Christus allein

Die Bibel: an uns adressiert oder für uns geschrieben?

Ein Bekannter von mir besuchte kürzlich eine Bibelstunde, in welcher man sich über Johannes 16 austauschte. Einige Teilnehmer wendeten die Verse direkt auf sich an, indem sie zum Beispiel sagten: „Jesus sagt uns hier, dass wir ihn bald sehen werden (V.16)“. Über die Aussage Jesu, dass die Jünger ihn verlassen und sich zerstreuen würden (V.32), sagte man allerdings nichts und wendete sie auch nicht an. Als mein Bekannter seinen Sitznachbarn darauf aufmerksam machte und ihn nach dem Grund fragte, bekam er die Antwort, das wäre negatives Denken, das hätte Jesus nicht gewollt. Stattdessen sollte man positiv denken und sich die Zusagen und Verheißungen vor Augen führen.

Abgesehen von der Begründung nehme ich an, dass das ein weitverbreiteter Umgang mit der Bibel ist. Man versteht die Bibel als einen direkt an uns adressierten Brief. Daher wendet man (einige) Aussagen direkt auf sich selbst an. Man beginnt nicht bei der Aussage für die ursprünglichen Adressaten, fragt nicht nach der Autorenabsicht, sondern nimmt all das, was einem erbaulich erscheint, und wendet es an.

In einem Crossway Artikel, in dem es um 10 Dinge geht, die man beim Bibel lesen beachten sollte, heißt es im vierten Punkt „The Bible is not written to us but for us“ (Die Bibel ist nicht an, sondern für uns geschrieben):

Keiner von uns ist ein Israelit der Antike, der Mose durch die Wüste folgt. Keiner von uns ist ein Israelit des 8. Jahrhunderts (v. Chr.), der den Niedergang des nördlichen Königreichs von Israel erlebt hat. Keiner von uns ist ein Jude, der im babylonischen Exil schmachtet und sich fragt ob Gott ihn vergessen hat. Keiner von uns ist ein Christ des ersten Jahrhunderts (n. Chr.), der in Rom, Philippi oder Ephesus lebt. Aber als Gottes Volk wurde die Bibel für uns geschrieben, um uns zu unterweisen, uns im Ausharren des Glaubens zu stärken und Hoffnung zu wecken, dass Gott seine Verheißungen erfüllt (Römer 15,4; 1. Kor. 10,11).

vergleiche hier Punkt 4 (Übersetzung und Hervorhebung von mir)

Als der Bekannte aus dem Eingangsbeispiel seinen Gesprächspartner darauf aufmerksam machte, dass wir nicht die Jünger sind, zu denen Jesus in Johannes 16 spricht, wurde ihm entgegnet, dass man so (von der Tatsache ausgehend, dass man nicht einer von den Jüngern sei) nichts mehr aus dem Text mitnehmen könnte. Der Nutzen der Bibel (zumindest dieses Abschnitts) für uns als Christen würde, so folgerte der Gesprächspartner meines Bekannten zumindest, damit hinfällig werden.

Verhält es sich wirklich so? Ist die Bibel eine Sammlung von Sprüchen, aus der wir uns den passendsten heraussuchen können? Natürlich enthält die Bibel Sprüche und ganz sicher hat sie auch einen passenden für dich und mich. Doch damit die Bibel ihren Gott wohlgefälligen Nutzen entfaltet, braucht es etwas mehr Arbeit. Es gilt tiefer zu graben, die Autorenabsicht zu erschließen, den Kontext (historisch kulturell wie auch literarisch) zu berücksichtigen und zunächst die Bedeutung für die ursprünglichen Empfänger zu erfassen. Die Anwendung sollte zurückgestellt werden, weil sie sonst – aufgrund unseres durch die Sünde übersteigerten Egos – dazu neigt, die Auslegung zu trüben.

Mit wem sollten wir uns identifzieren?

Die Aussage „Die Bibel ist nicht an, sondern für uns geschrieben“ meint nicht, dass wir uns niemals mit Menschen aus der Bibel identifizieren dürften. Die Frage ist nur, mit wem aus der biblischen Geschichte wir uns identifizieren. Kann es nicht sein, dass wir uns nur mit den Helden identifizieren? Mit Abraham, Mose und David?

Auf ausgezeichnete Art und Weise geht das Kapitel „Werkzeug 15: Wer bin ich?“ aus dem äußerst empfehlenswerten Buch „Tiefer graben“ der Frage nach, ob wir uns mit einer Person in einer Bibelstelle identifizieren können und wenn ja, mit welcher.

Manchmal sind die Personen, mit denen wir uns identifizieren sollen, nicht die Helden, sondern vielmehr die Bösen! Zum Beispiel sind wir vielleicht nicht Mose selbst, sondern eher einer der murrenden Israeliten, die Mose anführen sollte (siehe 1. Korinther 10,1-13). In den Klagepsalmen Davids sind wir manchmal nicht der Verfolgte, sondern der Verfolger. (So legt Paulus einige diese Psalmen in Römer 3,9-18 aus.)

Um es zusammenzufassen: Die Personen des Alten Testamentes sind häufig Bilder, die auf Jesus hindeuten. Daher sollen wir durch sie etwas über ihn lernen und nicht unbedingt über uns selbst. Allerdings sind manche dieser Charaktere Vorbilder (sowohl negative als auch positive) für uns. Wir müssen innehalten und nachdenken, bevor wir einfach unsere Lieblingsrolle der Geschichte herauspicken.

Tiefer graben, Seite 148f

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2 Kommentare

  1. Hallo Viktor!
    Danke für den anregenden Beitrag. Die beschriebene Situation erinnert mich an eine Gesprächsrunde auf dem letzten Frauenkreis- Treffen. Es ging um die „perfekte“ Frau in Sprüche 31. Allen war von vornherein klar, dass es sich hier um ein unerreichbares Ideal handeln muss. Schnell machten sich dann Äußerungen breit wie „Das war damals, Frauen haben heute eine andere Rolle“ und „Der Mann hat ja schließlich auch Verantwortungen“ usw… Z.T. wurden auch etwas kontroverse Meinungen diskutiert. Mir kam es ein wenig so vor, als hätten wir den Text so ausgelegt, wie es uns in unserer „Frustration“ am besten erschien.
    Wie sollten wir stattdessen an diesen Text herangehen? Was galt für damals? Wie wenden wir das heute in einem veränderten Geschlechterrollen- Kontext bibeltreu an?
    Vielen Dank!

    1. Hallo I.H.!

      Es freut mich, dass du den Artikel gelesen hast und einen Kommentar dazu geschrieben hast.

      Deine Fragen sind wahrscheinlich nicht mit einem Kommentar zufriedenstellend zu beantworten. Festhalten möchte ich allerdings kurz, dass es eine Schöpfungsordnung gibt, die auch heute unverändert gilt – der Mann leitet seine Frau und sie folgt ihm (oder um biblische Begriffe zu verwenden: der Mann ist das Haupt der Frau und die Frau soll sich ihm unterordnen, vgl. Eph. 5, 22ff). Natürlich gibt es in diesem Rahmen aber auch Aspekte, die eher kultureller Art sind, die sich ändern können. Ich gehe aber davon aus, dass du dem auch zustimmst.

      Wenn es um Sprüche 31 geht, ist der biblische Kontext wichtig. Wir sollten uns den Sprüchen aus der Perspektive des Evangeliums her nähern. Wir können aus unserer Kraft heraus niermals an diesen Maßstab heranreichen, aber Gott wirkt in uns Stück für Stück eine Veränderung, die uns diesem Vorbild ähnlicher macht. Hier wird das gut dargestellt:

      https://www.evangelium21.net/media/924/wer-findet-so-eine-frau

      Ich hoffe, meine Antwort hilft dir ein Stück weiter.

      Viele Grüße

      Viktor

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