Christus allein

Wenn Gnade das Herz überwindet… (Tolstoi)

Leo N. Tolstoi überträgt in seinen „Volkserzählungen und Legenden“[1] eine Erzählung von Victor Hugo, die mich ergriffen hat, da sie die Macht der Gnade plastisch und eindrücklich illustriert. Der Titel dieser kurzen Geschichte lautet „Die Macht der Kindheit“ und setzt folgendermaßen ein:

„Töten …! Niederschießen …! Man muß den Schuft sofort erschießen! Man muss ihn töten …! Ihm die Kehle durchschneiden, dem Mörder …! Tötet ihn, tötet ihn …!“ 

Es ist eine riesige, aufgebrachte Menschenmasse, die diese Worte einem stattlichen Mann hinterherschreit, der „gerade, festen Schrittes und mit erhobenem Kopf dahin[schreitet]. Auf seinem schönen mutigen Gesicht lag ein Ausdruck der Verachtung und Feindseligkeit gegen die Leute, die ihn umgaben.“ Der Mann ist Polizist und somit Diener der Regierung, die sich im Kampf gegen das aufbegehrende Volk befindet. Als der aufgebrachte Zug zahlreiche regierungstreue Leichen passiert, die die Straße säumen, schwillt der Zorn des Volkes noch weiter an. „Wozu noch lange zögern! Der Schuft muß hier auf der Stelle erschossen werden […]“, schreit die Menge. Da zieht der Gefangene die Stirn in Furchen, hebt seinen Kopf höher, so dass man den Eindruck gewinnt, „als haß[e] er die Menge noch mehr als sie ihn.“

Die anvisierte Hinrichtungsstätte ist nur noch unweit entfernt, als die Stimme eines Kindes vernehmbar wird: „Vater! Vater!“ ertönt es schluchzend. „Vater! Was wollen sie mit dir tun? Warte doch, warte, nimm mich mit, nimm mich doch mit …“ In der Ecke, aus der die Stimme erschallt, wird es ruhig. Ein Mann versucht das Kind zu überzeugen, nach Hause zu seiner Mutter zu gehen. „Er hat keine Mutter“, ruft da plötzlich der Gefangene diesem zu. Der Knabe bahnt sich unterdessen unbeirrbar seinen Weg und klettert beim Gefangenen angekommen auf dessen Arm, während das Volk weiter lauthals dessen Tod fordert.

„Warum bist du denn von zu Hause fortgegangen?“, fragt der Vater den Jungen. „Was wollen sie mit dir machen?“ entgegnet der Knabe. Vergeblich versucht der Vater nun seinen Sohn dazu zu bewegen heimzukehren. Dann wendet er sich an den Anführer der Menge: „Hören Sie, […] töten Sie mich, wie und wo Sie wollen, aber nicht in Gegenwart des Kindes. […] Lösen Sie für ein paar Minuten meine Fesseln und halten Sie mich an der Hand fest, ich werde ihm sagen, daß ich und Sie zusammen spazierengehen, daß Sie mein Freund sind, und er wird weggehen. Danach … können Sie mich töten, wie Sie wollen.“ Der Angesprochene lässt sich auf diese Bitte ein und bindet ihn los.

Die Maßnahme hat Erfolg und der Junge verschwindet unter Zusicherung des Vaters, in Kürze nach Hause zu kommen, durch die Menge. Daraufhin wendet sich der Gefangene an den Anführer und sagt: „Nun jetzt bin ich bereit, tötet mich!“

Danach folgt die abschließende Szene, die von besonderer Schönheit ist, zeigt sie doch wie die Gnade Herz und Antlitz zu verändern vermag:

„Allein da geschah etwas ganz Unbegreifliches und Unerwartetes. Alle diese Menschen, die vor einer Minute noch so grausam, erbarmungslos und haßerfüllt gewesen waren, wurden plötzlich von einem neuen Geist erfaßt, und eine Frau sprach:
,Wißt ihr was, man könnte ihn laufen lassen.´
,Nun denn, in Gottes Namen´, sagte ein anderer. ,Gebt ihn frei.´
,Freilassen, freilassen!“ brüllte die Menge.
Und der stolze unerbittliche Mann, der noch einen Augenblick zuvor die Menge wütend gehaßt hatte, brach in Schluchzen aus, bedeckte sein Gesicht mit den Händen und rannte schuldbewußt davon, ohne daß ihn jemand zurückgehalten hätte [Hervorhebung durch mich].



[1] Leo N. Tolstoi: Volkserzählungen und Legenden. Augsburg 1960. S.80-83.

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