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Hast du nichtchristliche Freunde – oder gibst du nur Zeugnis?

Vor ein paar Tagen habe ich den Rundbrief eines Missionswerks erhalten. Direkt auf der ersten Seite berichtet der Missionsleiter von einigen Begegnungen mit Menschen, die er mit Jesus konfrontiert hat. Zunächst ist da der Mann, der auf der zwölfminütigen Rückfahrt von einer Harzer Silbermine neben ihm sitzt – 12 Minuten also, mit diesem Menschen über Jesus zu reden: „Nach drei Minuten fange ich also an. Diesmal ein steiler Einstieg, eine steile Frage, denn jetzt bleiben nur noch 9 Minuten, um mit ihm über das zu reden, war wir Christen ihm schuldig sind“. Weiter erzählt der Bruder von einer Situation im Wartezimmer: „Ich verhandele im Stillen mit Jesus. Das Zimmer wird immer leerer und bald bin ich mit einer mir unbekannten Frau allein im Wartezimmer. Der Zeitpunkt scheint gekommen zu sein: Endlich starte ich zum ‚Angriff‘“. Dann geht es noch darum, wie der Bruder eine traurig aussehende Frau auf der Straße auf sich zukommen sieht und einfach anbietet, für sie zu beten: „‚Ich fange einfach mal an‘, sage ich, indem ich immer noch schrittmachend neben ihr hergehe. Während ich für die Frau bete, kommt Kraft in mein Gebet. Und ich treffe wohl genau das Problem, mit dem sie gerade zu kämpfen hat. Als ich aufhöre, hat sie Tränen in den Augen“.

Erlebnisse wie diese würden wir als Christen als „Zeugnis geben“ bezeichnen: Wir konfrontieren unsere Mitmenschen mit Jesus und stellen sie gewissermaßen vor eine Entscheidung für oder gegen Jesus. Natürlich hoffe und wünsche ich, dass das Zeugnis unseres lieben Bruders dazu führt, dass Menschen Jesus finden; trotzdem frage mich aber, ob der dargestellte Ansatz des „Zeugnisgebens“ nicht auch eine gewisse Gefahr in sich birgt. Man denkt vielleicht an Hesekiel 3, wo Gott seinem Propheten sagt, dass er den Sündern Gericht predigen muss: tut Hesekiel das, hat er seine Verantwortung erfüllt, der Gottlose stirbt aufgrund seiner Sünde und Gott wird das Blut des Gottlosen nicht von der Hand Hesekiels fordern. Eine bestimmte Art und Weise, diese Passage zu lesen, kann dazu führen, dass man aus einem (falschen) Pflichtgefühl heraus wildfremde Leute anspricht und diese vor dem Gericht Gottes warnt (im schlimmsten Fall nicht weil man seine Mitmenschen liebt, sondern sich an der eigenen Verantwortung „abarbeiten“ möchte). Ich sage an dieser Stelle nicht, dass dies die Einstellung des eingangs erwähnten Bruders ist; trotzdem möchte ich hier über die möglichen Gefahren dieses Ansatzes nachdenken.   

Einerseits, könnte man denken, braucht es doch viel Mut, so Zeugnis zu geben – schließlich ist es nicht leicht, einfach fremde Leute anzusprechen. Anderseits handelt es sich aber bei diesen Situationen doch „nur“ um kurze Berührungen mit der „unchristlichen Außenwelt“: Ich traue mich, ich gebe Zeugnis, ich konfrontiere – und kehre dann in den sicheren Hafen meiner Gemeinde und christlichen Freunde zurück. Vielleicht kann man diese Einstellung auch ganz unbewusst entwickeln; schließlich sollen wir uns doch von der Welt fernhalten, oder? Wir verbringen unsere Zeit mit Mitchristen; wenn sich die Welt unserem Verein nicht anschließen möchte, dann ist das halt so (und da wir die Welt ja auch immer wieder vor dem kommenden Gericht warnen, haben wir unseren Part ja ohnehin erledigt).

Das Problem dabei ist, glaube ich, dass wir unsere Mitmenschen nicht als wirkliche „Gegenüber“ sehen, sondern nur „Projekte“. Wir sind nett zu Nichtchristen, ja; wie lieben sie auch, sonst würden wir ja nicht Zeugnis geben. Aber wie ist unsere Einstellung, wenn unsere Mitmenschen unsere (hoffentlich in Liebe) verkündigte „Gerichtsbotschaft“ nicht hören wollen? Lassen wir sie dann einfach links liegen? Wie schon gesagt: Diese Art von Zeugnis geben kann recht „mutig“ wirken, wir konfrontieren direkt mit dem Gericht Gottes (was ja nicht populär ist). Aber machen wir es uns mit diesem „mutigen“ Ansatz womöglich zu leicht? Denn was wir damit gerade vermeiden, sind echte Beziehungen – und die kosten Zeit und eine andere Art von Mut: den Mut, sich authentisch zu öffnen, Leute am eigenen Leben teilhaben lassen, die Häuser für sie zu öffnen, gemeinsam zu essen. Ich halte es für extrem wichtig, in unseren Mitmenschen nicht einfach nur „Projekte“ zu sehen. Das bedeutet nicht, dass wir sie nicht mit der Wahrheit konfrontieren; im Gegenteil: wenn wir sie wirklich lieben, lieben wir sie mit der Wahrheit (wie die Casting Crowns in „Love You With the Truth“ singen). Aber es ist eben doch etwas ganz anderes, in echten Freundschaften mit der Wahrheit zu konfrontieren, als die Außenwelt immer mal wieder guerillaartig an das Gericht Gottes zu erinnern.

Leute nicht als Projekte zu sehen, bedeutet somit, glaube ich, echte Beziehungen und Freundschaften mit Nichtchristen aufzubauen. Aber was ist, wenn diese Freunde keine Christen werden? Nun, was ist denn mit nichtchristlichen Familienmitgliedern oder Verwandten? Werden die aus der Familie ausgeschlossen? Nein, natürlich nicht. Was ist also mit Freunden, die keine Christen sind? Die bleiben dann eben Freunde, die keine Christen sind. Was ich meine, bringt Rosaria Butterfield in dem Trailer zu ihrem neuen Buch über christliche Gastfreundschaft auf den Punkt. Butterfield war Englischprofessorin, die in einer lesbischen Beziehung lebte und sich gefragt hat, warum Christen Menschen wie sie so sehr hassen würden (es wäre interessant, einmal darüber nachzudenken, wie die christliche Gemeinde zu dieser nicht unberechtigten Wahrnehmung beigetragen hat bzw. beiträgt). Nachdem sie ein Editorial geschrieben hatte, erhielt sie eine Einladung von Ken Smith, dem Pastor der Syracuse Presbyterian Church. Die Familie Smith öffnete einfach ihr Haus für Butterfield, ihre Fragen und Gespräche. Was Butterfield übrigens hervorhebt, ist, dass es „so wundervoll“ war, dass Smith (1) ihr nicht direkt „Zeugnis gab“ (share the Gospel) und (2) sie nicht zur Gemeinde einlud – Butterfield merkte, dass sie wirklich willkommen war – und kein Projekt. Hier der Trailer, in dem sie selbst ihre Geschichte erzählt:

Vielleicht sollten auch wir unser „Zeugnis geben“ hinterfragen: Warum gebe ich Zeugnis? Liebe ich meine Mitmenschen wirklich? Habe ich Freunde, die keine Christen sind? Oder nur Projekte? Öffne ich mein Haus? Traue ich mich, Leute in mein Leben einzulassen, an meinem Leben teilzuhaben? Interessiere ich mich auch wirklich für ihr Leben, für ihre Fragen und Probleme? Oder möchte ich nur mein eigenes Programm an ihnen abarbeiten? Lasse ich es zu, dass auch ich einmal infrage gestellt werde? Echte Beziehungen, das glaube ich, werden unser (Glaubens)Leben reicher machen. 

P.S. Ich möchte mit diesem Artikel das „traditionelle“ Zeugnisgeben gar nicht verurteilen. Wenn meine Gedanken hier etwas einseitig erscheinen, dann deshalb, weil ich über potenzielle Gefahren nachdenken und auf die Wichtigkeit persönlicher Beziehungen hinweisen möchte. Tim Keller hat an einer Stelle von einem Atheisten berichtet, der erklärte, dass Christen, die nicht versuchten, ihn vom Christentum zu überzeugen, lieblos seien. Warum? Weil sie, um es mit Manfred Siebald zu sagen, das Wasser in der Wüste kennen (würden) und es doch verschweigen – das ist lieblos. Und auch in konkreten Situationen, wie der eingangs erwähnte Missionsleiter, mit Jesus zu verhandeln und Gelegenheiten tatsächliche wahrzunehmen, ist natürlich nur gut und richtig. Worauf ich lediglich hinweisen möchte, ist die Wichtigkeit einer richtigen Herzenshaltung und den Wert persönlicher Beziehungen.

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