwähnt ist es möglicherweise nicht immer einfach, die einzelnen Lehrfragen klar den jeweiligen Kategorien zuzuordnen. Aber unterm Strich bleibt stehen, dass Älteste ihre Autorität verlieren, wenn sie Irrlehre dulden oder sogar fördern.

Als zweiten Punkt in dieser Aufzählung möchte ich die Rolle der Ältestenautorität bei Fragen des Gewissens und in alltäglichen Dingen thematisieren. In berechtigter Sorge um das Leben der Gemeindemitglieder und vor allem hinsichtlich ihrer Heiligung sehen Verantwortliche einer Gemeinde immer wieder die Notwendigkeit, auch Fragen des Alltags zu regeln, um die Gemeinde vor Verweltlichung und Sünde zu bewahren. Das kann z.B. dazu führen, dass der Medienkonsum verbindlich definiert oder das äußerliche Erscheinungsbild klar umrissen wird. Auch die Frage nach dem Genuss von Alkohol etc. ist natürlich ein heißes Eisen und fällt ebenfalls unter diese Rubrik.

Ich möchte erneut betonen, dass ich fest davon überzeugt bin, dass die meisten Leiter eine ernste und aufrichtige Sorge hegen. Dennoch bleibt die Frage, ob es im Kompetenzbereich der Ältesten liegt, diese Fragen zu regeln. Um die Antwort vorwegzunehmen: Ich denke nicht. Wie komme ich zu dieser Ansicht? Ich möchte mich im Folgenden auf Römer 14 stützen. Was sagt diese Stelle grundsätzlich aus?[7]

  • Nimm diejenigen an, die nicht deine Meinung teilen
  • Wer ein freies Gewissen hat, darf nicht auf diejenigen herabschauen, die es nicht haben
  • Wer von seinem Gewissen begrenzt wird, sollte nicht diejenigen verurteilen, die Freiheit haben
  • Jeder Gläubige sollte von seiner eigenen Gewissenslage völlig überzeugt sein
  • Geh davon aus, dass andere zur Ehre Gottes etwas tun oder sich davon fernhalten
  • Richte nicht in diesen Fragen, da wir alle eines Tages vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden
  • Deine Freiheit Fleisch zu essen ist richtig, aber lass deine Freiheit nicht dem Glauben eines schwachen Bruders oder einer schwachen Schwester schaden
  • Meinungsverschiedenheiten über Essen und Trinken sind im Reich Gottes nicht wichtig; einander in Gerechtigkeit, Frieden und Freude aufzubauen ist wichtig
  • Wenn du Freiheit hast, stelle sie nicht zur Schau; wenn du streng bist, erwarte nicht von anderen, wie du zu sein
  • Jemand der nach seinem Gewissen lebt, ist gesegnet
  • Wir sollen dem Beispiel Christi folgen, der andere vorangestellt hat
  • Wir geben Gott die Ehre, wenn wir einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat

Das bedeutet letztendlich, dass man im Umgang miteinander weise, mit Rücksicht und zum Teil auch individuell handeln soll (Wichtig: Es geht nicht um Dinge, die Sünde sind!). Ich denke an folgendes Beispiel: Eine zum Glauben gekommene Person hat durch ihre Vergangenheit enorme Probleme mit dem Konsum von bestimmten Medien (z.B. Spielfilmen). Jemand anderes weiß davon, hat selbst aber kein Problem damit, diesen Bereich verantwortungsvoll zu gebrauchen. Wie gehen diese beiden Personen miteinander um? Der Starke sollte zunächst einmal Rücksicht nehmen. Er wird den in diesem Fall Schwachen nicht dazu zwingen (auch nicht durch unterschwellige Bemerkungen), gegen sein Gewissen Filme anzusehen. Vielleicht verzichtet er sogar darauf, in der Gegenwart der schwachen Person darüber zu reden, weil ihm das Gewissen dieser Person wichtiger ist, als sein Recht. Die schwache Person hingegen verurteilt den anderen nicht, nur weil sie davon weiß, oder diese Person sogar dabei sieht (auch wenn es ihr vielleicht schwerfällt). Letztendlich ist hier viel Weisheit und Barmherzigkeit von beiden Seiten erforderlich.

Über die praktischen Schlussfolgerungen dieses Themas könnte man sicher noch viel schreiben. Was aber bedeutet das für die Ältesten? Schon alleine das Vorhandensein dieses biblischen Prinzips verbietet darüber hinausgehende Regelungen. Wenn Älteste in diesen Bereich hinein Regelungen aufstellen, die verbindlich sind, hebeln sie die Bibel an dieser Stelle aus. Dahinter kann sich die unbewusste Haltung verbergen, es besser als die Bibel zu wissen, bzw. der Schrift etwas hinzufügen zu wollen, weil sie eben nicht ausreichend (wie es ja Sola Scriptura formuliert) scheint. Natürlich: Dahinter steht die Sorge um die Gemeinde und das gilt es anzuerkennen. Dennoch wird die Autorität der Ältesten missbraucht, wenn sie auf eine Regelung ihrerseits bestehen, obwohl Gott doch schon längst deutlich gemacht hat, wie man mit diesen Fragen umzugehen hat.

Was häufig auch nicht bedacht wird: Das Ziel von Paulus (und damit von Gott) ist es ja nicht, Schwachheit zu fördern; vielmehr sollen die betroffenen Personen ja eigentlich dazu gebracht werden, zu erkennen, dass sie frei sind, die entsprechenden Dinge zu tun. Aber ein Verbot hinsichtlich dieser Fragen wird zwangsläufig die schwache Position verstärken, denn es wird der Eindruck vermittelt, dass man diese Dinge eben nicht tut. Es kann letztendlich sogar so weit gehen, dass Dinge als Sünde gelten, obwohl die Schrift eine ganz andere Sicht hat. Daraus resultiert nicht selten eine Verzerrung des Evangeliums (Fokus liegt auf Einhaltung von Geboten) und im schlimmsten Fall eine abschätzige Haltung gegenüber Christen, die sich nicht an die eigenen aufgestellten Regeln halten.

Natürlich dürfen und sollen Älteste lehren und die Gemeinde zu einer geistlichen Haltung bringen. Älteste sollen mit allem Nachdruck auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit verschiedenen Meinungen, dem Genuss von Gottes Schöpfung und gegenüber der Welt hinweisen. Auch ist es sicher nicht falsch, Empfehlungen auszusprechen. Mark Dever sagte einmal zum Thema Alkohol, dass er manchen Geschwistern vollkommene Abstinenz stark ans Herz legen würde, aber theologisch sei er auf der Seite derjenigen, die Alkohol konsumieren. Dementsprechend ist eine völlige aber auch teilweise Reglementierung des Alltags und in Gewissensfragen durch die Ältesten unbiblisch. Sie widerspricht Sola Scriptura. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, das Kreuz als Zentrum der christlichen Einheit zu lehren, die Prinzipien des Umgangs (z.B. aus Römer 14 oder 1. Korinther 8-10) weiterzugeben und daraus Vorschläge für das alltägliche Miteinander abzuleiten. Oder wie Tim Challies es ausdrückt: Die Autorität biblischer Prinzipien darf nicht auf die daraus gezogenen Schlussfolgerungen ausgeweitet werden.[8]

Thesen/Handlungsvorschläge

Ich hatte eingangs bemerkt, dass dieses Thema nur angerissen werden kann. Auch ist mir bewusst, dass es weitere Aspekte gibt, die ich vielleicht noch gar nicht im Blick habe. Deswegen bin ich für jeden Hinweis dankbar. Auch andere Meinungen möchte ich gerne hören. Nichtsdestotrotz möchte ich zum Abschluss einige Handlungsvorschläge machen, wie nun mit der Frage nach der Autorität der Ältesten umgegangen werden sollte:

  • Bewahre dir eine grundsätzliche Loyalität gegenüber deinen Ältesten. Sei nicht leichtfertig darin, sie in Frage zu stellen
  • Informiere dich vor einem Eintritt in eine Gemeinde genau über deren Lehre und die Sicht der dortigen Ältesten. So vermeidest du unnötige spätere Konflikte
  • Wenn nun aber doch Streitfragen auftauchen sollten, stelle sicher, dass es sich um wirklich relevante Dinge handelt. Nur weil ein Gottesdienst eine halbe Stunde später anfängt als in den 40 Jahren davor, muss ich keine Grundsatzdebatte vom Zaun brechen
  • In diesem Sinne akzeptiere Regelungen deiner Ältesten, auch wenn du es vielleicht anders gemacht hättest
  • Orientiere dich in Lehrfragen an deine Ältesten. Frage sie um Rat, wenn du Unklarheiten hast. Damit bringst du auch ein grundsätzliches Vertrauen ihnen gegenüber zum Ausdruck, was für ihren Dienst sicher sehr ermutigend ist
  • Eine Gemeinde sollte mehr als einen Ältesten haben
    Ich möchte behaupten, dass viele Gemeinden Probleme haben, weil sie nahezu diktatorisch regiert werden. Das kann auch in Abstufungen geschehen und muss nicht immer die übelsten Formen annehmen. Aber ich bin überzeugt davon, dass die Bibel eindeutig das Modell mit mehreren Ältesten lehrt.[9] Wayne Grudem schreibt dazu: „Keine [Bibelstelle legt] nahe, dass eine Gemeinde, wie klein sie auch gewesen sein mag, nur einen einzigen Ältesten gehabt hätte. Im Neuen Testament findet sich konsequent das Modell einer Pluralität der Ältestenschaft „in jeder Gemeinde“ (Apg. 14, 23) und „in jeder Stadt“ (Tit. 1,5).“[10]
  • Mehre Älteste können sich gegenseitig im besten Sinne kontrollieren. Sie können darüber wachen, dass der einzelne Älteste nicht von falscher Lehre beeinflusst wird, bzw. diese weitergibt. Sie können mögliche Fragen diskutieren und so verhindern, dass immer nur einer seine Sicht der Dinge durchsetzt. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass alle Menschen ihre Fehler und Macken haben, auch bei Ältesten trifft das zu. Eine Leitung in der Gruppe gleicht diese Fehler in gewissem Sinne aus.[11] Auch die Arbeitsbelastung liegt auf mehreren Schultern verteilt. Alles in allem sorgt dieses Modell dafür, dass Älteste in ihrer Autorität in einem guten Sinne beschnitten werden: Und wirklich geistlich gesonnene Älteste werden diese Tatsache vorbehaltlos anerkennen und akzeptieren. Wenn in unseren Gemeinden also biblische und gesunde Leiterschaft praktiziert werden soll, sollten wir mehrere Älteste haben.
  • In Gewissensfragen hat Gott in seinem Wort klare Regelungen getroffen. Beschäftige dich also vor allem mit der Schrift, um dein Gewissen immer stärker von ihr anstatt von Menschengeboten prägen zu lassen und um im Umgang mit Stärkeren oder Schwächeren als du geschult zu werden. Halte dabei demütig im Blick, dass wir alle in manchen Bereichen zu den Schwachen, in anderen Bereichen zu den Starken gehören können.
  • Älteste sollen ihre Autorität nicht dafür nutzen, diese Fragen für jeden Einzelnen verbindlich und bis ins letzte Detail zu regeln. Das ist nicht der Weg, den die Bibel vorgesehen hat

Literatur

Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft. Ein Aufruf zu schriftgemäßer Gemeindeleitung
Jeramie Rinne, Leitung durch Älteste. Wie man Gottes Volk wie Jesus als Hirten leitet
Mark Dever, Neun Merkmale einer gesunden Gemeinde

Fußnoten

[1] U.a. Strauch, Biblische Ältestenschaft, S. 295ff.
[2] Strauch, Biblische Ältestenschaft, S. 298f.
[3] Wobei ich schon skeptisch wäre, wenn eine Gemeinde nur thematische Predigten aufweist.
[4] Strauch, Biblische Ältestenschaft, S. 305.
[5] Als Beleg für die hohe Schutzwürdigkeit siehe auch die Hürde bei Anklagen gegen Älteste: Mindestens zwei Zeugen müssen vorhanden sein, um eine Anklage überhaupt annehmen zu können (1. Timotheus 5, 19-21).
[6] Zitiert nach Jeramie Rinne, Leitung durch Älteste. Wie man Gottes Volk wie Jesus als Hirten leitet, S. 75.
[7] Ich habe diese Zusammenfassung von Andy Nasellli übernommen. Der ganze empfehlenswerte Artikel ist hier zu finden: https://www.evangelium21.net/ressourcen/vom-umgang-mit-verschiedenen-meinungen.  Zur Vertiefung empfehle ich die hervorragende Auslegung von Wolfgang Nestvogel, zu finden hier: https://www.beg-hannover.de/predigten-2/predigtreihen/roemerbrief/ .
[8] https://www.challies.com/articles/little-words-that-make-all-the-difference/, abgerufen am 01.03.18.
[9] Vgl. dazu auch Strauch, Biblische Ältestenschaft, S. 39ff.
[10] Grudem, Biblische Dogmatik, S. 1013.
[11] Strauch, Biblische Ältestenschaft, S. 42.

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4 Kommentare

  1. Danke für den interessanten Beitrag.
    In all den zweitrangigen Fragen erscheint mir Apg 15 ein gutes Modell zu sein. Nachdem einige besonders eifrige, aber leider gesetzliche Brüder für viel Verwirrung gesorgt hatten, waren es die Ältesten und Apostel, die eine Lösung finden sollten.
    Am Ende wird festgehalten, dass auf Götzenfleisch, Blut und Unzucht verzichtet werden soll. Die ersten beiden Punkte erscheinen mir vergleichsweise wenig bedeutend zu sein. Dennoch werden sie verbindlich festgeschrieben und es wird dafür gesorgt, dass die Gemeinde durch offizielle Boten davon Kenntnis nimmt.
    Die Begründung in Vers 21 ist interessant:
    „Denn Mose hat von alten Zeiten her in allen Städten solche, die ihn predigen, und wird an jedem Sabbat in den Synagogen gelesen.“
    Weil es in den betroffenen Städten und damit auch in den entsprechenden Gemeinden eine so hohe Anzahl an fromm erzogenen Juden gab, sollte auf sie Rücksicht genommen werden – und zwar nicht nur wie in Röm 14 freiwillig – sondern verbindlich in Folge eines Ältestenbeschlusses.
    Wenn man 1. Kor 8 und 10 oder Röm 14 zum gleichen Thema des Verzehrs von Götzenfleisch betrachtet, so findet man sehr viel mehr Freiheit und Eigenverantwortlichkeit. Möglicherweise hatten viele jüdische Christen zu diesem Zeitpunkt bereits einen Erkenntnisprozess durchgemacht oder es spielte eine Rolle, dass in diesen Städten sehr viel weniger Menschen lebten, die von alten Zeiten her Mose in den Synagogen gelehrt bekommen haben.
    Genauso wie Paulus sich später in einem anderen Kontext nicht zwangsläufig an die Beschlüsse des lokalen Ältestentreffens in Jerusalem gebunden gefühlt hat, kann auch in unseren Gemeinden je nach Kontext eine andere Haltung in zweitrangigen Fragen eingenommen werden. Manchmal aber müssen Älteste wie in Apg 15 einen Kompromiss finden, der die Rücksicht auf die Schwachen in Teilen verbindlich macht.
    Dabei sollten die Ältesten aber darauf achten, nicht in Gesetzlichkeit zu verfallen. Auch hierfür ist Apg 15 ein gutes Beispiel. Denn obwohl eine anscheinend gesetzliche Vereinbarung getroffen wird, stellen sie klar, dass 1. das Heil nur durch Gnade und Glauben erhalten wird (vgl V. 9 und 11) und dass 2. jede zusätzliche Regel nur beschwert und das Joch schwerer macht, Regeln also nicht per se gut sind (V. 10 und 19).

  2. @Gast:
    Apg. 15 ist in diesem Kontext natürlich eine vieldiskutierte Stelle und wie du sicher weißt, nicht so ganz einfach auszulegen. Warum z.B. erwähnt Jakobus genau diese vier Dinge? Für mich ebenfalls eine entscheidende Frage: Dürfen wir die Autorität der Apostel an dieser Stelle einfach auf die Ältesten der (heutigen) Gemeinden übertragen? Oder geht es unterm Strich nicht vielmehr darum, dass Christen grundsätzlich in Rücksicht hinsichtlich ihres Umfeldes leben sollen (ohne dabei inhaltliche Kompromisse zu machen)?

    Nichtsdestotrotz kann ich deinen Gedankengang verstehen und ihm auch einiges abgewinnen. Wichtig finde ich vor allem deinen letzten Absatz: Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Älteste selbst eine klare Haltung zum Verhältnis von Gnade und Gesetz haben und danach aus sind, ihre Gemeinde zu starken Christen zu erziehen, die wiederum auf andere Rücksicht nehmen können. Denn ansonsten sehe ich die Gefahr, wie auch im Artikel beschrieben, dass letztendlich das „Schwachsein“ verbindlich gemacht wird und Dinge zu Sünde erklärt werden, die es von sich aus nicht sind. Daher würde ich immer dahin tendieren, wenn es nur möglich ist, verbindliche Regelungen auf diesem Gebiet zu vermeiden bzw. eher „breit“ zu formulieren. Ich denke, dass die Gefahr einfach zu groß ist, dass ansonsten neue Gesetze daraus erwachsen.

    Herzlichen Gruß,
    Helmut

  3. Ein Bruder hat kürzlich gesagt, dass wenn man Röm. 14 liest und sich bestätigt fühlt, man Röm. 14 falsch gelesen hat. Röm. 14 stellt den Leser (ob „schwach“ oder „stark“) infrage – es lohnt sich, darüber mal nachzudenken…

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