Christus allein

Machen Wunder Glauben überflüssig?

Der Psalm 78, den ich kürzlich gelesen habe, erzählt von den großen Taten Gottes an seinem Volk Israel. Der Psalmist Asaph erklärt, dass man das Überlieferte den nachfolgenden Generationen nicht vorenthalten darf, denn schließlich sollen auch sie ihr Vertrauen auf Gott setzen. Es geht also darum, dass Glauben geweckt wird. Dabei ist es interessant zu beobachten, welche Rolle in diesem Prozess die Wunder Gottes spielen. Mir scheint, dass heutzutage viele Menschen Glauben und Wunder als Gegensätze begreifen. Das geschieht vor allem dann, wenn man einen Grund braucht, nicht zu glauben: Man könne ja nicht einfach irgendwas in der Bibel für wahr halten, aber wenn ein Wunder geschehen würde, wenn man mal tatsächlich etwas sehen würde, dann sehe (wortwörtlich) die ganze Sache ja ganz anders aus. In diesem Denken steckt die Annahme, dass Wunder der „Unsicherheit des Glaubens“ ein Ende machen würden. Kann ich Gott wirklich vertrauen? Ach, wenn er doch ein Wunder schicken würde, dann wäre diese Frage erledigt. Meinen wir zumindest.

Asaph berichtet von dem Auszug aus Ägypten und davon, wie Gott dem Volk Wasser aus dem Felsen verschaffte. Als das Volk dann noch Brot und Fleisch verlangt, heißt es: „Darum, als der HERR es hörte, wurde er zornig, und Feuer entzündete sich gegen Jakob, und auch Zorn stieg auf gegen Israel, weil sie Gott nicht glaubten und nicht vertrauten auf seine Hilfe“ (V.21-22). Gott erzürnt über Israel, weil sie seiner Rettung nicht glauben und ihm nicht vertrauen. Das ist nun sehr interessant, denn, so könnte man fragen, wie können sie denn überhaupt nicht glauben? Denn schließlich haben sie doch die Wunder alle gesehen; sie haben doch alle den Auszug aus Ägypten mitgemacht und das Wasser aus dem Felsen getrunken; sie haben die Wunder Gottes doch wirklich gesehen! Das ist richtig – und sie haben den Wundern nicht geglaubt. Die Gegenüberstellung von Glauben und Wunder scheint zu bröckeln. Gott verschafft dem Volk dann Brot und Fleisch – man kann also den sichtbaren Wundern gar nicht entkommen – und doch „sündigten sie weiter und glaubten nicht an seine Wunder“ (V.32).

Wunder, das wird unmissverständlich deutlich, „lösen“ die Glaubensfrage nicht. Genau wie das Wort stellen Wunder „nur“ vor die Entscheidung: Glaube oder Unglaube. Wunder bieten nicht „mehr“ als das Wort. Ich habe in Helmut Thielickes Gespräche über Himmel und Erde einige interessante Auszüge zu gerade dieser Thematik gefunden, die ich hier einmal ausführlich widergeben möchte:

Als Jesus dem Gichtbrüchigen seine Sünden vergibt, erhebt sich unter den anwesenden Klerikern ein mißfälliges Volksgemurmel, das dem Sinne nach besagt: „Der Anspruch, Sünde vergeben zu können, ist doch Gotteslästerung! Nur Gott kann so etwas tun, aber niemals ein Mensch.“ Auf diesen Einwand geht Jesus nun sofort ein, wenn er fragt: „Was ist leichter: zu dem Gichtbrüchigen zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe weg?“ Die erwartete Antwort auf diese Frage ist völlig klar: Selbstverständlich ist die Heilung „schwerer“ als die bloße Sündenvergebung, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: Die Sündenvergebung ist sozusagen ein „innerer“ Vorgang, dessen faktischer Vollzug sich jeder Kontrolle entzieht. Die Heilung eines Gelähmten dagegen ist – wenn sie wirklich stattfindet – ein Vorgang, den man auch „äußerlich“ zu sehen vermag und der von den Ärzten überprüft werden kann. Daraus scheint hervorzugehen (aber es scheint wirklich nur so!), als ob das Wunder so etwas wie eine Überbietung des puren Wortes sein wollte.

Man könnte dieses scheinbare Mehr des Wunders vielleicht so charakterisieren: An das Wort muß ich „glauben“ (in diesem Falle an das Wort der Sündenvergebung); das Wunder aber kann ich „schauen“. Und natürlich wäre das Schauen eine Überbietung des Glaubens. Es gehört ja zur eschatologischen Erfüllung, die den Glauben einmal ablösen wird. Und doch stimmt es eben nicht, wenn wir meinen sollten, das Wunder solle den Glauben durch Schauen überbieten und das Eschaton sozusagen vorwegnehmen.

Daß es tatsächlich nicht so ist, wird deutlich, wenn ich nun einen Augenblick meinen Satz kommentiere, daß das Wunder das Schicksal des Wortes „teile“:

Es stellt nämlich genau wie das Wort vor die Entscheidung zwischen Glauben und Unglauben; es überspielt diese Alternative in keiner Weise, während das Schauen sie doch tatsächlich überspielt. Denn im Eschaton, wo es nun wirklich um das Schauen geht, spielt diese Alternative ja keine Rolle mehr. Da darf der Glaube schauen, was er geglaubt hat; und der Unglaube muß schauen, was er nicht geglaubt hat. Wo aber ein Wunder geschieht, da sind die Leute durch das, was sie mit ihren Sinnen wahrnehmen, was sie sozusagen (aber wirklich nur sozusagen) „schauen“ können, keineswegs automatisch überzeugt. Denn auch das Wunder überantwortet sie der Alternative zwischen Glauben und Unglauben; es schließt sie sozusagen in diese Alternative ein.

Das wird daran klar, daß die Leute angesichts des Wunders unter Umständen genauso Zweifelnde bleiben wie vorher angesichts des Wortes; ja, daß ihr Zweifel möglicherweise noch intensiviert wird. sie zweifeln vielleicht nicht an dem, was sie sehen, aber sie zweifeln daran, ob hier wirklich Gott gesprochen habe; und sie halten es für möglich, daß statt dessen dämonische und okkulte Kräfte hier am Werke seien. So stellen sie die Zweifelsfrage: Aus welcher Vollmacht hast du dies getan? (Das heißt: Steht Gott dahinter oder der Teufel?) Der Zweifel intensiviert sich also tatsächlich.

Das Wort konnte sie noch vor die Alternative „Wahrheit oder Schwindel“ stellen. Angesichts des Wunders aber geht es um das eigentliche Thema des Glaubens, nämlich um die sehr viel radikalere Alternative „Gott oder Teufel“.

Das Wunder ist also tatsächlich nicht mehr als das Wort; es teilt vielmehr dessen Schicksal; es ist ebenfalls nur Träger einer Botschaft, die vor die Entscheidung stellt und die diese Entscheidung mitnichten überflüssig macht. Es demonstriert nur die Botschaft des Wortes. Es weist in der Szene mit dem Gichtbrüchigen zum Beispiel darauf hin, daß Jesu Wort „Dir sind deine Sünden vergeben“ nicht eine Belehrung über das Wesen der Sündenvergebung, sondern deren Vollzug ist. Das Wunder illustriert und kommentiert den vollziehenden Charakter des Wortes. Es ist also selbst eine Gestalt des Wortes. Es enthält eine Botschaft.

Die Botschaft des 78. Psalms ist Gottes Rettung, Gottes Heil. Viele Israeliten weigerten sich, daran zu glauben – nicht, „obwohl“ sie die Wunder Gottes geschaut haben (denn das würde ja wieder die falsche Gegenüberstellung implizieren), sondern weil sie ihr sündiges Herz verstockten. Umso ernster sollten wir die Warnung des Paulus nehmen, wenn er uns sagt, dass „Diese Dinge aber […] als Vorbilder für uns geschehen [sind], damit wir nicht nach Bösem gierig sind, wie jene gierig waren“ (1.Kor.10,6).

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