Christus allein

Glaube als moralische Entscheidung

Gestern bin ich (hier) auf die Frage eingegangen, ob Wunder Glauben überflüssig machen. Durch den Psalm 78 und die Ausführungen von Helmut Thielicke ist deutlich geworden, dass Gottes Wunder – genau wie sein Wort – „nur“ vor die eine Frage stellen: Will ich Gott glauben oder verharre ich lieber im Unglauben? Das Fragewort „will“ deutet dabei an, dass hier (auch) unser Wille im Spiel ist. Natürlich verstehen wir als Christen den Glauben ultimativ als Geschenk und Gottesgabe, die wir aus Gnaden empfangen haben; und an dieser Tatsache festzuhalten ist enorm wichtig, weil sie uns davor bewahrt, uns für bessere Menschen zu halten. Ich bin ganz sicher nicht besser als mein ungläubiger Nächster. Und doch beharren wir darauf – während wir behaupten, dass Glaube immer Gabe und Geschenk ist –, dass (Un)Glaube immer auch etwas mit unserem (Un)Willen zu tun hat. In seiner berühmt gewordenen Rede Das hier ist Wasser erzählt David Foster Wallace eine passende Anekdote:

Sitzen zwei Männer in einer Bar irgendwo in der Wildnis von Alaska. Der eine ist religiös, der andere Atheist, und die beiden diskutieren über die Existenz Gottes mit dieser eigentümlichen Beharrlichkeit, die sich nach dem, sagen wir mal, vierten Bier einstellt. Sagt der Atheist: „Pass auf, es ist ja nicht so, dass ich keine guten Gründe hätte, nicht an Gott zu glauben. Es ist nämlich nicht so, dass ich noch nie mit Gott oder Gebeten experimentiert hätte. Letzten Monat erst bin ich weit weg vom Camp in so einen fürchterlichen Schneesturm geraten, ich konnte nichts mehr sehen, hab mich total verirrt, vierzig Grad unter null, und da hab ich’s gemacht, ich hab’s probiert: Ich bin im Schnee auf die Knie und hab geschrien: ‚Gott, wenn es dich gibt, ich stecke in diesem Schneesturm fest und sterbe, wenn du mir nicht hilfst!‘“

Der religiöse Mann in der Bar schaut den Atheisten ganz verdutzt an: „Na, dann musst du jetzt doch an ihn glauben“, sagt er. „Schließlich sitzt du quicklebendig hier.“

Der Atheist verdreht die Augen, als wäre der religiöse Typ der letzte Depp: „Quatsch, Mann, da sind bloß zufällig ein paar Eskimos vorbeigekommen und haben mir den Weg zurück ins Camp gezeigt.“

Diese Geschichte lässt sich unschwer einer geisteswissenschaftlichen Standardanalyse unterziehen: Ein und dieselbe Erfahrung kann für zwei verschiedene Menschen unterschiedlichen Sinn haben, wenn die beiden über verschiedene Glaubensschablonen verfügen und auf verschiedene Weisen aus Erfahrungen Sinn konstruieren. Da Toleranz und Glaubensvielfalt uns so viel bedeuten, würden wir in unserer geisteswissenschaftlichen Analyse niemals zu behaupten wagen, die Interpretation des einen Mannes sei wahr und die des anderen falsch oder schlecht. Was ja gut und schön ist, nur reden wir dann auch nie darüber, wo die jeweiligen Schablonen, der jeweilige Glaube herkommt, will sagen, wo im Innern der beiden Männer diese ihren Ort haben. Als wäre die grundlegende Sicht eines Menschen auf die Welt und den Sinn seiner Erfahrung irgendwie automatisch in ihm verdrahtet wie Körper- oder Schuhgröße, oder als würden sie wie die Sprache oder Kultur vorgegeben. Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung.

Die letzte Beobachtung ist sehr interessant: „Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung“. Wenn Wallace richtig liegt, dann gibt es in der Frage des (Un)Glaubens keinen neutralen Boden. Es ist nicht so, wie es uns der heutige Zeitgeist nahelegt, dass „rationaler Unglaube“ so etwas wie eine „natürliche Ausgangslage“ ist, die der Gläubige dann positiv erweitert. Nein, dein (Un)Glaube ist immer eine moralische Entscheidung.

In seinem Beitrag zu einer Debatte der Oxford Union über die Existenz Gott argumentiert Peter Hitchens auf genau dieser Linie. Auch wenn ich der atheistischen Seite nicht unbedingt die finsteren Motive zuschreiben würde, die Hitchens bei ihnen vermutet, finde ich seinen Ansatz doch erfrischend: Er versucht kein systematisch-philosophisches Argument zu entfalten, das Leute rational für einen theistischen Standpunkt gewinnen möchte (auch wenn solche Argumente sicher nicht schlecht sind; und wer sie braucht, sollte sie auch bekommen), sondern „entlarvt“ den Unglauben als eine moralische Entscheidung – was natürlich die Folgefrage mit sich bringt, warum wir uns wie entscheiden:

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Ein Kommentar

  1. Danke für diesen Beitrag.
    Ich liebe Beiträge, die mein Denken erweitern. So habe ich mir gleich mal Fosters Rede als Hörbuch gekauft und von Peter Hitchens habe ich noch nie gehört.
    LEIDER ist es so, dass metaphysische Fragestellungen in D. überhaupt nicht auf die Tagesordnung gehören. ein Peter Hitchens in Deutschland wäre absolut schnell zum schweigen gebracht. Würde aber wohl auch Foster passieren…sprich, es ist nicht nur eine Christentumfeindlichkeit, sondern eine Denkfeindlichkeit, die ich beobachte.

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