Christus allein

Schönheit und Grenzen von Biografien (Hofmannsthal)

Biografien sind zwar nicht meine vorrangige Literatur, doch weiß ich – ich denke hier konkret an einen früheren Jugendfreund – dass manche eine besondere Liebe zu dieser Gattung empfinden. Hugo von Hofmannsthal (1874-1910), ein österreichischer Dichter und Denker, den ich in den letzten Monaten durch seine „dezent-gefühlvollen“ Gedichte und tiefsinnigen Essays sehr zu schätzen gelernt habe, widmet sich in seinem Essay „Biographie“[1] der Grenzen und der Ästhetik von Lebensbeschreibungen. Einige besonders schöne Ausführungen möchte ich hier als Kostproben zitieren:

Es gibt kein gewagteres Unternehmen als den Versuch, ein Individuum darzustellen. Das wahre Leben eines Menschen ist eine äußerst vage, schlecht definierbare Materie, selbst für seine Nächsten. Wir kennen allenfalls seine Erlebnisse, aber wir wissen nicht, was ihm seine Erlebnisse bedeuten, wie weit sie mit seinem eigentlichen Selbst zu tun haben. Er weiß es selbst nicht; er ist der erste, seine Erlebnisse zu bezweifeln, und er hat alle Ursache dazu. […] Dringt man in einen Menschen tiefer ein, analysiert man ihn, so ergeben sich als Fond lauter allgemein menschliche Züge – das Individuelle verliert sich. Die Umstände und Handlungen, die übrigbleiben, könnten so gut einem andern gehören wie gerade diesem. Was sie zur individuellen Existenz zusammenbindet, ist diese aus einem dunklen Untergrund genährte Spannung auf das Kommende, die nur mit dem Leben selbst aufhört.

Hofmannsthal fragt sich zum Abschluss seines Essays, worin der besondere Reiz für den Leser besteht, sich in eine Biografie zu vertiefen und antwortet darauf folgendes:

Unsere Anteilnahme ist eine tiefere, als die wir an Abenteuern oder erfundenen Begebenheiten nehmen; sie wurzelt in unserer tiefsten Region. Sie vollzieht sich in einem unaufhörlichen Zurückgehen auf unser Selbst. Die Aufmerksamkeit, mit der wir diesen fremden Leben folgen, ist zugleich eine halbe, wo nicht eine völlige Erhellung sehr großer Räume in uns selbst, deren Vorhandensein uns kaum bekannt war. Wir loten unsere eigene Tiefe aus, wir ahnen unsere zweite Wirklichkeit – durch Übertragung. Um unser wahres Ich zu entfalten, bedarf es eines großen Raumes, in Ermangelung großer Aktivität. Unsere Fähigkeit zu erleben ist, [so?] scheint es, ohne Grenzen, aber es fehlt ihr an Verwirklichung. […]

Die Erschütterungen der Gegenwart schlagen oft in uns wie auf Stein; sie bewegen nicht diese zeitlose Tiefe in uns. Aber der Anblick fremder Existenzen setzt unser ganzes geheimes Ich in Bewegung.


[1] Hofmannsthal, Hugo von (2000): Biographie. In: Der Brief des Lord Chandos. Schriften zur Literatur, Kultur und Geschichte. Reclam. S.219-225.

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