Christus allein

Das Konzept des Kirchenjahres

In einem der Adventsgottesdienste des letzten Jahres in unserer Gemeinde wurde in einem Impulsbeitrag auf das Kirchenjahr Bezug genommen. Das erinnerte mich an eine längst verdrängte Ermutigung vonseiten meines lutherischen Onkels, mich doch mal intensiver mit dem Kirchenkalender auseinanderzusetzen. Sein Argument war damals, – wenn ich mich recht erinnere – dass hinter diesem Konzept wertvolle theologische Gedanken und Intentionen stecken, die dem Christenleben einen hilfreichen Rahmen geben. Ich möchte der Aufforderung meines Onkels an dieser Stelle nachkommen und in groben Linien die historische Entwicklung und den Aufbau des Kirchenjahres nachzeichnen. Ich hoffe, dass auch der ein oder andere Leser dadurch einen neuen Zugang zum liturgischen Kalender bekommt, zumal dieser insbesondere unter Evangelikalen zunehmend in Vergessenheit gerät.

Wem das Konzept des Kirchenkalenders etwas befremdlich scheint, wird vielleicht überrascht sein, wie stark dieser in den regulären Kalender in Deutschland integriert ist: Zahlreiche christliche Festtage säumen und strukturieren das Kalenderjahr. In erster Linie fallen hier die vier großen christlichen Feste Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Weihnachten ein. In allen Bundesländern sind um Weihnachten und Ostern (Hamburg bildet hier eine Ausnahme) herum Ferienzeiten eingerichtet, in manchen Bundesländern (u.a. Bayern) gibt es sogar Pfingstferien. Hinzu kommen je nach Region weitere katholische oder evangelische Feiertage, wie z.B. der Reformationstag bzw. Allerheiligen oder Fronleichnam. Das Sakrale durchzieht den profanen Kalender also stärker als der ein oder andere gedacht hätte. Anders ausgedrückt: Wir leben unseren Alltag, obwohl wir uns dessen vielfach nicht bewusst sind, im Rahmen des Kirchenkalenders.

Doch wie ist das Kirchenjahr genau aufgebaut und wie kam es überhaupt zu dessen Herausbildung? Sicher gibt es hierauf weder eine einfache noch eine eindeutige Antwort. Das wird allein schon dadurch deutlich, dass man streng genommen gar nicht von dem Kirchenjahr oder dem Kirchenkalender sprechen kann. Je nach Konfession unterscheiden sich die Festzeiten und damit auch der Aufbau des Kirchenjahres. Gleichzeitig ist jedoch allen gemeinsam, dass sich der jeweilige Kalender an den gleichen traditionellen christlichen Festtagen orientiert. Der christliche Jahreszyklus der evangelischen und katholischen Tradition entsprechen einander in weiten Teilen, sodass hier für die meisten Leser ein Anknüpfungspunkt besteht. Das Kirchenjahr basiert auf dem kalendarischen Sonntag, dem „Tag des Herrn“, der bei den frühen Christen schnell den jüdischen Sabbat als eigentlichen Fest- und Ruhetag ablöste. Er ist außerdem um die sogenannten Festkreise herum strukturiert: Ostern und Weihnachten.

Ostern war neben dem Sonntag, der wiederum auch auf die Auferstehung Jesu (deswegen „Herrentag“) zurückgeht, der erste christliche Feiertag, der sich in der frühen Kirche etablierte. Über den genauen Tag, an dem die Auferstehung Jesu gefeiert werden sollte, gab es allerdings schon früh Streitigkeiten: Einige Kirchen orientierten sich dabei an dem jüdischen Passahfest, an dem Jesus nach den Evangelienberichten gekreuzigt worden ist. Dadurch wurde das Osterfest nicht an einem fixen Wochentag gefeiert. Andere, vor allem aus Heidenchristen bestehende Kirchen bevorzugten jedoch den Ostersonntag. Schließlich war Jesus nach dem Sabbat auferstanden. Erst auf dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) wurde, wenn auch nicht sofort wirksam, der sogenannte „Osterfeststreit“ beigelegt: Nun sollte Ostern am ersten Sonntag nach dem Frühlings-Vollmond gefeiert werden. Ostern war nicht nur aufgrund dieser Auseinandersetzung von Beginn an Zentrum des kirchlichen Kalenders. Aufgrund der zentralen theologischen Bedeutung der Auferstehung bildete sich um das Osterfest herum nach und nach der erste Festzyklus des Kirchenjahres heraus: Eingeleitet wird dieser durch eine vierzigtägige Fastenzeit, die das Nachdenken über die Passion Christi zum zentralen Thema hat. Wiederum 40 Tage nach Ostern wird die Himmelfahrt Christi gefeiert, woran sich zehn Tage später das Pfingstfest anschließt. Umrahmt von der Fastenzeit und der Zeit nach Ostern ist die „heilige Woche“, die mit Palmsonntag beginnt und mit Karsamstag bzw. Ostersonntag schließt.

Auch das zweite große christliche Fest, Weihnachten, entwickelte sich nach und nach in der Geschichte der Kirche heraus. Zunächst als christliches Gegenstück zum heidnischen Sonnenkult und als Reaktion auf bestimmte gnostische Strömungen gedacht, wurde das Fest wohl im 4. Jahrhundert n. Chr. zum ersten Mal gefeiert. Auch hier gab es von Beginn an keine einheitliche Praxis, wann die Geburt Jesu gefeiert werden sollte. Warum sich letztendlich der 25. Dezember als Weihnachtstag durchgesetzt hat, ist historisch nicht endgültig zu klären. Ein möglicher Erklärungsansatz ist, dass Kaiser Aurelian im Jahr 274 den 25. Dezember als Festtag zu Ehren des Gottes Sol festsetzte. Die Christen könnten dieses heidnische Fest christianisiert haben, indem sie den Sonnengott durch Christus, der wahren Sonne, ersetzten. Dies würde in die übliche Praxis, heidnische Elemente christlich zu okkupieren, passen.

Wie um Ostern entstand auch um Weihnachten ein ganzer Festzyklus, der zunächst in Anlehnung an die 40 Tage vor Ostern ebenfalls durch eine 40-tägige Fastenzeit eingeleitet wurde, die später durch die uns bekannte vierwöchige Adventszeit verdrängt wurde. Die ersten beiden Adventssonntage sind dabei der Wiederkunft Christi gewidmet, der dritte und vierte Advent thematisieren die Vorbereitung auf das erste Kommen Christi als kleines Kind in Bethlehem. Die Zeit ab dem 6. Januar (bzw., wie in Deutschland, den Weihnachtstagen) wird als die Epiphaniaszeit (von epiphaneia – „Erscheinung“) bezeichnet. Sie ist im Grund ein fortsetzendes Gedenken an die Erscheinung des Sohnes Gottes in dieser Welt.

Zwischen dem Oster- und dem Weihnachtszyklus liegt eine dritte große Periode des Kirchenjahres: die Trinitatiszeit. Sie schließt direkt an das Pfingstfest an, der Ausgießung des Heiligen Geistes. Sie symbolisiert die Zeit nach der Himmelfahrt Christi, in der die Kirche, die Gemeinde Christi, unter der Leitung des Heiligen Geistes glaubt und lebt. Sie ist mit bis zu 24 Sonntagen, beginnend mit dem Trinitatissonntag und endend mit dem Ewigkeits- bzw. Totensonntag (dem Sonntag vor dem ersten Advent), zugleich die längste Phase im kirchlichen Kalender.

Bevor ich mich etwas näher mit dem Kirchenjahr befasst hatte, war mein Eindruck, dass es sich dabei um ein hochkomplexes und unübersichtliches System an Sonn- und Feiertagen handeln würde. Wie dem Leser hoffentlich aufgefallen sein wird, ist dem nicht so: Das Kirchenjahr ist in seinen Grundzügen sehr gut zu überblicken: Es ist im Grunde in drei große Perioden unterteilt: Weihnachtszyklus, Osterzyklus und Trinitatiszeit. Es beginnt mit der Adventszeit und schließt (in der evangelischen Form) mit dem Ewigkeitssonntag. Der Kirchenkalender orientiert sich dabei an dem Leben Jesu (Advent, Weihnachten, Epiphanias, Fastenzeit in Anlehnung an die 40-tägige Versuchung in der Wüste, heilige Woche, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten) und das Leben der durch ihn gegründeten Kirche (Trinitatis).

Nachdem ich in diesem Beitrag versucht habe, die Entstehung (was hier sehr kurz kam) und den Aufbau des Kirchenjahres zu skizzieren, möchte ich im nächsten Beitrag einige Gedanken zum Nutzen des kirchlichen Kalenders und zu seiner Integration in den profanen Alltag weitergeben.

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