Christus allein

Sind Romane Zeitverschwendung?

„Was liest du gerade?“ ist eine Frage, die mir sehr lieb ist. Ich beantworte sie gerne, wenn sie mir gestellt wird, frage aber auch selbst gerne andere nach ihrer Lektüre. Bücher bieten, finde ich, vielversprechenden Gesprächsstoff und sind außerdem Weggefährten, die ich nicht missen möchte. In der Regel lese ich mehrere Bücher gleichzeitig (was auch bedeutet, dass es unter Umständen sehr lange dauern kann, bis ein Buch beendet wird – falls es beendet wird). Neben theologischen und philosophischen Büchern oder auch Büchern über Geschichte oder Biografien liebe ich – Literatur: Romane, Gedichte, Dramen.

An genau dieser Stelle kann dann die Frage „Was liest du gerade?“ einen kritischen Unterton annehmen – gerade auch, glaube ich, in russlanddeutschen Gemeinden (wobei das sicher kein exklusiv russlanddeutsches Phänomen ist, sondern sich diese Haltung auch in anderen eher konservativ ausgerichteten Gemeinden findet). Verdrehen einem die Romane nicht nur den Kopf? Kommt man da nicht auf falsche Gedanken? Begeht man Wirklichkeitsflucht? Und überhaupt – es ist vielleicht keine Sünde, aber wir sollten doch das suchen, was „droben“ ist (Kol. 3,2). Kann man Romane lesen und gleichzeitig nach dem streben, was droben ist? Diese ausgedachten Geschichten müssen doch zwangsläufig von „dieser Welt“ sein, oder? („Wahre“ Geschichten, die „wirklich“ passiert sind, werden nach meiner Wahrnehmung weniger kritisch gesehen).

Nun, die Frage (die uns übrigens 2011 schon bewegt hat) lässt sich nicht einfach pauschal mit ja oder nein beantworten. Zunächst muss sichergestellt werden, dass der Kolosserbrief mit dem „Suchen nach dem, was droben und nicht nach dem, was auf Erden ist“ keine Zweiteilung lehrt, in der „geistliche“ Dinge mit „droben“ und „Dinge der Schöpfung“ mit dem „auf Erden“ gleichgesetzt werden (was Waldemar hier sehr schön gezeigt hat). Dann muss festgehalten werden, dass man mit Literatur natürlich nach dem trachten kann, was „auf Erden“ ist. Ich kann mit meiner Lektüre sündigen. Das passiert immer dann, wenn „die Glieder, die auf Erden sind“, von denen Paulus in Kol. 3,5 spricht, durch meine Lektüre gestärkt werden. Ob das passiert, möchte ich hinzufügen, hat auch mit den Büchern zu tun, für die ich mich entscheide, aber nicht nur: wie, mit welcher Herzenshaltung ich die Bücher lese, spielt eine ebenso große Rolle.

Aber die (russlanddeutsche) Frage bleibt: Warum Romane? Was ist der Sinn dahinter? Russell Moore hat kürzlich in einem Video, das mich gleich sehr angesprochen hat, dazu Stellung bezogen:

Ich kann Moores „Hass“ auf die Frage „Warum sollte ich als Christ Romane lesen, ist das nicht Zeitverschwendung?“ gut nachvollziehen: Lektüre darf nicht utilitaristisch verstanden werden, d.h. wir lesen Romane nicht zu einem genau definierten „Zweck“. Gebrauchsanleitungen zu irgendeinem technischen Gerät lesen wir, damit wir wissen, wie wir das Gerät zu bedienen haben, dann legen wir sie beiseite. Romane bringen Freude. Wir lesen sie, weil sie schön sind – und das ist Grund genug (ich erinnere an Torrances rigorosen Anti-Reduktionismus).

Natürlich kann man Romane auch anders – gewissermaßen utilitaristisch – lesen, genau wie ich Mahlzeiten einfach nur verschlingen kann, damit ich nicht verhungere. Ich kann Mahlzeiten aber auch zu einem „transzendenten“ Erlebnis machen: indem ich nämlich Gott dafür dankbar bin, d.h. Gott ganz konkret und ganz real in meine Handlung (essen) einbeziehe, sie mit ihm in Verbindung bringe und zu seiner Ehre genieße. Wenn das dann noch mit Freunden und guten Gesprächen verbunden wird, kann ein Vorgeschmack des großen Mahles entstehen, zu dem uns Christus einlädt. So sollte man essen – und so sollte man auch lesen.

Moore erwähnt auch Leute, die ein Verständnis vom Christentum haben, das einfach nur auf propositionellen Wahrheiten beruht: hier sind ein paar Lehrsätze, die wir glauben müssen; hier ist eine Formel, auf die man das christliche Leben herunterbrechen kann. Wenn solche Leute Romane lesen, geht es ihnen nur darum, moralische Lehren abzuleiten. Literatur funktioniert allerdings nicht so (und das Christentum übrigens auch nicht; das ist in dem Beitrag „Russell Moore über die Wichtigkeit von Geschichten“ deutlich geworden, der gut im Zusammenhang mit dem Video gelesen werden kann).

Literatur ist nicht ein Mittel zum Zweck. Vielmehr geht es in der Literatur (und auch in der Bibel) darum, dass unsere „moralische Imagination“ geheiligt wird: Welche Geschichten erzählen wir uns über unsere Welt? Welche Geschichte glauben wir? Erzählen und glauben wir Geschichten der Gewalt? Oder glauben wir der großen Erlösungsgeschichte der Bibel, die Gewalt und Sünde keineswegs ausblendet, aber in der Glaube, Liebe und Hoffnung doch das letzte Wort haben?

Literatur versetzt uns in andere Welten, lässt uns in diesen Welten Erfahrungen sammeln und einen neuen Blick auf unser Leben gewinnen (Andy hat das anhand der russischen Autoren gezeigt) – dass die Geschichten „ausgedacht“ sind tut hier überhaupt nichts zur Sache; tatsächlich verweist die Tatsache, dass das überhaupt als Problem gesehen wird, auf eine Verengung des Wahrheitsbegriffs: „wahr“ ist nur das, was faktisch passiert ist; „wahr“ sind wissenschaftliche Propositionen. Diese tragische Verengung haben wir der modernen Weltsicht zu verdanken, der auch Christen verfallen können, ohne es zu merken (tatsächlich können solche Christen sogar sehr fromm klingen).

Was meine ich mit dieser Verengung? Hanniel hat es in einem Beitrag sehr schön beschrieben: Er referiert Louis Makros, der über einen Radioevangelisten staunt, der seinen Zuhörern abriet, C.S. Lewis zu lesen und auch erklärte, seit seiner Bekehrung vor 40 Jahren kein Buch mehr aus dem fiction-Bereich gelesen zu haben. Die Begründung, hätte Makros danach gefragt, würde lauten: „Weil ich Christ bin“. Hanniel fasst Makros‘ Reaktion zusammen:

Markos meint: Der wahre Grund dafür sei nicht sein Christsein, sondern seine ihm nicht bewusste Weltsicht als Modernist. Obwohl der Mann zahlreiche Menschen auf Christus hingewiesen hatte, transportierte er in seinen Botschaften einen Teil der modernistischen Weltsicht, die da lautet: Non-Fiction vor Fiction, Verstand vor Imagination, Logik vor Intuition, Kopf vor Herz. Er glaubte, dass jedes Wort in der Bibel inklusive der Wunder wahr sei. Aber in seinem täglichen Leben war er gegenüber allem, was nicht klar, faktisch und verifizierbar war, misstrauisch. Könnte es sein, schlussfolgert Markos, dass dieser Mann unbewusst dem grossen europäischen Vordenker der Moderne, David Hume gefolgt ist, und einen (gelebten) Graben zwischen Glauben und Verstand aufgerichtet hat?

Hanniel erklärt am Ende seines Beitrags, dass aus seiner Sicht nicht jeder fiction-Leser werden muss. Dem stimme ich gerne zu. Trotzdem möchte ich dazu auffordern, sich einmal an den „großen Romanen“ zu versuchen. Auch würde ich christliche Leser dazu ermutigen, sich über das hinauszuwagen, was im englischsprachigen Raum unter Christian fiction bekannt ist: es gibt mehr als Janette Oke und Amisch-Romane (auch wenn da sicher nicht alles schlecht ist). Trotzdem, vielleicht schaut man einmal bei Andys Empfehlungen.

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4 Kommentare

  1. Trifft diese Argumentation auch auf Serien oder Filme zu? Wenn nein, warum nicht?
    Wie sieht es mit Hörspielen oder Hörbüchern aus?

    1. Grundsätzlich: ja, ich würde sagen, dass diese Argumentation allgemein auf „Kultur“ zutrifft (was ja Serien, Filme, Hörbücher und Hörspiele einschließt).

      Allerdings würde ich auch sagen, dass man die einzelnen Medien nicht gleichstellen sollte: ein Buch funktioniert anders als ein Film (vielleicht bist du mit dem Konzept „the medium is the message“ vertraut?) und wenn man sich für eins entscheiden müsste, dann muss das Buch gewinnen – allein schon darum, weil Gott uns ein Buch und nicht einen Film gegeben hat.

      Was jetzt im Umkehrschluss gar nicht heißen soll, dass Filme von ihrem Wesen her moralisch schlecht sind. Trotzdem würde ich den Filmkonsumenten, der sich den Büchern verweigert, ermutigen, sich gerade diesen zuzuwenden 😉

      1. Sehe ich ähnlich, nur das mit dem „Gott hinterlässt uns ein Buch“ finde ich eher als Verzerrung 😇
        Früher hätte man vermutlich gesagt, dass Gott uns eine Schriftrolle oder ein Pergament hinterlassen hat. Ein paar Jahrzehnte in der Zukunft werden die Menschen vermutlich sagen, dass Gott uns schließlich ein E-Book hinterlassen hat 😁

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