Kategorien
Weltbild & Kultur

Gedanken über Wurzeln, Heimat und Gottes Erde (2): Hannah Andersons langer Weg nach Hause

Gestern habe kurz über Alice Mertons Lied „No Roots“ berichtet, in dem sie die (Kollektiv)Erfahrung ihrer (und unserer) Entwurzelung beschreibt: Man ist zwar irgendwie überall zu Hause, im Umkehrschluss dann aber auch wieder nirgendwo. Hannah Anderson hat für TGC über den langen Prozess des Wurzeln Schlagens ihrer Familie berichtet (ich kann den Bericht nur kurz zusammenfassen, empfehle aber herzlich die Lektüre des ganzen Artikels).

Anderson beschreibt, wie ihr Mann sie nach drei Jahren Ehe fragte, ob sie nach Neuseeland ziehen wolle. Da keiner der beiden in der mittelgroßen Südstaatenstadt, in der sie die Universität und das Seminar besucht hatten, bleiben wollte und ohne eine klare Berufung Orientierungslosigkeit dazukam, willigte sie ein. Durch die Gemeinden, in denen Anderson und ihr Mann aufwuchsen, hatten sie natürlich von Missionaren gehört, die ihre Familie und ihr Land hinter sich gelassen hatten, um Christus zu dienen – auch die Zusage, dass Christus ja überall dabei ist, war beiden bekannt. Folgende Lektion aber hatten sie noch nicht gelernt:

Irgendwie waren wir zu der Vorstellung gekommen, dass geistliche Reife bedeutete, uns von der Abhängigkeit von einem bestimmten Ort zu lösen. Geographisch unabhängig zu sein, die Bereitschaft einfach überall hinzugehen, schien sehr fromm und gottgefällig. Denn wenn Gott überall ist, dann ist er nirgendwo speziell – und wenn Gott überall ist, dann ist es ja nicht so wichtig, wo du hingehst. Heimweh vorzubeugen, so schien es, bedeutete einfach, grundsätzlich kein Heim zu brauchen.

Aber wenn Gott überall ist, wie kannst du dann sicher wissen, wo dein Platz ist?

Das Paradox von Örtlichkeit ist, dass während Gott zwar überall existiert, wir Menschen das eben nicht tun. Aus dem Staub der Erde gemacht, bleiben wir für immer mit dieser Verbunden und können ihren Grenzen genauso wenig entfliehen, wie wir uns selbst entfliehen können. Tatsächlich hängt unsere Existenz, zumindest in Teilen, von Geographie ab. Wir können nicht unser Erbe zurückverfolgen, ohne gleichzeitig eine Landkarte zu konsultieren, um auf dieser die Orte zu finden, in denen unsere Vorfahren gelebt und geliebt haben und die für immer in unserer DNA bleiben.

Selbst Gottes Sohn wurde Jesus von Nazareth und auch Paulus erinnert in seiner Predigt auf dem Areopag (Apg. 17) daran, dass Gott Völkern gewissen Grenzen des Wohnens gesetzt hat. Anderson beschreibt weitere Umzüge und das wachsende Bewusstsein der Notwendigkeit, ein beständiges Heim zu finden:

Es ist kein Zufall, dass uns diese Krise in den Schützengräben der Elternschaft bewusst wurde. In der Bibel wird gleich zu Beginn die Formation einer Familie mit unserem Durchziehen der Erde verbunden. „Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan“, gebietet Gott den in seinem Bild geschaffenen Geschöpfen. Als Gott Abram aus Ur berief, tat er das mit der sicheren Verheißung einer neuen Familie und auch eines neuen Ortes für diese Familie.

Natürlich implizieren der Schöpfungsauftrag und auch der Missionsbefehl Bewegung; aber wenn wir zur Beherrschung der Schöpfung aufgerufen werden, bedeutet das die Gründung neuer Gemeinschaften (Ortschaften) und auch der Missionsbefehl hat das Ziel, die Familie Gottes zu bauen. Anderson und ihr Mann fingen in ihrer Orientierungssuche an, ganz konkret nach Gottes Absichten zu fragen:

Plötzlich lag die Welt nicht mehr offen vor uns. Statt mit ihrer Weite zu ringen, mussten wir mit ihren Begrenzungen fertig werden – und dieses Ringen war tiefer, die Fragen persönlicher, der Einsatz höher. Ja, wir könnten überall leben, aber welchen Ort hat Gott für uns vorbereitet? Wo müssen wir leben?

Und so haben wir uns Richtung nach Hause gewandt. Wir haben darauf gehört, zu wem uns Gott gemacht hat und wir er uns geformt hat. Wir haben auf all die Jahre geachtet, die uns zu diesem Punkt gebracht haben. Gott hat Örtlichkeit nicht einfach dazu gebraucht, um uns zu helfen, uns selbst zu finden; er hat sie gebraucht, um uns zu helfen, ihn zu finden.

Weiter beschreibt Anderson, dass das gereifte Verständnis von Örtlichkeit sie und ihren Mann dazu bewog, seine nächste Anstellung anders anzugehen. Um in der Nachbarschaft Wurzeln zu schlagen, kauften sie ein Haus, die Kinder wurden in einer nahegelegenen Schule angemeldet und auch das Anschließen an örtliche Vereine gehörte zum Prozess des Wurzeln Schlagens dazu. Dabei ist folgenden Erläuterung, wie ich finde, sehr wichtig:

Aber unser bürgerliches Engagement war nicht ein evangelistischer Taschentrick, eine Möglichkeit, einen Zugang zur Ortsgemeinschaft zu gewinnen. Es war der Versuch, Teil dieser Gemeinschaft zu werden, uns in das zu integrieren, was Wendell Berry als „Zugehörigkeit“ beschreibt – Leute, die ihre gegenseitige Verantwortung gegenüber einem Ort anerkennen und für dessen Wohlergehen Verantwortung übernehmen. Das Wachsen in ein tieferes Verständnis von Örtlichkeit bedeutete die Annahme unserer neuen Gemeindeversammlung und auch der Ortsgemeinschaft, aus der sie wuchs. Das Wachsen in ein tieferes Verständnis von Örtlichkeit bedeutete die Annahme der Ortsgemeinde.

Anderson zeigt auf, dass ein Verständnis von Örtlichkeit uns dabei hilft, zu erkennen, wo unsere moralische Verantwortung beginnt. In unserer digitalen Welt ist es sehr schnell möglich, dass wir die Nöte unseres – im wahrsten Sinne des Wortes – Nächsten übersehen. Eine gesunde „Ortschaftstheologie“ zeigt uns vielleicht nicht, wo unsere Verantwortung endet, wohl aber, wo sie beginnt. Auch sollte diese Theologie eine von Diversität geprägte Gemeinde hervorbringen; dass unsere Gemeinden oft eher homogen sind, liegt, so Anderson, daran, dass sie nicht wirklich örtlich sind (interessant ist auch ihre Beobachtung, dass die Gemeinden der Frühkirche anhand ihrer Orte identifiziert wurden, nicht anhand theologischer Ausprägungen).

Hannah Anderson hat mit ihrer Familie ein Heim gefunden. Auch wenn Gemeindearbeit im ländlichen Amerika seine ganz besonderen und eigenen Herausforderungen mit sich bringt, hat die Familie Folgendes begriffen:

Wir haben unsere Lektion gelernt: Es gibt nichts da draußen, was nicht auch hier gefunden werden kann. Es gibt keine Schönheit oder Gebrochenheit, die draußen existiert und hier nicht genauso geliebt oder bekämpft werden kann. Wir glauben, dass wir für diese Gemeinschaft vorbereitet und berufen wurden, hier zu leben – und solange Gott das in seiner Vorhersehung nicht ändert, bleiben wir.

Abschließend macht Anderson klar, dass kein irdischer Ort unsere gottgegebene Sehnsucht nach dem Himmel, nach Gott selbst, erfüllen kann. Wie die Heiligen der alten Zeit halten auch wir tatsächlich nach einer besseren Stadt Ausschau – und es ist genau diese Wahrheit, die es uns ermöglicht, unser irdisches Heim gerade so zu lieben, wie wir es lieben sollen. Es ist diese Wahrheit, die Anderson – und uns – Stabilität verleiht und erlaubt, Wurzeln zu schlagen; und zwar in den Grenzen, die Gott uns gesetzt hat. Dort finden wir ihn – und mit ihm unser Heim.

Kommentar verfassen