Christus allein

„Ad Te levavi“ – „Zu Dir erhebe ich meine Seele, Jahwe“

Wir befinden uns momentan am Anfang des neuen Kirchenjahrs: der 1. Advent war der erste Sonntag im Kirchenjahr und trägt die lateinische Bezeichnung „Ad Te Levavi“ (Deutsch: Zu Dir erhebe), benannt nach den Anfangsworten des Eingangsgesangs der katholischen Messe (siehe auch hier).
Dieser Gesang gründet sich auf Psalm 25, Vers 1, „Zu Dir erhebe ich meine Seele, Jahwe.“.  Der Vers ist ein gutes Adventsmotto.
Die evangelische Liturgie sieht an diesem Sonntag als Gebetspsalm den 24. Psalm vor, auf den ich hier eingehen möchte.

1 Ein Psalm Davids.
Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.   2  Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet. 3 Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? 4 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug: 5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles. 6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs. SELA.
7 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! 8 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit. 9 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! 10 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre. SELA.

Inhaltlich lässt sich dieser Psalm in drei Teile aufteilen: Vers 1-2, 3-6 und 7-10. Wir werden uns nur Teil zwei und drei ansehen und können dabei folgende Gliederung vornehmen.
1. Wer kann zu Gott kommen? (Verse 3-6)
2. Gott kommt zu uns, damit wir zu ihm kommen können (Vers 7-10)

1) Wer kann zu Gott kommen?

In den ersten beiden Versen wird uns vor Augen gehalten, dass alles auf der Erde und jeder Erdbewohner Gottes Eigentum ist. Der Grund liegt darin, dass Gott der Schöpfer ist. Deshalb ist alles sein eigen und er regiert als König.

Daher ist es etwas verwunderlich, wenn David in Vers 3 von Gottes Berg spricht, hat er doch vorher gesagt, alles gehöre Gott?! Doch diese Aussage hat einen tieferen Sinn: mit diesem Berg Gottes verbindet David die Gegenwart des Herrn. Dieser Platz, den David meint, ist heilig, also abgesondert von anderen Bergen und Plätzen, weil der ewige Gott selbst gegenwärtig ist.

Es könnte sein, dass David diesen Psalm schrieb, als die Bundeslade wieder zurück nach Jerusalem geführt wurde. Dann wird hier mit dem Berg sicher Jerusalem gemeint sein. Doch nicht der Berg an sich ist besonders, sondern die Gegenwart des HERRN macht den Berg zu einem besonderen Berg. Und so ist die viel wichtigere Frage dieselbe, die David hier formuliert: Wer kann zu Gott kommen, wer kann bei ihm wohnen? (Vers 3: Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?)

Die Antwort von David ist, kurz gesagt: zu Gott kommen kann nur, wer rein ist.

Reine Hände und ein lauteres Herz und Lippen, die immer die Wahrheit sagen, sind die Voraussetzungen. Erfüllen wir diese Voraussetzungen? Könnten wir zu Gott kommen, ist unser Herz und unsere Worte rein?

Warum diese Voraussetzungen?

David geht von der Annahme aus, dass Gott absolut rein ist und er nur mit ebenso reinen Persönlichkeiten Gemeinschaft haben kann.

„In diesen Versen haben wir eine Beschreibung des wahren Israel. Die gewürdigt werden, als Edelknappen im Palast des himmlischen Königs zu stehen, zeichnen sich nicht durch blaues Blut, sondern durch den Adel ihres Charakters aus. Es sind weder ausschließlich Juden noch ausschließlich Heiden noch irgendein besonderer Zweig der Menschheit, sondern eine aus allen Völkern erlesene Schar solcher, die geheiligt und tauglich gemacht sind, auf des Herrn heiligem Berg zu wohnen.“ Spurgeon zu Vers 3-6

Wenn uns an dieser Stelle bewusst wird, dass wir nicht diesen adligen Charakter haben, die von David beschriebenen Voraussetzungen nicht erfüllen, so ist das die richtige Reaktion, denn wir sind nicht rein. Keiner ist das, auch David war es nicht.
Aber lasst uns noch einmal den Vers 5 lesen:
„Der wird den Segen vom Herrn empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.“ Das heißt, das auch die in Vers 4 beschriebenen „reinen“ Leute sind abhängig von Gott, auch sie empfangen von dem Herrn Gerechtigkeit.
„Sie gehen auf des Herrn Berg nicht als Leute, die Gott etwas zu bringen haben, sondern als solche, die alles von ihm zu empfangen erwarten: Sie sind nicht mit ihren Verdiensten geschmückt, sondern mit einer Gerechtigkeit, die sie geschenkt erhalten haben. Ein Leben in Heiligkeit und Gerechtigkeit sichert uns Segen zu als den Lohn des dreimal heiligen Gottes: Aber dies heilige Leben ist selbst ein Segen, der aus der freien Gnade Gottes stammt und eine Frucht der Arbeit des heiligen Geistes am Menschenherzen ist.“ Spurgeon zu Vers 4
Dieser Psalm enthält also schon das Evangelium, indem er andeutet, dass Gott rein und gerecht ist, wir unrein und ungerecht sind, aber Gott denen, die danach verlangen, Gerechtigkeit und sein Heil aus Gnade gibt.
Auch in Vers 6 zeigt sich deutlich die Gnade Gottes: Jakob ist bekanntlich als Betrüger in die Geschichte eingegangen. Und doch bezeichnet David hier Gott als Jakobs Gott, was in diesem Zusammenhang erstaunlich ist, wo doch vorher die Lauterkeit des Denkens und Wollens, Reinheit des Tuns und die Integrität als Voraussetzungen genannt wurden, um sich Gott zu nähern. Doch Gott nennt sich selbst „Gott Jakobs“ (als er sich Mose offenbart; 2. Mose 3,6), um seine Gnade zu zeigen.
Und um ein letztes Mal Spurgeon zu zitieren, bevor wir zum zweiten Punkt kommen:
„Das Antlitz des Herrn suchen heißt, Gemeinschaft mit dem Herrn begehren. O dass wir immer mehr darnach hungerten und dürsteten, das Angesicht des Herrn in seiner ganzen Herrlichkeit zu schauen! Das wird uns antreiben, uns von aller Unsauberkeit zu reinigen und vorsichtig zu wandeln.“
So können die von David beschriebenen Voraussetzungen auch als Beschreibung verstanden werden. Als Beschreibung des Charakters der Menschen, die von Gott Segen und Gerechtigkeit empfangen haben.

2) Gott kommt zu uns, damit wir zu ihm kommen können

Nachdem wir also gesehen haben, dass niemand von sich aus zu Gott kommen kann, sehen wir nun ab Vers 7: Gott kommt zu uns.

David denkt wahrscheinlich an die Tore Jerusalems bei dem Einzug der Bundeslade. Er personifiziert diese und ruft ihnen zu:

Erhebt, ihr Tore, eure Häupter (d. h. eure Oberschwellen), und erhöhet euch, ihr uralten Pforten (Grundtext), – als ob sie bei all ihrer Herrlichkeit und erhabenen Größe doch nicht groß genug wären, da der Herr der Herrlichkeit nun durch sie einziehen will.“ (Spurgeon)

Dieser Teil des Psalms ist die Grundlage für das bekannte Lied von Georg Weissel geworden, das er 1623 zur feierlichen Einweihung der neu errichteten Altroßgärter Kirche der Pregelstadt schrieb.  In der Übersetzung von Luther werden nicht die Tore und Türen direkt angesprochen, sondern die Menschen, dass sie Tor und Tür für den König aufmachen. Für den König, der gleichzeitig der Heiland aller Welt ist und Heil und Leben bringt:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat.

O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
eu’r Herz zum Tempel zubereit’.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Hier kann man sich dieses Lied von dem Thomaner Knabenchor anhören.
In Strophe 1 und 2 wird das Bild des einziehenden Königs vor die Augen der Hörer gemalt, wobei in der 2. Strophe die Frage, wer der König sei, aufgegriffen wird und der König näher beschrieben wird.
Dieser König zieht (im Bild des Liedes gesprochen) in das „Land“, dann in die „Stadt“ und anschließend in das „Herz“ des einzelnen Menschen (Strophe 3-4).
In der letzten Strophe antwortet die singende Gemeinde in einem Gebet dem „einziehenden König“ und bittet ihn, mit seiner Gnade in das Herz einzuziehen.
Besonders gut gefällt mir, dass jede Strophe mit einem zweizeiligen Lob endet. Hier finden wir übrigens ein besonderes Reimschema (gilt nicht für Strophe 5).
Die erste Zeile ist nämlich in jeder Strophe identisch („Gelobet sei mein Gott“) und das letzte Wort der zweiten Zeile reimt sich immer mit dem Wort an der gleichen Stelle in der nächste Strophe: Rat, Tat, spat und Gnad. In der letzten Strophe finden wir dann einen einfachen Paarreim, das Reimschema des sonstigen Liedes.
Ich wünsche dir, dass du in der Adventszeit deine Seelen zu Gott erhebst („Ad te levavi“) und bedenken und feiern kannst: Gott kommt zu uns, damit wir zu ihm kommen können.
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