Christus allein

Die Ausklammerung des Leides und des Todes

In den letzten Tagen bin ich mehrfach direkt oder über Mitteilungen mit dem Leid anderer in Berührung gekommen, u.a. ist ein lieber Bruder jäh von seinem himmlischen Vater in die Ewigkeit gerufen worden. Das gab mir den Anstoß über das Leid nachzudenken, zu lesen und nun auch zu schreiben.

Leiden, Krankheit und Tod sind in unserer Gesellschaft „outgesourct“. Wir schließen in unserer westlichen Gesellschaft so stark wie irgend möglich unsere Augen vor dem Tod und auch mit dem Leid anderer verfahren wir ähnlich, wenn es nicht unser unmittelbares Umfeld ereilt. Carson drückt sich in Bezug auf den Tod folgendermaßen aus:

„Bei uns im Abendland [.] ist der Tod zum Tabu erklärt worden. Man verdrängt und verschweigt ihn weithin. Den Tod darf ich in feiner Gesellschaft nicht erwähnen.“[1]

Diese Feststellung Carsons lässt sich hieran illustrieren: Sterbende werden aus dem Blickfeld der Familie hinaus in Palliativhäuser gebracht, was medizinisch sicher auch häufig sinnvoll ist. Soeben Verstorbene werden zeitnah vom Bestatter hergerichtet und weggebracht.

Der heutige Umgang mit dem Tod unterscheidet sich zu früher, wo Sterbende sich auf ihr Ableben vorbereiteten, indem sie ihr persönliches Testament formulierten, worin ihr eigenes Glaubensbekenntnis und ein Dankgebet in Worte gefasst wurden.[2] Aber auch der Vorgang des Sterbens war keine ausschließlich private Angelegenheit sondern eine öffentliche. Zeugen, die den Sterbenden begleiteten, schrieben die Erlebnisse und Aussagen der letzten Stunden akribisch nieder und machten diese Aufzeichnungen später der Öffentlichkeit zugänglich.[3]

Die Ursache für die möglichst vollständige Ausgrenzung des Todes aus unserer Gesellschaft hängt sicher mit dem Verlust der christlichen Lebens- und Ewigkeitsperspektive zusammen, die z.B. von Ps 90 geprägt war: „So lehre uns bedenken unsere Lebenszeit, / damit Weisheit unser Herz erfüllt.“[4] Sicher wäre eine Romantisierung oder Glorifizierung des Leids in Form einer „wertherschen Leidensphilosphie“[5] kein angemessener Umgang mit Leid und Tod, doch sind wir aus christlicher Sicht aufgerufen das Leid als Folge des Gerichtes Gottes über die Sünde anzunehmen und es als Werkzeug zu sehen, dass Gott zum Wohl seiner Kinder und zu seiner Ehre gebraucht (siehe Röm 8,28). Nicht Flucht, sondern Angriff ist auch hier die beste Verteidigung.

[1] Carson, Donald A. (2009). Ach, Herr, wie lange noch!, Gedanken über das Leiden und andere Nöte. S.112
[2] Vgl.: Jung, Martin (2010). Philipp Melanthon und seine Zeit. S.141
[3] Ebd. S.141
[4] NeÜ. Psalm 90
[5] siehe Goethes: Die Leiden des jungen Werthers

Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.