Christus allein

Was ich an Dostojewski und Tolstoi schätze

In einem Frage-Antwort-Video antwortet Albert Mohler auf die Frage nach seinen Lieblingsromanen, indem er u.a. auf die russischen Autoren verweist. Das, was die Erzählungen beispielsweise eines Dostojewskis ihm gegeben hätten, sei die besondere Einsicht in das Wesen und das Innere des Menschen.[1] Es ist nun bereits etwas her, dass ich mir den ersten Roman eines russischen Autoren besorgt und gelesen habe: Eugen Onegin von Puschkin. Danach kamen Dostojewski und Tolstoi hinzu. Und ebenso wie Mohler schätze ich die ausgezeichnete, von Menschenkenntnis triefende Darstellung des Innenlebens ihrer Protagonisten. Als Leser erhält man einen Blick in die Gedanken, Gefühle, Zweifel, Ängste, Hoffnungen, was einem Gemälde in Buchstaben ähnelt.

Ich persönlich merke, wie mir diese Einsicht in die Seele des Menschen hilft, meine eigenen Gedanken und Empfindungen in Worte zu kleiden. Die Sprache der Gedanken bricht sich Bahn in Form der gewöhnlichen Sprache. Diese Einsicht verhilft auch, den Anderen in seiner Wahrnehmung besser zu verstehen. Neben dem bereits Erwähnten bewirkt diese wirklichkeitsnahe Darstellung der Charaktere und ihrer Welt, die bisweilen realistischer als meine eigene Wahrnehmung der Realität ist, eine stärkere, konzentriertere, farbigere Wahrnehmung des eigenen Lebens.

Nicht zuletzt sind die Werke dadurch eine Bereicherung, dass sie aus einer christlichen Weltsicht verfasst sind. So behandeln sie Themen wie Liebe und Ehe, Schuld und Vergebung, Lebenssinn und Lebensglück und stellen sie in das Licht des christlichen Glaubens. Lotte Bormuth schreibt in ihrem Buch Dichter, Denker, Christ: Das Leben des Fjodor Dostojewski folgendes:

Wer den Menschen in seiner Zwiespältigkeit von Gut und Böse kennen lernen will, muss zu Dostojewski greifen. Der Ekel vor der Erbärmlichkeit könnte ihn töten. Aber Dostojewski setzt der Niedertracht und Verwerflichkeit des Menschen die Macht Jesu Christi entgegen.[2]

In der Erzählung Der Tod des Iwan Iljitsch berichtet Tolstoi, wie der Protagonist Iwan seine letzten Monate verlebt: durchdrungen von Hoffnung, gewollter Selbsttäuschung, Enttäuschung. Als Leser lebt und stirbt man mit diesem Mann mit, der sein Leben reflektiert:

Die Heirat … und dann so plötzlich die Enttäuschung. Der Geruch aus dem Munde der Frau, die Sinnlichkeit, die Heuchelei! Und dieser geisttötende Dienst, und diese Sorgen um das Geld, und so ein Jahr, zwei Jahre, zehn Jahre, zwanzig Jahre, immer ein und dasselbe. Und je weiter er kam, um so geisttötender. >Es ist, als wäre ich einen Berg heruntergegangen und hätte mir eingebildet, ich ginge ihn hinauf. So war es auch. In der Meinung der Gesellschaft ging ich den Berg hinauf, und gerade unter mir weg floh das Leben. Jetzt bin ich zu Ende … Jetzt stirb.<[3]

Neben dieser lebendigen Darstellung des Menschen sind es u.a. die einzelnen, präzisen Lebensweisheiten, die mich immer wieder beeindrucken. Auch wenn sie kontextlos ein wenig an Schönheit verlieren, möchte hier einige aufführen:

Mein Freund, vergiß nicht schweigen ist gut, ungefährlich und schön.[4]

Hören Sie, es gibt nichts Höheres, als nützlich zu sein.[5]

Es gibt ja nicht einen einzigen Schuft, der, wenn er nur etwas sucht, nicht etliche fände, die in irgendeiner Beziehung noch schlimmer sind als er, und der das nicht zur Veranlassung nähme, großzutun und mit sich selbst zufrieden zu sein.[6]

In der Stadt kann der Mensch hundert Jahre leben, ohne zu merken, daß er schon längst gestorben und verfault ist. Man hat keine Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, alles ist ausgefüllt.[7]

Wer sich einen eigenen ersten Eindruck von den russischen Autoren verschaffen möchte, dem seien die kurzen Erzählungen, die es sowohl von Dostojewski als auch von Tolstoi gibt, empfohlen. Wer jedoch gleich ans Eingemachte möchte, kann sich an den Klassikern Schuld und Sühne oder Krieg und Frieden versuchen. Ich bin überzeugt, dass es dem verwegenen Leser ähnlich ergehen wird wie der zentralen Figur in Eugen Onegin: „Mit begieriger Seele überließ Tatjana sich dem Lesen; und eine andere Welt eröffnete sich ihr.“[8]


[1] https://www.youtube.com/watch?v=4Y0VHtAZWUE ab Min 41:35; letzter Zugriff am 28.10.2019

[2] Lotte Bormuth (2000): Dichter, Denker, Christ: Das Leben des Fjodor Dostojewski. S.40.

[3] Leo Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch. In: Die großen Erzählungen. S.72.

[4] Fjodor Dostojewski (1957): Der Jüngling. S.331.

[5] Ebd. S.330.

[6] Tolstoi: Die Kreutzersonate. In: Die großen Erzählungen. S.113.

[7] Ebd. S.141.

[8] Alexander Puschkin (2001): Eugen Onegin. S.155.

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Ein Kommentar

  1. Super Artikel! Als Fan russischer Dichtung, noch mein Senf.
    Ich empfand Tschechovs Existentialismus oftmals ebenfalls als herausfordernd.
    Sehr berührend ist Mumu von Turgenew (https://de.wikipedia.org/wiki/Mumu_(Turgenew)), sicherlich auch für Teens spannend.
    Interessant fand ich auch Leskow, weil er an vielen Stellen über die Starowery geschrieben hat, und auch so Art orthodoxe Heiligenbilder. Ich frage mich ob er sich aus Selbstschutz oder aus Unwissenheit oftmals eher wage ausdrückte.
    Mein Favorit bleibt aber „Fürst Serebrenny“. von A.K. Tolstoi (https://de.wikipedia.org/wiki/Alexei_Konstantinowitsch_Tolstoi). extrem spannend wie ein Fürst darum kämpft ein echter Mensch unter einem tyrannischen König zu bleiben. Das Bild wird dadurch überzeugend, weil gleichzeitig mit Boris Godunow ein deutlich pragmatischeres Gegenkonzept entwickelt wird. Ein sehr sehr herausforderndes Werk

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